mini|Gustav Mevissen im Jahr 1848. Lithografie nach einer Zeichnung von Valentin Schertle. mini|Gustav von Mevissen (1899) Gustav Mevissen, seit 1884 Gustav von Mevissen (* 20. Mai 1815 in Dülken, Rheinprovinz; † 13. August 1899 in Godesberg), war ein deutscher Unternehmer und Politiker. Ausgehend von der Textilherstellung investierte Mevissen in den Eisenbahnbau und die Schwerindustrie. Als Gründer zahlreicher Banken, darunter der Darmstädter Bank für Handel und Industrie, sowie Versicherungen gehört er zu den Pionieren des deutschen Kredit- und Versicherungswesens. Als Politiker war er einer der führenden Vertreter des rheinischen Liberalismus. Mevissen gehörte dem Provinziallandtag der Rheinprovinz, dem Vereinigten Landtag, der Frankfurter Nationalversammlung und ab 1866 dem Preußischen Herrenhaus an.

Familie und Ausbildung Mevissen entstammte einer katholischen rheinischen Kaufmannsfamilie aus dem Umfeld der bereits in vorindustrieller Zeit bedeutenden Textilstadt Krefeld. Er war der Sohn von Gerhard Mevissen (1776–1843). Sein Vater war vom Gesellen zum Meister im Zwirngewerbe aufgestiegen, hatte 1798 eine Zwirnmühle erworben und sie um eine Garnhandlung ergänzt. Als Kaufmann und Fabrikbesitzer hatte er bereits Geschäftsbeziehungen im gesamten Rheinland. Im Jahr 1834 erweiterte der Vater die Geschäftstätigkeit noch durch den Erwerb einer Ölmühle. Seine Mutter war Catharina Elisabeth (geb. Gierlings). Der Vater war nicht nur Kaufmann, sondern auch an den geistigen Entwicklungen der Zeit interessiert. Seine Kinder erzog er daher im Geist von Johann Heinrich Pestalozzi. Zwischen 1828 und 1830 besuchte Mevissen in Köln zunächst das evangelische Gymnasium, später das katholische Marzellengymnasium sowie die höhere Bürgerschule bis zur Tertia. Obwohl er wissenschaftliches Interesse zeigte, trat er 1830 in den Betrieb seines Vaters ein und absolvierte dort eine kaufmännische Ausbildung. Daneben bildete er sich durch Lektüre selbst weiter. Auch Reisen nach Belgien, Frankreich und England zwischen 1836 und 1838 erweiterten den geistigen Horizont von Mevissen.

Mevissen heiratete 1846 Elise Leiden. Mit seiner Frau hatte er fünf Töchter, darunter die spätere Frauenrechtlerin Mathilde von Mevissen. Nach elfjähriger Ehe starb seine Frau im Jahr 1857. Im Jahr 1860 heiratete Mevissen seine Schwägerin Therese Leiden.

Wirtschaftlicher Aufstieg mini|Rheinische Zeitung vom Oktober 1842 mini|Aktie der „Agrippina See-, Fluss- und Landtransport-Versicherungs-Gesellschaft“ vom 31. März 1845 1834 übernahm Mevissen die Leitung der väterlichen Ölmühle und war noch im gleichen Jahr Mitgründer des Kölner Allgemeinen Organs für Handel und Gewerbe. Vier Jahre später wurde er Teilhaber der Deutsch-Englischen Dampfschiffahrtsgesellschaft und im Folgejahr auch Teilhaber der väterlichen Zwirnfabrik, in der er sich zunächst die Geschäftsleitung mit seiner Schwester Wilhelmine teilte. 1839 war er Mitgründer der Rheinischen Allgemeinen Zeitung.

1841 zog Mevissen nach Köln. Dort gründete er mit einem Kompagnon eine Großhandlung für Textilien. Nach der Heirat seiner Schwester übernahm sein Schwager Franz Wilhelm Koenigs weitgehend das Geschäft in Dülken, während Mevissen seinen Lebens- und Geschäftsschwerpunkt nach Köln verlegte. Zu den ersten Geschäften, an denen er sich beteiligte, gehörte 1842 die Gründung der Rheinischen Zeitung zusammen mit Ludolf Camphausen und anderen. Dabei mischten sich wirtschaftliches Streben und politische Ziele. Mevissen veröffentlichte in dem von Karl Marx als Redakteur geprägten Blatt selbst einige Artikel. Der preußische Staat verbot die Zeitung aber bereits 1843.Obermann, S. 392–394.

Obwohl die Textilindustrie Kern seiner Unternehmen blieb, war er in einer Vielzahl von Branchen tätig, insbesondere in der Transport- und Schwerindustrie, dem Versicherungswesen und dem Bankgeschäft. Bereits in den 1830er Jahren sprach sich Mevissen für die Gründung von Aktiengesellschaften etwa zur Finanzierung mechanisierter Flachsgarnspinnereien, in den frühen 1840er-Jahren auch für Bergbauunternehmen und Banken aus. Er stieß damit allerdings zunächst auf den Widerstand der preußischen Bürokratie.

1843 wurde Mevissen Direktionsmitglied der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, von 1844 bis zu ihrer Verstaatlichung 1880 war er deren Präsident. Seit der 1846/47 erfolgten Gründung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen, der sich insbesondere um technische Standards und die Vereinheitlichung von Betriebsabläufen der vielen Privat- und Staatsbahnen verdient machte und Lobbyarbeit bei den Regierungen leistete, übernahm Mevissen auch in der gemeinsamen Verbandsarbeit der deutschen Eisenbahnen eine einflussreiche Rolle.Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen (Hrsg.): Festschrift über die Thätigkeit des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungen in den ersten 50 Jahren seines Bestehens 1846–1896. Berlin 1896, S. XIII-XVII.

1845 war Mevissen an der Gründung der See-, Fluß- und Landtransportversicherungsgesellschaft Agrippina beteiligt. Im April 1848 wurde Mevissen zum Direktor der Kölner Filiale der Darlehenskasse berufen. Im September 1848 war er als vom preußischen Staat eingesetzter Staatskommissar maßgeblich an der Rettung des Schaaffhausen’schen Bankvereins und dessen Umwandlung in eine Aktiengesellschaft beteiligt. Mevissen wurde erster Direktor der Gesellschaft, 1857 wechselte er in deren Aufsichtsrat, dem er bis 1875 angehörte. Unter Mevissens Leitung beteiligte sich das Kreditinstitut weiter an der Finanzierung der entstehenden Industrie. So war er seit 1856 an der Erschließung der Siegerländer Erzvorkommen beteiligt.Zeumer, S. 15, 41.

Mevissen als Politiker Mevissen und der rheinische Liberalismus Politisch wurde Mevissen zunächst stark vom süddeutschen Liberalismus um Karl von Rotteck, aber auch von anderen rheinischen Liberalen beeinflusst. Im Jahr 1835 schrieb er sogar eine „Ode an Rotteck“. Zwei Jahre später entwarf er, beeinflusst von David Hansemanns Schrift Preußen und Frankreich, eine Eingabe an den Regierungspräsidenten gegen die hohen Klassensteuern. Im politischen und geschäftlichen Kontakt mit weiteren rheinischen Liberalen wie Ludolf Camphausen und Hermann von Beckerath entwickelte sich Mevissen zu einem führenden Vertreter des rheinischen Liberalismus.Wolfram Siemann: Die deutsche Revolution von 1848/49. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-11266-X, S. 22 f. Diese Spielart des Liberalismus gründete ihr Selbstverständnis, insbesondere in Abgrenzung gegenüber dem preußischen Adel, nicht zuletzt auf dem Aufstieg der Industrie. Mevissen äußerte 1840: „Die Industrie ist zur selbstständigen Macht erstarkt [… dank], dieser neuen sozialen Macht“. In Deutschland müsse es „unleugbar einer neuen Ära auch politisch entgegen“ gehen. „Denn wo die Industrie als Macht stark ist, da ist auch politische Kraft und Freiheit.“Joseph Hansen: Gustav von Mevissen. Ein rheinisches Lebensbild 1815–1890. Berlin 1906, Bd. 1, S. 231 f., zit. nach Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 199.

1844 wurde Mevissen Mitglied der Handelskammer in Köln; von 1856 bis 1860 war er deren Präsident. Mevissens wirtschaftspolitische Äußerungen entsprachen dabei nicht immer der von der Mehrheit der Handelskammer vertretenen Forderung nach Freihandel, sondern eher den Gedanken von Friedrich List. Zwar stand er der Gründung des Deutschen Zollvereins positiv gegenüber, befürwortete aber in stärkerem Maße Schutzzölle und staatliche Interventionen. Daneben forderte er stärkere sozialpolitische Maßnahmen ein. Während der nicht zuletzt durch den Aufbau von Überkapazitäten ausgelösten Gründerkrise in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre forderte Mevissen eine aktive Wirtschaftspolitik des Staates etwa durch öffentliche Investitionen.Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 565 f., Hashagen, S. 775.

Das Drängen nach einer Liberalisierung des politischen Systems ging dabei einher mit der Furcht vor einer Revolution der Unterschichten. Im Jahr 1845 schrieb Mevissen: „[…] dass die Zahl der Proletarier in allen Staaten der Gegenwart in einer höchst beunruhigenden Progression steigt: Die drohende Woge der rächenden Zukunft [wälzt sich] näher und näher auf das lebende Geschlecht.“ Für Mevissen ging die eigentliche soziale Gefahr dabei nicht von den noch wenigen Industriearbeitern, sondern von den vom Pauperismus bedrohten ländlichen Unterschichten aus. Er folgerte daraus, dass die Gesellschaft auch aus diesem Grund einer tiefgreifenden Reform bedürfe. Eine wachsende Industrie, auch gefördert durch staatliche Wirtschaftspolitik, könne langfristig Wohlstand zur Bekämpfung der Armut schaffen.Zit. nach Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 266, 288 f. Um seine sozialpolitische Position umzusetzen, beteiligte er sich 1844/45 aktiv an der Arbeit des Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen. Zur Durchsetzung wirtschafts- und sozialpolitischer Reformen war für Mevissen eine preußische Verfassung eine notwendige Voraussetzung. Auch deshalb stand diese Frage für Mevissen in den 1840er Jahren im Zentrum der politischen Tätigkeit.

Während andere rheinische Liberale den Druck der unteren Schichten unter anderem durch ein Zensuswahlrecht abwehren wollten, sprach sich Mevissen für gleiche politische Rechte aus. „Nur dann, wenn das fortschreitende Bedürfnis nach Gleichheit aller in den staatlichen und sozialen Formen angemessene Befriedigung findet, ist eine friedliche Entwicklung der heutigen Gesellschaft […] möglich.“Zit. nach Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 266 f. Hans-Ulrich Wehler bezeichnet Mevissen als Exponenten eines aufgeklärten Sozialliberalismus, der mit seinen Forderungen in dieser Hinsicht weiter ging als andere Vertreter des rheinischen Liberalismus.Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 426. Seit den 1840er Jahren war Mevissen Mitglied und Gründer mehrerer sozialer und karitativer Vereine. Für die Mitarbeiter seiner Unternehmen richtete er Witwen-, Waisen-, Invaliden- und Krankenkassen ein und erbaute Krankenhäuser. 1879 wurde Mevissen auch zum finanziellen Förderer des Historikers Karl Lamprecht. Mit ihm und anderen Bürgern gründete er 1881 die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. Auf seine Initiative geht die Gründung der Städtischen Handelshochschule Cöln im Jahr 1901 zurück, für die er durch Errichtung einer Stiftung mit anderen Bürgern seit 1879 um finanzielle Unterstützung warb. Seine fast 15.000 Bücher umfassende Bibliothek vermachte er nach seinem Tode der Stadt Köln. Heute befinden sich diese Bücher in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln.

Politisches Wirken im Vormärz In der praktischen politischen Tätigkeit begann Mevissen seit der Mitte der 1840er Jahre stärker hervorzutreten. So war er 1845 an der Vorbereitung zweier Petitionen zugunsten einer allgemeinen Volksrepräsentation, Pressefreiheit, der Forderung nach öffentlichen Tagungen des Provinziallandtages sowie für die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung beteiligt. Er überging das Gebot der Geheimhaltung der Verhandlungen des Provinziallandtages durch die Mitarbeit an der Zusammenstellung und illegalen Verbreitung der Verhandlungsergebnisse des Landtages von 1845. Mevissen schrieb über den Erfolg der Schrift an seinen Schwager „Meine letzte Publikation den Landtag betreffend wird begierig gelesen und fast verschlungen.“Zit. nach Obermann, S. 395.