mini|Gesellschaftsschild der Fruchtbringenden Gesellschaft: Palmenhain mit einem Porträt Fürst Ludwigs von Anhalt-Köthen mini|Gesellschaftspfennig des August Fürst zu Anhalt 1621
Die Fruchtbringende Gesellschaft (1617–1680, ), auch Palmenorden genannt, war die erste und mit 890 Mitgliedern auch größte deutsche Sprachakademie. In ihrer Imprese zeigt sie die vielfach brauchbare Dattelpalme mit der Devise „Alles Zu Nutzen“.
Aufgrund ihrer hohen Mitgliederzahl aus dem Adels- und Reichsfürstenstand war sie höfisch, politisch, militärisch und diplomatisch vernetzt. Modell standen die italienischen Renaissance-Akademien, sie knüpfte aber auch an Ritterorden, Adelsgesellschaften und Bruderschaften an, fungierte jedoch nur zum Teil wie eine Gelehrtengesellschaft und literarische Vereinigung.
Gründung Nach dem Bericht im Gesellschaftsbuch der Akademie wurde die Fruchtbringende Gesellschaft in Weimar am 24. August 1617 gegründet,Vgl. Conermann: Fruchtbringende Gesellschaft. Band 1: „Kurtzer Bericht“ im Gesellschaftsbuch Fürst Ludwigs v. Anhalt-Köthen (1646). und zwar von fünf anhaltischen und sachsen-weimarischen reformierten und lutherischen Fürsten sowie dreien ihrer Hofleute, darunter dem Gesellschaftsältesten (Caspar von Teutleben. FG 1. Der Mehlreiche. 1617), Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen (FG 2. Der Nährende. 1617) und Herzog Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar (FG 5. Der Schmackhafte. 1617), dem eigentlich ersten bzw. zweiten Gesellschaftsoberhaupt. Der Gründungsbericht dieser höfischen Akademie wurde in Frage gestellt,Klaus Manger: Teutschhertziger Kulturpatriotismus in der Fruchtbringenden Gesellschaft. In Die Fruchtbringer, S. 79–104. Dagegen u. a. schon Frank Boblenz Legendenbildung oder Wirklichkeit? Vor 385 Jahren wurde in Weimar die Fruchtbringende Gesellschaft initiiert. In: Palmbaum 10 (2002), S. 162–170; Andreas Herz / Gabriele Ball mit wichtigen Belegen und Anhaltspunkten für den 24. August 1617 als Gründungstag: Eine deutsche Akademie im Spannungsfeld von Sprache, Kultur und Politik. In: neu entdeckt. Thüringen – Land der Residenzen. 2. Thüringer Landesausstellung. 3 Bde. Hrsg. v. K. Scheurmann u. J. Frank. Mainz 2004, Katalogbd. 1, S. 132–146, hier Anm. 1. Vgl. auch Conermann: Die Fruchtbringende Gesellschaft u. das Fürstentum Anhalt. weil der 24. August der Kalendertag der französischen Bartholomäusnacht (Hugenottenmord) war und somit ein reformierter Gedenktag. Die Stifter dieser Vereinigung standen am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs zwar der protestantischen Aktionspartei nahe, gründeten die Gesellschaft aber nicht als „eine politisch motivierte Sammlungsbewegung“ mit einem erst sekundären Sprachzweck und adlig-patriotischen Tugendkanon,Georg Schmidt: Die Anfänge der Fruchtbringenden Gesellschaft als politisch motivierte Sammlungsbewegung und höfische Akademie. In Die Fruchtbringer, S. 5–38. sondern nur zur Verwirklichung ethischer und sprachlich-literarischer Ziele.
Ziele und Anfangsjahre Die Ziele definierten die Gesellschaftsbücher seit 1622, indem sie das höfische, jedoch schon sozial verallgemeinerte Verhaltensideal der Conversazione civile (Stefano Guazzo) mit den Aufgabenfeldern der Spracharbeit in aller Kürze umschrieben:
Diese Ziele der Fruchtbringenden Gesellschaft erwuchsen anfangs aus Ideen des Pädagogen Wolfgang Ratke (1571–1635), der schon auf dem Frankfurter Reichstag von 1612 eine Erklärung darüber abgegeben hatte, wie „Jm Gantzen Reich, ein einträchtige Sprach, ein einträchtige Regierung, vnd Endlich Auch ein einträchtige Religion, bequemlich ein zuführen, und friedlich zuerhalten sey.“Abgedruckt u. a. in Erika Ising: Wolfgang Ratkes Schriften zur deutschen Grammatik (1612-1630). Berlin 1959, S. 101.
Herzogin Dorothea Maria, sodann Fürst Ludwig und dessen Neffe Herzog Joachim Ernst I. von Sachsen-Weimar (FG 3. 1617) hatten über ratichianische Schulversuche verhandelt, die ab 1618 auch in Köthen und in Weimar zustande kamen und an denen das frühe Mitglied, der damalige Kammerjunker Everwin von Droste zu Möllenbeck 1618/19 vermutlich mitwirkte.Wilderich von Droste zu Hülshoff: 900 Jahre Droste zu Hülshoff. 2., erweiterte Auflage, Verlag LPV Hortense von Gelmini, Horben 2022, ISBN 978-3-936509-19-9 In Köthen liefen sie nach Ratkes Ausscheiden 1619 trotz der Inflation bis 1624 weiter, begleitet von zahlreichen, meistens in Fürst Ludwigs Offizin gedruckten Lehrbüchern für viele Sprachen und Disziplinen. Seit 1619 wurden in Köthen anonym auch umfangreiche fruchtbringerische kommentierte Übersetzungen Fürst Ludwigs und Nachdichtungen des anhalt-dessauischen Hofmeisters Tobias Hübner (FG 25. Der Nutzbare. 1619) gedruckt, außerdem eine Reihe von frühen Gedichten und Versübertragungen.
Neben der meist in den Vordergrund gerückten Sprachreinigung und -vereinheitlichung zielten Bemühungen der Gesellschaft ebenso darauf ab, die deutsche Sprache mit neuen Wörtern (Verdeutschungen) zu bereichern und in ihren Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern. Diesem Zweck diente eine rege Übersetzungstätigkeit aus den Literaturbeständen europäischer Sprachen. Es ging sowohl darum, diese Werke in deutscher Sprache zugänglich zu machen, als auch damit die literarische Gleichwertigkeit und Potenz des Deutschen nachzuweisen. Mit dem Anliegen, die deutsche Sprache als Literatursprache durch Übersetzungstätigkeit zu verbessern, übersetzten Mitglieder der Fruchtbringenden Gesellschaft im Austausch untereinander vor allem italienische, spanische und französische Literatur, darunter Lyrik, Dramen und Prosa, aber auch gelehrsame Werke.
In einer publizierten Muster-Korrespondenz stößt man unter dem 25. Januar 1620 auf den Brief der nun ausdrücklich genannten „Fruchtbringenden Gesellschafft“.DA Köthen I, Bd. 1, S. 137. Das erste Gesellschaftsbuch von 1622 enthält sodann den Gründungsbericht und die chronologische Liste der bis dahin aufgenommenen 52 Mitglieder. Von 1617 bis 1623 verfassten und veröffentlichten neben Fürst Ludwig und Hübner auch Heinrich von Krage (FG 16. 1618), Burggraf und Herr Christoph zu Dohna (FG 20. 1619), Jost Andreas von Randow (FG 22. 1619), Curt Dietrich aus dem Winckel (FG 35. 1621) und Hans Ernst von Börstel (FG 41.1621) einzelne oder mehrere Arbeiten. Wahrscheinlich ist die Zahl noch größer, denn es gibt aus diesem Zeitraum auch schon recht viele andere, anonym erschienene und in Köthen gedruckte poetische Arbeiten unterschiedlichen Umfangs.
Wir wissen auch um die sprachliche Begabung von Rednern und Gesandten wie Caspar von Teutleben oder des polyglotten ersten Sekretärs der Gesellschaft, Friedrich von Schilling (FG 21. 1619). Allgemein ging es jedoch darum, die Führungsschichten auf eine zivile Diskursfähigkeit zu verpflichten und für die Förderung der wenig verdächtigen, aber doch politischen und christlichen Spracharbeit zu gewinnen, so dass die Mehrheit der aufgenommenen Fürsten, Hofleute, Offiziere und Räte auch ohne eigene gelehrte oder literarische Werke den Zielen der Gesellschaft nutzen konnte. Die innergesellschaftliche Friedenspflicht und das überparteiliche fruchtbringerische Tugendethos bewährten sich in zunehmender Ausstrahlung nach außen als Vorbild für die im Laufe des Krieges anwachsende patriotische Friedensgesinnung im Alten Reich.
mini|Imprese Caspars von Teutleben. Die Imprese Teutlebens, des Mehlreichen, weist auf das wichtigste Vorbild der Fruchtbringenden Gesellschaft hin: Die florentinische Accademia della Crusca, die in ihrer Imprese einen Beutelkasten zum Scheiden des Mehls von der Kleie als Sinnbild der Sprachkritik zeigte, hatte Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen (FG 2. Der Nährende. 1617) im Jahre 1600 unter dem Namen L’Acceso (Der Entzündete) aufgenommen. Er arbeitete am ersten Wörterbuch der Crusca mit, ließ in Köthen seine eigenen Übersetzungen der philosophischen Dialoge von Giovan Battista Gelli, dem Leiter der Accademia Fiorentina, und andere, von Eingriffen der katholischen Zensur befreite italienische Bücher drucken, darunter die von Tobias Adami (FG 181. 1629) veröffentlichten Gedichte Tommaso Campanellas (1623). Auf Gellis in der italienischen Sprachdebatte vertretene Ideen berief sich der Fürst, besonders darauf, dass kein Gedanke an eine Sprache (z. B. Griechisch oder Latein) gebunden sei und dass alles in jeder Volkssprache ausdrückbar sei, wenn diese kultiviert werde (siehe die zuvor genannten beiden Ziele in den Gesellschaftsbüchern seit 1622).
Sozialstruktur, Symbolik und Verfassung mini|Emblem des Herzogs Wilhelm von Sachsen-Weimar mit Devise und Mitgliedsname, einschließlich einer Sitzung der Fruchtbringenden Gesellschaft. Kupferstich von Peter Isselburg. Von rechts im Uhrzeigersinn: der Nährende, der Wohlbekommende, der Gemäße, der Unansehnliche, der Nutzbare, der Vielgekörnte, der Helfende, der Austrucknende, der Langsame, der Gerade, der Durchdringende, der Schmackhafte.
Die Fruchtbringende Gesellschaft war als eine höfische Akademie gegründet worden, so dass auch zur Zeit Fürst Ludwigs (1617–1650) die Gesellschaft im Wesentlichen aus Adligen und Geadelten bestand, die den damaligen Führungsschichten entstammten und auch als Mäzene am besten die Spracharbeit protegieren konnten: Von den 527 in dieser Zeit aufgenommenen Mitgliedern waren 73 Fürsten (13,9 %), 42 Grafen (8 %), 19 Herren und Freiherren (3,6 %) und 330 Ur- oder Altadlige (62,6 %), 30 Mitglieder aus jüngerem Adel oder selbst Nobilitierte (5,7 %), 31 Bürger (einschließlich Patriziat u. Ä.) oder Bauern (5,9 %). 2 Personen (0,4 %) sind ihrer Herkunft nach unbestimmt. Die Mitgliedschaft einiger großer Herren, z. B. des schwedischen Grafen und Feldherrn Axel Oxenstierna (FG 232. Der Gewünschte. 1634) und General Ottavio Piccolomini d’Aragona, Duca d’Amalfi (FG 356. Der Zwingende. 1641), dürfte politisch begründet gewesen sein und zeugt von Fürst Ludwigs diplomatischem Geschick bzw. von dem Druck der Kriegslage.
Jedes Mitglied sollte sein Verhalten nach seiner eigenen Imprese regulieren, die mittels einer Pflanze oder eines Pflanzenprodukts, des dazu gehörigen ,Worts’ (Sinnspruch), des Gesellschaftsnamens und eines darunter gerückten ,Reimgesetzes’ (Strophe) eine ,Tugend’ auslegte. Matthaeus Merian d. Ä. ließ nach den kolorierten Federzeichnungen von Christoph Rieck(e) († 1640 in Anhalt) und Christoph Steger († 1682 in Halle a. d. S.) in seiner Werkstatt 401 Impresen in Kupfer stechen und im Gesellschaftsbuch von 1646 veröffentlichen. Darin ergänzte er die Stiche seiner ersten 200 Impresen des Gesellschaftsbuchs von 1629/30. Das Sinnbild der Gesellschaft und das des jeweiligen Trägers prangten auch auf der Vorder- bzw. Rückseite der ,Gesellschaftspfennige’ (ovale goldene Medaillen), die die Mitglieder an einem sittichgrünen Band um den Hals trugen.
Um die damals häufigen Rangstreitigkeiten zu vermeiden, soziale Unterschiede bei der Akademiearbeit auszublenden und nur dem Nutzen zu dienen, sollten die ,Gesellen’ in Gesprächen, Briefen und Publikationen nur ihre Gesellschaftsnamen benutzen.
Die Gründungsmitglieder stellten sich nach ihrem Lebensalter auf, so dass Fürst Ludwig sich zwischen dem weimarischen Hofmeister Teutleben und vor den jüngeren weimarischen Herzögen einordnete. Bis zu seinem Tod am 11. Februar 1629 nahm daher der Mehlreiche den ersten Platz und Rang in der Akademie ein. Bei Gesellschaftstreffen, wie Peter Isselburg eines zur Aufnahme des Helfenden Friedrich von Kospoth (FG 55. 1622, s. Abb.) stach, führte der älteste Anwesende (hier Fürst Ludwig, der Nährende) den Vorsitz. Rechts neben ihm nahm nach der in der Gesellschaft herrschenden Anciennitätsregel sein Neffe Herzog Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar (FG 5) den 2. Sitz an der Tafel ein und Kospoth als Zuletztrezipierter den untersten Platz und Rang.