mini|Titelseite der Prachtausgabe von Samuel Arnold (nach 1786)

Sosarme, Re di Media (HWV 30) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die am 15. Februar 1732 im King’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt wurde.

Das Werk sollte ursprünglich Fernando, Re di Castiglia heißen. Mutmaßlich unter Rücksichtnahme auf Interessen des britischen Hofes verlegte Händel die Handlung von Portugal nach Medien.

Entstehung und Uraufführung Sosarme ist eine von zwei neuen Opern, die Händel für die Saison 1731–1732 komponierte. Nachdem sein Ezio im Januar 1732 keinen Erfolg hatte und nur fünf Aufführungen erlebte, sah Händel sich offenbar gezwungen einige Vorstellungen seines „Publikumsrenners“ Giulio Cesare zu geben, um Zeit für die Vorbereitung des Sosarme zu gewinnen, dessen Komposition am 4. Februar beendet war.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 119 und 361 „Fine dell’ Opera. G.F. Handel li 4 di Febraro. 1732“, lautet die Notiz am Ende des Autographs; nachträglich wurde darüber noch der Wochentag „Venerdy“ (Freitag) geschrieben.Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 251 f.

Händel hatte die Oper ursprünglich unter dem Titel Fernando, Re di Castiglia begonnen, aber Titel, Figuren und Schauplatz der Oper nach der Komposition der ersten beiden Akte geändert (siehe unten: Libretto).

Sosarme, Re di Media erlebte seine Premiere am 15. Februar in der folgenden Besetzung: Sosarme – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Haliate – Giovanni Battista Pinacci (Tenor) Elmira – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Erenice – Anna Bagnolesi (Alt) Melo – Francesca Bertolli (Alt) Altomaro – Antonio Montagnana (Bass) Argone – Antonio Gualandi, genannt „Campioli“ (Altkastrat)

Obwohl – oder weil (?) – das damalige Publikum die Opernhandlung mit dem Krieg zwischen König Haliate und seinem Sohn Argone als „Anspielung auf die gespannte politische Situation am englischen Hofe zwischen König Georg II., dem Kronprinzen Friedrich, Prince of Wales, und dem Premierminister Robert Walpole“ ansah,Baselt, Bernd: Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 372. war die Oper ein großer Erfolg und lief bis zum 21. März an elf Abenden.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 361 Im „Opera Register“, welches lange Zeit fälschlicherweise Francis Colman zugeschrieben war, wurde berichtet:

Auch Viscount Percival, der spätere 1. Earl of Egmont, schrieb am 22. Februar in sein Tagebuch:

Zweite Fassung

Händel brachte Sosarme nochmals 1734 auf die Bühne, mit drei Vorstellungen vom 27. April bis zum 4. Mai.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 362 Da er zu diesem Zeitpunkt ganz andere Sänger zur Verfügung hatte, nahm er dafür zahlreiche Änderungen vor: Die Partie des Sosarme wurde für den Mezzosopran Giovanni Carestini, dessen Stimme wesentlich höher lag als Senesinos (der eigentlich ein Alt war) nach oben transponiert, ebenso die Rollen des Argone, der von dem Sopran Carlo Scalzi gesungen wurde, und die (ursprüngliche Tenor-)Partie des Haliate, der nun von Margherita Durastanti als Hosenrolle dargestellt wurde. Vier Arien, ebenfalls in transponierter Form, wurden aus Riccardo Primo übernommen – zwei davon für Argone, der in der Urfassung gar keine Arie hat – stattdessen andere Nummern und Rezitative gekürzt oder gestrichen.Christine Siegert: Sosarme, Re di Media (HWV 30), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 246–247

Mrs. Pendarves, Händels Nachbarin in der Brook Street und lebenslange Verehrerin, besuchte die Vormittagsprobe am 26. April und eine Vorstellung und fand SosarmeWinton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 226.

Weitere Aufführungsgeschichte

Mrs. Pendarves sollte recht behalten, denn es gab keine weiteren Inszenierungen des Stückes im 18. Jahrhundert. Eine Aufführung des zweiten Aktes von Sosarme war erstmals wieder als Radiosendung der BBC im Dezember 1948 zu hören. Eine konzertante Aufführung aller drei Akte, wenngleich gekürzt, wurde in der Goldsmiths’ Hall am 28. Januar 1955 im Zusammenhang mit einer Schallplattenproduktion des Werkes mit dem „St. Cecilia Orchestra“ unter der Leitung von Anthony Lewis ausgestrahlt.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 228.. In: concertprogrammes.org.uk.

Die erstmalige Bühnenaufführung der Oper in der Neuzeit fand am 8. September 1970 im Unicorn Theatre Club in Abingdon (Großbritannien) in einer englischen Textfassung von Alan Kitching statt. Die musikalische Leitung hatte Antony le Fleming. Schon kurze Zeit danach wurde die Oper das erste Mal in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis während des Kent-Festivals am 22. Juni 1972 in Stour (Olantigh) gespielt. Der Initiator dieser Aufführung war der Pionier der stilgetreuen Wiederaufführung Alter Musik und Countertenor Alfred Deller, der die Titelpartie sang und gleichzeitig das Deller Consort und das Collegium Aureum leitete.

Am 18. Februar 2005 wurde die Oper erstmals in einer „rekonstruierten“ Version als Fernando, Re di Castiglia mit Il complesso barocco unter der Leitung von Alan Curtis im Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon aufgeführt. Curtis hatte dafür nicht nur die ursprünglichen portugiesischen Namen wiederhergestellt, sondern auch Händels Änderungen bei der Umarbeitung in musikalischen Passagen rückgängig gemacht.

Libretto Vorlage Lange Zeit dachte man, die Vorlage für Händels Libretto sei Alfonso Primo von Matteo Noris gewesen, das 1694 in Venedig mit Musik von Carlo Francesco Pollarolo uraufgeführt wurde. Reinhard Strohm wies jedoch darauf hin, dass Händels Sosarme in Wahrheit auf Antonio Salvis Dionisio, Re di Portogallo zurückgeht, welches zuerst 1707 in einer Vertonung von Giacomo Antonio Perti (die Musik ist verloren) in Pratolino, am Hofe des Ferdinando de’ Medici auf die Bühne gebracht wurde. Da Händel zu der Zeit höchstwahrscheinlich in Florenz war, könnte er die Oper dabei kennengelernt oder zumindest Salvis Textbuch dort erworben haben.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 212.Christine Siegert: Sosarme, Re di Media (HWV 30), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 242

Händels Bearbeiter ist nicht bekannt (eventuell war er es selber), aber es wurden vor allem die Rezitative stark gekürzt: Von ursprünglich 1095 Rezitativzeilen bei Salvi blieben bei Händel noch 520 übrig, wodurch laut Winton Dean die dramatische Struktur beeinträchtigt wurde.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 213Christine Siegert: Sosarme, Re di Media (HWV 30), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 241 Der Grund dafür lag wahrscheinlich (und wie immer) in der „Abneigung der Engländer gegen lange Passagen in italienischer Sprache“.

Von Fernando zu Sosarme mini|hochkant|König Dom Diniz (Dionysius) von Portugal Salvis Libretto spielt im mittelalterlichen Portugal und dreht sich um einen durch Familienkonflikte zwischen König Dom Diniz (1261–1325) und dessen Sohn Afonso IV. (1291–1357) ausgelösten Bürgerkrieg, was auf historischen Tatsachen beruht. Dom Diniz wird bis heute (Stand 2025) in Portugal als Begründer der Universität von Coimbra und als Dichter-König verehrt, während Afonso IV. vor allem wegen des schrecklichen Mordes an Inês de Castro, der Geliebten seines Sohnes Dom Pedro I., berüchtigt ist. Im Libretto kommt auch ein unehelicher Sohn des Dom Diniz namens „Sancio“ vor, hinter dem sich offenbar die historische Person des Afonso Sanches, Herzog von Alburquerque verbirgt.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 212–214. Salvis „Isabella“ ist identisch mit der 1625 heiliggesprochenen und in Portugal als „Rainha Santa Isabel“ bekannten Isabel de Aragón.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 291

Zunächst hatte Händel nur den Titel in Fernando, Re di Castiglia geändert, womit er das Gewicht auf die Figur des Königs Fernando „El Emplazado“ von Kastilien (1285–1312) verschob.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 69 Doch mitten in der Komposition verlegte er die Handlung schließlich vom Coimbra des frühen 14. Jahrhunderts in ein Medien aus mythischen Vorzeiten und machte einen (vermutlich erfundenen) König „Sosarme“ zur Titelfigur.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 214. Die neuen Personennamen bei Händel entsprechen folgenden Figuren des Salvi-Librettos:Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 372 f.

Sosarme = Fernando, König von Kastilien und Verlobter Elvidas Haliate = Dionisio, König von Portugal Elmira = Elvida, Dionisos Tochter Erenice = Isabella, Dionisios Frau, Königin von Portugal Melo = Sancio, Dionisios unehelicher Sohn und Rivale seines Halbbruders Alfonso Altomaro = Altomaro, Dionisios Hofrat Argone = Alfonso, Dionisios und Isabellas Sohn, rechtmäßiger Thronerbe

Als Grund für diese plötzlichen Änderungen wird seit Dean vermutet, dass Händel und sein Mitarbeiter (?) befürchtet hätte(n), in diplomatische Probleme verwickelt zu werden, wenn sie eine aus portugiesischer Sicht derart „unvorteilhafte“ Opernhandlung im Londoner King’s Theatre auf die Bühne brachten, da Portugal (und dessen damaliger Monarch Dom Joao V.) der „älteste traditionelle Verbündete“ Englands war.Christine Siegert: Sosarme, Re di Media (HWV 30), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 242–243 Beweise, z. B. in Form von Äußerungen Händels, gibt es dafür jedoch nicht. Ob es – wie Silke Leopold meinte – tatsächlich ein Problem gewesen wäre, die „Rainha Santa Isabel“ als Opernfigur auf die Bühne zu bringen,Nach Leopold hätte das vielleicht als „blasphemisch“ empfunden werden können. Siehe: Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 291 ist ebenso Spekulation – immerhin scheint dies zuvor im katholischen Italien kein Problem gewesen zu sein und bei Salvi wie bei Händel wird die Figur vollkommen positiv dargestellt.

Handlung Vorgeschichte König Haliate möchte gegen die Tradition seinen illegitimen Sohn Melo zu seinem Nachfolger bestimmen und hat dadurch den Zorn und Widerstand seines ehelichen Sohnes und eigentlichen Thronfolgers Argone und einen Bürgerkrieg ausgelöst.

Erster Akt Platz in Sardes mit Truppen in Aufstellung

Im Krieg gegen seinen Vater Haliate befindet sich Prinz Argone in einer schwierigen Situation, da er mit seinen Leuten im belagerten Sardes eingeschlossen ist und die Lebensmittelvorräte schwinden. Er wendet sich daher an seine Soldaten und kann sie überzeugen, das Lager Haliates vor der Stadt anzugreifen und zu plündern.

Ein Zimmer