Unter Rating ([]; ) versteht man im Finanzwesen die Einstufung der Bonität eines Wirtschaftssubjekts (Unternehmen, Staat) oder eines Finanzinstruments. Die Einstufung wird in der Regel von einer Ratingagentur oder einem Kreditinstitut vorgenommen und in Rating-Stufen klassifiziert. Als Rating wird sowohl das Verfahren zur Ermittlung der Bonitätsstufe als auch dessen Ergebnis bezeichnet. Die Skala der vergebbaren Bonitätsnoten wird auch als „Ratingskala“, die vereinbarten Kürzel für die Bonitätsnoten als „Ratingcode“ bezeichnet. Außer den hier betrachten Ratings zur Beurteilung der Bonität gibt es auch solche, die der Beurteilung der Nachhaltigkeit eines Unternehmens dienen (siehe auch ESG-Rating).

Wortherkunft Der Anglizismus „Rating“ stammt vom englischen Verb „to rate“, was so viel wie „bewerten“ oder „(ab)schätzen“ bedeutet. Das englische Substantiv „rate“ bedeutet „Verhältniszahl“ oder „Quote“. Die englische Continuous-Form „rating“ wiederum ist das „Bewerten“ oder „Abschätzen“. Allgemein handelt es sich bei mit „Rating“ bezeichneten Leistungsbeurteilungen um Einstufungen von Dienstleistungsbetrieben wie Hotels, Restaurants, Medien, Unternehmen oder auch Immobilien.Michael Munsch/Bernd Weiß: Rating: Finanzdienstleistung und Entscheidungshilfe. 2001, S. 11. Internet-Ratings von Hotels oder Restaurants werden heutzutage meist unsystematisch und subjektiv im Rahmen einer Bewertung durch Kunden vorgenommen. Ratingagenturen und Kreditinstitute versuchen hingegen, ihre Ratings durch systematische Finanzanalyse vergangenheits- und zukunftsbezogener Daten über den Schuldner (Bilanzanalyse) zu objektivieren. Auch die Deutsche Bundesbank kann Ratings oder Bonitätsprüfungen vornehmen.Bonitätsanalyse der Deutschen Bundesbank

Geschichte mini|Poor’s Directory of Railroad Officials – Titelseite (1893) Das Rating hat seinen Ursprung in den USA, wo die landesweite Verbreitung der Eisenbahn einen hohen Finanzierungsbedarf auslöste. Der sich hierfür etablierende Kapitalmarkt war weitgehend anonym und intransparent, so dass Kreditgeber einem hohen Kreditrisiko ausgesetzt waren. Die Markttransparenz verbesserte sich, als Henry Varnum Poor (1812–1905) im Jahre 1860 die „History of the Railroads and Canals of the United States“ veröffentlichte,Henry Varnum Poor, History of the Railroads and Canals of the United States, Volume I, 1860. die eine erste detaillierte Zusammenstellung sowohl der betrieblichen als auch der finanziellen Lage der Eisenbahngesellschaften beinhaltete.Gianluca Mattarocci, The Independence of Credit Rating Agencies, 2014, S. 33. Henry Varnum und sein Sohn Henry William Poor (1844–1915) veröffentlichten 1868 „The Manual of the Railroads of the United States of America“, wovon sie innerhalb weniger Monate 2.500 Exemplare verkaufen konnten. Henry William Poor gründete 1873 mit der Poor & Co. eine Versicherungs- und Brokerfirma. Diese fusionierte im Jahre 1919 für kurze Zeit mit der John Moody & Co., einer Gesellschaft, die im Jahre 1900 das „Moody’s Manual of Industrial and Corporation Securities“ herausbrachte. Die Zusammenarbeit endete 1922, als Poor sich mit der 1906 von Luther und Lee Blake gegründeten Standard Statistics Inc. zur heutigen Standard & Poor’s zusammenschloss. Diese begann im Jahre 1922 mit systematischen Ratings von Unternehmensanleihen. Inzwischen hatte John Moody (1868–1950) im Jahre 1909 mit seiner Agentur Moody’s begonnen, Aktien und Anleihen der amerikanischen Eisenbahnen zu raten, 1919 kamen die Bondratings von Kommunalschuldverschreibungen hinzu. Jüngste der drei größten heutigen Agenturen ist Fitch Ratings, die am 24. Dezember 1913 durch John Knowles Fitch (1880–1943) gegründet wurde. Archibald M. Crossley entwickelte für Radioprogramme ab März 1930 die „Crossley ratings“. Die Verbesserung des Anlegerschutzes durch den Securities Act vom Mai 1933 und die Gründung der Securities and Exchange Commission (SEC) im Juni 1934 führten zu einer gesetzlichen Anerkennung von Ratings.

Dass Ratingagenturen nicht fehlerlos blieben und die aktuelle Bonität ihrer Schuldner falsch einschätzten, wurde spätestens im Dezember 1975 beim Bail-out der Stadt New York City und im Dezember 1994 mit der Insolvenz des ebenfalls gut eingestuften Orange County bei subnationalen öffentlichen Schuldnern offenkundig. Im Unternehmenssektor folgten grobe Fehleinschätzungen bei Enron (Dezember 2001), WorldCom (Juli 2002) und Parmalat (Dezember 2003), die allesamt eine von den Agenturen nicht vorhergesehene Insolvenz anmelden mussten. Fehleinschätzungen bei hypothekenbesicherten Wertpapieren (Collateralized Mortgage Obligations) und Collateralized Debt Obligations schließlich waren Ausgangspunkt der Finanzkrise ab 2007. Im Januar 2007 wurden Ratings der Agenturen oder bankinterne Ratings durch Basel II europaweit zur gesetzlich auferlegten Pflicht, in Deutschland durch die Solvabilitätsverordnung. Deren Funktion hat im Januar 2014 die Kapitaladäquanzverordnung (englische Abkürzung CRR) übernommen und die Mindesteigenkapitalanforderungen für Kreditrisiken nochmals verschärft. Nach Art. 113 Abs. 1 CRR sind Kreditinstitute in den EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, bei der Anwendung des KSA-Standardansatzes Ratings der von ihnen benannten Ratingagenturen zu übernehmen.

Begriffe Im Zusammenhang mit Ratings tauchen einige – ebenfalls englische – Fachbegriffe auf: Notch () ist die Bezeichnung für eine Ratingklasse (Ratingstufe) im Vergleich zu der nächsten besseren oder schlechteren Ratingklasse. Die kleinstmögliche Veränderung von einer Ratingklasse zur nächsten beträgt einen notch. Herabstufung oder Heraufstufung ( oder ) eines Ratings um mindestens einen „notch“ im Vergleich zum zeitlich vorhergegangenen Rating für dasselbe Ratingobjekt. Ratingmigration ist die Veränderung der Bonitätsnote im Zeitablauf durch Herauf- oder Herabstufung. Die Agenturen veröffentlichen turnusmäßig Tabellen mit den vergangenen Herauf- und Herabstufungen, aus denen sich die Wahrscheinlichkeit einer Herauf- oder Herabstufung je Bonitätsklasse als Matrix von Übergangswahrscheinlichkeiten ermitteln lässt. Country ceiling () ist der Grundsatz, dass ein Schuldner in einem Staat kein besseres Rating aufweisen darf als der Staat, in welchem der Schuldner seinen Sitz hat. Grund hierfür ist, dass das Länderrisiko dieses Staates mit dem Transferstopprisiko einen limitierenden Faktor bei der Kreditbedienung durch den Schuldner darstellen kann.Thomas E. Krayenbuehl, Cross-border Exposures and Country Risk, 2001, S. 108 Ist der Schuldner zahlungsfähig, sein Staat aber nicht (weil er über geringe oder keine Währungsreserven verfügt), so wird ihm der Staat keinen Devisentransfer genehmigen. Through-the Cycle (): Agenturen sind bestrebt, im Rahmen dieser Philosophie Unternehmensratings unabhängig von konjunkturellen Einflüssen und damit weitgehend konstant zu halten.Gunter Löffler: An anatomy of rating through the cycle, in: Journal of Banking and Finance 28, 2004, S. 695. Temporäre, zyklische Bonitätsveränderungen haben deshalb oft keine Auswirkung auf das Rating (Saisonbereinigung). Fallen angels () sind Emittenten, deren Bonitätseinschätzung sich durch plötzliche und unerwartet eingetretene Risikoverschlechterung bis in den spekulativen Bereich verschlechtert hat. Sie sind ein Indiz dafür, dass den Agenturen die maßgebliche Risikoverschlechterung verborgen geblieben ist oder wider besseres Wissen noch nicht berücksichtigt wurde. Mapping ist der Vergleich eines internen Ratings mit einem externen Rating für dasselbe Ratingobjekt. Er soll zeigen, ob und inwieweit diese Ratings voneinander abweichen. Das Mapping muss eine Abweichungsanalyse beinhalten. Der Outlook () ist eine Stellungnahme zur wahrscheinlichen Richtung, in der sich ein Rating kurzfristig, mittelfristig oder sowohl kurzfristig als auch mittelfristig entwickeln wird. Im Kontext der Unternehmensbewertung dient ein Rating zur Quantifizierung des Insolvenzrisikos, das erwartete Höhe und den zeitlichen Verlauf der Cashflows und die Kapitalkosten beeinflusst. Insolvenzprognoseverfahren sind quantitative Methoden zur Ableitung eines Ratings.

Arten Je nachdem, wer ein Rating durchführt, unterscheidet man interne und externe Ratings. Ratingagenturen erstellen externe Ratings, ohne dabei eigenes Risiko zu besitzen, während interne Ratings durch Kreditinstitute oder institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds wegen eigenem Gläubigerrisiko vorgenommen und nicht veröffentlicht werden.Oliver Everling: Artikel „Rating“ in: Wolfgang Gerke, Gerke Börsen Lexikon, 2002, S. 655 ff. Agenturen unterscheiden Ratings mit oder ohne Auftrag (solicited/unsolicited) je nachdem, ob sie von einem Schuldner zum Rating beauftragt wurden oder nicht. Dabei differenzieren Agenturen und Banken ihre Ratingsysteme nach der Art des Schuldners in Länderratings, Unternehmensratings, Emissionsratings oder Ratingsysteme für natürliche Personen (Kreditscoring). Hierbei sind weitere Verfeinerungen wegen der unterschiedlichen Bilanzstrukturen und Betriebsabläufe erforderlich (Länderratings in Ratings von einzelnen Gebietskörperschaften innerhalb eines Staates, Unternehmensratings nach Unternehmensarten in Nichtbanken, Kreditinstitute und Versicherungen).

Die Agenturen unterscheiden wie folgt nach Ratingobjekt: Rating-Objekt Ziele Schuldtitel wie Anleihen Beurteilung der Zinszahlungs- und Rückzahlungsfähigkeit während der Laufzeit des Schuldtitels Emissions­rating Beurteilung der Zinszahlungs- und Rückzahlungsfähigkeit während der Laufzeit der Emission Emittenten­rating Beurteilung der Zinszahlungs- und Rückzahlungsfähigkeit eines Emittenten wegen seiner erstrangigen Verpflichtungen allgemein oder für Derivate und damit Maß für das Insolvenzrisiko. Eigenkapital­titel, Aktien­rating Beurteilung des Unternehmens und seiner Kursrisiken sowie der Wahrscheinlichkeit einer Dividenden­zahlung Fondsrating: Geldmarktfonds, Investmentfonds Beurteilung der Qualität der Finanzinstrumente, des Fondsmanagements, der Einhaltung der Anlageziele und -strategien, Liquiditätsvorsorge und Marktrisiken Unternehmen: Nichtbanken, Kreditinstitute, Versicherungen Beurteilung der Sicherheit von Ansprüchen der Einleger und Versicherungsnehmer Staaten (Länderrisiko) und deren subnationale Gebietskörperschaften Beurteilung der Zinszahlungs- und Rückzahlungsfähigkeit von Staaten und ihren Untergliederungen

Allgemeines Im Bankwesen erfolgt die Einordnung der Schuldnerqualität nach bankeigenen Kriterien („internes Rating“) oder wird von international tätigen Ratingagenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s, Fitch oder DBRS („externes Rating“) vorgenommen. Neben diesen großen internationalen Agenturen, die zusammen über 97 % des weltweiten Ratingmarktes abdecken, existieren inzwischen in fast allen Ländern national operierende Ratingagenturen. Daneben gibt es kleinere Ratingagenturen, die sich auf die Beurteilung der Bonität in bestimmten Geschäftsbereichen spezialisiert haben (etwa Banken, Versicherungen).

Beim internen Bankrating wie auch dem von den Agenturen angebotenen externen Rating werden mittels mathematisch-statistischer Verfahren Ausfallwahrscheinlichkeiten anhand von Ausfallsmerkmalen errechnet und in Ratingstufen eingeteilt, die mit Ratingcodes abgekürzt werden. So steht AAA (englisch ausgesprochen: triple A) für höchste Bonität, C oder gar D dagegen für eine sehr schlechte. Die einzelnen Kategoriebezeichnungen unterscheiden sich von Agentur zu Agentur. So verwendet Moody’s Zahlen als Zusatz, zum Beispiel A1, A2, A3, während bei Standard & Poor’s ein „+“ oder „−“ angefügt wird. Transformationstabellen sorgen für einen Vergleich der von den Agenturen verwendeten unterschiedlichen Ratingcodes.