mini|hochkant=1.6|Die fünf Nationen der Irokesen, Stammesgebiet um 1650
Die Irokesen (französisch Iroquois), Eigenbezeichnung Haudenosaunee („Leute des Langhauses“), englisch oft Five Nations („Fünf Nationen“) oder Six Nations („Sechs Nationen“) genannt, sind nordamerikanische Indianer, die einer gemeinsamen Sprachfamilie angehören. Die irokesischen Sprachgruppen bewohnten ein zusammenhängendes Gebiet rund um den Ontario-, Huron- und Eriesee in den heutigen Staaten New York und Pennsylvania sowie in Teilen von Alabama und Georgia (USA) und im südlichen Ontario und Québec (Kanada). Fünf, später sechs Irokesenstämme waren Mitglieder der Irokesen-Konföderation oder Irokesenliga. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden diese Stämme als Irokesen bezeichnet: Cayuga, Mohawk, Oneida, Onondaga, Seneca und Tuscarora.
Name mini|hochkant=2.8| Irokesen 1914 in Buffalo, New York Der Name Irokesen stammt vermutlich von deren Feinden, den Algonkin. Diese nannten sie Irinakhoiw oder kurz Iroqu („Klapperschlangen“). Mit dem französischen Suffix ois entstand die in der französischen und englischen Sprache gebräuchliche Bezeichnung Iroquois, deutsch Irokesen.Iroquois History, abgerufen am 23. August 2012
Der Eigenname Haudenosaunee für die Irokesen-Konföderation bedeutet „Leute des Langhauses“. Es wird überliefert, dass der Große Friedensstifter Hiawatha den Namen zur Zeit des Zusammenschlusses des irokesischen Völkerbundes einführte. Er impliziert, dass die Nationen der Liga wie Familien in denselben Langhäusern zusammenleben sollen. Die Seneca waren die Wächter der westlichen Tür des symbolischen rund dreihundert Kilometer messenden Stammeslanghauses, dementsprechend fungierten die Mohawk als Wächter der östlichen Tür.
Flagge mini|Der Ayenwatha-Wampumgürtel dokumentiert die Gründung der Haudenosaunee-Konföderation. Von rechts nach links zeigt der Gürtel die Gebiete der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca. Die Irokesen-Konföderation wird gelegentlich durch eine inoffizielle Flagge repräsentiert, auf der der Ayenwatha-Wampumgürtel abgebildet ist. Der Gürtel dokumentiert die Gründung der Konföderation durch den Peacemaker. Die ersten fünf Nationen, die der Konföderation beitraten, sind in Weiß, der Farbe des Friedens, auf einem Hintergrund aus Purpur, der Farbe des Krieges, dargestellt. Dies verweist auf den Konflikt, der ihrer Konföderation vorausging. Es drückt auch aus, wie das Konzept von kanikonhri:yo (ein guter Geist) zu Frieden und Heilung führen kann.
Dieser Gürtel dient auch als Karte des ursprünglichen Stammesgebietes, das heute Teil des US-Bundesstaates New York ist. Von rechts nach links stellt die Karte die Gebiete der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca dar. Das Herz in der Mitte würdigt die wichtige Rolle der Onondaga bei der Entfachung des Ratsfeuers.
Wohngebiet Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebten die Irokesen in einem Gebiet, das im Norden des heutigen US-Bundesstaats New York lag und sich zwischen den Adirondack Mountains und den Niagarafällen erstreckte. Durch Eroberungszüge und Auswanderung weiteten sie ihren Herrschaftsbereich über den gesamten Nordosten der heutigen Vereinigten Staaten und den Osten Kanadas aus. Um 1680 erstreckte sich das von ihnen kontrollierte Territorium von der Nordküste der Chesapeake Bay westwärts über Kentucky bis zur Mündung des Ohio in den Mississippi. Nordwärts verlief die Grenze entlang des Illinois River bis zum Südende des Lake Michigan und von dort ostwärts über das heutige untere Michigan, das südliche Ontario und die angrenzenden Gebiete des südwestlichen Québec. Von hier nach Süden durch Neuengland, das Tal des Hudson und des oberen Delaware River quer durch Pennsylvania zum Ausgangspunkt. Innerhalb der rund hundert Jahre bis zum Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wurden die Irokesen aufgrund von Kriegen gegen die mit den Franzosen verbündeten Algonkinstämme sowie durch die Landnahme der britischen Kolonisten gezwungen, sich wieder auf ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurückzuziehen. Die Entscheidung der Irokesen, sich im Unabhängigkeitskrieg auf die Seite der Briten zu stellen, war ein schwerwiegender Fehler. Die Amerikaner drangen 1779 in die irokesischen Siedlungsgebiete ein und vertrieben die Bewohner bis ins südliche Ontario. Entlang des oberen Sankt-Lorenz-Stroms entstanden große Siedlungen der Irokesen. Damit lebte nahezu die Hälfte der irokesischen Bevölkerung in Kanada. Zu den Vertriebenen gehörten mehrheitlich Angehörige der Mohawk sowie zahlreiche Mitglieder anderer Stämme. Die meisten Reservate der Irokesen befinden sich heute im südlichen Ontario und Québec.
Demografie mini|Aufnahme der Tuscarora als sechstes Mitglied in der Liga um 1722 Angesichts ihrer Bedeutung in der Geschichte Nordamerikas gab es um 1600 mit rund 20.000 Stammesmitgliedern nur relativ wenige Irokesen. Die räumliche Distanz ihres Wohngebiets zur Küste schützte sie weitgehend vor den ersten von Europäern eingeschleppten Krankheiten. Diese erreichten sie um 1650 und ließen ihre Bevölkerungszahl auf etwa die Hälfte schrumpfen (außer bei den Seneca). Eine weitere Ursache des Bevölkerungsrückgangs waren Verluste durch die permanenten Kriege gegen ihre Nachbarn. Im Gegensatz zu anderen Stämmen wuchs die Bevölkerungszahl der Irokesen im Verlauf des 17. Jahrhunderts wieder an und erreichte um 1660 mit etwa 25.000 ihr Maximum. Der Grund war die verbreitete Adoption von besiegten irokesisch sprechenden Gegnern, darunter mindestens 7000 Huronen und insgesamt die gleiche Anzahl aus anderen feindlichen Stämmen wie Angehörige der Neutral, Susquehannock, Tionontati und Erie. Im Laufe der Zeit wurden so die Irokesen zur Minderheit in ihrer eigenen Konföderation, was nicht ohne Probleme blieb.
Diese Massenadoption wurde jedoch nicht auf andere, nicht irokesisch sprechende Stämme ausgedehnt, so dass die Bevölkerungszahlen der Irokesen wieder sanken. Im Jahr 1722 wurden 1500 Tuscarora als sechstes Mitglied in das Bündnis aufgenommen, trotzdem war die Gesamtzahl der Irokesen 1768 auf 12.000 gesunken. Am Ende des Unabhängigkeitskrieges 1783 lebten weniger als 8.000 Irokesen. Von da an gab es eine langsame Erholung der Bevölkerungszahl, unter anderem auch eine Folge des neu erwachten Nationalstolzes der Ureinwohner, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen. Der Zensus aus dem Jahr 1940 ergab 17.000 Personen irokesischer Abstammung im US-Bundesstaat New York und in Kanada. Heute werden rund 70.000 Irokesen gezählt, die in zwanzig Siedlungen und acht Reservaten in New York, Wisconsin, Oklahoma, Ontario und Quebec leben.
Heutige Bevölkerungszahlen: NationBevölkerungSpracheSprecherAnteilCayuga 10.000Goyogo̱hó:nǫ’ 62 0,62 %Mohawk 35.000Kanien'keha 3.433 9,81 %Oneida 14.000Onʌyota’a:ka 160 1,14 %Onondaga 1.200Onǫda’géga’ 17 1,42 %Seneca 15.000Onödowá’ga:’ 25 0,17 %Tuscarora 1.000Skarù∙rę’ 12 1,20 %alle Irokesen 76.200Rotinonhsón:ni (ohne Tsalagi) 3.709 4,86 %
Kultur im 17. Jahrhundert Die kulturellen Unterschiede zwischen den irokesisch sprechenden Gruppen waren gering: Alle hatten matrilineare soziale Strukturen, die Frauen besaßen das gesamte Familieneigentum und bestimmten die Verwandtschaft. Die Frauen bestellten die Felder unter Leitung einer sogenannten Clanmutter (englisch: clan mother), die von den Mitgliedern des jeweiligen Clans im Konsens auf Lebenszeit ernannt wurde. Im Herbst zogen die Männer zur Jagd in die Wälder und kehrten erst gegen Mitte des Winters zurück in die Dörfer. Ebenfalls Sache der Männer war im Frühling das Fischen, während andere Häuser bauten und Felder rodeten. Ihre Hauptaufgabe sahen die irokesischen Männer jedoch in der Kriegsführung. Folter der gefangenen Feinde und ritueller Kannibalismus gehörte zu den gefürchteten Sitten der Irokesen, doch diese waren ebenfalls bei mehreren anderen Stämmen im Nordosten Amerikas gebräuchlich.Colin Taylor u. a.: Indianer, die Ureinwohner Nordamerikas, Seite 227, Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh 1992 Dazu gehörte auch regelmäßige Opferungen von Albinohunden.Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Band 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 148.
Das politische System des Irokesenbundes war im gesamten nordamerikanischen Raum einzigartig und machte sie zur mächtigsten Gruppe in den ersten 200 Jahren der Kolonialgeschichte. Merkwürdigerweise war ihre Gesamtzahl niemals sehr groß und die von ihnen besiegten Feinde waren häufig in doppelter Überzahl. Da die Irokesenliga schon vor dem ersten Kontakt mit Weißen gegründet wurde, unterlag das Bündnis keinem europäischen Einfluss.
Lebensunterhalt Die irokesisch sprechenden Stämme waren halbsesshaft, betrieben Ackerbau und bauten hauptsächlich Mais, Kürbis, Bohnen und Tabak an. So gab es beispielsweise siebzehn verschiedene Sorten Mais, sieben Kürbisarten und sechzig verschiedene Bohnensorten. Später kultivierten sie außerdem Obst, bevorzugt Äpfel und Pfirsiche. Die Felder lagen außerhalb der Dörfer und wurden von Frauen bestellt. Darüber hinaus sammelten sie zahlreiche Wildfrüchte, Nüsse, Pilze und essbare Wurzeln und Baumrinden. Salz wurde nur wenig gebraucht, dagegen war Ahornsirup zum Süßen der Speisen sehr beliebt. Fleisch von Wildtieren spielte bei den Irokesen für ihre Ernährung eher eine untergeordnete Rolle. Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Irokesen äußerte sich in sechs jährlichen Festen, die mit Dankgebeten für die Ernte gipfelten. Dazu gehörte unter anderen das Grünmaisfest (englisch: Green Corn Ceremony).Colin Taylor u. a.: Indianer, Seite 231
Langhäuser mini|Ein traditionelles Langhaus der Irokesen Die Irokesen umgaben ihre Dörfer zum Teil mit Palisaden und wohnten in Langhäusern, die mehrere Familien beherbergten. Die Langhäuser nannten sie Ganonh'sees. Sie bestanden aus einem rechteckigen Stangengerüst von oft rund zwanzig Metern Länge sowie je sechs Metern Breite und Höhe. Die biegsamen Stangen wurden an den oberen Enden zurechtgebogen und zusammengebunden. Große Rindenstücke von Ulme, Zeder und anderen geeigneten Bäumen dienten als Abdeckung und wurden überlappend angebracht und mit Bast befestigt. Der Hausbau und das Roden der Felder war Männerarbeit, dennoch galten die Häuser als Fraueneigentum. Ein Langhaus konnte je nach Größe fünf bis zwanzig Familien Unterkunft bieten. An jedem Ende befand sich eine Tür, von der ein zwei bis drei Meter breiter Korridor über die gesamte Länge des Hauses verlief. Beiderseits des Ganges befanden sich etwa fünfzig Zentimeter hohe Plattformen, die zum Sitzen und Schlafen genutzt wurden. Etwa zwei Meter darüber befand sich eine zweite Plattform, die als Speicherplatz oder als zusätzlicher Schlafplatz diente. Außerdem gab es im Langhaus rund drei Meter breite Familienabteile, die sich über beide Seiten des Mittelgangs erstreckten. Je zwei Familien teilten sich eine Feuerstelle, deren Rauch durch die darüber liegende Öffnung im Dach abziehen konnte. Bei Regen konnte das Loch im Dach mit einem Stück Rinde abgedeckt werden.Hans Läng: Kulturgeschichte der Indianer Nordamerikas, Seite 118–119. Gondrom Verlag, Bindlach, 1993. ISBN 3-8112-1056-4
Soziale und politische Organisation