mini|Andreas Gryphius, Kupferstich von Philipp Kilian rahmenlos|rechts Andreas Gryphius (* 2. Oktober 1616 in Glogau, Fürstentum Glogau; † 16. Juli 1664 ebendort; eigentlich Andreas Greif) war ein deutscher Dichter und Dramatiker des Barocks. Mit seinen sprachgewaltigen Sonetten, welche „das Leiden, Gebrechlichkeit des Lebens und der Welt“Wolfgang Beutin: Deutsche Literaturgeschichte. Metzler, Stuttgart 2001, S. 119. gestalten, gilt Gryphius als der bedeutendste Lyriker des deutschen Barocks.
Leben Herkunft und Ausbildung Gryphius war der jüngste Sohn des lutherischen Archidiakons Paul Greif († 1621) aus Glogau (seit 1945 Głogów, Polen). Etwa ein Jahr nach dem Tode seines Vaters heiratete seine Mutter Anna den Michael Eder. Dieser war Lehrer an der evangelischen Glogauer Stadtschule, die auch der junge Gryphius besucht hatte.Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 22. 1625 entging der neunjährige Gryphius dem Tod durch Ertrinken. Ende Oktober 1628, kurz nachdem Gryphius’ Mutter an Schwindsucht (Tuberkulose) gestorben war, begann der kaiserliche Landeshauptmann mit der Rekatholisierung Glogaus. Hunderte von Protestanten, darunter auch Gryphius’ Stiefvater Eder, wurden vertrieben. Gryphius musste, wie alle Knaben unter 15 Jahren, zunächst in der Stadt bleiben, konnte jedoch Ende des Jahres seinem Stiefvater nach Driebitz bei Fraustadt folgen, einem kleinen Dorf auf polnischem Gebiet.
In den folgenden dreieinhalb Jahren versuchte Gryphius vergeblich, in Görlitz und Glogau wieder eine Schule zu besuchen. Erst im Sommer 1632 konnte er sein Leben im damals polnischen Fraustadt einigermaßen geregelt fortsetzen. Polen war religiös toleranter und von den Wirren und Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges verschont geblieben.Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 22 f. Willi Flemming: Andreas Gryphius. Eine Monographie. Stuttgart 1965, S. 24. Michael Eder war seit 1631 lutherischer Pfarrer in Fraustadt und hatte damit die Aufsicht über das dortige Gymnasium. Gryphius besuchte dieses Gymnasium zwei Jahre lang und trat erstmals als Autor an die Öffentlichkeit – als Verfasser des lateinischen Epos Herodes. Deklamationen, Disputationen, Schultheater und eigene poetische Produktionen, alles in lateinischer Sprache, gehörten zum zeittypischen Schulbetrieb, mit dem gedruckten Werk jedoch trat Gryphius aus dem Schulbereich heraus und als eigenständiger Dichter in Erscheinung.Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 24 f.
In den Jahren 1634 bis 1636 studierte er am Akademischen Gymnasium Danzig – für den jungen Mann aus der schlesischen Provinz war dies eine neue Welt. Danzig war eine weltoffene, florierende Handelsstadt, in der die konfessionellen Gegensätze nicht mit Waffen, sondern mit Worten ausgetragen wurden. Gryphius begegnete hier durch den am Gymnasium lehrenden Mathematiker und Astronomen Peter Crüger, der auch Poesie unterrichtete, dem naturwissenschaftlich-empirischen Weltbild Galileis und Johannes KeplersVgl. Sonett An Herrn Petrum Crügerum Weltberühmten Mathematicum und Epigramm Uber Nicolai Copernici Bild und den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Poetik.Martin Opitz: Buch von der deutschen Poeterey. Breslau 1624. Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 26 ff. In der Danziger Zeit entstand ein zweites lateinisches Herodes-Epos, gewidmet den Danziger Ratsherren, und der Parnassus Renovatus, gewidmet seinem späteren Gönner Schönborn; außerdem schrieb Gryphius wohl schon einige der Sonette, die 1637 im polnischen Lissa gedruckt wurden (Lissaer Sonette).
Nach Abschluss des Danziger Gymnasiums ging er als Hauslehrer auf das Gut des Georg Schönborn, Ritter von Schönborn, in der Nähe von Freystadt in Schlesien, wo sein Bruder Paul evangelischer Pfarrer war. Der zweijährige Aufenthalt auf dem Gut des bekannten Juristen und ehemaligen kaiserlichen Beamten verlief wegen der hypochondrischen und paranoiden Persönlichkeitsstruktur des Hausherrn vermutlich nicht immer spannungsfrei, Gryphius fand jedoch in der reichhaltigen Bibliothek einen Rückzugsraum und Gelegenheit zum Selbststudium.Vgl. Sonett In Bibliothecam Nobiliß. Amplimißimique Viri GEORGII SCHÖNBORNERI. Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 30 Den verheerenden Brand von Freystadt in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli 1637 schilderte er in dem längsten von ihm je verfassten deutschsprachigen Prosaband, der noch im Winter 1637 unter dem Titel Fewrige FreystadtFewrige Freystadt/Andreae Gryphii, Gedruckt zur Polnischen Lissa/bey Wigand Funken. Im Jahr 1637Fewrige Freystadt, Erste Neuedition seit 1637. Herausgegeben und kommentiert von Johannes Birgfeld. Werhan Verlag, Hannover, ISBN 3-932324-38-2. publiziert wurde. Mit diesem Bericht, der auf seinen eigenen und den Beobachtungen weiterer Augenzeugen beruhte, machte sich Gryphius viele Feinde, weil er nicht nur die kriegsbedingte Lage Freystadts realistisch schilderte, sondern auch das Versagen der städtischen Obrigkeit bei der Brandbekämpfung kritisierte.Marian Szyrocki: Andreas Gryphius. Sein Leben und Werk. Tübingen 1964, S.f.
Studium mini|hochkant=1.2|Gryphius: An GOTT den Heiligen Geist, aus dem Erstdruck der Sonette von 1637 Nach dem Tod seines Gönners Schönborn im Dezember 1637Die von Gryphius gehaltene Leichenrede wurde als Brunnen-Discurs veröffentlicht. begleitete Gryphius im Frühjahr 1638 zwei von dessen Söhnen zum Studium an die niederländische Universität Leiden, wegen der Kriegswirren mit dem Schiff von Danzig aus über die stürmische Ost- und Nordsee. Die Niederlande waren während dieses „goldenen Jahrhunderts“ geprägt von einem selbstbewussten, liberalen Bürgertum, religiöser Toleranz und einem beispiellosen Wirtschaftswachstum. Die Handwerkerstadt Leiden, in der westlichen Provinz Holland gelegen, hatte nach einer Volkszählung von 1622 45.000 Einwohner. Sie bildete den Kern eines städtischen Ensembles (Haarlem, Amsterdam, Utrecht, Gouda, Delft), das in Europa einmalig war.Paul Zumthor: Das Alltagsleben in Holland zur Zeit Rembrandts, Leipzig 1992, S. 23 Die 1575, zu Beginn des niederländischen Freiheitskampfes gegen Spanien gegründete Leidener Universität galt als eine der modernsten und fortschrittlichsten in ganz Europa.Paul Zumthor: Das Alltagsleben in Holland zur Zeit Rembrandts, Leipzig 1992, S. 132 ff.
Während Gryphius’ sechsjähriger Studienzeit lehrten dort viele bekannte Wissenschaftler, u. a. trug René Descartes seine neue Philosophie vor. Gryphius war als studiosus philosophiae immatrikuliert, studierte aber nicht nur ein einziges Fach, sondern beschäftigte sich mit den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen und hielt selbst akademische Übungen ab, wahrscheinlich eine Art Repetierkurse. Besonders faszinierten ihn die Sektionen im Theatrum Anatomicum, was 1658, nach seiner Rückkehr in die schlesische Heimat, dazu führte, dass er öffentlich zwei Mumien, die sich im Besitz eines Breslauer Apothekers befanden, sezierte.dokumentiert in Mumiae Wratislavienses. 1662. Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 31 ff. Mumienteile in Kugelform oder pulverisiert (Mumia) wurden von Ärzten, Badern und Apothekern gegen fast jedes Leiden verabreicht – und versprachen ein lukratives Geschäft.Andreas Weiser: Kannibalen? Wir? Gott bewahre! In: GEO Nr. 4, 2011, S. 87. 1640 verstarben sein Bruder Paul und seine Schwester Anna Maria innerhalb weniger Monate; Gryphius selbst erkrankte lebensbedrohlich.Vgl. mehrere Sonette, u. a. Thränen in schwerer Krankheit
In der Leidener Studienzeit festigte Gryphius seinen Ruf als produktiver Lyriker: Er veröffentlichte fünf Gedichtsammlungen, Sonette, Oden und Epigramme. Deutlich wird die Loslösung von der schul-rhetorischen Tradition und die Hinwendung zur deutschen Sprache. Ob Gryphius das Studium mit einer Disputation abschloss, bleibt unklar. In zwei Epigrammen (1643) und (1663) erwähnt er eine Disputation „De igne non elemento“, die verbrannt sei. Eine solche These entspräche der damals aktuellen wissenschaftlichen Diskussion, die die aristotelische Vier-Elemente-Lehre infrage stellte.
Anfang Juni 1644 brach er mit einer Gruppe Adliger aus Pommern zur damals üblichen Kavalierstour durch Frankreich und Italien auf.Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 33 ff. Dabei ging es vor allem darum, die „Welt“ zu sehen und Kontakte zu knüpfen. Ziele in Frankreich waren die Hauptstadt Paris und die alte Universitätsstadt Angers an der Loire, wo Gryphius möglicherweise den Einzug der aus England geflohenen Königin Henrietta Maria erlebte.Vgl. Sonett „Auff den Einzug der Durchläuchtigsten Königin MARIAE HENRIETTAE in Angiers...“ Offensichtlich verfolgte er mit großem Interesse den Bürgerkrieg in England, der 1649 in der Hinrichtung König Karls I. gipfelte – und Gryphius zu seinem dritten Trauerspiel Carolus Stuardus inspirierte. Hauptanziehungspunkte in Italien waren RomVgl. Sonett Als Er aus Rom geschidn, Florenz und Venedig. Der Republik Venedig widmete er das lateinische Epos „Olivetum“, das er in Florenz drucken ließ.
Eine genaue Datierung der einzelnen Reisestationen ist nicht möglich. Ein von Gryphius lateinisch geführtes Tagebuch ist verschollen.Willi Flemming: Andreas Gryphius. Eine Monographie. Stuttgart 1965, S. 229 Fest steht, dass er mit seinen Reisegefährten irgendwann zwischen April und Oktober 1646 von Venedig nach Straßburg reiste. Bis Mai 1647 hielt er sich an der Universität Straßburg auf, knüpfte Kontakte zu bekannten Gelehrten und schrieb sein erstes Trauerspiel „Leo Armenius“. Den Straßburger Verleger Caspar Dietzel beauftragte er mit einer Gesamtausgabe seiner deutschsprachigen Werke – ein Unternehmen, das nicht zu Ende geführt wurde, weil Dietzel in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Ohne Gryphius’ Wissen wurde 1650 von einem Frankfurter Verleger die Gesamtausgabe veröffentlicht.Eberhard Mannack: Andreas Gryphius. Stuttgart 1986, S. 16. Eine von Gryphius autorisierte Gesamtausgabe kam erst 1657 zustande.
Inzwischen waren die Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück weit vorangeschritten. Dennoch wählte Gryphius mit seiner Reisegruppe nicht den immer noch riskanten Landweg, sondern im Juli 1647 den Seeweg von Amsterdam aus, um über Stettin in die Heimat zurückzukehren.Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 38 In Stettin beendete er das in Straßburg begonnene zweite Trauerspiel „Catharina von Georgien“. Im November desselben Jahres erreichte er wieder Fraustadt, wo er seinen Stiefvater Michael Eder, gesundheitlich schwer angeschlagen und schon vom Tode gezeichnet, antraf.
Jurist und Dichter Nach neunjähriger Abwesenheit war es für Gryphius sicher nicht einfach, in Schlesien wieder Fuß zu fassen. In einem Sonett„An H. Johann Christoph von Schönborn über meine Zurückkunft in Deutschland“ beklagt er den Tod zahlreicher Freunde und Bekannter. Die zwei folgenden Jahre waren literarisch außerordentlich produktiv. Er schrieb die Trauerspiele „Cardenio und Celinde“ und „Carolus Stuardus“ und die Lustspiele „Peter Squentz“ und „Horribilicribrifax“. Gedruckt erschienen all diese Stücke erst Jahre später, die Trauerspiele in der autorisierten Gesamtausgabe von 1657. Eine überarbeitete und veränderte Fassung des „Carolus Stuardus“ erschien 1663, nachdem Gryphius neue Fakten über das Schicksal Karl Stuarts erfahren hatte. Rufe an verschiedene Universitäten (Frankfurt/Oder, Heidelberg, Uppsala) schlug er aus.Nicola Kaminski: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998, S. 38 ff.