Der Flughafen Gütersloh (bis 1993 RAF Gütersloh, ) war ein Militärflugplatz im nordrhein-westfälischen Gütersloh. Das Areal liegt im Nordwesten des Stadtgebietes auf und grenzt an Harsewinkel und Herzebrock-Clarholz. Er wurde zu Beginn von der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg benutzt, nach Kriegsende bis 1993 von der britischen Royal Air Force (RAF) und für eine kurze Zeit auch zivil.
Der Flugplatz entstand Mitte der 1930er Jahre für die deutsche Luftwaffe. Nach kurzer Nutzung durch die United States Army Air Forces unter der Bezeichnung Advanced Landing Ground ALG Y-99 vom 6. April bis zum 22. Juni 1945 wurde er zwischen 1945 und 1993 von der britischen Royal Air Force genutzt. Diese übergab ihn an die britische Armee. Sie bezeichnete ihn als Princess Royal Barracks und nutzte ihn für Kampfunterstützungsverbände. Neben Logistik-Bataillonen und Regimentern war hier als letzter fliegender Verband ein Heeresflieger-Regiment stationiert.
Der Flugbetrieb der britischen Heeresflieger wurde offiziell am 4. Oktober 2013 eingestellt und das Areal nach Abzug aller militärischer Verbände am 3. November 2016 an die BImA übergeben.Schlüssel für Flugplatz-Kaserne übergeben, Die Glocke, 4. November 2016
Geschichte Nutzung Die folgende Aufstellung gibt einen chronologischen Überblick der Hauptnutzer: 1937–1945 Luftwaffe 1945 US Army Air Forces 1945–1993 Royal Air Force 1993–2016 British Army (u. a. Army Air Corps) Mitte 1980er Jahre–1993 Firmen (Bertelsmann und Miele) 1994–2003 Flughafen Gütersloh GmbH
Fliegerhorst der Luftwaffe mini|Lage am Rand des Stadtgebietes Im Jahr 1935 wurde mit dem Bau des Flugplatzes für die Luftwaffe der neugegründeten Wehrmacht begonnen, der Abraum – hier befand sich die höchste eiszeitliche Binnendüne Güterslohs – wurde für den Bau der Reichsautobahn verwendet (heutige A2). Im April 1937 wurde der Flugplatz eröffnet.
Im Mai 1939 wurde hier die II. Gruppe des Kampfgeschwaders 28 aufgestellt. Im Winter 1939/40 folgte die Aufstellung der II. Gruppe des Kampfgeschwaders 54. Die Einheit wurde offiziell am 17. Mai 1940 in Gütersloh in Dienst gestellt. Die von Dr. Büscher in seinem Buch dargestellte Sachlage, das Geschwader wäre von Gütersloh aus am 14. Mai 1940 am Luftangriff auf Rotterdam beteiligt, ist bisher nicht durch Quellen belegbar. Vielmehr erfolgten die Starts von den Stützpunkten Varrelbusch, Hoya9 und Quakenbrück aus. Zwischen Juni 1940 und März 1941 lag hier die I. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 1 (I./NJG 1). Im Jahr 1942 nahm der aus den Angehörigen der Luftwaffe begründete LSV Gütersloh am Tschammerpokal im Fußball teil. Von 1943 bis 1945 waren Einheiten der Reichsverteidigung in Gütersloh stationiert, unter anderem lagen hier zwischen November 1944 und März 1945 der Nachtjagd-Offizier Kommodore Heinz-Wolfgang Schnaufer mit seinem Stab sowie die II. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 4 (II./NJG 4). Im April 1944 flogen die Alliierten den ersten Bombenangriff auf den Flugplatz, weitere folgten bis Ende März 1945.
Die letzten beiden deutschen Flugzeuge sollen nach Zeitzeugenberichten am 30. März 1945 Richtung Wunstorf gestartet sein. Hierzu gehörte offensichtlich auch Schnaufers Ersatzmaschine, eine Bf 110, deren Flugzeugführer jedoch nach Jagdbomberbeschuss auf Kirchdornberger Gebiet eine Bruchlandung hinlegte. Der Rest eines Leitwerks, „dekoriert“ mit allen Abschüssen, befand sich jahrzehntelang in Privatbesitz und wurde 2015 versteigert.Keiligh Baker: "Bullet-ridden tail fin of Messerschmitt flown by the world’s deadliest ever fighter pilot sells for £90,000", Daily Mail, 16. Mai 2015
Die folgende Tabelle zeigt die vollständige Auflistung aller fliegenden aktiven Einheiten (ohne Schul- und Ergänzungsverbände) der Luftwaffe der Wehrmacht, die hier zwischen 1937 und 1945 stationiert waren.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders). S. 253–255, abgerufen am 29. August 2014.
Von Bis Einheit AusrüstungApril 1937Oktober 1938IV./KG 254 (IV. Gruppe des Kampfgeschwaders 254) November 1938April 1939II./KG 254 Mai 1939November 1939II./KG 28 Heinkel He 111PSeptember 1939Februar 1940Stab/KG 54 Heinkel He 111PNovember 1939Dezember 1939 I., II./JG 77 (I. und II. Gruppe des Jagdgeschwaders 77) Messerschmitt Bf 109EFebruar 1940März 1940I./KG 4 Heinkel He 111PMärz 1940April 1940II./KG 27 Heinkel He 111PMai 1940Mai 1940II./ZG 1 (II. Gruppe des Zerstörergeschwaders 1) Messerschmitt Bf 110Mai 1940Mai 1940III./KG z. b. V. 1 (III. Gruppe des Kampfgeschwaders zur besonderen Verwendung) Junkers Ju 52/3mMai 1940Mai 1940Aufkl.St. Fliegerdivision 7 (Aufklärungsstaffel der 7. Flieger-Division) Mai 1940Juni 1940II./KG 54 Heinkel He 111PJuli 1940März 1941I./NJG 1 (I. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 1) Messerschmitt Bf 110, Dornier Do 17ZNovember 1941Mai 1942III./KG 3 Dornier Do 17Z, Junkers Ju 88A19411942Überführungskdo. Gütersloh 19421944Flugzeugschleuse Mittle/Luftflottenkdo. Reich Mai 1944August 1944II./NJG 5 Messerschmitt Bf 110F-4Juni 1944Juni 1944II./JG 2 Messerschmitt Bf 109G-6Juli 1944Juli 1944I./JG 3 Messerschmitt Bf 109G-6August 1944August 1944II./NJG 3 Junkers Ju 88G-1September 1944Oktober 1944II./JG 27 Messerschmitt Bf 109G-6, Messerschmitt Bf 109G-14September 1944November 1944III./NJG 2 Junkers Ju 88G-1, Junkers Ju 88G-6September 1944Oktober 1944Stab/JG 11 Messerschmitt Bf 109G-14Oktober 1944Dezember 1944Stab, II./SG 4 Focke-Wulf Fw 190F-8November 1944März 1945II./NJG 4 Junkers Ju 88G-1Dezember 1944Januar 1945IV./JG 3 Focke-Wulf Fw 190A-8März 1945März 1945III./JG 27 Messerschmitt Bf 109K
Advanced Landing Ground Y-99 Am 4. April 1945 wurde der Fliegerhorst durch die US Army eingenommen und unter der alliierten Codebezeichnung Advanced Landing Ground ALG Y-99 am 6. April von der United States Army Air Forces (USAAF) in Betrieb genommen. Im April waren die 125th Liaison Squadron und die mit F-6 Mustang und F-5 Lightning ausgerüstete 363d Tactical Reconaissance Group die ersten alliierten Nutzer des notdürftig hergerichteten Flugplatzes. Als dritter fliegender US-Verband lag die mit P-51 Mustang ausgerüstete 370th Fighter Group vom 20. April bis 27. Juni 1945 in Gütersloh. Die Verbindungsstaffel nutze auch die Behelfspiste im Ortsteil Avenwedde (siehe auch Abschnitt 4).
Zum 22. Juni 1945 wurde der Flugplatz schließlich an die britische Besatzungsmacht übergeben, womit eine 71-jährige Nutzungsphase als Militärstandort des Vereinigten Königreichs begann.
RAF Gütersloh mini|hochkant|Vitrine zur Royal Air Force im Stadtmuseum Gütersloh mini|Die Fliegerstaffel Red Arrows bei der Flugschau der Royal Air Force im Mai 1967 mini|Westland SA-330E Puma HC1 der 230. Squadron, 1977 Die British Air Force of Occupation (BAFO) errichtete eine Betonlandebahn auf dem Flugplatz und stationierte ab Herbst 1945 für zwei Jahre das 140. Wing, ein Geschwader Mosquitos. Auf der Royal Air Force Station Gütersloh, kurz RAF Gütersloh, so die offizielle Bezeichnung ab Ende 1947, wurden diese durch drei Staffeln Tempests ersetzt. Von 1948 bis 1949 war Gütersloh Ausweichplatz für die Berliner Luftbrücke, was dazu führte, dass zusätzlich eine Staffel Spitfires und die erste mit Strahlflugzeugen Vampire ausgerüstete Staffel in Gütersloh lagen. Die mit dem Ende der Luftbrücke einhergehende Entspannung der politischen Lage führte im Sommer 1949 zur Verlegung zweier Gütersloher Staffeln nach Malaya bzw. Hongkong und zur Abgabe einer Staffel an RAF Wunstorf, eine der Luftbrückenbasen.
Im Jahr 1949 verblieben zunächst lediglich zwei Vampire-Staffeln in Gütersloh, nach dem Ausbruch des Koreakrieges kam es jedoch ab Mitte 1950 zur Verdoppelung der fliegenden Verbände. 1951 besuchten NATO-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower und der britische Außenminister Eden RAF Gütersloh. Die erste Hälfte der 1950er-Jahre stand ganz im Zeichen des NATO-Aufbaus und es wurden viele gemeinsame Manöver mit den neuen NATO-Partnern durchgeführt. Die Gütersloher Staffeln wurden folgerichtig der 2nd Allied Tactical Air Force der NATO unterstellt. Eine Ausnahme stellte insofern die zeitweilige Stationierung von Canberra-Bombern Mitte der 1950er-Jahre dar, die dem Bomber Command unterstanden. Nach dem Abzug der Canberras im Jahr 1957 wurde RAF Gütersloh – mittlerweile im Rahmen der RAF Germany – bis 1970 Heimatbasis der Hunter, die zunächst einige Jahre als Tagjäger, ab Anfang der 1960er-Jahre insbesondere als Aufklärer eingesetzt wurde.
Neben Kampfflugzeugstaffeln war RAF Gütersloh ab Anfang 1963 auch Heimatplatz von Transporthubschraubern zur Heeresunterstützung, zunächst für zwei Jahre des Typs Whirlwind im Dienst der 230. Staffel und anschließend bis Ende 1980 des Typs Wessex, letztere im Dienst der 18. Staffel.
Seit Mitte der 1960er-Jahre fungierte Gütersloh zusätzlich auch noch als „Airhead“ für die RAF Germany. Dies bedeutete neben dem täglichen Flugbetrieb der hier liegenden Staffeln eine Vielzahl weiterer Flugbewegungen von Transport- und Verkehrsflugzeugen. Erstere kamen meist aus RAF Brize Norton oder RAF Lyneham, letztere insbesondere aus Luton.
Im Jahr 1965 fand die erste Visite von Königin Elisabeth II. und ihrem Gatten Philip, Duke of Edinburgh, anlässlich eines zehntägigen Staatsbesuches in Deutschland statt, es war ihr längster Staatsbesuch überhaupt außerhalb des Commonwealth. In Ermangelung anderer geeigneter Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Flugplatzgelände wurden für die Monarchin und ihren Prinzgemahl in Höhe der Offiziersmesse über die Anschlussgleise der Bahnstrecke Ibbenbüren–Hövelhof mehrere komfortable Salonschlafwagen der Bundesregierung bereitgestellt.
Ab 1965 bis 1977 waren hier im Rahmen der Quick Reaction Alert-Bereitschaft für Nordwestdeutschland ständig zwei Lightning-Abfangjäger startbereit, diese konnten jederzeit innerhalb weniger Minuten in der Luft sein. Die Lightnings standen im Dienst der 19. und seit 1968 der 92. Squadron.
Im Jahr 1967 fand ein Großflugtag, 1972 ein „Family Day“ und 1975 wieder ein Großflugtag statt. Am 7. Juli 1977 kam die britische Königin ein weiteres Mal nach Gütersloh, diesmal auf dem Luftweg, für einen Besuch im Paderborner Land.
Nach zwölf Jahren verlegte die RAF Germany ihre Abfangjägerstaffeln 1977 nach RAF Wildenrath. Im Austausch kamen die bis dahin in RAF Wildenrath stationierten Harrier-Senkrechtstarter zur Luftnahunterstützung der Landstreitkräfte nach RAF Gütersloh. Die Harrier, zunächst die der ersten Generation, standen im Dienst der 3. und der 4. Squadron, wobei Ende 1988 der erste Harrier der zweiten Generation in Gütersloh eintraf.
Im Frühjahr 1982 fand mit Beteiligung Gütersloher Piloten der Falklandkrieg statt. Im Spätsommer desselben Jahres richtete die No. 230 Squadron, die 1980, inzwischen ausgerüstet mit der Puma, nach Ostwestfalen zurückgekehrt war, das „NATO Tiger Meet“ aus. Neben letzterer kehrte Mitte 1983 nach in England erfolgter Umrüstung auf die Chinook auch die 18. Staffel nach Gütersloh zurück.
Im Ernstfall hätten die beiden Harrier- und beiden Hubschrauberstaffeln den Flugplatz jederzeit binnen fünf Stunden, so die Zielvorgabe, inklusive sämtlichem Personal und Ausrüstung evakuieren sollen.Group Captain Andrew Turner thanks those who have supported his career in the RAF, The Guardian, 12. August 2006
Für eine REFORGER-Übung kamen 1984 Boeing-747-Jumbo-Jets der British Airways nach Gütersloh. Im Jahr 1987 war wieder ein „Family Day“ anlässlich des 50-jährigen Bestehens. Im Jahr 1988 fand das letzte Display der Red Arrows im Rahmen der Vorbereitung für die Rhine Army Summer Show (RASS) in Bad Lippspringe statt.
Nach dem Fall der Berliner Mauer begann 1992 der Abzug der RAF. Den letzten Start absolvierte eine Boeing 767 der Britannia Airways am späten Abend des 31. März 1993. Anlässlich des 100. Geburtstages der RAF kam es 25 Jahre später, im April 2018, nochmals zu einem Überflug eines seinerzeit hier stationierten Chinooks, der aber von den lokalen Behörden keine Landegenehmigung erhielt....RAF͛s Cold War heritage in Germany..., 28. April 2018