alt=|mini|Rekonstruktionsvorschlag von Augusta Raurica zur Blütezeit 240 n. Chr. Die römische Kolonie Augusta Raurica () liegt rund zehn Kilometer östlich von Basilia, dem heutigen Basel in der Schweiz, am Südufer des Rheins. Offiziell wurde sie im Jahr 44 v. Chr. gegründet und entwickelte sich zur grössten Stadt der Region. Um 200 n. Chr. lebten hier etwa 15'000 Menschen. Die Zivilsiedlung hatte Bestand bis etwa 280 n. Chr. Nachdem die Siedlung kurzzeitig auf eine stark verkleinerte Wohnfläche (enceinte réduite) reduziert worden war, entstand im nördlichen Stadtgebiet am Rhein um 300 das Castrum Rauracense, das während etwa 100 Jahren römische Truppen beherbergte. Im 7. Jahrhundert verlor die Stadt ihre Bedeutung an das neue regionale Zentrum Basel. Heute erstreckt sich das antike Siedlungsgebiet über die Gemeinden Augst (BL) und Kaiseraugst (AG).
Lage und Topografie mini|Die Lage der antiken Stadt Augusta Raurica in der heutigen Nordwestschweiz bei Basel
Augusta Raurica liegt auf einer Terrasse zwischen Rhein und Tafeljura im Nordwesten der heutigen Schweiz. Die Colonia wurde als Planstadt auf der grünen Wiese gegründet, musste also keine Rücksicht auf bereits bestehende Siedlungsstrukturen nehmen. Die Bauherren konnten dadurch die für ihre Zwecke ideale Lage und Topografie auswählen. Der Rhein verband die Stadt auf dem Wasserweg mit grossen Teilen der nordwestlichen Provinzen. Zudem kreuzten sich bei Augusta Raurica die von Oberitalien über den Grossen St. Bernhard via Aventicum kommende Nord-Süd-Strasse, die hier den Rhein überquert, und die von Gallien nach Raetien und Pannonien führende West-Ost-Strasse. Zwei Bäche, die Ergolz und der Violenbach, hatten an dieser Stelle ein Plateau mit steil abfallenden Hängen geformt, das der Stadt einen natürlichen Schutz und eine weite Sicht über die Rheinebene gewährte. Sie sorgten – ergänzt durch Aquädukte, vor allem die Wasserleitung aus Liestal – zudem für eine gute Wasserversorgung. Die fruchtbare, klimatisch begünstigte Rheinebene ermöglichte die Versorgung der Stadt mit landwirtschaftlichen Produkten.
Die Colonia wurde auf einem Geländesporn angelegt (sogenannte Oberstadt). Der cardo maximus ist nicht nach Norden ausgerichtet, sondern weicht aufgrund der Topografie um 36 Grad nach Westen ab. Er kreuzt sich auf dem Forum mit dem decumanus maximus. Das regelmässige Insula-Raster, das über das ganze Oberstadt-Plateau gelegt wurde, bildet Rechtecke von etwa 56 × 66 m. Ein Teil der Siedlung wurde zudem in der Ebene am Rhein angelegt (sogenannte Unterstadt), hier wurde das Insula-Raster jedoch nicht aufgenommen.
Name der Kolonie alt=|mini|Inschrift auf dem Grabmonument des Lucius Munatius Plancus auf dem Monte Orlando bei Gaeta. In den letzten zwei Zeilen wird die Gründung der Kolonien Lugudunum (Lyon) und Raurica erwähnt.
In der ersten heute bekannten Nennung, der Grabinschrift des Lucius Munatius Plancus, wird die Colonia schlicht Colonia Raurica genannt. Bei der augusteischen Neugründung erfolgte dann eine Erweiterung des Namens zu Colonia Paterna (?) Munatia (?) Felix (? oder Copia?) Apollinaris Augusta Emerita Raurica. Das nachgewiesene Emerita deutet darauf hin, dass die Stadt als Veteranenkolonie gegründet wurde und wohl ursprünglich einen militärischen Charakter haben sollte. Der erste gesicherte Beleg für den Namensbestandteil Augusta stammt aus dem Jahre 139 n. Chr., eine solche Benennung bereits ab augusteischer Zeit ist jedoch sehr wahrscheinlich. Raurica geht auf den in der Region ansässigen keltischen Stamm der Rauriker zurück.Ludwig Berger: Führer durch Augusta Raurica. 7. Auflage, Schwabe Verlag, Basel 2012, S. 19 f. Neben Raurica findet sich häufig auch alternativ die Genitivform Rauricorum oder Rauracorum in den antiken Zeugnissen.Ludwig Berger: Testimonien für die Namen von Augst und Kaiseraugst von den Anfängen bis zum Ende des ersten Jahrtausends. In: Peter-Andrew Schwarz, Ludwig Berger (Hrsg.): Tituli Rauracenses 1: Testimonien und Aufsätze. Zu den Namen und ausgewählten Inschriften von Augst und Kaiseraugst (= Forschungen in Augst. Band 29). Römerstadt Augusta Raurica, Augst 2000, ISBN 3-7151-0029-X, S. 13–39.
Geschichte Gründungszeit Im Bereich der späteren Colonia Augusta Raurica wurde bereits im Neolithikum und in der Bronzezeit gesiedelt.Alex Furger: Spuren aus der Urgeschichte. In: René Salathé (Hrsg.): Augst und Kaiseraugst. Zwei Dörfer – eine Geschichte. Verlag des Kantons Basel-Land, Liestal 2007, S. 17–20. Funde aus der spätkeltischen Zeit (Latène D1) zeigen, dass bis etwa 70 v. Chr. eine kleine keltische Siedlung bestand, aus den Jahrzehnten vor der Gründung der Colonia fehlen jedoch Hinweise auf eine Besiedlung.Verena Vogel Müller, Michael Nick, Markus Peter: Spätlatènezeitliche Funde aus Augusta Raurica. Zeugnisse einer vorrömischen Siedlung? In: Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst. Band 33, 2012, S. 145–162 (doi:10.5169/seals-395745).
Gemäss der Grabinschrift von Lucius Munatius Plancus in Gaëta wurde die Colonia im Sommer des Jahres 44 v. Chr. formal gegründet. Aus dieser Zeit konnten bislang jedoch keine archäologischen Befunde nachgewiesen werden. Möglich ist, dass die Colonia entweder als Folge der Bürgerkriege nach Caesars Tod über den formalen Gründungsakt nicht hinauskam oder dass die Colonia Raurica ursprünglich nicht bei Augst, sondern in Basel (Basilia) gegründet wurde. Zu einer dauerhaften Koloniegründung kam es erst in Folge der Eroberung der Zentralalpen unter Kaiser Augustus um 15 v. Chr. Die ältesten bekannten archäologischen Zeugnisse vor Ort stammen von einer Nutzung und Besiedlung des Areals in den Jahren 10–1 v. Chr.Sven Straumann, Sandra Ammann, Hans Sütterlin: Auf der Suche nach der Pionierbesiedlung. Zur Frühzeit von Augusta Raurica. In: Ana Z. Maspoli, Sandra Ammann, Hannes Flück, Sven Straumann (Hrsg.): Ianua patet cor magis. Festschrift für Peter-Andrew Schwarz zum 65. Geburtstag (= Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa. Band 33). Kantonsarchäologie Aargau, Brugg 2025, ISBN 978-3-907662-14-4, S. 203–220, besonders S. 210–213 (online). Das älteste öffentliche Bauwerk ist das Hauptforum, das wohl bereits kurz nach der Gründung aus Holz erbaut wurde.
Auf- und Ausbau im 1. Jahrhundert n. Chr. Im Verlauf des 1. Jahrhunderts wurden die Insulae mit Wohn- und Handwerkshäusern überbaut und die Stadt wuchs rasch. Am westlichen Rand der Oberstadt befanden sich ausgedehnte Tempelbezirke mit gallorömischen Viereckstempeln. Gegenüber dem Forum wurde in tiberischer Zeit eine Therme errichtet, die sogenannten Frauenthermen.Tamara Pfammatter, Hans Sütterlin: Die römischen Thermen von Augusta Raurica. Lage und Kleinfunde. In: Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst. Band 36, 2015, S. 123–169 (doi:10.5169/seals-760320). In der gleichen Zeit entstand in der Ebene am Rhein ein Militärlager aus Holz, das eine Fläche von etwa 90 × 140 m umfasste. Wegen der Lage direkt an der Grenze wurden in der Zivilstadt Truppen stationiert, die zum Heeresverband des 40 km entfernten und militärisch viel bedeutenderen Vindonissa gehörten.Eckhard Deschler-Erb: Ad arma! Römisches Militär des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Augusta Raurica (= Forschungen in Augst. Band 28). Römerstadt Augusta Raurica, Augst 1999, passim (online).Eckhard Deschler-Erb, Sabine Deschler-Erb, Markus Peter: Das frühkaiserzeitliche Militärlager in der Kaiseraugster Unterstadt (= Forschungen in Augst. Band 12). Römerstadt Augusta Raurica, Augst 1991 (online).
Um die Mitte des 1. Jahrhunderts setzte eine rege Bautätigkeit ein und die Gebäude der Colonia wurden innert weniger Jahrzehnte in Stein ausgebaut. Auch grosse Neubauprojekte wurden in Angriff genommen. Im Zentrum der Stadt entstanden in flavischer Zeit ein szenisches Theater und direkt gegenüberliegend ein grosser Podiumstempel (Schönbühltempel).Thomas Hufschmid: Drei Theater und ein Heiligtum. Aspekte von Kult und Ritus am Beispiel der römischen Theater von Augst. In: Thomas Hufschmid (Redaktion): Theaterbauten als Teil monumentaler Heiligtümer in den Nordwestlichen Provinzen des Imperium Romanum. Architektur – Organisation – Nutzen (= Forschungen in Augst. Band 50). Augusta Raurica, Augst 2016, S. 175–192 (online).Thomas Hufschmid: Die Theaterbauten von Augst Neun-Türme. In: Ludwig Berger: Führer durch Augusta Raurica. 7. Auflage, Schwabe Verlag, Basel 2012, S. 79–117. Daneben wurde ein zweites, kleineres Forum errichtet (Südforum) und inmitten der Wohnquartiere wurde eine Badeanlage gebaut, die eine ganze Insula umfasste (Zentralthermen). Am westlichen Stadtrand entstand eine grosse Tempelanlage, zu der ein Heilbad gehörte (Tempel und Bad in der Grienmatt).
Bereits um die Mitte des 1. Jahrhunderts wurde das Militärlager in der Unterstadt wieder aufgegeben. Unter Vespasian wurde dann die bisher am Rhein entlangführende Grenze zu Germanien weiter nach Norden verschoben und Augusta Raurica wurde zu einer reinen Zivilstadt. Etwa ab der gleichen Zeit wurde der ehemalige Standort des Militärlagers mit Wohn- und Handwerksbauten aus Holz überbaut. Zudem begann man mit dem Bau einer Stadtmauer, die aber nie fertiggestellt wurde.
Blütezeit im 2. Jahrhundert n. Chr. Das 2. Jahrhundert brachte der Stadt Jahrzehnte der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Blüte. Die Stadt war weitgehend «fertig» gebaut und es lassen sich vorwiegend Um- und Ausbauten an bestehenden Gebäuden feststellen. Der wohl grösste Umbau fand zu Beginn des Jahrhunderts im Zentrum der Colonia statt, wo das szenische Theater in ein Semi-Amphitheater umgebaut wurde. Ein Brand löste zudem umfangreiche Um- und Neubauarbeiten am Forum aus.
Etwa um 170 n. Chr. wurde am südlichen Rande der Stadt der Bau eines «echten» Amphitheaters in Angriff genommen. Dazu nutzte man einen natürlich entstandenen Geländeeinschnitt, dies ersparte grössere Aushub- und Aufschüttungsarbeiten. Das Semi-Amphitheater im Stadtzentrum wurde daraufhin wiederum in ein szenisches Theater umgebaut.
Auch in den Privathäusern fanden Um- und Ausbauarbeiten statt; vor allem gegen Ende des 2. Jahrhunderts entstanden reich ausgestattete Stadtvillen, die teilweise ganze Insulae einnahmen. In zwei Fällen erhielten die Besitzer sogar die Erlaubnis, ihre Privathäuser über die öffentlichen Strassen hinweg zu erweitern. Die Gebiete der Unterstadt blieben einfachere Wohn- und Handwerksquartiere, die Gebäude wurden nun jedoch auch hier in Stein ausgebaut.
Krise und Befestigung im 3. Jahrhundert Das 3. Jahrhundert brachte Augusta Raurica einschneidende Ereignisse und Veränderungen. Das Römische Reich wurde von zahlreichen Kriegen, politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten und Angriffen auf die Grenzen in Atem gehalten. Die Auswirkungen lassen sich in Augusta Raurica bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts fassen. Einzelne Wohn- und Handwerksgebäude wurden aufgegeben und dem Zerfall überlassen, der Abfall wurde nicht mehr weggeräumt und blieb in den Strassen liegen. Brände häuften sich, wobei in einigen Fällen der Brandschutt an Ort und Stelle liegen blieb und auch wertvolle Gegenstände wie Silberstatuetten und Bronzegefässe nicht daraus geborgen wurden. Mit dem Krieg um das Gallische Sonderreich und der Aufgabe des obergermanisch-rätischen Limes in den 260er-Jahren häuften sich die Phänomene, bis die Stadt um 280 n. Chr. weitgehend aufgelassen und zerstört war. Waffen- und Skelettfunde in den Strassen der Oberstadt deuten darauf hin, dass auch die Colonia von Kämpfen heimgesucht wurde. Die stark reduzierte Bevölkerung zog sich auf einen natürlichen Geländesporn am Rande der Oberstadt zurück, den sie mit Baumaterial aus den öffentlichen und privaten Bauwerken der Stadt befestigte.
Militärpräsenz in der Spätantike