mini|hochkant=1.2|Der heilige Dominikus und die Albigenser in Albi (1207): Katholische und katharische Schriften werden ins Feuer geworfen, doch nur die katharischen verbrennen (Pedro Berruguete, um 1495St Dominic and the Albigenses in der WEB Gallery of Art) Der Begriff Katharer (wörtlich „die Reinen“, von griechisch καθαρός, katharós „rein“, Betonung auf der dritten Silbe) steht für die Anhänger der bekanntesten und radikalsten heterodoxen (d. h. ketzerischen) Strömung des mittelalterlichen Christentums,Daniela Müller: Ketzer und Kirche: Beobachtungen aus zwei Jahrtausenden. Lit, Berlin 2014, ISBN 978-3-643-12271-1, S. 334. die vom 12. bis zum 14. Jahrhundert vornehmlich im Süden Frankreichs sowie in Italien, Spanien und Deutschland verbreitet war. Zuweilen werden sie auch Albigenser (gelegentlich auch Albingenser) nach der südfranzösischen Stadt Albi genannt. Die Katharer waren keine einheitliche Gruppe und bauten auch kein einheitliches Lehrsystem aus. Lediglich ein Dualismus war vermutlich allen Gruppen eigen. Ihre Lebensweise war durch antiklerikale und asketische Haltungen gekennzeichnet. Im Zuge des Albigenserkreuzzugs und weiterer Feldzüge sowie durch die Inquisition wurden die Katharer als Häretiker verfolgt und gelten mit dem Jahr 1400 als vernichtet. Neokatharische Strömungen existieren allerdings bis heute. Ob die Katharer als unterscheidbare religiöse Gruppe existierten oder lediglich ein Konstrukt ihrer Verfolger waren, ist in der Forschung umstritten.
Name Die Ableitung des Namens ‚Katharer‘ vom griechischen καθαρός (katharós, „rein“)So das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Leipzig 1865, Artikel „Ketzer“, und noch Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 8. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-32511-9, Artikel „Ketzer“, S. 650. ist heute umstritten, da man festgestellt hat, dass sich die Katharer selbst niemals so genannt haben.
Der Begriff Katharer war für die alte Kirche ursprünglich nicht unbedingt ein negatives Ketzernomen, da sich die Anhänger der spätantiken Bewegung der Novatianer als katharoi („die Reinen“) bezeichneten und ihr Namenspatron Novatian wesentlichen Einfluss auf die Trinitätstheologie des Westens ausgeübt hatte.
Der Name Katharer für die im 11. Jahrhundert aufkommende Bewegung wurde 1163 von dem deutschen Mönch Eckbert von Schönau geprägt als Zusammenfassung und Überbegriff für drei Ketzergruppen der alten Kirche:Michel Roquebert: Die Religion der Katharer. Portet-sur-Garonne 1988, S. 7. Die vorgenannten novatianischen katharoi, deren Verfehlungen nach dem Vorwurf, Kirchenspaltung zu betreiben, auf dem Konzil von Nizäa 325 nur als sehr gering beurteilt wurden; die manichäischen catharistae, die wegen ihres Dualismus als Erzketzer schlechthin galten; und die Cathaphrygae, die in Phrygien verbreitet und den Kirchenvätern ein Dorn im Auge waren, weil sie das weibliche Diakonat anerkannten. Ausgehend von Eckbert von Schönau ging der Name Katharer in die Literatur ein. Die Rezeption des Namens erfolgte über die deutsche Forschung und Häresiegeschichte und wurde so zum Allgemeingut. Später kennzeichnete der Frühscholastiker Alanus ab Insulis die Katharer als obszöne Katzenküsser und damit als Teufelsdiener, wobei er in Ableitung des Begriffs vom lateinischen catus oder cattus („Katze“) behauptete,Daniela Müller: Ketzer und Kirche: Beobachtungen aus zwei Jahrtausenden. Lit, Berlin 2014, S. 335 ff, 351. dass „sie, wie man sich erzählt, das Hinterteil einer Katze küssen, in deren Gestalt ihnen Luzifer erscheint“. Damit gab es vier Eckpunkte, die fortan zur Kennzeichnung der Katharer in der kirchlichen Polemik dienten: Kirchenspalter, Dualisten, Frauenfreunde und Teufelsdiener.
In Italien nannte man sie Pateriner oder PatarenerGerhard Rottenwöhrer: Die Katharer: Was sie glaubten, wie sie lebten. Abschnitt Die Fremdbezeichnungen. und in Nordfrankreich hießen sie phili/les und bougres, letzteres heißt „Bulgaren“ (was zum Synonym für einen Zoophilen wurde). In Okzitanien nannte man sie tesseyres („Weber“) aufgrund des Handwerks, das sie mit Vorliebe ausübten.
Die Katharer nannten sich selber „Christen“ und „gute Christen“ und vor allem „Freunde Gottes“, eine Bezeichnung, die im Languedoc des 13. Jahrhunderts sehr häufig bezeugt und die wörtliche Übersetzung des altslawischen „bogo-mil“ ist.
Geschichte Ursprünge und Vorgeschichte Vielfach wird angenommen, dass die Wurzeln der katharischen Lehre weit zurückreichen; mögliche Vorläufer könnten östliche dualistische Bewegungen sein, wie die Manichäer, Paulikianer und die Mazdakiten. Doch gibt Michel Roquebert zu bedenken:
Im 11. Jahrhundert kam es in Europa zu einer Entfaltung der Geld- und Warenwirtschaft und zur Expansion der Städte. Adel und Klerus versuchten über Abgaben, Zehnten und Kredite sich anzupassen und Profite zu ziehen. Die Verlierer waren die Landbevölkerung und der niedere Adel und Klerus, aus deren Reihen sich in der Folge eine Gegenbewegung zur offiziellen Kirche – ähnlich den späteren Waldensern – rekrutierte. 1022 lassen sich in Orléans Wanderprediger nachweisen, die das Materielle als unrein zurückwiesen und die Sakramente der an die Geld- und Warenwirtschaft angepassten Kirche ablehnten. Stattdessen praktizierten sie Sündenvergebung durch Handauflegen.Daniela Müller: Katharer. In: Theologische Real-Enzyklopädie. (TRE), Band 18, Berlin 1989, S. 21 ff.
Angenommen werden Einflüsse durch gnostische Ideen, die schon Mani aufnahm; sie könnten auf „Strömungen des Urchristentums“ zurückführen, die zur gleichen Zeit in Südosteuropa entstanden. Ebenso möglich erscheint die eigenständige Ausbildung dualistischer Vorstellungen, da auch im Abendland eine dualistische Bibelauslegung – z. B. des Corpus Johanneum – nicht unbekannt war. Auffallend sind Ähnlichkeiten mit der Lehre der Bogomilen.M. Roquebert: Die Religion der Katharer. Portet-sur-Garonne 1988, S. 24.Matthias Benad: Domus und Religion in Montaillou. Tübingen 1990, 12ff. Wenngleich es enge Verbindungen zwischen diesen beiden Bewegungen gegeben hat, ist die Vermutung einer Abspaltung der westlichen Katharer von den östlichen Bogomilen umstritten.Daniela Müller: Ketzer und Kirche: Beobachtungen aus zwei Jahrtausenden. Lit-Verlag, 2014, S. 162.
Verbreitung, Konsolidierung und Blüte Im ersten Drittel des 11. Jahrhunderts sind die ersten Vorkommen in Frankreich bezeugt, so in Vertus in der Champagne (um das Jahr 1000), Toulouse (1017) und Orléans (1022), sowie im italienischen Monteforte (1034). In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bewirken die gregorianischen Reformen einen merklichen Rückgang, auf den allerdings ein neuer Aufschwung folgte. Die Anhänger der katharischen Lehre bildeten eine der größten religiösen Laienbewegungen des Mittelalters und galten als die Mitbegründer der Armutsbewegung. Nach 1100 breitete sich die Bewegung rasch aus: „Antwerpen, Löwen und Brügge von 1110 bis 1115, Soissons 1114, Utrecht 1135, Lüttich 1135, Köln , Besançon 1163, Trier 1164, Vézelay 1167, Arras 1172, Reims 1180, Troyes 1200, London 1210, Straßburg 1211.“
Ab 1155 verbreitete sich der Katharismus in Italien. Die italienischen Katharer spalteten sich binnen weniger Jahrzehnte in mehrere Ortskirchen, die Verbindungen zu den Kirchen der Bogomilen im Osten unterhielten. Um 1200 trennten sich unter den Katharern in Concorezzo, den Concorezzensern, die Anhänger des Katharer-Bischofs Nazarius von denen des Desiderius. Um 1230 spalteten sich die Albanenser in die Schulen der Anhänger des Belesmanza und des Giovanni di Lugio, in dessen Umkreis das katharische Werk Liber de duobus principiis, das „Buch der zwei Prinzipien“, entstand.
mini|hochkant=1.2|Carcassonne, ehemalige Katharerhochburg in Okzitanien
In Deutschland lassen sich die Katharer erstmals 1143 in Köln nachweisen.Arno Borst: Die Katharer. Freiburg im Breisgau 1992, S. 75. Bis 1200 hatte die Bewegung bereits große Gebiete zwischen Rhein und Pyrenäen erfasst. Insbesondere in Okzitanien und Oberitalien hatten sich große Gemeinschaften gebildet.Arno Borst: Die Katharer. Freiburg im Breisgau 1992, S. 77. 1167 kam es zu einer Synode der südfranzösischen Katharer in Saint-Félix de Caraman. Dort setzte der Vorsitzende, Nicetas, wohl ein bogomilischer Priester aus dem Oströmischen Reich (Byzanz), einen stärkeren Dualismus nach östlichem Vorbild durch und regte die Bildung von Bistümern an. Die katharische Bewegung entwickelte sich zu einer eigenen Kirche. Im bedeutendsten Katharergebiet, dem Languedoc im südfranzösischen Okzitanien, wurden vier Diözesen gegründet (Albi, Agen, Toulouse, Carcassonne). Auch im zweiten wichtigen Katharerzentrum, Oberitalien (insbesondere Lombardei), entstanden sechs Diözesen.
Ihr Hauptverbreitungsgebiet hatten die Katharer im südfranzösischen Raum, wo sie sehr angesehen waren, insbesondere an den Adelshöfen, u. a. weil in diesem Landstrich außer kleineren Fürsten keine übergeordnete Autorität regierte und die katharische Kirche mit ihrer authentischen Sittlichkeit und materiellen Bescheidenheit einen positiven Einfluss ausübte.Malcolm Lambert: Geschichte der Katharer. Darmstadt 2001, S. 44f. Überdies brauchte die Bevölkerung in den von den Katharern kontrollierten Gebieten keinen Zehnt als Kirchensteuer zu entrichten. In der Frühzeit der Bewegung sympathisierten viele Angehörige der Oberschicht – bis hin zu den mächtigen Grafen von Toulouse – mit den Katharern. Später traten Katharer auch in anderen Teilen Italiens, auf Sizilien, im Rheinland, in Österreich, Spanien, England und einigen skandinavischen Ländern auf.
Erste Gegenmaßnahmen der Kirche Für die Kirche stellten die Katharer eine gefährliche und völlig neue Bedrohung dar. Erstmals war in Europa der Versuch, eine Gegenkirche zu etablieren, unternommen worden und regional auch gelungen. In den Augen der Päpste galt die katharische Bewegung als Häresie. Ihre theologischen Standpunkte wurden als absurd, wenn nicht gar als diabolisch betrachtet. 1179 wurden die Katharer von Papst Alexander III. auf dem Dritten Laterankonzil erstmals verurteilt und exkommuniziert. Unter Papst Lucius III. erfolgte eine neuerliche Verurteilung auf dem Konzil von Verona im Jahr 1184 in der Bulle Ad Abolendam. Hierin wurden auch erstmals konkrete Maßnahmen gegen sogenannte Ketzer dargelegt, wie der Beschluss, dass alle Bischöfe in ihren Pfarren Ketzer zur Anzeige bringen sollten. Diese Maßnahme sollte sich jedoch als wenig erfolgreich erweisen (zur ausführlicheren Darstellung siehe: Inquisition). Papst Innozenz III. schlug in der Bekämpfung der Katharer zunächst einen neuen Weg ein: 1206 entsandte er eine Gruppe von Zisterziensermönchen nach Südfrankreich, darunter Pierre de Castelnau, Diego de Acebo sowie der junge Domingo de Guzman, um die Katharer über den Weg des Gesprächs und der gütlichen Einigung wieder für die Kirche zu gewinnen. Die Mönche sollten dort, so wie die Perfecti/ae, in einfacher Kleidung und Demut auftreten. In den darauffolgenden Monaten führten die Zisterzienser in Okzitanien Dispute und hielten Predigten. 1208 wurde jedoch Pierre de Castelnau ermordet. Da Papst Innozenz III. nunmehr alle Versuche gescheitert sah, der Katharer Herr zu werden, rief er gegen sie noch im selben Jahr zum Kreuzzug auf, der sich 1209 in Bewegung setzte.
Untergang mini|1209 wurden Katharer aus Carcassonne vertrieben.