mini|Rekonstruktionsversuch des mittelkaiserzeitlichen Hilfstruppenkastells Biriciana am Limes in Bayern mini|Modell des römischen Legionslagers in Bonn mini|Templeborough, römisches Militärlager in Britannien mini|Das tripolitanische Kastell Gheriat el-Garbia, Grabungsergebnisse 2009–2010
Das römische Militärlager (lateinisch Castrum, Mehrzahl Castra; für: befestigter Ort), auch Kastell (von lateinisch castellum, Verkleinerungsform von castrum), war ein wesentliches Element des römischen Heerwesens. Von Tacitus ist folgende Aussage überliefert: „Das Lager ist der besondere Stolz der Soldaten. Es ist ihr Vaterland, das seine Soldaten beheimatet“.Tacitus, Historien 3,84. Militärische Einrichtungen, insbesondere die Kastelle, waren, wo auch immer das Imperium in der Welt auftrat, die „physische Manifestation Roms“.Simon James: Rom und das Schwert. Wie Krieger und Waffen die römische Geschichte prägten. WBG, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-25598-6, S. 161. Zusätzlich zu seiner Funktion als Ausgangspunkt für militärische Operationen oder als kurzfristiger Standort vor Schlachten hatten insbesondere die ständigen Garnisonen aufgrund ihrer Wirtschaftskraft und ihres bis dahin an vielen Orten unbekannten technischen Fortschrittes wesentlichen Anteil an der Romanisierung der eroberten Gebiete. Zahlreiche Städtegründungen, die bis heute bestehen, gehen auf römische Militärstandorte zurück.
Die Größe der Anlagen richtete sich nach den jeweiligen Erfordernissen, wobei es neben Garnisonen auch Nachschublager gab. Ebenso sind militärische Fundorte bekannt, die möglicherweise unter anderem spezielle Aufgaben zu erledigen hatten. Ein wesentlicher Faktor für den Umfang römischer Kastelle ist zudem die historische Entwicklung im Zusammenhang mit den baulichen Strukturen, da sich deren Aussehen durch veränderte militärische Strategien im Laufe der Jahrhunderte stark wandelte.
Quellen Neben den archäologischen Grabungen an den architektonischen Resten bildet besonders die schriftliche Überlieferung eine wesentliche Grundlage zum Verständnis römischer Lager. Zwei militärtheoretische Schriften der Antike sind hierzu besonders wichtig. Das eine ist ein nur unvollständig erhaltener, kurzer Text mit dem Titel De munitionibus castrorum (Von den Befestigungen der Kastelle), der aus einem Sammelwerk stammt, das ein Vermessungstechniker namens Hyginus Gromaticus zusammengestellt hat.De munitionibus castrorum. Hygin ist allerdings nicht der Autor dieser militärischen Schrift unbekannten Ursprungs. Daher wird er in der Fachliteratur im Zusammenhang mit De munitionibus castrorum auch als Pseudo-Hygin bezeichnet. Der Entstehungszeitraum dieser Schrift wird mit dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. in Verbindung gebracht. Das andere Werk, Epitoma rei militaris (Abriss des Militärwesens), stammt von Flavius Vegetius Renatus und wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. geschrieben.Vegetius, Epitoma rei militaris. Vegetius schöpft aus einer Vielzahl von teils wesentlich älteren Quellen, die mehr als ein halbes Jahrtausend römischer Militärgeschichte umfassen. Da er diese Quellen jedoch nicht einzeln nennt, vermischen sich in der Schrift viele Aspekte einer jahrhundertelangen Entwicklung des römischen Heerwesens zu einem heute größtenteils nicht sauber trennbaren Surrogat. In der Forschung wird diese Schrift daher sehr vorsichtig verwendet. Ein anderer Autor, der griechische Historiker PolybiosPolybios 6, 26–42 (englische Übersetzung)., bringt Einzelheiten römischer Marschlager vom Ende des 3. bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Seine Schriften, die Historiae, bearbeiten die Zeit von 264–146 v. Chr. Bekannt ist er für seine darin enthaltene Beschreibung des Aufstiegs Roms, damals noch eine Republik, zur führenden Macht im Mittelmeerraum, und für seinen Augenzeugenbericht der Einnahme Karthagos im Jahre 146 v. Chr. Hundert Jahre später erwähnt Caesar viele Einzelheiten über die Bauweise der Lager zu seiner Zeit. Das Militärwesen der Kaiserzeit wird durch Flavius Arrianus greifbar, der als Historiker zur Zeit Kaiser Hadrians bekannt ist. Daneben bilden bei Ausgrabungen aufgefundene Dokumente, Briefe und Urkunden sowie Steininschriften eine wichtige Quelle.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. Philipp von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 13–21.
Grundformen während der Prinzipatszeit Die festen Kastellanlagen der Kaiserzeit hatten ihren Ursprung in den Feldlagern der römischen Republik. Diese ließen sich in zwei Kategorien unterteilen: in Marsch- und temporäre Lager, zu denen auch Winterlager (hiberna) zählten. Zahlreiche Lager der späten Republik und frühen Kaiserzeit waren an das Gelände angepasst und hatten oftmals unregelmäßige Grundrisse. Die innere Bebauung folgten jedoch meist einem standardisierten Muster. Der Aufbau eines solchen Lagers war straff vereinheitlicht, da es nach jedem Marsch gegen Abend neu errichtet werden musste. Dazu war es notwendig, dass die große Zahl der Menschen, die an einer militärischen Operation teilnahmen, zu jeder Zeit wusste, was zu tun war und wie sie sich in dem Lager zurechtzufinden hatten. Diese Abläufe folgten einer stets gleichen Mechanik, die jede Art von Nachfragen erübrigte. Daher war ein rascher und professioneller Lagerauf- und -abbau auch in Ausnahmesituationen gewährleistet.
Die Einhaltung der rechteckigen oder quadratischen Grundform sowie die Innenbebauung eines Kastells konnten bereits bei den leichtbefestigten längerfristigen Lagern der späten Republik stark vom Normschema abweichen, wenn es die Bedingungen erforderlich machten. Insbesondere die Standlager während der Eroberungszüge in Germanien zur Zeit des Augustus (31 v. Chr.–14 n. Chr.) weichen in einigen Fällen deutlich von der Regelkonzeption ab. Mit dem Ausbau und der Befestigung der Grenzen während der nachfolgenden Generationen wurden die Vorgaben deutlich straffer gehandhabt. Mit den gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen des 3. Jahrhunderts setzten sich nach grundlegenden militärischen Reformen dann aber neue, wieder individueller zu handhabende Grundmodelle für den Aufbau von Kastellen durch, die nicht nur vielfach versuchen, den gewählten Standort strategisch bestmöglich zu nutzen, sondern auch den bisherigen kasernenartigen Garnisonscharakter zugunsten festungsartiger Bauweisen aufgeben.
Die Kastelle der Kaiserzeit wurden bis in das 3. Jahrhundert n. Chr. nach einem stark vereinheitlichten Grundschema angelegt. Sie folgten in ihrer Anlage dem Prinzip der älteren Marschlager. Die sehr häufig rechteckige Lagerumwehrung besaß zumeist abgerundete Ecken, in denen Wachtürme standen.
Nach allen vier Himmelsrichtungen öffnete sich meist je ein Tor, durch das die vier Lagerhauptstraßen rechtwinkelig hindurchführten und am Mittelpunkt des Kastells zusammenliefen. Die wichtigste Ausfallstraße war die Via praetoria, welche zum Haupttor (Porta praetoria; 5) hinausführte. Dort befand sich auch die Prätorialfront, die dem Feind zugewandte Lagerseite. Zu den beiden Schmalseiten führten die Via principalis dextra und die Via principalis sinistra, an deren Endpunkt die Porta principalis dextra (4; das rechte Tor) und die Porta principalis sinistra (6; das linke Tor) lagen. Rückwärtig befand sich die Via decumana, die mit der Porta decumana (7) korrespondierte. Am Kreuzungspunkt der beiden Hauptstraßen, genannt Locus gromae, nach dem Vermessungsinstrument Groma, mit dem das Lager von hier aus vermessen wurde, lagen die Principia (1), das Stabsgebäude. Meist links oder rechts des Stabsgebäudes befand sich das Praetorium (Wohnhaus des Kommandeurs) und der Getreidespeicher (Horreum). Nach Hygin verläuft die Via quintana parallel zur Via principalis, jedoch hinter dem Mittelstreifen des Lagers (Latera praetorii). Eine weitere wichtige Straße befindet sich im Intervallum, dem Raum zwischen Wehrmauer/Wall und der angrenzenden Innenbebauung des Kastells. Dort führt die Lagerringstraße (Via sagularis) rund um alle Baulichkeiten der Anlage. Innerhalb der Befestigung konnte es verschiedenste Einrichtungen geben, die sich nach den jeweiligen Erfordernissen richteten. Der Bereich zwischen der Via principalis und der Porta praetoria wurde praetentura (Vorderlager) genannt, der Bereich zwischen der Rückseite des Stabsgebäudes und der Porta decumana hieß retentura (Hinterlager).Duncan B. Campbell: Roman Legionary Fortresses 27 BC – AD 378 (= Fortress. Band 43). 3. Auflage, Osprey, Oxford 2006, S. 33–54.
Marschlager Das Lager des Polybios mini|Das Marschlager einer Doppellegion mit Verbündeten nach Polybios im 2. Jahrhundert v. Chr.
Das abendliche, von Wall und Graben umwehrte Marschlager der römischen Armee stellt sich nach den beiden überlieferten Plänen teilweise recht verschieden dar. Das von Polybios in Buch 6 seiner Historien im 2. Jahrhundert v. Chr. vorgestellte bausteinartige Konzept ist für eine republikanische Doppellegion, Reiterei, Verbündete, Hilfstruppen und Leibgarde vorgesehen, insgesamt 18.600 Mann. Dieser Bauplan eines rund 600 × 600 Meter (je 2017 römische Fuß) großen, quadratischen Lagers mit je einem Tor an jeder Längsseite konnte ohne Schwierigkeiten auch auf kleinere Truppenkontingente herunter gerechnet werden. Vom zukünftigen Standort des Praetoriums, dem Feldherrenzelt aus, wurde mit der Vermessung des Flächenrasters begonnen, wobei im Gelände mehrfarbige Fähnchen zum Einsatz kamen. Die Fläche vor dem Feldherrenzelt wurde Principia genannt. Nach diesem Wort erhielt die Lagerstraße, die diesen Platz in ihrer Mitte durchschnitt, den Namen Via principalis. Diese Straße war bei Polybios rund 30 Meter (100 Fuß) breit. Die Via praetoria sollte indes nur die halbe Breite besitzen. Links und rechts des Praetoriums befanden sich das Forum und das Quaestorium. Daran grenzen ebenfalls links- und rechtsseitig die Zelte der teilberittenen Leibgarde (der Equites und Pedites extraordinarii). Vor diesen Einrichtungen lagerten entlang der Via principalis die zwölf Legionstribunen, je sechs pro Legion. Hinter diesen Einrichtungen war der Standort für Hilfstruppen aller Art vorgesehen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Via principalis wurde Platz für die beiden Legionen sowie für die Verbündeten geschaffen. Während die Legionäre gestaffelt entlang der Via praetoria untergebracht wurden, lagerten die Verbündeten in dem verbleibenden Raum zwischen dem Intervallum und den Legionen. Das Intervallum, der rund um im Inneren des Lagers von den Truppen unbewohnte verbleibende Raum, war bei Polybios rund 60 Meter (200 Fuß) breit. Der Platz wurde benötigt, um im Verteidigungsfall die Bewegungsfreiheit der Soldaten nicht zu beschränken, die Zelte außerhalb der Reichweite von Geschossen und das im Tross mitlaufende Vieh sowie die Beute sicher zu halten.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. Philipp von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 38–40.
Das Lager des Pseudo-Hygin mini|Das Lager für drei Legionen und Hilfstruppen nach De munitionibus castrorum
Erst viele Generationen später, vom Ende des 1. oder aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., ist ein weiteres Idealmodell zum römischen Marschlager durch Pseudo-Hygin überliefert. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen diesem und dem Lager des Polybios könnten eine konzeptionelle Entwicklung der Marschlager anzeigen, die es sicherlich gab, da sich die römische Armee seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. deutlich in ihrem Aufbau und der Militärtechnik verändert hatte.