mini|Mischna, Ordnung Sera'im, Ausgabe Wilna 1921, Titelseite

Die Mischna () ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Tora und als solche eine der wichtigsten Sammlungen religionsgesetzlicher Überlieferungen des Judentums, aufbauend auf der Kodifizierungsleistung der Tannaim. Die Mischna bildet die Basis des Talmud. Sie ist das erste kanonische Werk der mündlichen Überlieferung des Judentums; sie wird auch als „Gesetzeskodex“ bezeichnet. Die Mischna stellt die wichtigste Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen (Halacha) der rabbinischen Zeit dar. Sie bildet damit die Grundlage der späteren talmudischen Argumentationen (Gemarah). Redigiert wurde sie Anfang des 3. Jahrhunderts in Galiläa im Umkreis des Rabbi Jehuda ha-Nasi. Sie ist im so genannten Mischna-Hebräisch verfasst; aramäische Sätze sind darin selten.

Begriff Der Begriff Mischna ist ein von der hebräischen Verbwurzel , abgeleitetes Substantiv. Die Bedeutung „Wiederholung“ beschreibt den Vorgang der mündlichen Weitergabe der Überlieferung. Mischna beschreibt sowohl das Werk als Ganzes („die Mischna“) als auch seine kleinsten strukturierten Einheiten (eine Mischna, mehrere Mischnajot).

Die aramäische Entsprechung bildet die Verbwurzel תנא tn’ bzw. תני tnj. Daher leitet sich die Bezeichnung Tannaiten (hebr. ) der Rabbinen dieser Zeit ab. Die Zeit der Entstehung der Mischna wird auch als Tannaitische Epoche bezeichnet.Jacob Howland: Plato and the Talmud. Cambridge University Press, 2010, ISBN 978-0-521-19313-9, S. 38.

Entstehungsgeschichte Nach orthodoxer jüdischer Auffassung hat Gott die Tora () dem Mose am Berg Sinai in zweifacher Form offenbart: zum einen als „schriftliche Tora“ (Tora schäh-bichtaw), also in Form der fünf Bücher Mose, die den Anfang auch der christlichen Bibel bilden; zum anderen als „mündliche Tora“ (Tora schäh-be'al-pe), die sich mit der Auslegung der schriftlichen Tora befasst. Die mündliche Tora wurde in der Folgezeit von einer jüdischen Gelehrtengeneration zunächst mündlich tradiert. Gläubige Juden gaben die mündliche Lehre Moses über die Generationen hinweg weiter. Eine Verschriftlichung fand erst zu einem späteren Zeitpunkt statt. Als dann der zweite Jerusalemer Tempel zerstört worden war (70 n. Chr.), wurde die Frage des religiösen Zusammenhaltes bedeutsamer. Es begann der Prozess der Verschriftung der ursprünglich mündlichen Lehre. Diese mündliche Lehre ist der Talmud.

Der Talmud setzt sich wiederum aus zwei Teilen zusammen: Mischna und Gemarah. Die Mischna ist der älteste Teil des Talmud und der Text im eigentlichen Sinne. Umfassend für alle Lebensbereiche, ist die Frage zentral, wie in einer Welt, die von JHWH geschaffen wurde, das Handeln der Menschen aussehen soll, so dass es das Wesen und die Absichten JHWHs repräsentiert. Die Gemarah wiederum ist die Diskussion und der Kommentar zur Mischna. Zu den einzelnen Mischna-Texten sind zwei verschiedene Gemara-Fassungen entstanden, so die „Gemara von Jerusalem“ von Argumentatoren aus den Schulen auf israelischem Gebiet sowie die „Gemara von Babylon“, in der die Vorstellungen von Rabbinen aus den Schulen von Babylon aufgeschrieben wurden.

Zur Zeit der Besetzung Judäas durch römische Truppen, insbesondere nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr., erkannten die Rabbiner die Gefahr einer Zerstreuung der Juden in die Diaspora. Dementsprechend sah man die Notwendigkeit, auch diese Überlieferung schriftlich zu kodifizieren. Beteiligt waren mehrere Generationen (Zuordnung manchmal schwankend) von Rabbinern (d. h. hier: Tannaiten), so etwa

1. Generation: u. a. Rabbi Jochanan ben Sakkai (um 40–80) 2. Generation: u. a. Rabban (Patriarch) Gamaliel von Javne, Rabbi Eliezer und Rabbi Jehoschua (um 90–130) 3. Generation: u. a. Rabbi Akiba (um 50–135) 4. Generation: u. a. Rabbi Meir, Jehuda ben Ilai, Schimon ben Jochai 5. Generation: u. a. Rabban (Patriarch) Jehuda ha-Nasi (165–217) 6. Generation (Zwischenschicht zwischen Mischna und Gemara): u. a. Rabbi Schimon ben Jehuda ha-Nasi und Jehoschua ben Levi

Herausragende Bedeutung kommt dabei dem angesehenen Tora-Gelehrten Jehuda ha-Nasi zu, der aufgrund seiner einzigartigen Autorität meist nur „Rabbi“ genannt wurde.

Da während des Redaktionsprozesses bisweilen neue Erkenntnisse über die Tora-Überlieferung auftauchten, eine Revision bereits in Umlauf befindlicher Mischna-Ausgaben aber nicht opportun erschien, kursierten zeitweise zwei Versionen des Werks: eine „Mischna Rischona“ (Ältere Fassung) und eine „Mischna Acharona“ (Jüngere Fassung). Eine verbindliche Ausgabe lag schließlich um das Jahr 220 vor.

Gleichzeitig beziehungsweise kurz nach der Mischna entstand die Tosefta, eine ergänzende Sammlung von Überlieferungen und Traditionen des Judentums.

Historischer Kontext – Palästina und Babylonien Die Bedeutung Jehudas ha-Nasi als politischer Nasi wurde von seiner Rolle als geistiger Führer überragt. Er vollendete die Redaktion der Mischna und fasste darin die wichtigsten halachischen Aussagen zusammen. Bis dahin vorherrschend war die ausschließlich mündliche Überlieferung, doch durch die Bildung kleiner Gemeinden im gesamten Römischen Reich setzte sich eine schriftlich fixierte Form durch, die einige Jahrzehnte später in Babylonien von den Gelehrten des Rav weitergeführt wurde.Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Übersetzung Susanne Held; Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 362–363. Die erste Blüte der babylonischen Rabbinen vollzog sich insbesondere in den Gelehrtenzentren von SuraRosetta Cato Musaph-Andriesse: Von der Tora bis zur Kabbala. (= Band 1509, Kleine Vandenhoeck-Reihe), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-33509-1, S. 52–54 und Nehardea deren Nachfolger die Akademie in Pumbedita war, Goodman, 2020, S. 364Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Übersetzung Susanne Held; Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 364.. Die entscheidenden Persönlichkeiten dieser Zeit waren der Rav oder Abba Arikha (ca. 175–247 n. Chr.) und Samuel bar Nachmani. Beide waren Schüler der Mischna-Tradition aus der römischen Provinz Palästina. Der Rav brachte die Mischna nach Babylonienspäte parthische und frühe sassanidische Periode und gründete in Nehardea das erste große Lehrzentrum, während Samuel in Sura die gelehrte Tätigkeit fortsetzte. Es war auch die Zeit der Herrschaft von Schapur I. Gemeinsam trugen die Gelehrten wesentlich dazu bei, die „palästinensische Mischna“ in Babylonien bekannt zu machen und die Grundlage für die spätere Entwicklung des Babylonischen Talmuds zu legen. Durch ihre Arbeit wurde die babylonische Gelehrsamkeit eigenständig, verband sich aber zugleich mit der Tradition Palästinas, wodurch die jüdische Rechts- und Lehrkultur im Exil nachhaltig geprägt wurde.Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-584039, S. 43.Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Übersetzung Susanne Held; Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 361–365 In der Epoche der Geonim führten die babylonischen Juden eine stringente Organisation ihrer Gemeinden, deren Oberhäupter auch von der herrschenden Regierung als deren Vertreter legitimiert waren. An der Spitze stand ein Exilarch. Ein Exilarch vertrat auch eine innerjüdische Gerichtsbarkeit seinen Gemeindemitgliedern gegenüber.Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-584039, S. 49. Das Judentum Babylons unter den Geonim assimilierte sich zunehmend an die arabische Kultur, ohne jedoch in ihr aufzugehen. Unter der Herrschaft der Buyiden (945–1055) verschlechterten sich die Lebensbedingungen zunehmend, sodass viele Juden in westliche Regionen wie Kairouan, Fès und Granada auswanderten. Damit ging die Epoche des Exilarchats und der geonäischen Lehrhäuser in Sura und Pumbedita gegen Mitte des 11. Jahrhunderts endgültig zu Ende.Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-584039, S. 51.

Aufbau

Die Mischna ist in sechs „Ordnungen“ (Sedarim, ) eingeteilt, diese wiederum in sieben bis zwölf Traktate (Massechtot, ). Die insgesamt 63 Traktate wiederum bestehen aus Abschnitten (Perakim) und letztlich aus einzelnen Mischnajot. Am Anfang der Mischna steht außerhalb der Ordnungen der formal der Ordnung Sera'im zugeordnete Traktat Berachot mit Segenssprüchen, Gebeten und der Gottesdienstordnung.

Die Titel der Ordnungen lauten: Seraʿim סֵדֶר זְרָעִים (Saaten, Samen): elf Traktate über landwirtschaftliche Abgaben an Priester, sozial Bedürftige, Fremde. Mo'ed סֵדֶר מוֹעֵד (Festzeiten, Festtag): zwölf Traktate über Fest- und Fasttage. Naschim סֵדֶר נָשִׁים (Frauen): sieben Traktate über Familienrecht. Nesiqin סֵדֶר נְזִיקִין (Schädigungen): zehn Traktate über Straf- und Zivil-, insbesondere Schadensersatzrecht, zusätzlich der ethische Traktat Avot. Qodaschim סֵדֶר קָדָשִׁים (Heilige Dinge): elf Traktate über Opferriten, Speisevorschriften u. a. Teharot סֵדֶר טְהָרוֹת (Reinigungen): zwölf Traktate über Reinheit/Unreinheit von Personen, Sachen und Orten.

Charakter Die Mischna enthält vorwiegend Bestimmungen zum jüdischen Religionsgesetz, der Halacha (). Es finden sich nur wenige erzählerische oder erbauliche Betrachtungen (Aggada, ), meist am Ende eines Traktates.

Gleichwohl ist die Mischna kein Gesetzeskodex im modernen Sinne. Vielmehr ist sie eine Synthese der damals vorherrschenden Meinungen unter den Gelehrten in der Akademie und am Gerichtshof in ihrer gesamten Breite und auch Widersprüchlichkeit. So ist eine der sechs Ordnungen vollständig dem Tempeldienst gewidmet, obwohl der Jerusalemer Tempel zum Zeitpunkt des Entstehens der Mischna bereits über ein Jahrhundert in Trümmern lag. Zahlreiche Diskussionen enden scheinbar offen, wobei die rabbinische Literatur bestimmte Auslegungsregeln kennt, nach welcher Autorität im Zweifelsfalle zu entscheiden ist.

Bemerkenswert an der Mischna ist ferner die mangelnde Begründung der darin zusammengeführten Gesetze aus den heiligen Schriften des Judentums. Nach der jüdischen Tradition wurde das mündliche Gesetz gleichzeitig mit dem geschriebenen Gesetz überliefert, es wird also nicht direkt davon abgeleitet. Die Herstellung einer Verbindung zwischen den Gesetzen der Mischna und der Tora war in den folgenden Jahrhunderten ein wesentliches Betätigungsfeld von Talmud und Midrasch.

Sprache Die Mischna ist ganz überwiegend in einer Form des Hebräischen verfasst, die nach ihr als „mischnisches Hebräisch“ bezeichnet wird. Daneben gibt es einige aramäische Sätze, z. B. bei den Sprüchen Hillels.Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch. 8., neubearbeitete Auflage, C. H. Beck Verlag, München 1992, ISBN 978-3-40636695-6, S. 104–105. Die Mischna ist in mittelhebräischer Sprache verfasst, die sich sowohl in der Grammatik als auch im Wortschatz deutlich vom klassischen Hebräisch unterscheidet. Diese sprachlichen Veränderungen sind vor dem Hintergrund zu verstehen, dass das Hebräische zur Zeit der Entstehung der Mischna bereits weitgehend durch das Aramäische als gesprochene Alltagssprache verdrängt worden war.

In der Mischna erscheinen daher zahlreiche Wörter, die im Tanach (einschließlich der Tora) nicht belegt sind, während umgekehrt viele biblische Begriffe in der Mischna nicht mehr verwendet werden. Zudem weisen viele gemeinsame Wörter eine veränderte Semantik auf, so finden sich Bedeutungsverschiebungen und Veränderungen im Wortfeld. Diese semantischen Entwicklungen lassen sich in vielen Fällen auf aramäischen Einfluss zurückführen.