Berenice, Regina di EgittoWinton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 380, Originaltitel „…Regina di Egitto“ nicht „…regina d’Egitto“ (HWV 38) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 18. Mai 1737 im Theatre Royal, Covent Garden in London erlebte.

Entstehung Berenice war die dritte und letzte der Opern, die Händel für die Saison 1736/37 komponierte, nach Arminio und Giustino. Nach der Fertigstellung der beiden genannten Opern und noch vor der Premiere des Arminio begann Händel mit Berenice. Seine Notizen im Autograph lauten dazu: „angefangen Decembr 18. 1736.“ – Fine dell Atto primo | Decembr 27. | 1736. – Fine dell' Atto 2do Jan 7. 1737 | G.F. Handel. – Fine dell' Opera Berenice | G.F. Handel January 18. 1737. | auszufüllen geendiget den 27 January 1737.

Alle drei Opern wurde im ersten Halbjahr 1737 uraufgeführt, und zwar zunächst Arminio am 12. Januar, gefolgt von Giustino am 16. Februar. Nach drei Vorstellungen des letzteren kam die Fastenzeit, welche die Theaterabende beschränkte. Händel wollte trotzdem mit seinen Opernaufführungen fortfahren und wählte dafür Mittwoch und Freitag, weil er an diesen Tagen das Theater um 33 £ billiger mieten konnte, aber auch um sich nicht terminlich mit der Konkurrenz, der „Adelsoper“, ins Gehege zu kommen. Als jedoch auch diese Opern verboten wurden,Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 399. beschloss er stattdessen Oratorien und Oden aufzuführen:

Das zuletzt genannte Werk Il trionfo del Tempo e della Verità war eine Neufassung seines in Italien um 1707 entstandenen Il trionfo del Tempo e del Disinganno, also zu größeren Teilen eine Neukomposition.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 164.

Doch die vielen Anstrengungen forderten ihren Tribut: Mitte April 1737, nur einen Monat vor der geplanten Premiere der Berenice, erlitt Händel einen katastrophalen körperlich-seelischen Zusammenbruch.Viele Musikwissenschaftler, Otto Erich Deutsch folgend (Händel: A Documentary Biography, London 1955, Nachdruck New York, 1974, S. 431), legen den Beginn von Händels Krankheit auf den 13. April 1737. Deutschs Aussage ist aber offenbar eine Fehlinterpretation von Friedrich Chrysander (G F. Händel, Zweiter Band, Leipzig, 1860, S. 401), und kann nicht begründet werden. Siehe auch: John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 141. In seinen Memoirs of Handel (1760) berichtete der Earl of Shaftesbury, einer von Händels Freunden:

Doch, obwohl es zu diesem Zeitpunkt völlig unklar war, ob Händel seine Tätigkeit als Komponist und Dirigent weiter würde ausüben können, er schien sich schnell zu erholen. So berichtete die Daily Post bereits Ende April:

Auch James Harris schrieb an den Earl of Shaftesbury Anfang Mai:

Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass Händel schon Anfang Mai wieder die Aufführungen leitete.

Ob mit oder ohne Händel, die Vorbereitungen für Berenice gingen jedoch weiter, und der Earl of Shaftesbury berichtete seinem Vetter nach einer Probe am 12. Mai 1737:

Uraufführung Am 18. Mai 1737 schließlich war die Premiere der Berenice im Covent Garden Theatre in Anwesenheit der königlichen Familie. Die Sänger der Uraufführung waren: Berenice – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Alessandro – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat) Demetrio – Domenico Annibali (Altkastrat) Selene – Francesca Bertolli (Alt) Arsace – Maria Caterina Negri (Alt) Fabio – John Beard (Tenor) Aristobolo – Henry Theodore Reinhold (Bass)

Die Oper erlebte wegen des nahe bevorstehenden Endes der Spielzeit nur drei weitere Aufführungen, am 21. und 25. Mai, sowie am 15. Juni 1737; es ist nicht bekannt, ob Händel selber irgendeine dieser vier Aufführungen leitete, gilt aber als unwahrscheinlich. Die Oper wurde von Händel auch später nicht mehr aufgeführt, wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, dass seine Möglichkeiten und Gelegenheiten in der Hinsicht sehr beschränkt waren.Stefanie Rauch: Berenice, Regina d’Egitto (HWV 38). In: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 313–316, hier: 313.

Berenice markiert das Ende der dritten Opernakademie Händels am Covent Garden Theatre. Gleichzeitig ging auch die konkurrierende Gegenpartei, die Opera of the Nobility („Adelsoper“) im Haymarket-Theatre bankrott.Albert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0, S. 219 ff. Nach der letzten Vorstellung der Spielzeit, dem Alexanderfest am 25. Juni, die Händel wahrscheinlich unter Aufbietung aller Kräfte wieder selbst leitete, verbrachte er einen Kuraufenthalt in Aachen, von dem er im September 1737 genesen nach London zurückkehrte. Bis 1741 würde er nur noch vier italienische Opern komponieren: Faramondo, Serse, Imeneo und Deidamia.

Weitere Aufführungsgeschichte Berenice wurde danach im 18. Jahrhundert lediglich im Februar 1743 in Braunschweig mit dem Titel Berenice Königin in Egypten in einer musikalischen Bearbeitung sowie unter der Leitung von Georg Caspar Schürmann aufgeführt. Während die Arien in der italienischen Originalfassung gesungen wurden, komponierte Schürmann für diese Aufführungen die Rezitative und den Eingangschor auf deutschen Text neu.

Wie im Grunde alle Opern Händels verschwand auch Berenice dann mehr als zweieinhalb Jahrhunderte lang von den Spielplänen der Opernhäuser. Die erstmalige Wiederaufführung der Oper in der Neuzeit fand am 26. April 1985 in der Keele University (Großbritannien) in einer englischen Textfassung von Alan Kitching statt. Die musikalische Leitung hatte George Pratt.

Die erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis sah man konzertant in Paris am Théâtre des Champs-Elysées am 21. November 2009 mit Il complesso barocco unter der Leitung von Alan Curtis.

Am 27. Mai 2018 wurde das Werk zur Eröffnung der Internationalen Händel-Festspiele in Halle (Saale) gezeigt, erstmals unter Verwendung der Vorabpartitur der Hallischen Händel-Ausgabe, welche den Notentext der Uraufführung vom Mai 1737 bot. Dies war die letzte Händel-Oper, die zuvor noch nicht in der Geburtsstadt des Komponisten aufgeführt worden war.

Libretto Händels Text von Berenice basiert auf einem Libretto von Antonio Salvi. Dessen Berenice, regina di Egitto wurde erstmals im Oktober 1709 mit Musik von Giacomo Antonio Perti im Theater von Ferdinando de Medici in Pratolino (bei Florenz) aufgeführt.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 227. Unter dem ursprünglichen Untertitel Le gare di politica e d’amore („Der Wettstreit zwischen Politik und Liebe“) wurde dieses Textbuch nochmals in Venedig (1711) mit Musik von Giovanni Maria Ruggieri und am selben Ort nochmals 1734 mit Musik von Francesco Araia (mit dem Originaltitel) auf die Bühne gebracht.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. in: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 459 f. Händel hatte Salvi 1707/08 in Florenz und Rom persönlich kennengelernt, und später mehrfach Libretti von ihm vertont: Rodelinda (1725), Scipione (1726), Lotario (1729), Sosarme (1732), Ariodante (1735) und ein Vierteljahr zuvor Arminio. Der Bearbeiter des Operntextes von Berenice ist nicht bekannt (evtl. Händel selber ?), aber es wurden mehr als 60 % der ursprünglichen Rezitativtexte gestrichen, wodurch die Handlung bis zu einem gewissen Grade unwahrscheinlich wirkt.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 383.

mini|Karte des antiken Alexandria

Handlung Historischer und literarischer Hintergrund Das Libretto nennt als Quelle der Handlung die um 150 n. Chr. entstandene Rhomaika des Appianos von Alexandria.

Die in der Handlung auftretenden oder genannten Personen weisen eine Verbindung zu denen früherer Opern Händels auf: so ist der im Libretto nur namentlich erwähnte römische Diktator Sulla der Titelheld der Oper Lucio Cornelio Silla (1713), während Berenice (Kleopatra Berenike III.) die Tochter des Tolomeo (Ptolemaios IX.) und der hiesige Alessandro (Ptolemaios XI. Alexander II.) der Sohn des Alessandro (= Ptolemaios X. Alexander I.) in Tolomeo (1728) sind.

Erster Akt mini|Berenice und Selene, Ankleidungszeremonie, Geflecht aus Papyros, Freie Deutsche Akademie der Wissenschaften und Künste e. V. Bonn Thronsaal des Königspalastes in Alexandria. Königin Berenice hat mit ihrem Hofstaat, darunter auch ihr Hofrat Aristobolo, den Saal betreten und nimmt auf dem Thron Platz. Sie fordert Aristobolo auf, den römischen Botschafter vorzulassen. Als Fabio eintritt, rühmt er sofort die Schönheit der Königin und weist auf den freundschaftlichen Bund hin, der beide Staaten seit langem verbindet. Berenice ist erfreut über die Grüße des römischen Diktators Silla und dem Senat von Rom und äußert sich dementsprechend. Fabio ergänzt nun, man sähe es in Rom gerne, wenn sich die Königin Ägyptens für einen Partner auf dem Thron erwärmen könnte und schiebt gleich den mitgereisten Sohn des Tolomeo Alessandro, ebenfalls Alessandro genannt, nach vorn. Berenice lehnt das Ansinnen ab mit dem Hinweis, sie wähle sich ihre Partner selber aus: Nò, che servire altrui (Nr. 1) Nach kurzem Wortgeplänkel geht sie mit dem ganzen Hofstaat ab.

Bei den im Saal gebliebenen Besuchern entwickelt sich nun ein aus Erstaunen und Unruhe genährtes Gespräch. Botschafter Fabio ist der Meinung, Berenice habe Rom zu gehorchen, Alessandro gibt zu, dass sogar die Ablehnung seiner Person durch die Königin den in ihm geweckten Zauber nicht lösen kann. Fabio rät zur Vernunft und meint, letztlich werde man sich in allen Punkten durchsetzen: Vedi l’ape ch’ingegnosa (Nr. 2). Dann gehen, bis auf Alessandro, alle weiteren Besucher ab.

Alessandro ist allein und lässt in einem Selbstgespräch erkennen, dass nur die Liebe, nicht aber der römische Senat und der Diktator Silla sein Problem lösen kann: Che sarà quando amante accarezza (Nr. 3).

Gemach der Selene, das direkt in einen Garten führt. In einem Gespräch, das die Schwester der Königin mit dem Prinzen Demetrio führt, teilt er ihr mit, dass er mit dem König Mitridate, dem größten Feind Sillas, verbündet ist. Privat rät er Selene, alles Seufzen aufzugeben, denn, wenn auch Berenice ihr die Liebe zu ihm neide, ist er keinesfalls bereit, auf sie zu verzichten. Als Demetrio dann noch einen Schritt weitergeht und behauptet, Mitridate wolle mit seiner Hilfe Berenice vom Thron stoßen und sie als Nachfolgerin inthronisieren, ist Selene bestürzt und lässt Angst vor den Folgen erkennen. Vor seinem Abgang kann Demetrio sie jedoch beruhigen: Nò, soffrir non può (Nr. 4).

Aristobolo macht Selene aufgeregt seine Aufwartung; er erkundigt sich nach Demetrio und behauptet, Rom habe klargemacht, dass Demetrio sterben müsse, wenn Berenice die Werbung des Alessandro zurückweise und deshalb wolle er ihn warnen. Am Hofe ist ja Berenices Verliebtheit in Demetrio bekannt und damit ist doch entschieden, dass Demetrio sterben muss, da er Rom im Weg steht. Selene zeigt sich über diese Nachricht beunruhigt und geht verstört ab: Gelo, avvampo, con sidero (Nr. 5).