mini|John Walsh, Titelseite des Erstdruckes (1731) Poro, Re dell’Indie (HWV 28) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Ihre Uraufführung erlebte sie am 2. Februar 1731 im King’s Theatre am Haymarket in London. Es war Händels zweite von drei Opern über Textbücher von Pietro Metastasio, neben Siroe (1728) und Ezio (1732). Zu Händels Lebzeiten war Poro eine seiner erfolgreichsten Opern.Gabriele Buschmeier: Poro, Re dell’Indie (HWV 28), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 229

Entstehung und Uraufführung Poro war die dritte Oper für die sogenannte zweite Opernakademie, die von 1729 bis 1734 von Händel und Johann Jacob Heidegger geleitet wurde.

Nachdem der Altkastrat Antonio Bernacchi nach Italien zurückgekehrt war, war es Händel und seinen Unterhändlern Owen Swiney und Francis Colman, dem britischen Gesandten in Florenz, gelungen, für die neue Saison seinen ehemaligen Star Senesino als primo uomo nach London zurückzuholen, für eine Summe von 1400 Guineen – das waren 200 mehr als Händel vom Vorstand der Academy zugestanden worden waren.

Der Erfolg schien diesen finanziellen Aufwand jedoch zu rechtfertigen, denn als die Spielzeit am 3. November 1730 mit einer Wiederaufnahme von Publio Cornelio Scipione eröffnet wurde, hieß es „der zurückgekehrte Senesino“ habe „sehr bezaubert“ ().Opera Register. London, 3. November 1730.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 180 ff. Händel ließ zunächst weitere Wiederaufnahmen seiner Oper Partenope und des Pasticcios Ormisda sowie das „neue“ Pasticcio Venceslao folgen.

Seine neueste Oper Poro entstand jedoch unter traurigen Umständen, da kurz vor oder mitten in der Komposition, am 16. Dezember, Händels Mutter verstarb. Im Autograph sind die Daten der Entstehung genau angegeben: „Fine dell’ atto primo mercordi li 23 di Decembr 1730.“ – „Fine dell’ Atto Secondo | G.F. Handel Decembr 30. ano 1730.“ – „Fine dell’ Opera di Poro. a Londra gli 16 di Gennaro 1731.“Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 3-7618-0610-8), S. 353 f.Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 244.

In der Uraufführung am 2. Februar 1731 sangen: Poro – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Alessandro il Grande – Annibale Pio Fabri, genannt „Balino“ (Tenor) Cleofide – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Erissena – Antonia Margherita Merighi (Alt) Timagene – Giovanni Giuseppe Commano (Bass) Gandarte – Francesca Bertolli (Alt)

Die Oper war ein voller Erfolg und erlebte bis zum 27. März 1731 noch fünfzehnHogwood spricht von nur 14 Aufführungen. Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 361 weitere Aufführungen, von denen die meisten auch von der königlichen Familie besucht wurden. Bis zu einem gewissen Grad mochte das der Beliebtheit Senesinos zu verdanken sein,Joachim Steinheuer: Händel. Poros. Berlin Classics 0093742, edel 1959/98, S. 9. auf der anderen Seite war der absolute Publikumshit („favourite song“) der Oper Erissenas Arie „Son confusa pastorella“ (Akt III, Nr. 28).

Wiederaufnahmen In der folgenden Spielzeit brachte Händel eine leicht veränderte Fassung heraus, die vier Aufführungen zwischen dem 23. November und dem 4. Dezember 1731 erlebte. Dabei wertete er die kleine Partie des Timagene, der zuvor keine einzige Arie hatte, für den neu engagierten Bass Antonio Montagnana auf, indem er drei Arien aus älteren Opern (Lotario, Radamisto (2. Fassung) und Siroe) hinzufügte.

Eine weitere Wiederaufnahme gab es in der Saison 1736–37 mit vier Aufführungen vom 8. Dezember bis zum 5. Januar. Dabei wurde die Oper stärker verändert und irgendwie auf die vorhandenen Sänger angepasst. Unter anderem erlaubte Händel dem erst spät eingetroffenen Altisten Domenico Annibali als Poro drei „Kofferarien“ aus Opern von Ristori und Vinci zu singen, während er für den Sopranisten Gizziello (Gioacchino Conti) als Alessandro zwei der originalen Arien gegen andere aus Siroe und Ariodante austauschte.

Aufführungsgeschichte An der Hamburger Gänsemarkt-Oper wurde Händels Poro in einer Version von Georg Philipp Telemann unter dem Titel Triumph der Grossmuth und Treue, oder CLEOFIDA, Königin von Indien herausgebracht; sie erlebte 26 oder 27 Aufführungen von der Premiere am 14. Februar 1732 bis 1736. Dabei wurden die Partien des Poro und des Gandarte von Bässen gesungen, es gab also vier tiefe Männerstimmen. Wie in Hamburg üblich wurden die Arien auf Italienisch und die Rezitative in deutscher Übersetzung von Christoph Gottlieb Wend aufgeführt.Karin Zauft: Programmheft Händel: Poro. Landestheater Halle (Saale), 1981.

Im August 1732 wurde die Oper in Braunschweig unter dem Titel Poro ed Alessandro unter Leitung von Georg Caspar Schürmann aufgeführt, der drei zusätzliche eigene Arien einschob.

In Braunschweig sah man auch die erstmalige Wiederaufführung in der Neuzeit: Am 21. April 1928 war die Premiere für die deutsche Fassung der Oper mit dem Titel König Porus (Text: Hans Dütschke) unter Leitung von Ludwig Leschetitzky. Diese Produktion wurde während eines Gastspieles in Kopenhagen auch durch die Staatsradiosinfonie im Rundfunk übertragen.

Die erste Tonträgerproduktion von Händels Poro dokumentiert eine Bearbeitung der Oper in deutscher Sprache von Heinz Rückert für das Landestheater in Halle (Händel-Festspiele Halle (Saale)) aus dem Jahr 1956. Die Oper wurde hier in sieben Bilder unterteilt, die die bei Händel vorgesehene Abfolge der Nummern sowie die dreiaktige Anlage beibehalten. Die indischen Figuren bekamen indische Namen – Cleofide wurde Mahamaya, Erissena → Nimbavati und Gandarte → Gandharta –, und die Rollen des Poro und des Gandarte wurden in Bariton- bzw. Basslage transponiert. Die in den Arien einer Opera seria üblichen Textwiederholungen ersetzte Rückert durch Verse, die sich sowohl am Original orientierten als auch eine kohärente Personengestaltung anstrebten. Es spielte hier das Händelfestspielorchester Halle unter Leitung von Horst-Tanu Margraf.

In Originalsprache und historischer Aufführungspraxis wurde Poro erstmals in konzertanter Form im Zusammenhang mit einer Tonträgerproduktion des Werkes am 20. April 1994 in der Salle Garnier in Monte Carlo gegeben. Europa Galante spielte unter Leitung von Fabio Biondi.

Libretto mini|hochkant|Pietro Metastasio Pastell von Rosalba Carriera, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Die Vorlage für Händels Poro war Pietro Metastasios Dramma per musica Alessandro nell’Indie, das zuerst von Leonardo Vinci vertont und am 2. Januar 1730 im Teatro delle Dame in Rom uraufgeführt worden war. Händel war nach Vinci, Porpora und Predieri einer der ersten, die dieses in den folgenden Jahrzehnten außerordentlich beliebte Textbuch in Musik setzten. Somit war es das neueste Libretto, das er je vertonte.Gabriele Buschmeier: Poro, Re dell’Indie (HWV 28), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 230

Da Händel 1726 bereits einen Alessandro über Alexander den Großen und dessen Indienfeldzug komponiert hatte, musste der Titel der neuen Oper zwangsläufig geändert werden und man entschied sich für Poro, Re dell’Indie. Zugleich wurde damit die Figur des indischen Königs Poros in den Mittelpunkt gerückt.

Es ist nicht bekannt, wer Metastasios Libretto für Händel einrichtete – in der Literatur wird Giacomo Rossi als möglicher Mitarbeiter genannt, oder auch Samuel Humphreys, der die italienischen Operntexte für die Academy ins Englische übersetzte.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 3-7618-0610-8), S. 353 f. Händel war aber sicher selbst an den Änderungen beteiligt. Diese bestanden einerseits in der üblichen Kürzung der Rezitative – weil das englische Publikum im Allgemeinen nicht gut genug Italienisch verstand –, andererseits wurden sieben der von Metastasio vorgesehenen 30 Arien gestrichen,Gabriele Buschmeier: Poro, Re dell’Indie (HWV 28), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 230–231 darunter alle drei Arien für Timagene, dessen erster Interpret Giovanni Giuseppe Commano offenbar kein besonders überzeugender Sänger war. Diesen „Defekt“ der Original-Fassung versuchte Händel später bei der ersten Wiederaufnahme der Oper durch drei eingeschobene Arien aus älteren Werken für Montagnana zu „beheben“ (siehe oben).

Handlung Der Historisch-literarische Hintergrund, die Vorgeschichte und die Handlung der Oper entsprechen dem Libretto von Metastasio.

Erster Akt mini|Charles André van Loo: Der Sieg Alexanders über Poros. Los Angeles County Museum of Art

„Exotischer undurchdringlicher Urwald“: Die geschlagenen Inder fliehen. Der verzweifelte König Poro will mit dem Schwert seinem Leben ein Ende setzen, wird aber von seinem Freunde Gandarte im letzten Moment daran gehindert, indem dieser dem König seine Liebe zu Cleofide (sie ist Königin eines anderen Teilreiches von Indien) in Erinnerung ruft und den König an seine Pflicht dem Lande gegenüber ermahnt. Da Verfolger nahen, tauscht Gandarte mit Poro die Zeichen der Königswürde; allein zurückgeblieben, rechtfertigt er sein kühnes Handeln (È prezzo leggiero, Nr. 2) und flieht dann.

Doch Poro ist es nicht gelungen zu entkommen, er wird von Alessandros Feldherrn Timagene gestellt. Dem hinzukommenden Alessandro gegenüber gibt sich Poro als ein indischer Krieger namens „Asbita“ aus; er erhält von Alessandro den Auftrag, König Poro die Botschaft zu bringen, dass er – wenn König Poro sich jetzt besiegt gebe – diesem gegenüber Milde walten lassen wolle. Als Zeichen dessen übergibt Alessandro dem Krieger sein Schwert, welches dieser seinem König überbringen soll. Alessandro entfernt sich mit seinen Begleitern: „Vedrai con tuo periglio“, ruft Poro seinem Gegner nach (Nr. 3).

Inzwischen ist Poros Schwester, die junge, kapriziöse Prinzessin Erissena, gestellt worden und wird jetzt Alessandro vorgeführt, der ihr galant und ritterlich begegnet (Vil trofeo d’un alma imbelle, Nr. 4). Sein Feldherr Timagene ist sichtlich von dem Charme Erissenas betroffen, erhält jedoch eine ironisch-feine Abfuhr (Chi veve amante, Nr. 5). Schon in dieser Szene gibt sich Timagene als heimlicher Widersacher Alessandros zu erkennen, denn er hat wieder erfahren müssen, dass ihn Alessandro – auch in puncto Liebe – stets in den Schatten stellt.