mini|Vittoria Colonna. Gemälde von Cristofano dell’Altissimo in den Uffizien, FlorenzZur Frage der Authentizität der Darstellung siehe Gaudenz Freuler: Vittoria Colonna: The Pictorial Evidence. In: Abigail Brundin u. a. (Hrsg.): A Companion to Vittoria Colonna, Leiden 2016, S. 237–269, hier: 261–265. Vittoria Colonna (* 1492 in der Burg von Marino bei Rom; † 25. Februar 1547 in Rom) war eine italienische Dichterin, die bei ihren gebildeten Zeitgenossen außergewöhnliche Bewunderung fand. Sie war eine der namhaftesten Persönlichkeiten im kulturellen Leben der Hochrenaissance und gilt als die bedeutendste italienische Lyrikerin ihrer Zeit.

Für ihre zahlreichen Bewunderer war Vittoria eine vorbildliche Idealfigur, die neben die großen Frauengestalten der Antike gestellt wurde. Sie entstammte dem alten, schon im Mittelalter mächtigen römischen Adelsgeschlecht der Colonna, einer der einflussreichsten Familien im Kirchenstaat. Durch ihre Ehe mit Fernando Francesco d’Avalos di Pescara, dem Markgrafen von Pescara, wurde sie Markgräfin. Nach seinem Tod an den Folgen einer in der Schlacht erlittenen Verwundung blieb sie Witwe und kinderlos und widmete sich kulturellen und religiösen Aufgaben.

Vittoria stand mit bedeutenden humanistischen Schriftstellern und Dichtern sowie mit hochrangigen kirchlichen Würdenträgern in freundschaftlicher Verbindung. Mit Michelangelo, der sie verehrte, pflegte sie intensiven Austausch. Ihre teils erotische, teils spirituelle Lyrik wurde ohne ihr Einverständnis gedruckt und erzielte einen starken Widerhall. Ein Hauptthema der Gedichte ist die anhaltende tiefe Trauer um den verstorbenen Gatten.

Die religiösen Wirren der beginnenden Reformationszeit sowie politische und militärische Konflikte stellten Vittoria vor große Herausforderungen. Sie bemühte sich um Verständigung, konnte aber eine vernichtende Niederlage der Familie Colonna nicht verhindern, und die Bestrebungen ihres Freundeskreises zur Erneuerung des religiösen Lebens schlugen fehl. Da Vittorias Überzeugungen und die Ideen ihres Umfelds zum Teil Ähnlichkeit mit dem Gedankengut der Reformatoren zeigten, geriet sie in der katholischen Kirche in den Verdacht, glaubenswidrige Ansichten zu vertreten. Das zunehmend intolerante Klima der beginnenden Gegenreformation verdüsterte ihre letzten Lebensjahre.

Leben Herkunft und Jugend Vittoria wurde nicht, wie man früher irrtümlich glaubte, im Jahr 1490, sondern erst 1492 geboren.Zur Chronologie siehe Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 3 f. Ihr Vater Fabrizio I. Colonna war ein Condottiere, ein erfolgreicher Söldnerführer, dessen Familie in Süditalien und im Kirchenstaat über Lehen verfügte und daher tief in die konfliktreichen politischen Verhältnisse dieser Region verwickelt war. Ihre Mutter Agnese von Montefeltro stammte aus dem Geschlecht der Herzöge von Urbino. Vittorias Großvater mütterlicherseits war der berühmte Condottiere und Herzog Federico da Montefeltro, der seine Hauptstadt Urbino zu einem bedeutenden Zentrum der humanistischen Kultur gemacht hatte. Da Agnese für ihre Liebe zur Literatur und bildenden Kunst bekannt war und Fabrizio kulturelle und wissenschaftliche Interessen hatte, ist anzunehmen, dass Vittoria in einer geistig anregenden Atmosphäre aufwuchs.Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 1 f., 8 f.

Im Jahr 1494 begann der französische König Karl VIII. eine Invasion Italiens, mit der er den historischen Anspruch seines Geschlechts auf das Königreich Neapel geltend machte. Damit wurde Italien zum Schauplatz lang anhaltender militärischer Auseinandersetzungen fremder Mächte. Vittorias Vater trat in den Dienst der Franzosen. Nach dem Einzug Karls in Rom und der Einnahme Neapels durch die französischen Truppen erhielt Fabrizio Colonna zum Lohn für die geleisteten Dienste einige Lehen. Die Franzosen wurden aber bald von einer starken gegnerischen Allianz zum Rückzug gezwungen, und der französische Statthalter vernachlässigte die Soldauszahlung für die Truppen Fabrizios. Daher brach Fabrizio mit den Franzosen. Er trat in den Dienst der Gegenpartei, des spanischen Hauses Aragón, das vor dem Einmarsch der Franzosen in Neapel regiert hatte. Die Familie Colonna trug wesentlich dazu bei, dass der aus diesem Geschlecht stammende König Ferdinand II. von Neapel, den Karl vertrieben hatte, sein Reich schnell zurückerobern konnte. Um die neue Allianz der Colonna mit Aragón zu festigen, vereinbarte man eine politische Heirat: Fabrizios dreijährige Tochter Vittoria wurde 1495 mit dem etwa fünfjährigen spanischen Adligen Fernando Francesco d’Avalos verlobt. Der Vater Fernando Francescos, der Markgraf von Pescara Alfonso d’Avalos, war ein treuer Anhänger des Hauses Aragón.Franca Petrucci: Colonna, Fabrizio. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 27, Rom 1982, S. 288–293; Gaia Servadio: Renaissance Woman, London 2005, S. 47 f.; Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 2 f.

mini|Fernando Francesco d’Avalos Vittoria lebte damals mit ihrer Mutter Agnese in Marino, einer von den Colonna beherrschten Ortschaft in den Albaner Bergen unweit von Rom. Als die Franzosen 1501 erneut in den Kirchenstaat einmarschierten, wurde Marino verbrannt. Agnese konnte nur knapp mit ihren Kindern entkommen und auf die Insel Ischia flüchten, wo Costanza d’Avalos, die Tante von Vittoras Verlobtem, sie aufnahm. Fabrizio geriet in Gefangenschaft, wurde aber freigekauft. Auf Ischia lernte Vittoria ihren künftigen Ehemann kennen. Wahrscheinlich blieb sie einige Jahre dort. Der militärische Partner der Colonna war nun der spanische Feldherr Gonzalo Fernández de Córdoba y Aguilar, genannt der Gran Capitán. Er war der Befehlshaber des von den Katholischen Königen Spaniens entsandten Heeres, das auf der Seite des aragonesischen Königshauses von Neapel gegen die Franzosen kämpfte. Ihm gelang es, die Franzosen entscheidend zu schlagen; 1503 nahm er Neapel ein. Die Früchte dieses Sieges erntete auch Fabrizio Colonna, der seine Machtstellung ausbauen konnte. Er ließ sich nun mit seiner Familie in Neapel nieder, wo sein Palast zu einem Treffpunkt von Gelehrten, Künstlern und Diplomaten wurde. Im Juni 1507 wurde der Vertrag über die Ehe Vittorias mit Fernando (italienisch: Ferrante) Francesco d’Avalos vom Vater der Braut und vom Bräutigam unterzeichnet, wobei sich Fabrizio Colonna verpflichtete, seine Tochter mit einer Mitgift von 14.000 Dukaten auszustatten. Die Hochzeit fand aber erst am 27. Dezember 1509 statt. Damit erwarb Vittoria den Titel einer Markgräfin von Pescara, mit dem sie alle ihre Briefe und Dokumente unterzeichnete.Gaia Servadio: Renaissance Woman, London 2005, S. 48–50; Maria Musiol: Vittoria Colonna, Berlin 2013, S. 37–40; Barbara Marx: Vittoria Colonna (1492–1547). In: Irmgard Osols-Wehden (Hrsg.): Frauen der italienischen Renaissance, Darmstadt 1999, S. 35–49 und 253–256, hier: 39; Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 7–9.

Ehejahre (1509–1525) Die ersten Ehejahre verbrachte das junge Paar in Neapel. Obwohl Fernando Francesco d’Avalos in Italien aufgewachsen und mit einer Italienerin verheiratet war, betrachtete er sich stets als Spanier, weigerte sich, italienisch zu sprechen, und verachtete die Italiener.Gaspare De Caro: Ferdinando Francesco d’Avalos. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 4, Rom 1962, S. 623–627, hier: 623 f.; Maria Musiol: Vittoria Colonna, Berlin 2013, S. 40. Deutliche Indizien zeigen, dass er seine Ehe als rein politisch betrachtete und seine Haltung zu seiner Frau nüchtern war. Darüber war Vittoria, die ihn von Anfang an leidenschaftlich liebte, schwer enttäuscht. Während sie ihm eine loyale Gattin war, meinte er, nicht zur ehelichen Treue verpflichtet zu sein. Er warb um die Gunst der Frau des Vizekönigs von Neapel, Isabella de Requesens, und schenkte ihr ein Perlenhalsband, das seiner Frau gehörte. Isabella sandte es an Vittoria zurück und riet ihr, darauf zu achten, dass es ihr nicht wieder entwendet werde.Gaia Servadio: Renaissance Woman, London 2005, S. 54 f.; Maria Musiol: Vittoria Colonna, Berlin 2013, S. 48–50; Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 12. Obwohl die Markgräfin ihren Mann bewunderte, brachte sie, wenn es ihr nötig schien, ihre abweichende Meinung entschieden zur Geltung.Claudia-Elisabetta Schurr: Vittoria Colonna und Michelangelo Buonarroti, Tübingen 2001, S. 6.

mini|Porträt Vittorias von Sebastiano del Piombo im Museu Nacional d’Art de Catalunya, Barcelona. Das Gemälde entstand wahrscheinlich in der Zeit ihrer Ehe, wohl in der ersten Hälfte der 1520er Jahre.Siehe zu dem Gemälde und seiner Datierung Gaudenz Freuler: Vittoria Colonna: The Pictorial Evidence. In: Abigail Brundin u. a. (Hrsg.): A Companion to Vittoria Colonna, Leiden 2016, S. 237–269, hier: 252–257. Im Jahr 1511 verbündete sich Papst Julius II. mit Kaiser Maximilian I., Spanien und der Republik Venedig in der Heiligen Liga gegen Frankreich. Fabrizio Colonna und Fernando Francesco d’Avalos zogen auf der Seite der Alliierten in den Kampf. Als die Liga in der Schlacht bei Ravenna eine Niederlage erlitt, wurden beide von den Franzosen gefangen genommen. Vittorias Gatte wurde nach Verhandlungen freigelassen und ging nach Mantua. Dort lernte er die Hofdame Delia kennen, die seine langjährige Geliebte wurde.Giorgio Patrizi: Vittoria Colonna. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 27, Rom 1982, S. 448–457, hier: 455; Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 12. Das Verhältnis ist durch Briefe bezeugt, die d’Avalos an einen Verwandten richtete.Die Briefe wurden von Alessandro Luzio im Gonzaga-Archiv in Mantua entdeckt; für Einzelheiten siehe Alessandro Luzio: Vittoria Colonna. In: Rivista storica mantovana 1, 1885, S. 1–52, hier: 3–8.

In der Folgezeit beteiligte sich der Markgraf von Pescara wiederum an den Kampfhandlungen. Er war für seine Kühnheit und Tapferkeit bekannt, doch die Grausamkeit seines Vorgehens war selbst für damalige Verhältnisse auffällig und erregte Anstoß. Seine Aufgaben erforderten lange Abwesenheit von zu Hause; nach 1517 hat Vittoria ihren Mann nur noch kurzzeitig gesehen. Die Ehe blieb kinderlos. In der Schlacht bei Pavia im Februar 1525 befehligte d’Avalos die Truppen Kaiser Karls V., des Nachfolgers Maximilians. Er errang einen großen Sieg über die französische Streitmacht, wurde aber schwer verwundet. Als er erkannte, dass sein Tod nahe war, ließ er Vittoria aus Ischia kommen. Am 3. Dezember 1525 starb er in Mailand. Vittoria traf ihn nicht mehr an; sie erhielt die Todesnachricht unterwegs in Viterbo und erlitt einen heftigen Schock. Damit begann die Zeit ihrer Trauer um den Gatten, die bis zu ihrem Tod andauerte.Gaia Servadio: Renaissance Woman, London 2005, S. 67–69; Maria Musiol: Vittoria Colonna, Berlin 2013, S. 53–60, 64–67.

Politische und militärische Verwicklungen

Von dem Verlust des Gatten schwer erschüttert beabsichtigte Vittoria, in ein Kloster einzutreten, doch Papst Clemens VII. verhinderte diesen Schritt. In den folgenden Jahren wechselte sie ihren Wohnsitz zwischen Rom, Marino, Neapel und Ischia. Für Ischia zeigte sie eine besondere Vorliebe.Claudia-Elisabetta Schurr: Vittoria Colonna und Michelangelo Buonarroti, Tübingen 2001, S. 11; Maria Musiol: Vittoria Colonna, Berlin 2013, S. 115 f.; Johann J. Wyss: Vittoria Colonna, Frauenfeld 1916, S. 29–35.