mini|Kolorierter Holzstich der Verbrennungsszene (ca. 1880) mini|Darstellung der Bücherverbrennung (1883) Als Bücherverbrennung beim Wartburgfest wird ein Ereignis am 18. Oktober 1817 bezeichnet, bei dem nach dem offiziellen Ende des ersten Wartburgfestes Symbole der Gegner der frühen burschenschaftlichen Einheits- und Freiheitsbewegung verbrannt wurden. Dabei handelte es sich um Attrappen missliebiger Werke und einige militärische Objekte.Werner Treß: Wartburgfest. In: Wolfgang Benz (Hrsg.) Handbuch des Antisemitismus, Bd. 4: Ereignisse, Dekrete, Kontroversen. de Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-598-24076-8, S. 435.
Vorgeschichte Das Wartburgfest in Eisenach am 18. Oktober 1817 erregte durch die geplante Teilnahme von etwa 5 % der damaligen deutschen Studenten bereits früh die Aufmerksamkeit der Behörden. So warnten etwa Repräsentanten aus Hannover den Weimarer Großherzog Carl August vor der Veranstaltung. Der liberale Großherzog war dem Vorhaben der Studenten jedoch zugetan. Für die am Abend des 18. Oktober geplanten Siegesfeuer zum Gedenken an die Völkerschlacht spendete er sogar das Holz.Joachim Burkhart Richter: Hans Ferdinand Maßmann – Altdeutscher Patriotismus im 19. Jahrhundert, de Gruyter, Berlin 1992, S. 72.
Es wird zumeist angenommen, dass der nicht anwesende Friedrich Ludwig Jahn die Aktion angeregt und die zu verbrennenden Bücher aufgelistet habe. So äußerte er bereits 1808 in seiner Schrift Deutsches Volksthum: „Es giebt Bücher genug, die von Henkershand sammt ihren Verfassern verbrannt zu werden verdienen.“ Jakob Friedrich Fries habe Ergänzungen an der Liste vorgenommen. Die Bücherverbrennung wurde von dem Philologiestudenten Hans Ferdinand Maßmann und einigen seiner Freunde inszeniert. Maßmann war mit einer Liste der Bücher ausgerüstet, deren Attrappen er ins Feuer warf. Vermutlich kannte er den Großteil der Bücher nicht einmal.Joachim Burkhart Richter: Hans Ferdinand Maßmann – Altdeutscher Patriotismus im 19. Jahrhundert. De Gruyter, Berlin 1992, S. 75. (Dissertation Berlin 1989) Der Historiker Klaus Malettke sieht für die Anleitung Jahns und die Behauptung, dass dieser die verbrannten Titel zusammengestellt habe, allerdings keine Belege.Klaus Malettke: Zur politischen Bedeutung des Wartburgfestes im Frühliberalismus. In: Klaus Malettke (Hrsg.): 175 Jahre Wartburgfest, 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 1992, Heidelberg 1992, S. 23. Maßmann selbst berichtete, dass die gesamte Idee einer Bücherverbrennung spontan während des Festes entstanden sei, was Joachim B. Richter jedoch als Schutzbehauptung ansieht.Joachim Burkhart Richter: Hans Ferdinand Maßmann – Altdeutscher Patriotismus im 19. Jahrhundert, de Gruyter, Berlin 1992, S. 75.
Die Festleitung – ein Ausschuss der Jenaer Urburschenschaft – lehnte eine Bücherverbrennung während des offiziellen Teils des Wartburgfestes mehrheitlich ab.Joachim Burkhart Richter: Hans Ferdinand Maßmann – Altdeutscher Patriotismus im 19. Jahrhundert, de Gruyter, Berlin 1992, S. 73.
Ablauf mini|Darstellung des Siegesfeuers vom 18. Oktober 1814 Nach dem Ende der offiziellen Feierlichkeiten und einem Festessen zogen viele Teilnehmer des Wartburgfestes mit einem Fackelzug vom Eisenacher Marktplatz zum nahe gelegenen Wartenberg. Dort hatten Angehörige des Eisenacher Landsturms zum Gedenken an die Völkerschlacht wie schon in den Jahren zuvor mehrere Siegesfeuer entzündet.Günter Steiger: Aufbruch – Urburschenschaft und Wartburgfest, Leipzig/Jena/Berlin 1967, S. 106. Der Teilnehmer und spätere slowakische Nationaldichter Ján Kollár schildert die Szenerie als Volksfest mit „Buden, Zelte[n], Verkaufsstände[n] und Lauben“ sowie „Spiel, Tanz, Schießen, Feuerwerk, Gesänge[n] und unzählige[n] Unterhaltungen“.Jutta Krauss: Das Wartburgfest der deutschen Burschenschaft, Schnell + Steiner, 2011, S. 16–17. Die eintreffenden Studenten wurden mit einem Feuerwerk begrüßt. Den Studenten wurde zuerst ein gesonderter Platz zugewiesen, später vermischten sich die Gruppen.„So strömten dann die Gefühle Aller aus in ein lautes Herrlich! Herrlich! als der Redner geendet hatte, und in ungestümer Freude stürzten sich die ergriffenen Jünglinge einander in die Arme, wie von einem unsichtbaren Geiste geführt. Die Landsturmsmänner, die nahebei ein eigenes Jubelfeuer hatten, waren während der Rede alle herübergekommen und hatten sich in die Schaar gemischt, waren eingetaucht und getauft worden in dem Strom des allgemeinen Enthusiasmus.“ Carl Hoffmeister: Beschreibung des Festes auf der Wartburg. Sendschreiben eines Gutgesinnten, gedruckt in Deutschland und für Deutsche 1818, 1818, zitiert nach Angela Luise Heinemann: Studenten im Aufbruch – die Entstehung der Jenaer Urburschenschaft und das Wartburgfest als mediale Inszenierung. In: Harald Lönnecker (Hrsg.): „Deutschland immer gedient zu haben ist unser höchstes Lob!“ Zweihundert Jahre Deutsche Burschenschaften. Eine Festschrift zur 200. Wiederkehr des Gründungstages der Burschenschaft am 12. Juni 1815 in Jena, Heidelberg 2015, S. 55.
Zunächst sangen die Teilnehmer das Lied „Des Volkes Sehnsucht flammt“ des Studenten Ludwig Roediger.Günter Steiger: Aufbruch – Urburschenschaft und Wartburgfest, Leipzig/Jena/Berlin 1967, S. 107.Text zu finden etwa im Morgenblatt für gebildete Stände, Ausgabe vom 8. November 1817, abrufbar bei Google Books. Dieser selbst hielt daraufhin eine Rede, die später als „Ein deutsches Wort an Deutschland’s Burschen gesprochen vor dem Feuer auf dem Wartenberg bei Eisenach“ veröffentlicht wurde. Sie wurde vor allem von den jungen anwesenden Teilnehmern begeistert aufgenommen:
Nach der Rede Roedigers war das Ende der Veranstaltung vorgesehen. Aufgrund der kalten Witterung verließen nun die meisten Studenten den Wartenberg, um in ihre Unterkünfte in Eisenach zurückzukehren. Auch Jakob Friedrich Fries, der als einziger Professor an dem Siegesfeuer teilnahm, machte sich auf den Rückweg.
mini|Paul Thumann: Luther verbrennt die Papstbulle (1872) Während die verbliebenen Studenten am Feuer sangen und tranken, brachten Angehörige der Turnerbewegung, darunter Wilhelm und Robert Wesselhöft, einen Korb mit Makulaturballen. Diese stammten von dem Eisenacher Buchhändler Baerecke.Robert Wesselhöft: Geschichte der Jenaischen Burschenschaft, redigiert und kommentiert von Peter Kaupp und Klaus Malettke, S. 266, Fußnote 55. In: Klaus Malettke (Hrsg.): 175 Jahre Wartburgfest, 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 1992, Heidelberg 1992. Hans Ferdinand Maßmann aus dem engeren Kreis des nicht anwesenden „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn begann nun, in einer Rede Schriftsteller, Schriften und die Obrigkeit zu schmähen. Er nahm Bezug auf die Bücherverbrennung, bei der Luther die Päpstliche Bulle Exsurge Domine und die Schriften des kanonischen Rechts im Dezember 1520 den Flammen überantwortet hatte.Günter Steiger: Aufbruch – Urburschenschaft und Wartburgfest, Leipzig/Jena/Berlin 1967, S. 111.Peter Kaupp: „Dort, wo man Bücher verbrennt …“. In: Studentenkurier der Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte, Ausgabe 2/2008, S. 7.
Mit einer Heugabel wurde jeweils ein Makulaturballen ins Feuer geworfen und der Titel laut ausgerufen. Nach einigen Quellen wurde der Titel vorher noch auf die Ballen geschrieben.Paul Wentzcke: Das Wartburgfest am 18. Oktober 1817. In: Geschichte der Deutschen Burschenschaft, Band 1, Heidelberg 1919, S. 216–218. Den übrigen Teilnehmern war eventuell nicht bewusst, dass es sich um keine echten Bücher handelte.Joachim Burkhart Richter: Hans Ferdinand Maßmann – Altdeutscher Patriotismus im 19. Jahrhundert, de Gruyter, Berlin 1992, S. 75.
Danach wurden weitere Lieder gesungen und der Großherzog von Sachsen-Weimar für die Einführung einer Verfassung bejubelt.Angela Luise Heinemann: Studenten im Aufbruch – die Entstehung der Jenaer Urburschenschaft und das Wartburgfest als mediale Inszenierung. In: Harald Lönnecker (Hrsg.): „Deutschland immer gedient zu haben ist unser höchstes Lob!“ Zweihundert Jahre Deutsche Burschenschaften. Eine Festschrift zur 200. Wiederkehr des Gründungstages der Burschenschaft am 12. Juni 1815 in Jena, Heidelberg 2015, S. 57.
Verbrannte Gegenstände mini|In der Zeitschrift Isis wurden in der Nummer 195 aus dem Jahr 1817 die verbrannten Gegenstände und Bücher aufgeführt. Bei der Aktion wurden symbolisch Bücher in Form von Altpapierbündeln verbrannt, die mit Titeln unerwünschter Werke beschriftet gewesen sein sollen und mit einer Heugabel ins Feuer geworfen wurden. Daneben wurden weitere Gegenstände verbrannt, die die verhasste Obrigkeit repräsentieren sollten.