mini|hochkant|Guy de Maupassant, um 1888 rahmenlos|zentriert|150px Henry René Albert Guy de Maupassant [] (* 5. August 1850 auf Schloss MiromesnilWebsite des Château de Miromesnil in Tourville-sur-Arques; abgerufen am 13. März 2011. in Tourville-sur-Arques, Normandie; † 6. Juli 1893 in Passy, Paris) war ein französischer Schriftsteller und Journalist. Maupassant gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er ist auch einer der am häufigsten verfilmten Autoren.
Leben und Schaffen mini|hochkant|Guy de Maupassant im Alter von 7 Jahren
Kindheit und Jugend Entgegen der verbreiteten Ansicht, dass das normannische Hafenstädtchen Fécamp sein Geburtsort sei, wurde Guy de Maupassant sowohl nach zeitgenössischen Quellen als auch nach neueren Forschungen (2005) auf Schloss Miromesnil in Tourville-sur-Arques bei Dieppe geboren, das seiner Familie zwar nicht gehörte, aber 1849 von ihr angemietet worden war. Seine Kindheit verbrachte er jedoch überwiegend in Fécamp. Seine Mutter, Laure Le Poitevin, war die Schwester eines Jugendfreundes von Gustave Flaubert, sein Vater ein aus einer neuadeligen Familie stammender Privatier, der sich bald durch seinen aufwändigen Lebensstil ruinierte (weshalb man u. a. das Schloss rasch wieder aufgab) und seine Frau zudem durch Seitensprünge verärgerte. Als der Vater 1859 in Paris als Bankangestellter arbeiten musste, trennte sich die Mutter kurz danach von ihm und ging mit Guy und seinem jüngeren Bruder Hervé zurück in die Normandie, in das aufstrebende Seebad Étretat.
Maupassant besuchte als Internatsschüler zunächst das katholische Seminar (petit séminaire) der Kreisstadt Yvetot, in dem nicht nur angehende Priester unterrichtet wurden, fühlte sich dort aber unwohl. Als Schüler unternahm er bereits literarische Versuche und wurde mit 17 wegen eines frechen Gedichts von der Schule verwiesen. Er wechselte auf das staatliche Gymnasium von Rouen, wo er von einem anderen Jugendfreund Flauberts, dem heute vergessenen Autor Louis Bouilhet, betreut wurde und auch Flaubert selbst kennenlernte, der ihm später ein väterlicher Freund wurde. Im Oktober 1868 rettete er das Leben des Poeten Algernon Charles Swinburne an der Küste von Étretat in der Normandie.
Nach dem Baccalauréat 1869 begann er in Paris ein Jura-Studium und wohnte bei seinem Vater. Er musste es aber unterbrechen, weil er nach Beginn des Französisch-Preußischen Krieges eingezogen wurde. Er kam zwar nicht zur kämpfenden Truppe, erlebte aber die Niederlage und die teilweise Besetzung Frankreichs durch preußisches Militär hautnah mit.
Die literarischen Anfänge mini|hochkant|Guy de Maupassant zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere Nach seiner Demobilisierung im Herbst 1872 führte Maupassant sein Studium nicht weiter, sondern nahm, dank der Vermittlung Flauberts, einen Posten als mittlerer Angestellter zuerst im Marine- und 1877 im Bildungsministerium an. Als Ausgleich für die lustlos ausgeübte Berufstätigkeit verbrachte er seine Freizeit Ruderboot fahrend auf der Seine, verbunden mit diversen Liebesabenteuern. Hierbei infizierte er sich 1877 mit Syphilis.
Neben Beruf und Hobby betätigte er sich unter Anleitung Flauberts literarisch in verschiedenen Gattungen, auch mit Gedichten und Theaterstücken. Doch veröffentlichte er lange Zeit fast nichts. Über Flaubert, der häufig in Paris weilte, erhielt er Kontakt zu Pariser Literaten, insbesondere 1875 zu Émile Zola, dem Chef der jungen Schule des Naturalismus. Maupassants Durchbruch als Autor war 1880 die meisterhafte psychologische Novelle Boule de suif („Fettklößchen“), die in einem Sammelband antimilitaristischer Erzählungen erschien, den Zola, Joris Karl Huysmans und andere schon bekannte naturalistische Autoren unter dem Titel Les Soirées de Médan herausgegeben hatten.
Aufstieg Nach dem Erfolg von Boule de suif gab Maupassant die Produktion lyrischer und dramatischer Texte weitgehend auf. In den nächsten zwölf Jahren schrieb er mit rasch wachsendem Prestige und Einkommen vor allem erzählende Werke. Insgesamt brachte er es auf ca. 300 Novellen und 6 Romane, die jedoch nicht alle fertig wurden. Seine drei Reisebücher, ein Gedichtband und ein Band Theaterstücke waren eher Beiprodukte. Dank seines Erfolgs konnte er Ende 1880 seinen Angestelltenposten aufgeben, 1883 ein Haus in Étretat bauen und 1885 eine Segelyacht kaufen.
Die Handlungen der meist dem Naturalismus nahestehenden erzählenden Werke spielen überwiegend in der heimatlichen Normandie und in Paris. Ort der Erstveröffentlichung war in der Regel das Feuilleton von Pariser Zeitschriften, wie Le Gaulois und Gil Blas. Heute noch gelesen werden – neben zahlreichen als Schullektüre obligaten Erzählungen – die Romane Une vie (1883) und vor allem der in vielerlei Hinsicht autobiografische Bel-Ami (1885). Une vie schildert die Enttäuschung aller Jungmädchenhoffnungen und den sozialen Abstieg einer adeligen Frau von ihrem 17. bis ca. 50. Lebensjahr. Bel-Ami zeigt die entscheidenden Jahre eines (von Maupassant sichtlich als Figur zugleich ungeliebten und bewunderten) jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. Weniger bekannt geworden ist der Roman Pierre et Jean (1887/88), den manche für seinen besten halten.
Außer seinen literarischen Texten verfasste Maupassant zahlreiche politische – meist regierungskritische – Artikel (sog. chroniques) für Pariser Zeitungen. Er zählt zu der Künstlergruppe, die sich in den Jahren vor 1889 gegen die Errichtung des Eiffelturms wendete. Zugleich führte er neben seiner Schriftstellerei eine unruhige Existenz. Er hatte wechselnde Geliebte (mit denen er insgesamt drei Kinder hatte), weilte oft in seinem Haus in Étretat, unternahm drei längere Reisen nach Nordafrika, lebte zeitweilig in Cannes und Antibes und unternahm von dort aus Reisen auf seiner Yacht Bel-Ami.
Frühes Ende mini|hochkant|Maupassants Grab auf dem Friedhof von Montparnasse
Offensichtlich war ihm die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes aufgrund seiner Syphilis bewusst, was ihm die letzten Lebensjahre stark verdüsterte. Außerdem litt er unter der Angst, verrückt zu werden wie sein Bruder Hervé. Obwohl seine gesundheitlichen Probleme (Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Angstzustände, Halluzinationen usw.), die auf eine seit 1879 oder eher bestehende depressive Psychose oder eine Neurosyphilis hinweisen,Klemens Dieckhöfer: Guy de Maupassant (1850–1893). Beispielhafte Novellen aus dem Werk des französischen Dichters, wie sie sich in der Sichtweise der zeitgenössischen Psychiatrie widerspiegelten. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018, S. 193–197, hier: S. 193. auch aufgrund seines Drogenkonsums in den späten 1880er Jahren stark zunahmen, hielt er sie geheim und arbeitete wie besessen. Seine düsterer werdenden Texte könnten jedoch seinen Zustand widerspiegeln.
In seiner Einleitung zur Gesamtausgabe der Novellen und Romane schreibt Ernst Sander: „Die Handschrift ist anfangs so gleichmäßig und fließend, dass man meinen könnte, die Niederschrift sei nach Diktat erfolgt; denn Maupassant pflegte seine Novellen im Kopf auszuarbeiten – bisweilen hat er sie, wie verschiedentlich bezeugt worden ist, vor der schriftlichen Fixierung im gleichen Wortlaut erzählt, den er hernach zu Papier brachte. In seiner Spätzeit jedoch wurden die Korrekturen, die Streichungen und Ergänzungen in seinen Manuskripten immer häufiger. Das Manuskript des Bel Ami wirkt sauber wie eine Kopie; aber die Handschrift seines letzten Romans, Notre Cœur (Unser Herz) legt beredtes Zeugnis davon ab, unter welcher Mühewaltung, ja, unter welchen Qualen das Werk entstanden ist.“Das Haus Tellier und andere Novellen, Nachdruck der Ausgabe München 1963, Bd. 1, 1986, Einleitung, S. 7–50, hier S. 36.
Am Neujahrsabend 1892 brach er beim Abendessen bei seiner Mutter zusammen, kam aber bald wieder zu sich. Er kehrte trotz Bitten der Mutter, bei ihr zu bleiben, nach Cannes zurück und unternahm dort einen Selbstmordversuch. Am 6. Januar 1892 wurde er in eine psychiatrische Klinik in Passy bei Paris (Heilanstalt von André Meuriot) eingeliefert:
Dort starb er am 6. Juli 1893 in geistiger Umnachtung. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Montparnasse beigesetzt.
Rezeption und Werkanalyse Rezeption Maupassant wurde zu Lebzeiten und danach in Frankreich für die Literaturrezensenten lange Zeit negativ-kritisch gesehen. Er wurde wegen seiner leichten Zugänglichkeit vielfach als einfach und oberflächlich eingestuft.Edward D. Sullivan: Maupassant the Novellist. Princeton 1954 Die Novellen, mit denen der Autor einem größeren Publikum bekannt wurde, spielten in der französischen literaturtheoretischen Diskussion keine Rolle. In der Literaturkritik der critique traditionelle waren vielmehr die Romanautoren anerkannt. Dazu zählten vor dem Erscheinen Maupassants Stendhal, Balzac, Flaubert, Zola und andere. Erst ab den 1960er Jahren wurde Maupassant in Frankreich im Rahmen der nouvelle critique radikal neu gesehen, indem Sichtweisen anderer Wissenschaftsbereiche wie der Sprachwissenschaft, Anthropologie, Soziologie oder Philosophie in die Literaturdiskussion eingebracht wurden.Gerda Schüler: Guy de Maupassant. In: Wolf-Dieter Lange (Hrsg.): Französische Literatur des 19. Jahrhunderts. III. Naturalismus und Symbolismus. UTB, 1980, S. 236–253
Ganz anders wurde Maupassant im Ausland aufgenommen. In den Vereinigten Staaten erreichten seine Novellen zu Lebzeiten des Autors eine Auflage von 169.000 Exemplaren, die Romane 180.000 Exemplare. Hier entwickelte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Novellentheorie mit Kriterien, die grundlegend für die Entstehung der „short story“ als Genre wurden. Henry James schuf das Bild von Maupassant als den „lion in the path“, des Löwen, der sein Terrain souverän beherrscht und so alle anderen zur Umkehr zwingt. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart richtete sich die amerikanische Novellentheorie stark an Maupassant aus. Aus vergleichbaren Gründen erreichte Maupassants Werk in Deutschland, England, Italien und Russland ebenfalls hohe Anerkennung sowohl in der Bevölkerung als auch in der Literaturtheorie. Zu seinen anhaltenden Bewunderern zählten Thomas Mann, Heinrich Mann, Tolstoi, Turgenjew, Pirandello und andere.
Die Qual der Kreatur als Kernthema Maupassant schrieb den Großteil seines Werks in einer Epoche mit eingeborenem Pessimismus, der an den Schwierigkeiten des Daseins wuchs.Josef Halperin: Maupassant der Romancier. Artemis, 1961, S. 157 Pessimismus und Resignation wurden vertieft durch den verlorenen deutsch-französischen Krieg 1870/71Josef Halperin: Maupassant der Romancier. Artemis, 1961, S. 43 und durch den Einfluss des Werks von Arthur Schopenhauer mit dessen Verdammtheit zum Leiden. „Der Mensch ist nach Maupassant kein moralisch handelndes, sondern ein biologisch unzulängliches, triebhaft fixiertes Wesen animalischen Zuschnitts, kurz – ein unfertiger Entwurf“. […] Die die Menschen verbindenden Gefühle wie Freundschaft und Liebe sind brüchig und wenig dauerhaft, […] der Mensch ist isoliert und auf sich selbst zurückgeworfen. Die Gesellschaft bildet nach Maupassants Worten das Bild einer „ewigen, allumfassenden, unzerstörbaren und allmächtigen Dummheit“.Ernst Kemmer. Nachwort zu: Guy de Maupassant. Six contes. Reclam Fremdsprachentexte, 1997, ISBN 978-3-15-009037-4