mini|Ruinen des antiken Theben Das böotische Theben (mykenisches Griechisch , , Thêbai , , heute Thiva) war im Altertum die größte Stadt in der griechischen Landschaft Böotien. Sie liegt auf den Vorhöhen des Teumessos, wurde schon von Homer als die „Stadt der sieben Tore“ (Thebe Heptapylos) bezeichnet und war in der griechischen Antike der wichtigste Ort des Böotischen Bundes.

Geschichte Vorgeschichte Die bisher frühesten Spuren menschlicher Besiedlung in Theben stammen aus der späten Jungsteinzeit, vor allem in Form von Tongefäßen und Tonstatuetten.Dies und das folgende nach Vassilis Aravantinos: The Archeological Museum of Thebes. John S. Latsis Public Benefit Foundation, Athen 2010, S. 33–59 mit vielen Abbildungen. Aus dem Frühhelladikum (FH; frühe Bronzezeit), besonders dem FH II (ca. 2700–2200 v. Chr.) wurden in Theben und den umgebenden Hügeln bedeutende Siedlungsreste entdeckt. In dieser Phase wuchsen die offenbar teilweise gut organisierten Siedlungen, mit teils mehrstöckigen Gebäuden, und der Reichtum, bezeugt durch viele kostbare Kleinfunde, auch aus einer Reihe von Gräbern um Theben. Bei diesen handelt es sich um Kammergräber mit Dromoi. Schon damals gehörte Theben zusammen mit Eutresis sowie wahrscheinlich Orchomenos und Lithares zu den größten zumindest protourbanen Zentren Böotiens. Während des FH III (ca. 2200–2000 v. Chr.) wurde Theben, wie auch alle anderen Siedlungen Böotiens und vieler anderer Regionen Griechenlands, zerstört; ein Ereignis, das – mittlerweile nicht mehr unumstritten – oft mit einer Einwanderung von Indogermanen aus dem Norden (Balkanindogermanen) in Verbindung gebracht wird. In der Folge ist zunächst ein starker kultureller Abstieg festzustellen. Theben blieb aber auch während des folgenden Mittelhelladikums (mittlere Bronzezeit, ca. 2000–1700/1600 v. Chr.Die Datierung des Endes des Mittelhelladikums bzw. des Übergangs zu Späthelladikum hängt von der Datierung der sogenannten minoischen Eruption auf Santorin ab.) ununterbrochen besiedelt; dessen erste Hälfte offenbart allerdings weit weniger Reichtum und wesentlich einfachere Siedlungsstrukturen als das Frühhelladikum. Gegen Ende dieser Periode und am Übergang zum Späthelladikum (ca. 1700/1600–1050/00 v. Chr.) kommen reich ausgestattete Kriegergräber auf, in denen sich sowohl Waffen als auch kostbare andere Grabbeigaben unter anderem aus Gold fanden. Typische Keramik des Mittelhelladikums und teils auch noch am Beginn des Späthelladikums sind vor allem die Minysche Keramik, aber auch die sogenannte Mattbemalte Keramik.

Mykenische Zeit

In mykenischer Zeit war Theben ein bedeutendes Zentrum, das um 1200 v. Chr. ausweislich der dort gefundenen Linear-B-Texte den südöstlichen Teil Böotiens und womöglich auch den Süden Euböas beherrschte.Birgitta Eder: Überlegungen zur politischen Geographie der mykenischen Welt, oder: Argumente für die überregionale Bedeutung Mykenes in der spätbronzezeitlichen Ägäis. In: Geographia Antiqua. Band 18, 2009, S. 9, 24 f. (mit weiteren Literaturangaben zu den entsprechenden Linear-B-Texten); Tassilo Schmitt: Vom Ende des Erfolges. Überlegungen zum Untergang der mykenischen Palastzivilisation. In: Gustav Adolf Lehmann, Dorit Engster, Alexander Nuss (Hrsg.): Von der bronzezeitlichen Geschichte zur modernen Antikenrezeption, Syngramma Bd. 1, Universitätsverlag Göttingen 2012, S. 126. Skeptisch dagegen: Jorrit M. Kelder: The Kingdom of Mycenae. A Great Kingdom in the Late Bronze Age Aegean. CDL-Press, Bethesda, Maryland 2010, S. 9, 69; Thomas G. Palaima: Euboea, Athens, Thebes and Kadmos. The Implications of the Linear B References. In: David W. Rupp, Jonathan E. Tomlinson (Hrsg.): Euboea and Athens Colloquium in Memory of Malcolm B. Wallace. The Canadian Institute in Greece, Athen 2009, S. 74f. Möglicherweise wurde Theben auch auf der Ortsnamenliste des altägyptischen Pharaos Amenophis III. (ca. 1385–1351) mit der Bezeichnung di-qa-ja-s erwähnt;Antonín Bartoněk: Das böotische Theben auf einer ägyptischen Namensliste? In: Sborník prací Filozofické fakulty brněnské univerzity. Band 2, 1983, S. 201–204. jedoch ist diese Gleichsetzung strittig.John Bennet: The Geography of the Mycenaean Kingdoms. In: Yves Duhoux, Anna Morpurgo Davies (Hrsg.): A Companion to Linear B. Mycenaean Greek Texts and their World. Band 2, Peeters, Louvain 2011, S. 160, der Tegea als Alternative nennt. Die auf dem Kadmeia genannten Hügel errichtete mykenische Oberstadt („Königsburg“) liegt unter der modernen Stadt, so dass nur an wenigen Stellen systematische Ausgrabungen durchgeführt wurden. Von den Palastgebäuden wurden deshalb bisher nur wenige Räume erforscht. Dabei kamen zwei unterschiedlich ausgerichtete Gebäudekomplexe zu Tage, bei denen ungeklärt ist, ob sie zu zwei verschiedenen, zeitlich getrennten Palästen gehören (dann als altes und neues Kadmeion bezeichnet).Dies und das Folgende zu eventuellen Phasen und Zerstörungsschichten nach Louise Schofield: . The British Museum Press, London 2007, S. 94 f. und Konstantinos Kopanias: . In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung (AM) 123, 2008, S. 40 f., letzterer mit vielen weiterführenden Literaturangaben. Gesichert scheint, dass es insgesamt drei Zerstörungen gab. Die erste ereignete sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr., gegen Ende des Späthelladikums (SH) III A2. Eventuell wurde nach dieser Zerstörung das alte Kadmeion aufgegeben und ein neues errichtet, doch sind die Befunde nicht eindeutig. Eine weitere Zerstörung ereignete sich am Ende von SH III B1 (ca. 1240/25 v. Chr.Penelope A. Mountjoy: . Oxford University School of Archaeology, 2. Auflage 2001 (1. Auflage 1993), ISBN 0-947816-36-4, S. 4. Tabelle 1 gibt mit 1225 v. Chr. ein sehr spätes Datum für den Übergang SH III B1 zu B2 an.), nach der einige Räume restauriert, andere hingegen offenbar nicht mehr genutzt wurden. Am Ende von SH III B2 oder der Übergangsphase SH III B zu III C (ca. 1190–80 v. Chr.) ereignete sich eine dritte Zerstörung, nach der (schließlich auch) der (neue) Palast endgültig aufgegeben wurde.

Obwohl große Teile des Palastes wegen der modernen Überbauung bisher nicht erforscht werden konnten, kamen bei den bisherigen Ausgrabungen zahlreiche bedeutende Funde ans Licht, darunter ein Archiv mit vielen Linear-B-Tafeln, die der Palastverwaltung dienten. Einen beachtlichen Fund stellen 42 kostbare, vor allem mesopotamische (meist kassitische) und zyprische Rollsiegel dar.Veröffentlicht wurden die orientalischen Exemplare von Edith Porada: . In: Archiv für Orientforschung, Band 28, 1981/82, S. 1–70. Hinzu kommen neun ungravierte Siegel sowie einige stark abgenutzte, die nicht mehr les- oder bestimmbar sind. Die meisten Siegel stammen aus dem 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr., einige altbabylonische Exemplare sind jedoch bedeutend älter. Sie waren ursprünglich in Holzkisten im Obergeschoss gehortet worden und wurden in einer Zerstörungsschicht des sogenannten Schatzraums entdeckt. Allerdings ist unklar, ob diese Zerstörungsschicht der des späten 13./frühen 12. Jahrhunderts entspricht oder einer früheren, kurz nach Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. (am Ende von SH III B1).Konstantinos Kopasias: . In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung (AM) 123, 2008, S. 40 f. Viele Siegel waren aus Lapislazuli, einem damals in Griechenland außerordentlich seltenen Material.Konstantinos Kopasias: . In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung 123, 2008, S. 44, 55. Demnach wurden außerhalb Thebens bisher nur zehn Siegel aus Lapislazuli im mykenischen Griechenland gefunden, in der Regel von deutlich geringerer Qualität. Aus Lapislazuli waren auch eine Anzahl von Schmuckelementen, wie Lapislazuli-Perlen unterschiedlicher Form und kleine Anthemia aus Lapislazuli für Halsketten, die im selben Raum entdeckt wurden. Zumindest die kassitischen Siegel – deren Gesamtgewicht von 496 g ungefähr einer damaligen Mine entspricht – gelangten wahrscheinlich gleichzeitig nach Theben. Nach Meinung unter anderem der Bearbeiterin Edith Porada könnten sie ein Geschenk des assyrischen Herrschers Tukulti-Ninurta I. gewesen sein, der um 1225 v. Chr. Babylon erobert hatte. Das Geschenk bezeuge gute Beziehungen Thebens zu Assyrien, die Porada auch aus dem sogenannten Šaušgamuwa-Vertrag ableitet. Dabei handelt es sich um den Entwurf eines Schreibens Tudḫaliyas IV. an den Vasallenkönig Šaušgamuwa in Amurru, wonach verhindert werden sollte, dass sich Schiffe Aḫḫijawas (? die Lesung des Worts, dessen Anfang fehlt, ist nicht unstrittigEine andere Auffassung, Ugarit müsse keine Kriegsschiffe stellen (statt Schiffe von (Aḫḫ)ijawa), vertritt Gerd Steiner: „Schiffe von Aḫḫijawa“ oder „Kriegsschiffe“ von Amurru im Šauškamuwa-Vertrag? In: Ugarit Forschungen 21, 1989, S. 393–411. Seine Interpretation konnte sich in der Forschung allerdings nicht durchsetzen.) in amurritischen Häfen mit assyrischen Händlern verbinden sollen.Edith Porada: . In: Archiv für Orientforschung, Band 28, 1981/82, S. 70. Porada erwähnt allerdings nicht, dass im selben Dokument, das üblicherweise vor die Zerstörung Babylons datiert wird,Siehe zum Beispiel Theo P. J. van den Hout: Der Ulmitešub-Vertrag. Eine prosopographische Untersuchung (= Studien zu den Böğazköy-Texten. Band 38). Harrassowitz, Wiesbaden 1995, S. 114; Trevor R. Bryce: . Oxford University Press, überarbeitete Neuauflage 2005, ISBN 978-0-19-928132-9, S. 315 f. der Herrscher Aḫḫijawas aus einer Liste der als gleichrangig angesehenen Großkönige durch einen waagrechten Strich getilgt ist. Die Streichung wird mit einem starken Bedeutungsverlust Aḫḫijawas kurz vor dem Vertrag erklärt.Gary M. Beckman, Trevor R. Bryce, Eric H. Cline: . Society of Biblical Literature, Atlanta 2011, S. 67 f. Da 1225/1220 v. Chr. als terminus post quem recht spät erscheint und sich auch nur schwer mit einer eventuellen Zerstörung am Ende von SH III B1 vereinbaren ließe, ist diese Theorie jedoch strittig.Ausführlich zur Diskussion, wie die Siegel nach Theben gelangten, bei Konstantinos Kopanias: . AM 123, 2008, S. 55 ff., der selbst die These aufstellt, dass die kassitischen Rollsiegel bereits von Burna-buriaš II. als diplomatisches Geschenk einem anderen (zum Beispiel hethitischen oder ägyptischen) Herrscher geschickt wurden und später nach Theben weiterverschenkt wurden. Der Fund deutet aber in jedem Fall an, dass das Reich von Theben damals nicht unbedeutend war und weitreichende diplomatische Kontakte unterhielt.