Amadigi di Gaula oder kurz Amadigi (engl. Amadis of Gaul; HWV 11) ist eine Oper (Opera seria) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 25. Mai 1715 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte.

Die Handlung basiert auf der seinerzeit überaus beliebten Ritterlegende Amadis de Gaula.

Entstehung Amadigi war Händels fünfte Oper für London und zunächst die letzte bis zum Beginn der Royal Academy im Jahr 1720.Ivan A. Alexandre (Übersetzung: Almut Lenz): Booklet-Text zur CD-Einspielung: Handel: Amadigi, Erato 2564 67701-6 (1989), S. 24 & 25. Seit 1713 wohnte er in der Residenz des Earl of Burlington in London-Piccadilly,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 69–71 und 73. worauf auch die vom Operndirektor Johann Jacob Heidegger an Burlington gerichtete Widmungsvorrede hinweist.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 154–156. Darin dankt Heidegger für:

Dass es sich bei Amadigi, wie zuvor bei Rinaldo (1711) und Teseo (1713), schon um die dritte Zauberinnen-Oper in vier Jahren handelte, war offenbar eine Reaktion auf die Gewohnheiten und den Geschmack des englischen Publikums. Auf dem Amadis-Sujet basierte beispielsweise auch eine erfolgreiche englische dramatic opera namens The British Enchanters („Die britischen Zauberer“) von George Granville, die 1706 in London aufgeführt worden war und auch schon auf das Libretto von Rinaldo einen gewissen Einfluss hatte.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. vii-viii, xi und xiv

Die genaue Entstehungszeit des Amadigi ist nicht bekannt, da das Autograph, das wie andere Partituren Händels wahrscheinlich eine Datierung enthielt, verschollen ist.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 289

Eine besondere Attraktion der neuen Oper, und vielleicht sogar der Grund für ihre Entstehung, war die Teilnahme des berühmten und beliebten Altkastraten Nicolini, der nach dreijähriger Abwesenheit wieder nach London zurückgekehrt warWinton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 287 und Anfang Mai bereits in Francesco Mancinis L’Idaspe fedele – einer seiner GlanzrollenEnnio Speranza: Grimaldi, Nicola (Nicolò, Nicolino; detto anche Nicolini), in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 59, 2002, online auf Treccani (italienisch; Abruf am 9. April 2026) – aufgetreten war.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 67.

Die Uraufführung des Amadigi wurde ursprünglich für den 21. Mai 1715 angesetzt, fand jedoch erst vier Tage später, am 25. Mai 1715, im Theatre at the Haymarket statt, das seit dem Tode der Queen Anne und der Thronbesteigung Georgs I. im Vorjahr vom bisherigen Queen’s Theatre in King’s Theatre umbenannt worden war. Es sangen: Amadigi – Niccolò Grimaldi, genannt „Nicolini“ (Altkastrat) Oriana – Anastasia Robinson (Sopran) Melissa – Elisabetta Pilotti-Schiavonetti (Sopran) Dardano – Diana Vico (Alt) Orgando – (? eventuell Caterina Galerati ?) (Sopran)

Wer den kleinen Part des Orgando übernahm, ist nicht bekannt. Anastasia Robinson erkrankte nach der Premiere und wurde laut Dean und Knapp wahrscheinlich durch Caterina Galerati ersetzt. Trotz der bereits fortgeschrittenen Saison kam die Oper auf sechs Vorstellungen bis zum 9. Juli.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 68.

mini|Eine Maskerade im King’s Theatre (ca. 1724)

Wie schon in Händels vorangegangenen englischen Opern spielten Bühnenmaschinerie und Spezialeffekte, wie etwa magische Verwandlungen, eine wichtige Rolle bei der Inszenierung und für den Erfolg der Oper.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. xi und xiv Laut einer Ankündigung des Daily Courant waren auch Ballettszenen integriert, und es wurde gewarnt:

Für den Erfolg der Oper spricht – abgesehen von den Wiederaufnahmen der folgenden Jahre (siehe unten) – auch eine Burleske namens Amadis, or The Loves of Harlequin and Colombine, die 1718 und 1719 von John Rich im Theater in Lincoln’s Inn Fields auf die Bühne gebracht wurde.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 288.

Wiederaufnahmen Amadigi wurde auch in den folgenden beiden Spielzeiten wieder aufgeführt und erlebte zwischen Februar und Juli 1716 sechs Vorstellungen, darunter je eine Benefizvorstellung für Anastasia Robinson am 3. März und für das Orchester am 20. Juni.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 69–70. Für die letztere wurden zwei „New Symphonies“ angekündigt, die vermutlich zwischen den Akten erklangen, und in der letzten Aufführung am 12. Juli gab es eine Sonder-Einlage von Attilio Ariosti, der „auf einem neuen Instrument namens Viola D’Amour“ spielte („...in which he performs upon a New Instrument, call’d Viola D'Amour“).Siehe auch: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 70.

Ab dem 16. Februar 1717 folgten fünf weitere Aufführungen, bei denen der Altkastrat Antonio Bernacchi die Partie des Dardano sang, da Diana Vico inzwischen nach Italien zurückgekehrt war. Es gab wieder Benefizaufführungen für die Robinson (21. März), für Nicolini (11. April) und das Orchester (30. Mai). Dazu wurden jeweils neue Stücke angekündigt, unter anderem Tanzeinlagen, sowie eine nicht identifizierte, neu komponierte Szene von Händel für den 21. März.

Aufführungsgeschichte Von Händels Amadigi sind auch in Hamburg (1717, 1719 und 1720) insgesamt 17 Aufführungen unter dem Titel Oriana, mit musikalischen Ergänzungen von Reinhard Keiser und unter seiner Leitung, dokumentiert. Die Arien und Duette wurden italienisch gesungen, während die Rezitative, einschließlich zweier Accompagnati von Joachim Beccau ins Deutsche übertragen wurden. Dieser hatte außerdem drei neue Figuren (Ergastus, Dorinde und ihr „lustiger Diener“ Diego) und neue Szenen in die Handlung eingeführt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 289.

Die erste moderne Inszenierung fand am 17. Januar 1929 in Osnabrück in einer deutschen Textfassung von Hans Dütschke und unter der musikalischen Leitung von Fritz Berend statt. Die erste Aufführung des Stückes in historischer Aufführungspraxis sah man in Urbino (Italien) am 21. Juli 1985 mit dem Concerto Italiano unter der Leitung von Rinaldo Alessandrini.

Libretto mini|Titelseite zu Amadis de Grèce von Houdar de la Motte und Destouches. Christophe Ballard, Paris 1699 Der Verfasser des Librettos ist nicht bekannt. Mögliche Kandidaten sind Giacomo Rossi oder Nicola Francesco Haym, mit denen Händel bei seinen vorangegangenen Londoner Opern schon zusammengearbeitet hatte. Die Vorlage war wie schon bei Händels Teseo eine französische Tragédie lyrique, und zwar Antoine Houdar de la Mottes Textbuch zu Amadis de Grèce von André Cardinal Destouches, die 1699 in FontainebleauUraufführungsort in: Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 215. uraufgeführt worden war. Diese wiederum war beeinflusst durch die berühmte Tragédie lyrique Amadis (1684) von Philippe Quinault und Jean-Baptiste Lully.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 274–276.Siehe auch Baselt, der als möglichen Librettisten nur Rossi erwähnte, nicht Haym. Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 155.Siehe auch Gardner, der aber Quinault/Lully nicht erwähnt: Matthew Gardner: Amadigi di Gaula (HWV 11), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 89

Anders als bei Teseo wurde die für die französische Tragédie lyrique typische fünf-aktige Struktur mit Prolog nicht übernommen, sondern auf die für die italienische Oper typische drei-aktige Form gebracht. Dabei wurde der Prolog gestrichen und die ursprünglichen ersten beiden Akte zum neuen ersten sowie die Akte drei und vier zum neuen zweiten Akt zusammengezogen. Gestrichen wurden unter anderem auch die typisch französischen Chor- und Balletteinlagen –Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 275. obwohl in der Londoner Presse Tänze bei den Aufführungen erwähnt wurden.

Die meisten Arientexte wurden ganz neu erdacht, doch wurde die neuere italienische Konvention von Abgangsarien am Ende einer Szene nur teilweise angewendet: Zehn Arien und das Duett im dritten Akt stehen (wie in der französischen Tradition oder in der älteren venezianischen Oper) mitten in der entsprechenden Szene, wodurch die anderen Figuren auf der Bühne nichts zu tun haben.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 276–277.

Handlung mini|Titelblatt einer Ausgabe des Amadis de Gaula. Nicolini da Sabbio & Pederzano, Venedig 1533 Literarischer Hintergrund Amadis von Gallien (oder von Wales ?) ist der Held eines ursprünglich spanischen, aber in ganz Westeuropa im 16. und 17. Jahrhundert bekannten und beliebten Ritterromans, dessen älteste erhaltene Bearbeitung Garci Rodríguez de Montalvos Los quatros libros de Amadis de Gaula von 1508 ist. Es folgten zahlreiche Fortsetzungs-Romane anderer Autoren, unter anderem mit der Familiengeschichte der Amadis-Nachkommen. So erschien 1530 Amadis de Grecia von Feliciano de Silva, mit den Abenteuern des Amadis von Griechenland, eines Urenkels des gallischen Helden.

In Händels Opernlibretto sind Einflüsse von Montalvo und de Silva eingeflossen. So ist Amadis’ Braut Oriana Teil der ursprünglichen Geschichte, während der thrakische Prinz Dardanus dem Amadis de Grecia entnommen ist. Der Name der Zauberin Melissa dagegen ist eine Entlehnung aus Ludovico Ariostos Orlando furioso (1516), das sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreute und Händel später Stoff zu drei weiteren Opern bot (Orlando (1733), Ariodante und Alcina (beide 1735)).Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 215 f.

Erster Akt Während Amadigi des nachts seine Flucht aus dem Garten der Zauberin Melissa vorbereitet, wirft Dardano ihm vor, undankbar zu sein, wenn er Melissas Liebe nicht erhöre. Daraufhin eröffnet ihm Amadigi, dass er bereits eine Geliebte habe, und zeigt ihm ein Bild von Oriana. Dardano ist erschüttert, da er selber in Oriana verliebt ist, schwört heimlich Rache und geht, in der angeblichen Absicht einen günstigen Fluchtweg zu finden.