Rodelinda (auch: Rodelinda, regina de’ longobardi;Laut Original-Libretto von 1725, in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iv, Garland, New York 1989, S. 211 engl.: Rodelinda, Queen of the Lombards;Anthony Hicks: Rodelinda [Rodelinda, regina de’ longobardi] (‘Rodelinda, Queen of the Lombards’), in: Grove music online, 1992/2002 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement) HWV 19) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Das Libretto verfasste Nicola Francesco Haym auf der Grundlage einer älteren Vorlage von Antonio Salvi. Die Uraufführung fand in London am 13. Februar 1725 im King’s Theatre am Haymarket statt.

Nach Giulio Cesare in Egitto und Tamerlano war Rodelinda bereits die dritte von drei anerkannten Meisteropern, die innerhalb nur eines Jahres zwischen Februar 1724 und Februar 1725 uraufgeführt wurden und als ein bedeutender Höhepunkt in Händels Schaffen gelten. Im Jahr 1920 war sie die erste in der Neuzeit wieder aufgeführte Händel-Oper, wenn auch in stark veränderter Form, und spielte eine bedeutende Rolle für die Händel-Renaissance und die Wiederbelebung der Barockoper im Allgemeinen. Im Jahr 2009 belegte sie, gemeinsam mit Alcina, den dritten Platz der meistgespielten Opern Händels, nach Giulio Cesare und Serse.Manfred Rätzer: Händels Opern auf internationalen Bühnen, in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband I. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429 ff.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 8

Entstehung Händel und sein Librettist Nicola Francesco Haym hatten seit 1712 mindestens fünf Opern (Teseo, Ottone, Flavio, Giulio Cesare, Tamerlano, und wahrscheinlich auch Amadigi und Radamisto) zusammen geschaffenLowell Lindgren: Haym, Nicola Francesco (opera), in: Grove music online, 1992/2002 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement) und waren daher Mitte der 1720er Jahre bereits ein gut eingespieltes „Team“.

Rodelinda war bereits das zweite neu komponierte Bühnenwerk Händels für die sechste Saison der Royal Academy of Music. Die Spielzeit war am 31. Oktober 1724 mit der Premiere von Tamerlano eröffnet worden.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 130. Wann er mit der Komposition der neuen Oper begann, ist nicht bekannt, aber am 20. Januar 1725 war sie fertig, wie aus seiner Datierung am Ende des Autographs hervorgeht: „Fine dell Opera | li 20 di Genaro 1725.“Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 131. Bis zur Uraufführung unterzog Händel die Partitur allerdings noch einer Revision.Andrew V. Jones: Rodelinda. Vorwort zur Hallischen Händel-Ausgabe. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2002, ISMN 979-0-0064-9569-6, S. VII–VIII.

Der schottische Tenor Alexander Gordon, der selbst früher in Händels Radamisto und Flavio mitgewirkt hatte, besuchte Anfang 1725 eine Aufführung von Giulio Cesare und eine Probe von Rodelinda und meinte:

Die Uraufführung von Rodelinda fand am 13. Februar 1725 am King’s Theatre am Londoner Haymarket statt, mit denselben Sängern wie zuvor bei Tamerlano: Rodelinda – Francesca Cuzzoni (Sopran) Bertarido – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Grimoaldo – Francesco Borosini (Tenor) Eduige – Anna Vicenza Dotti (Alt) Unulfo – Andrea Pacini (Altkastrat) Garibaldo – Giuseppe Maria Boschi (Bass)

Die Oper war ein Erfolg und kam bis zum 6. April auf 14 Vorstellungen.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 131.

Charles Burney überlieferte einen berühmt gewordenen Bericht Horace Walpoles (1717–1797), laut dem die Cuzzoni als Rodelinda „… in einem braunen, silberbestickten Seidenkleid“ auftrat, das angeblich „so vulgär und unziemlich war, dass sämtliche älteren Damen sich darüber empörten“, aber von jungen Damen „sofort als Mode“ übernommen worden sei, „und das so allgemein, dass es fast als eine Nationaltracht von Jugend und Schönheit gelten konnte.“„… on her appearing in this opera, in a brown silk gown, trimmed with silver, with the vulgarity and indecorum of which all the old ladies were much scandalised, the young adopted it as a fashion, so universally, that it seemed a national uniform for youth and beauty.“ Charles Burney: A General History of Music: from the Earliest Ages to the Present Period. Vol. 4. London 1789; originalgetreuer Nachdruck: Cambridge University Press 2010, ISBN 978-1-108-01642-1, S. 299. Etscheit wies zurecht darauf hin, dass Walpole selbst 1725 erst acht Jahre alt war und seinen Bericht wahrscheinlich aus zweiter Hand, vermutlich von seinem Vater Robert Walpole, übernahm, der bekannterweise ein Fan Faustina Bordonis und daher vielleicht für die ausgesprochen negativen und unvorteilhaft gefärbten Beschreibungen der Cuzzoni (auch an anderer Stelle) verantwortlich war.Ulrich Etscheit: Händels „Rodelinda“: Libretto, Komposition, Rezeption. Bärenreiter-Verlag, Kassel 1998, S. 224–225

Wiederaufnahmen In der folgenden Saison, ab dem 18. Dezember 1725 folgten acht weitere Vorstellungen von Rodelinda, für die Händel drei Ersatz-Arien und zwei ganz neue Stücke für den dritten Akt – die Arie „Vivi, tiranno“ (Nr. 34) für Senesino/Bertarido und ein Schlussduett („D’ogni crudel martir“, Nr. 34b) für das Liebespaar – schrieb. Für die Stimme des neuen Tenors Luigi Antinori mussten zwei Arien Grimoaldos (Nr. 3 und 17a) etwas höher transponiert werden.Andrew V. Jones: Rodelinda. Vorwort zur Hallischen Händel-Ausgabe. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2002, S. IX f.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 590.Dazu auch: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 138

Eine weitere und letzte Wiederaufnahme gab es ab dem 4. Mai 1731 mit wiederum acht Vorstellungen. Dafür wurden Rezitative gekürzt und drei Gesangsnummern um Stücke aus Tolomeo und Lotario ersetzt. Von dem originalen Ensemble war nur mehr Senesino dabei, die Partie der Rodelinda wurde mit Sicherheit von Anna Maria Strada übernommen.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 592.Andrew V. Jones: Rodelinda. Vorwort zur Hallischen Händel-Ausgabe. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2002, S. X.Dazu auch: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 138Zu beiden Wiederaufnahmen weniger ausführlich auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 250.

Weitere Aufführungsgeschichte mini|Titelblatt des Librettos, Hamburg 1734

Als Rodelinda, Königin in der Lombardey gelangte die Oper erstmals am 29. November 1734 auf den Spielplan der Hamburger Oper am Gänsemarkt – dort mit deutschsprachigen Rezitativen von Christoph Gottlieb Wend, der bereits 1729 für Georg Philipp Telemann einen ähnlichen Stoff, Stefano Ghigis Libretto Flavio Bertarido, Re de’ Longobardi (Venedig 1706, Musik: Carlo Francesco Pollarolo), eingerichtet hatte. Die Oper wurde im Hamburger Relations-Courier vom 26. November 1734 feierlich als „(…) Composition des so berühmten Hrn. Hendell“ angekündigt, „und sonst (…) ein so fürtreffliches Stück, daß solche auch den allerschönsten jemahls präsentirten, mit Recht den Wettstreit anbieten kan“, war jedoch laut Mattheson kein Erfolg. Bis zum 12. November 1736 erlebte sie unter der Leitung Telemanns nur insgesamt fünf Aufführungen.Ulrich Etscheit: Händels „Rodelinda“: Libretto, Komposition, Rezeption. Bärenreiter-Verlag, Kassel 1998, ISBN 978-3-7618-1404-8, S. 229.

In der Neuzeit wurde Rodelinda erstmals am 26. Juni 1920 in deutscher Sprache bei den neugegründeten Göttinger Händel-Festspielen durch Oskar Hagen wieder an die Öffentlichkeit gebracht. Das war die überhaupt erste Aufführung einer Händel-Oper im zwanzigsten Jahrhundert. Dabei wurde Händels Original allerdings massiv verändert und sogar verstümmelt: Nicht nur Secco-Rezitative wurden „so weit wie möglich“ gekürzt, auch die meisten Dacapos (wahrscheinlich auch B-Teile der Dacapo-Formen) und alle Arien der Nebenfiguren Unulfo („Unolf“) und Eduige („Hadwig“) gestrichen, sowie die beiden Kastratenpartien (Bertarido, Unulfo) von Bariton bzw. Bass gesungen. Trotzdem war diese Einrichtung Hagens so erfolgreich, dass es bis Ende 1926 in ganz Deutschland 26 ProduktionenArne Stollberg: Rodelinda, Regina de’ Longobardi (HWV 19), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 151 und 152 mit insgesamt 136 Aufführungen der Oper in dieser Fassung gab. International gelangte die Oper bereits 1931 erstmals in den USA (Smith College, Massachusetts) auf die Bühne, 1932 in Schweden (Göteborg), 1939 in London (Old Vic), 1941 in Wien und 1943 in Budapest.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 593.

Die wohl berühmteste Interpretin der Titelrolle im 20. Jahrhundert war Joan Sutherland, die die Partie 1959, anlässlich der Gedenkfeiern zu Händels 200. Todesjahr, in London im Sadler’s Wells Theatre sang (in Englisch, mit Janet Baker als Eduige) und sie auch noch in den 1970er und 1980er Jahren im Repertoire hatte.Die Oper wurde 1959 von der BBC live übertragen; die Aufnahme ist erhalten und wurde später auf CD veröffentlicht. Siehe „Anmerkungen des Produzenten“ und „Begleittext“, in: Andrew Rose: Sutherland – Handel: Rodelinda, auf der Website von Pristine Classical (Abruf am 3. Februar 2026)

Die erste Aufführung (?) des Stückes in historischer Aufführungspraxis fand am 23. Juni 1988 bei den Bruchsaler Barocktagen mit La Stagione Frankfurt unter der Leitung von Michael Schneider statt.

Libretto Wie die meisten Opern Händels basiert auch Hayms Textbuch der Rodelinda auf einer älteren Vorlage, einem gleichnamigen Libretto von Antonio Salvi, das 1710 mit der Musik von Giacomo Antonio Perti in Florenz uraufgeführt wurde. Salvi wiederum, der allgemein eine Vorliebe für französische Theaterstücke hatte, verwendete Pierre Corneilles Schauspiel Pertharite, roi des Lombards (1652/1653) als Vorlage.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 574.Andrew V. Jones: Handel. Rodelinda. Aus dem Englischen von Reinhard Lüthje. Booklet-Text zur CD-Einspielung: DG 477 5391, Hamburg 2005, S. 27.