Tolomeo, Re di EgittoWinton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 108: Originaltitel „Re di Egitto“, nicht „Re d’Egitto“. (HWV 25) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 30. April 1728 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte.
Es war Händels letzte Oper für die erste Opernakademie, die Royal Academy of Music, und zugleich die letzte von fünf Opern, die er für das Sänger-Dreigestirn Faustina Bordoni, Francesca Cuzzoni und Senesino komponierte.
Entstehung
Für die Saison 1727–1728 hatte Händel zuvor bereits die „Krönungsoper“ Riccardo Primo sowie Siroe beigesteuert. Entstehung und Aufführungen des Tolomeo fallen in die Zeit der berüchtigten Bettler-Oper (The Beggar’s Opera), einer dreisten Satire auf die italienische Opera seria und Persiflage auf die (angebliche) Feindschaft der Primadonnen Cuzzoni und Faustina, welche am 29. Januar des Jahres von John Gay und Johann Christoph Pepusch im Lincoln’s Inn Fields Theatre auf die Bühne gebracht worden war.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 107–108.
Doch der eigentliche Grund für das kurz bevorstehende Ende der Opern-Academy war weniger der sensationelle Erfolg der Bettleroper als Misswirtschaft: Insbesondere konnten die hohen Gagen für die seit 1726 gleichzeitig angestellten beiden Primadonnen und den Starkastraten Senesino durch den Opernbetrieb allein nicht eingespielt werden.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 108. Bereits am 25. November 1727 (also zwei Monate vor der Premiere der Bettleroper) hatte Mary Pendarves, eine Nachbarin und Vertraute Händels, an ihre Schwester berichtet:Dorothea Schröder: Die Essenz von Händels Musikdramatik. In: Handel. Tolomeo. DG 477 7106, Hamburg 2008, S. 20
Im gedruckten Libretto zu Tolomeo beklagte auch der Textdichter Nicola Francesco Haym in seiner Widmung an den Earl of Albemarle, einen der Direktoren der Academy, die verzweifelte Lage der italienischen Oper in London und den dringenden Bedarf nach neuen Sponsoren.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 161–162.Stefanie Rauch: Tolomeo, Re d’Egitto (HWV 25), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 201
Tolomeo entstand möglicherweise in einer gewissen Eile.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 117. Es ist jedoch nicht bekannt, wann Händel mit der Komposition begann, er beendete sie am 19. April, wie am Ende der Originalhandschrift vermerkt ist: „Fine | dell' Opera | G.F. Handel | April 19. 1728.“Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 161. Die Uraufführung erfolgte am 30. April 1728 am King’s Theatre,Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 117. mit folgenden Sängern: Tolomeo – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Seleuce – Francesca Cuzzoni (Sopran) Elisa – Faustina Bordoni (Sopran) Alessandro – Antonio Baldi (Altkastrat) Araspe – Giuseppe Maria Boschi (Bass)
Die Oper erlebte sieben Vorstellungen bis zum 21. Mai.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 161–162. Bereits eine Woche später, am 1. Juni, wurde die Saison mit einer Vorstellung von Admeto beendet.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 360. Die italienischen Sänger verließen England und die Royal Academy beschloss, in den kommenden Monaten das Geld säumiger Subskribenten einzuklagen. Schließlich wurde Händel und Johann Jacob Heidegger die Weiterführung des Unternehmens für fünf Jahre mit etwas geringerem Budget anvertraut. Doch dafür musste Händel zuerst nach Italien reisen und neue Sänger rekrutieren.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 108–113.
Wiederaufnahmen Händel nahm Tolomeo während der zweiten Opernakademie im Mai und Juni 1730 für sieben und ab 2. Januar 1733 für vier Vorstellungen mit einer Reihe von Änderungen wieder auf, zuletzt wieder mit Senesino in der Titelrolle. Die Rezitative wurden dabei noch stärker gekürzt. Die größte Veränderung betraf die Partien der Elisa, die 1730 von der Altistin Antonia Merighi gesungen wurde, sowie den Araspe, der in derselben Aufführungsserie vom Tenor Annibale Pio Fabri übernommen wurde.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 117. Für die neuen Sänger fügte Händel zahlreiche Alternativ-Arien ein – in den Akten II und III blieben nur vier von 19 Nummern unverändert –, die er zum Teil den Opern Rodelinda, Riccardo Primo, Siroe, Radamisto und Tamerlano entnahm.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 319–320
Weitere Aufführungsgeschichte Auf dem Kontinent wurde die Oper im 18. Jahrhundert nicht übernommen, weder in Hamburg noch in Braunschweig, im Gegensatz zu den meisten der Händel’schen Opern. Die erste Aufführung „nach Händel“ war am 19. Juni 1938 bei den Göttinger Händel-Festspielen in deutscher Sprache (Textfassung: Emilie Dahnk-Baroffio), durch das Orchester der Händel-Festspiele unter der Leitung von Fritz Lehmann. In Originalsprache und historischer Aufführungspraxis wurde Tolomeo erstmals wieder am 6. Juni 1996 bei den Händel-Festspielen in Halle (Saale) mit dem Händelfestspielorchester Halle unter der Leitung von Howard Arman gespielt.
Libretto Die Vorlage für Händels Oper ist Carlo Sigismondo Capeces Libretto Tolomeo et Alessandro, ovvero La corona disprezzata, das Domenico Scarlatti für die polnische Exilkönigin Maria Casimira vertont und 1711 in Rom in deren Palast zur Erstaufführung gebracht hatte.
Händels Bearbeiter war Nicola Haym, und nach Ansicht von Winton Dean ist Tolomeo „das schwächste Libretto“, das aus ihrer Zusammenarbeit hervorging. Capeces Vorlage wurde von 1705 Zeilen auf 653 gekürzt, unter anderem durch die Eliminierung der Figur der Dorisbe (Tochter des Prinzen von Tyros, in Araspe verliebt). Von Capeces ursprünglich 46 Arien- und Duett-Texten behielten Händel und Haym nur 14, vier davon mit Änderungen.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 110–111. Dafür wurden zwölf neue Arientexte, zwei Duette und der Schlusschor hinzugefügt. Das Libretto wurde also offenbar stark an Händels Vorstellungen und Bedürfnisse angepasst.
Die Oper spielt auf Zypern, fast durchgehend in der freien Natur, in einem idyllischen, fast pastoralen Kontext, was in den als Hirte und Hirtin verkleideten beiden Hauptfiguren Tolomeo und Seleuce seinen Ausdruck findet. Der naturnahe Hintergrund liefert auch den Vorwand für ungewöhnlich viele Gleichnisarien mit Naturbildern.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 111.
Reinhard Strohm deutete darauf hin, dass die relative Einfachheit der Ausstattung und der Personenkonstellation mit nur fünf Figuren eine stärkere Orientierung am klassischen Drama aufweise als die meisten anderen Händelopern, u. a. in Hinsicht auf die Einheit des Ortes.Dorothea Schröder: Die Essenz von Händels Musikdramatik. In: Handel. Tolomeo. DG 477 7106, Hamburg 2008, S. 22
Handlung mini|Ptolemaios IX., in einem Reinigungsritual mit Thot und Horus, Kom Ombo Tempel
Historischer und literarischer Hintergrund Die Handlung ist zum großen Teil frei erfunden, spielt jedoch um 106 v. Chr. Die Titelfigur Tolomeo ist identisch mit dem ägyptischen Pharao Ptolemäus IX. Soter II., der von seiner Mutter und Mitherrscherin Kleopatra III. etwa im Oktober 107 v. Chr. zugunsten seines jüngeren Bruders Ptolemäus X. Alexander I. (Alessandro im Libretto) abgesetzt worden war. Ptolemäus IX. regierte in der Folge als König in Zypern und unterstützte bisweilen andere Herrscher in ihrem Kampf gegen seinen jüngeren Bruder und seine Mutter. 88 v. Chr. kam er wieder in Alexandria an und bestieg zum zweiten Mal den ägyptischen Thron. Da sein Bruder im gleichen Jahr beim Angriff auf Zypern während eines Seegefechts fiel, blieb seine Herrschaft in Ägypten nun unangefochten. Ptolemäus IX. war der Vater von Berenike III., der Titelfigur von Händels späterer Oper Berenice (1737). Die übrigen Personen des Librettos sind frei erfunden.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 298 ff.
Die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold verwies darauf, dass Haym im Argomento des Librettos zwar das 33. Kapitel von Marcus Iunianus Iustinus‘ Historiarum Philippicarum T. Pompeii Trogi Libri XLIV in epitomen redacti (“Thus Justin relates this Matter, in his 33d Book.”) als Quelle anführte, es sich tatsächlich aber um das 39. Kapitel handelt.
Erster Akt Am Strand Zyperns zieht Tolomeo seinen schiffbrüchigen Bruder Alessandro aus dem Wasser. Letzterer hat von ihrer gemeinsamen Mutter Kleopatra den Befehl erhalten, seinen Bruder zu töten. Tolomeo erfährt von Alessandros Identität und ist versucht, ihn zu ermorden, kann sich aber nicht dazu durchringen. Tolomeo (unter dem Namen „Osmino“, um sich vor dem Zorn von König Araspe, einem Verbündeten Kleopatras, zu schützen) versteckt sich, und Elisa, die Schwester des Königs, erscheint. Alessandro erwacht, hält sie für eine Göttin und gesteht ihr seine Liebe. Sie jedoch liebt „Osmino“. Doch als sie und „Osmino“ sich unterhalten, wird klar, dass ihre Gefühle nicht erwidert werden, sondern dass Tolomeo eine andere liebt, nämlich Seleuce, seine Frau, die er für verschollen hält. Allein erwägt er, sich das Leben zu nehmen. Dann erscheint Seleuce, die ebenfalls unter einem Decknamen, „Delia“, auftritt. Sie sieht Tolomeo am Ufer, doch sie flieht, als Araspe eintrifft. Araspe ist wütend auf Seleuce, der er mit amourösen Absichten nachstellt. Der erste Akt endet damit, dass Tolomeo sich seine Frau vorstellt und sich wünscht, sie möge vor ihm erscheinen und seinen Schmerz lindern.
Zweiter Akt