mini|rechts|Flavius Aetius, „der Schrecken des Hunnenkönigs Attila“ Druck von Julio Strozza, 18. Jh.
Ezio (HWV 29) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 15. Januar 1732 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte. Es ist seine dritte und letzte Oper auf einen Text von Pietro Metastasio.
Entstehung und Uraufführung Ezio entstand kurz vor Sosarme für Händels dritte Spielzeit der zweiten Opernakademie. Die Komposition kann nicht genau datiert werden, da die letzten Seiten des Autographs, wo Händel gewöhnlich das Datum der Fertigstellung notierte, verloren sind.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 205.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 363.
Bevor er sich dem Ezio zuwandte, hatte Händel zunächst mit der Komposition einer Oper mit dem französischen (Arbeits-)Titel Titus l’empéreur (HWV A5) auf ein Libretto nach Jean Racines Bérénice (1670) begonnen, brach diese Arbeit aber nach den ersten drei Szenen ab und übernahm daraus die Ouverture für Ezio.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 205–206.
Händel eröffnete die Spielzeit am 13. November 1731 zunächst mit einer Wiederaufnahme von Tamerlano, es folgten bis Ende des Jahres Poro und Admeto.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 361. Als viertes – und als erste seiner beiden neuesten – Opern brachte Händel seinen Ezio am 15. Januar 1732 auf die Bühne. Es sangen: Ezio – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Fulvia – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Valentiniano – Anna Bagnolesi (Alt) Onoria – Francesca Bertolli (Alt) Massimo – Giovanni Battista Pinacci (Tenor) Varo – Antonio Montagnana (Bass)
Allein drei der Sänger waren in dieser Spielzeit neu in Händels Compagnie: Der Tenor Giovanni Battista Pinacci und seine Frau, die Altistin Anna Bagnolesi,handelhouse.org. sowie der bedeutende Bassist Antonio Montagnana.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 119. Auf die Premiere folgten jedoch nur vier weitere Vorstellungen. Die Oper war damit der größte Misserfolg, den Händel bis dahin erlebte, obwohl König Georg II. ihn unterstützte und vier der fünf Vorstellungen, außer der Premiere, besuchte.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 206. Zur zweiten Aufführung am 18. Januar und der letzten am 29. Januar wurde er von der königlichen Familie begleitet.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 196.
Auch das (fälschlicherweise Francis Colman zugeschriebene) „Opera Register“ vermerkte:
Ezio wurde zu Händels Lebzeiten nie wieder aufgeführt.
Über die häufigen, und aus heutiger Sicht manchmal ganz unerklärlichen, Misserfolge von Händels Opern nach 1729 schrieb der englische Musikhistoriker Charles Burney später:
Moderne Aufführungsgeschichte
Die erstmalige Wiederaufführung von Ezio in der Neuzeit, und die damit erst sechste Vorstellung des Stückes überhaupt, fand am 30. Juni 1926 während der Göttinger Händel-Festspiele in einer Bearbeitung („Beseitigung einiger Nebenpersonen“) und deutschen Textfassung von Franz Notholt unter der musikalischen Leitung von Rudolf Schulz-Dornburg statt. Die ursprünglichen Kastratenpartien wurden von Männerstimmen gesungen (Ezio – Wilhelm Guttmann, Valentiniano – Willy Wissiak).
Der Praxis der Aufführungen der Händel-Opern an den deutschen Theatern in Hamburg und Braunschweig im 18. Jahrhundert angelehnt war eine Produktion der Halleschen „Kammeroper 65“, die unter dem Titel Römische Liebe erstmals am 30. Januar 1966 unter Leitung des Komponisten Peter Freiheit in Händels Geburtsstadt Halle (Saale) zu hören war: Den italienischen Arien wurden in deutscher Sprache gehaltene melodramatische Ritornelle zur Erläuterung der Handlung hinzugesellt, die die Rezitative ersetzten. Diese waren von Peter Freiheit geschrieben und komponiert worden. Die erste Aufführung des Stückes in historischer Aufführungspraxis sah man im Badischen Staatstheater Karlsruhe am 18. Februar 1995 während der elften Händel-Festspiele Karlsruhe mit den Deutschen Händel-Solisten unter der Leitung von Roy Goodman.
Libretto mini|John Walsh: Titelseite des Erstdruckes (1732) Händel hat insgesamt drei Texte von Metastasio vertont: Siroe (1728), Poro (1731) und Ezio. Außerdem brachte er in den folgenden Jahren weitere Textbücher des bedeutenden Librettisten in Form von vier Pasticci mit Musik anderer Komponisten auf die Bühne.
Wahrscheinlich lernte Händel während seiner Italienreise im Winter 1728/29 Metastasios Ezio kennen, der kurz zuvor am 21. November 1728 in Venedig in einer Vertonung von Nicola Porpora, abgerufen am 3. November 2025. und gut einen Monat später, am 26. Dezember, in Rom mit Musik von Pietro Auletta seine ersten Aufführungen erlebt hatte.Michael F. Robinson & Rosa Leonetti: Auletta, Pietro, in: Grove Music Online, 2001 (englisch; Abruf nur mit Abo)Dean gibt keine genauen Daten an. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 197.
Händel verwendete Aulettas Version als Vorlage. Wer diese für ihn einrichtete, ist jedoch nicht bekannt,Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 355. möglicherweise war er es selber.Davon ging offenbar Dean aus. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 197. Mit Rücksicht auf das englische Publikum, bei dem man nicht voraussetzen konnte, dass es überhaupt Italienisch beherrschte, wurden die 1500 Rezitativzeilen des Originals auf etwas mehr als 600 gekürzt und außerdem 4 Arientexte gestrichen. Neu hinzu kamen nur der Text für das Finale und ein B-Teil einer Arie. Ansonsten wurde Metastasios Vorlage „mit ungewöhnlichem Respekt“ („with unusual respect“) behandelt, Handlung und Personenkonstellation unverändert übernommen.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 197. Trotzdem kommt es einmal im dritten Akt durch die Streichung von 17 von ursprünglich 20 Rezitativzeilen zu einem merkwürdigen, unlogischen Sprung im Handlungsablauf, als Varo von Ezios Tod berichtet, nur wenige Augenblicke, nachdem dieser die Bühne verlassen hat.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 198 Der bedeutsamste Schnitt ist jedoch der Wegfall von Metastasios erster Szene, stattdessen lässt Händel die Oper direkt mit Ezios triumphaler Ankunft nach seinem Sieg über die Hunnen beginnen.
Handlung Vorgeschichte und Handlung der Oper entsprechen dem Libretto von Metastasio.
Musik mini|Beginn der Ouverture, die ursprünglich für eine Oper namens „Titus l’Empéreur“ gedacht war. Druck von John Walsh, London 1732.
Die Ouvertüre im französischen Stil übernahm Händel, wie oben erwähnt, seinem Opern-Fragment „Titus l’Empéreur“, sie steht in B-Dur. Die Handlung selber wird durch einen mit Hörnern orchestrierten Triumphmarsch („La marche“) eingeleitet – für diesen ungewöhnlichen Effekt strich Händel die Secco-Rezitative der von Metastasio eigentlich vorgesehenen Einleitung. Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass in Ezio ausschließlich Dacapo- oder Dalsegno-Arien und keinerlei Ariosi oder Ensembles vorkommen, außer den vier Zeilen des kurzen Schlusschores.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 63 und 118 Diese relative „Eintönigkeit“ ist natürlich eine Folge der strengen formalen Organisation von Metastasios Libretto, bei dem jede Szene mit einer Abgangsarie endet, hätte aber rein theoretisch durch den Bearbeiter oder Händel selber modifiziert werden können.
Die Besetzung der Oper stellt einem einzigen Sopran (Fulvia) drei Alt-Partien, einen Tenor und einen Bass gegenüber. Dieser Betonung mittlerer und dunkler Stimmfarben steht andererseits eine Betonung von Dur-Tonarten gegenüber: Im ersten und dritten Akt gibt es nur jeweils drei und im zweiten Akt vier Arien in Moll, dazu kommen allerdings vier Accompagnato-Rezitative (drei davon in Akt II) sowie die Sinfonias zu Akt II und III, die ebenfalls alle in Moll-Tonarten stehen (oder beginnen). Die meisten und interessantesten Solo-Gesänge fallen wie üblich auf den primo uomo und die prima donna, mit sechs Arien für Ezio und fünf Arien sowie zwei Accompagnatos für Fulvia. Die anderen Personen haben vier (Massimo, Valentiniano) respektive drei Arien (Varo, Onoria), dabei sind die Partien der beiden tiefen Männerstimmen, Massimo und Varo, durch je ein Accompagnato aufgewertet. Die musikalische Qualität der Arien steigert sich ab dem zweiten und besonders im dritten Akt.
mini|hochkant=1.4|Beginn von Ezios „Ecco alle mie catene“ (Akt II, Nr. 22) Druck von John Walsh, London 1732.
Händel versuchte, den häufig etwas „schablonenhaften“ Idealtypen Metastasios durch seine Musik Leben einzuhauchen und mehr Dynamik zu verleihen, was laut Winton Dean hier allerdings zu einer gewissen „Diskrepanz zwischen Musik und Libretto“ („The dislocation between music and libretto...“) führte. In der Figur des charakterlich nahezu unfehlbaren, fast in jeder Situation tapfer und gleichmütig reagierenden Ezio sah Dean „einen von Händels eher hölzernen Helden“, der Komponist bemühte sich jedoch in den für Senesino komponierten Arien um möglichst große Vielfalt. Vorgestellt wird er zunächst als Liebhaber in dem schlichten „Pensa a serbarmi, oh cara“ (Nr. 3) in E-Dur, das von dem Sänger zunächst allein begonnen und anfangs nur vom Continuo begleitet wird. Einen bedeutenden Kontrast dazu bildet „Se fedele mi brama“ (Akt I, Nr. 10) als heldenhafte Wut-Arie in c-moll. Von Ezios übrigen vier Nummern sticht das herbe Fis-moll-Siciliano „Ecco alle mie catene“ (Nr. 22) am Ende des zweiten Aktes hervor. Der Beginn des Streicherritornells erinnert an Alcinas „Mi restano le lagrime“,Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 206 doch entwickelt sich die Musik danach ganz anders und drückt die merkwürdige „Doppelbödigkeit der emotionalen Situation“ aus,Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 79–80 wo sich Ezio einerseits auf den Tod vorbereitet, andererseits glücklich über Fulvias Bekenntnis zu ihrer Liebe ist.
Bemerkenswert ist außerdem Ezios „Se la mia vita dono è d’Augusto“ (Nr. 24) wegen ihrer Instrumentierung mit zahlreichen Soloinstrumenten – je zwei Blockflöten, Hörner, Fagotte sowie Violine, Viola und Cello –, die an Vivaldis „Concerti per molti strumenti“ erinnert; einige synkopische Passagen der Arie haben den Charakter einer Hornpipe.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 199–200
mini|hochkant=1.4|Beginn von Fulvias „Ah! non son’ io che parla“ (Akt III, Nr. 30) Druck von John Walsh, London 1732.