mini|Flugblatt vom April 1933 mit dem Aufruf, private Bibliotheken von „undeutschem Schrifttum“ zu reinigen
Zwischen 10. Mai und 21. Juni 1933 wurden im Zuge der von der nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft organisierten Aktion „Wider den undeutschen Geist“ an vielen Orten in Deutschland öffentliche Bücherverbrennungen durchgeführt. Grundlage für die Auswahl der zu verbrennenden Werke bildeten so genannte „Schwarze Listen“ des Bibliothekars Wolfgang Herrmann, nach denen Studenten und andere Hochschulangehörige „verbrennungswürdige“ Literatur in Universitätsbibliotheken, Leihbüchereien und Buchhandlungen für die Verbrennungen aussonderten (siehe auch: Liste verbotener Autoren während der Zeit des Nationalsozialismus).
Schwarze Listen mini|Karl Marx mini|Sigmund Freud mini|Kurt Tucholsky, 1928 mini|Heinrich Mann mini|Thomas Mann, 1937
Der Berliner Bibliothekar Wolfgang Herrmann hatte bereits seit einigen Jahren an einem Verzeichnis auszusondernder Schriften gearbeitet. An ihn wandte sich die Deutsche Studentenschaft mit der Bitte um „Schwarze Listen“, die bei der „Aktion wider den undeutschen Geist“ die Grundlage der „Säuberungen“ bilden sollten. Bereits am 26. März 1933 erschien eine erste „Liste verbrennungswürdiger Bücher“ in der „Berliner Nachtausgabe“. Anfang April 1933 trat in Berlin ein „Ausschuss zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien“ zusammen, dem auch der damals 29-jährige Wolfgang Herrmann angehörte. Im Rahmen dieses Ausschusses arbeitete er seine Schwarzen Listen weiter aus.
Die NS-Forschung ab den 1980er-Jahren hat belegt, dass weder die nationalsozialistische Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 noch die von Wolfgang Herrmann erstellte Schwarze Liste direkt vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Auftrag gegeben oder gelenkt worden waren.Anselm Faust: Die Hochschulen und der „undeutsche Geist“. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und ihre Vorgeschichte. Das war ein Vorspiel nur... Bücherverbrennung Deutschland 1933. Voraussetzungen und Folgen. Akademie der Künste, Berlin 1983, S. 31–50, hier S. 38f.Gerhard Sauder: Vorbereitung der „Aktion wider den undeutschen Geist“. In: Gerhard Sauder (Hrsg.): Die Bücherverbrennung. Hanser, München 1983, S. 69–102. Die Organisation der Bücherverbrennung lag weitgehend in der Hand der Deutschen Studentenschaft (die durchaus vom Reichsministerium unterstützt wurde), und ebenso war Herrmanns Schwarze Liste aus Eigeninitiative des überzeugten nationalsozialistischen Bibliothekars entstanden; erst in den folgenden Jahren übernahmen Goebbels und sein Ministerium – nach längeren Machtkämpfen mit Alfred Rosenberg – die alleinige Lenkung der Schrifttumspolitik.Birgit Ebbert: shoa.de Zusammenfassender Artikel über die Bücherverbrennung Mit der fortschreitenden Institutionalisierung der Schrifttumspolitik wuchs auch die Zahl der verbotenen Bücher und Autoren stetig an, vgl. Liste verbotener Autoren während der Zeit des Nationalsozialismus.
Herrmanns „Schwarze Liste“ hatte ursprünglich nur die Funktion, die indizierten Werke für die Ausleihe in Büchereien zu sperren. Es handelte sich dabei (in zeitgenössischer Terminologie) um:
Wissenschaftliches Schrifttum des Marxismus und Kommunismus Aus dem Geiste volksentfremdeten Großstadtliteratentums hervorgegangene Asphaltliteratur Literatur, die das Erlebnis der Frontsoldaten in den Schmutz zieht Literatur, die die sittlichen und religiösen Grundlagen unseres Volkes untergräbt Schriften zur Verherrlichung der Weimarer Republik Schrifttum, welches das berechtigte Empfinden nationaler Kreise verletzt
Verbrennungslisten Auf Basis dieser „schwarzen Listen“ erstellte Wolfgang Herrmann weitere Listen, die er dann ab 26. April sukzessive an die „Aktion wider den undeutschen Geist“ übermittelte. Die Originale liegen im Staatsarchiv Würzburg (Akten der DSt, 21 C 14 /I). Unter Zuhilfenahme dieser Listen wurden nun die Universitäts- und Institutsbibliotheken durchsucht und ab 6. Mai 1933 Buchhandlungen und Leihbüchereien von studentischen Stoßtrupps heimgesucht und ihrer wertvollen Bestände beraubt. Die öffentlichen Stadt- und Volksbüchereien wurden dazu angehalten, ihre Bestände selbst zu „säubern“ und die ausgesonderten Bücher den Studentenschaften für die Bücherverbrennungen am 10. Mai zu übergeben.
Die Listen waren in folgende Sachgebiete unterteilt:
Schöne Literatur (zunächst 71, dann 131 Schriftsteller und 4 Anthologien)Schwarze Liste "Schöne Literatur " Geschichte (51 Autoren und 4 Anthologien) Kunst (8 Werke und 5 Monographien) Politik und Staatswissenschaften (121 Namen und 5 Werke ohne Verfasser) Literaturgeschichte (9 Verfassernamen) Religion, Philosophie, Pädagogik
Die Listen „Literaturgeschichte“ und „Religion, Philosophie, Pädagogik“ wurden erst am 10. bzw. am 16. Mai 1933 von der Studentenschaft verschickt, sodass sie bei den ersten Bücherverbrennungen noch nicht zur Anwendung gelangten.
Wenige Tage nach den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 wurden die „schwarzen Listen“ am 16. Mai im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ veröffentlicht, die Liste „Schöne Literatur“ wurde darin als „erste amtliche Schwarze Liste für Preußen“ gepriesen. Dr. Herrmann verlautbarte darin zur „Säuberung der öffentlichen Büchereien“:
Nach der Bücherverbrennung beeilten sich die einschlägigen Fachverbände, der „Börsenverein des deutschen Buchhandels“ und der „Reichsverband der deutschen Leihbüchereien“ – teilweise sogar in vorauseilendem Gehorsam – durch entsprechende Anordnungen bzw. Empfehlungen die „Ausmerzung undeutscher Literatur“ systematisch fortzusetzen, die „Säuberung“ von Bibliotheken und Verlagsprogrammen wurde landesweit fortgesetzt.
Die von Herrmann erstellten „Schwarzen Listen“ wurden fortlaufend ergänzt und erweitert, ein Jahr später umfassten sie mehr als 3000 Titel verbotener Bücher und Schriften. Auf einer „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, die ab 1935 regelmäßig herausgegeben wurde, fanden sich schließlich 12.400 Titel und das Gesamtwerk von 149 Autoren.
Die verbrannten Bücher Eine komplette Liste der „verbrannten Bücher“ zu erstellen ist unmöglich. Bereits die Liste „Schöne Literatur“, die der Studentenschaft am 26. April 1933 vom Bibliothekar Herrmann als erste übermittelt wurde, wurde mit dem Vermerk „Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Ausschließlichkeit“ versehen, was in der Folge wohl auch für die anderen Listen gegolten hat, sodass davon ausgegangen werden muss, dass die auf den „schwarzen Listen“ indizierten Werke nur den Kern der tatsächlich verbrannten Bücher darstellten. Die örtlichen Veranstalter hatten ausdrücklich „jegliche Freiheit“ vom DSt-Hauptamt zugestanden bekommen:
Dieses Rundschreiben des DSt-Hauptamts erklärte die Verbrennung der Werke folgender 15 Autoren, die in den neun Feuersprüchen genannt wurden, als verbindlich: Karl Marx, Karl Kautsky, Heinrich Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner, Friedrich Wilhelm Foerster, Sigmund Freud, Emil Ludwig, Werner Hegemann, Theodor Wolff, Georg Bernhard, Erich Maria Remarque, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky (genauer Wortlaut siehe: Bücherverbrennung 1933), jedoch fanden sich weder Theodor Wolff noch Georg Bernhard oder Carl von Ossietzky auf den „schwarzen Listen“.
Aufgrund der zugestandenen „Freiheit“ bei der Auswahl der Bücher nahm etwa die Universität Halle-Wittenberg in ihre Liste zusätzlich noch Autoren wie Heinrich Heine, Klabund, Frank Wedekind, Albert Ehrenstein, Carl Zuckmayer und Friedrich Hollaender auf. Die Verbrennung von Werken Thomas Manns ist zumindest für Hannover, Hamburg, Göttingen und Köln belegt (obwohl in Köln der Germanist Ernst Bertram versucht hatte, gegen die Verbrennung zu intervenieren), ohne dass sich Thomas Mann auf der Liste „Schöne Literatur“ befunden hätte. Im Begleittext der Liste „Geschichte“ wurde die Entfernung sämtlicher pazifistischer, defätistischer und pro-bolschewistischer Literatur eingefordert, ohne dass diese Werke einzeln aufgeführt waren.
Zeitungsbericht Eine „Säuberung“ der Städtischen Volksbücherei Heidelberg wurde zeitnah in dem Zeitungsbericht Raus mit dem Plunder. Städtische Bücherei räumt aus und baut auf am 20. Oktober 1937 geschildert:
Es wurde aber nicht nur „Säuberung“, sondern auch „Neuaufbau“ betrieben. Im gleichen Zeitungsbericht heißt es, der Oberbürgermeister von Heidelberg habe 1000 Reichsmark gestiftet, um die Umstellung des Literaturangebotes zu unterstützen:
Die Listen des Bibliothekars Herrmann Schöne Literatur Die Schwarze Liste „Schöne Literatur“ ging mit einem Begleitschreiben Herrmanns am 2. Mai 1933 beim DSt-Hauptamt ein:
Anthologie jüngster Lyrik Anthologie jüngster Prosa Asch, Nathan Asch, Schalom Babel, Isaac Budjonnys Reiterarmee Barbusse, Henri Barthel, Max Die Mühle zum toten Mann Becher, Johannes R. Beer-Hofmann, Richard Birkenfeld, Günther Bley, Fritz – alles (außer:) Tier- und Jagdgeschichten Bobinskaja, Elena Bogdanow, Nikolai Das erste Mädel Bonsels, Waldemar – alles (außer:) Biene Maja, Himmelsvolk, Indienfahrt Braune, Rudolf Mädchen an der Orga Privat Brecht, Bertolt Breitbach, Joseph Rot gegen Rot Brod, Max – alles (außer:) Tycho Brahe Brück, Christa Anita Schicksale hinter Schreibmaschinen Carr, Robert Doeblin, Alfred – alles (außer:) Wallenstein Dos Passos, John Dreißig neue Erzähler des neuen Russlands Dreißig neue deutsche Erzähler Ebermayer, Erich Die Nacht in Warschau Edschmid, Kasimir – alles (außer:) Timur, Die 6 Mündungen Ehrenburg, Ilja – alles (außer:) Grachus Badoeuf Essig, Hermann Ewers, Hans H. Vampir, Alraune Felden, Emil Eines Menschen Weg Feuchtwanger, Lion Fink, Georg Frank, Leonhard – alles (außer:) Räuberbande, Ochsenfurter Männerquartett Frey, Alexander Pflasterkästen Geist, Rudolf Gladkow, Fjodor Gläser, Ernst Goll, Iwan Gorki, Maxim Der Spitzel, Märchen der Wirklichkeit, Eine Beichte, Wie ein Mensch geboren ward, Das blaue Leben Graf, Oskar Maria – alles (außer:) Wunderbare Menschen, Kalendergeschichten Gruenberg, Karl Hašek, Jaroslav Hasenclever, Walter Hemingway, Ernest In einem anderen Land Hermann, Georg Kubinke, Schnee, Die Nacht des Dr. Herzfeld Hirsch, Karl Jakob Vorbestraft, Kaiserwetter Hofbauer, Josef Der Marsch ins Chaos Hoffmann, Richard Frontsoldaten Holitscher, Arthur Hotopp, Albert Ilf, Ilja; Petrow, Jewgeni 12 Stühle Illés, Béla Inber, Wera Jacob, Heinrich Eduard Blut und Zelluloid Johannsen, Ernst Vier von der Infanterie Kaestner, Erich – alles (außer:) Emil und die Detektive Kallinikow, Josef Katajew, Valentin Kaus, Gina Kellermann, Bernhard Der 9. November Kerr, Alfred Kesten, Hermann Keun, Irmgard Kisch, Egon Erwin Klaeber, Kurt Köppen, Edlef Heeresbericht Kollontay, Alexandra Kurtzig, Heinrich Dorfjuden Kusmin, Michail Latzko, Andreas Lampel, Peter Martin nur: Verratene Jungen, Revolte im Erziehungshaus Leidmann, Eva Leitner, Maria Hotel Amerika Leonow, Leonid Aufbau Lernet-Holenia, Alexander Lewisohn, Ludwig Das Erbe im Blut Libedinsky, Juri N. Lidin, Wladimir Liepmann, Heinz Linck, Otto Kameraden im Schicksal London, Jack Martin Eden, Zwangsjacke, Die eiserne Ferse Ludwig, Emil Mann, Heinrich Mann, Klaus Meyer-Eckhardt, Viktor nur: Das Vergehen des Paul Wendelin Meyrink, Gustav Michael, Friedrich Die gut empfohlene Frau Neumann, Robert – alles (außer:) Mit fremden Federn Newerow, Alexander S. Ognjew, Nikolai Olbracht, Ivan Ottwalt, Ernst Panfjorow, Fjodor Pantelejew, Leonid Pinthus, Kurt Plivier, Theodor Regler, Gustav Remarque, Erich Maria Renn, Ludwig nur: Nachkrieg Ringelnatz, Joachim Roth, Joseph Rubiner, Ludwig Rümann, Arthur Sachs, Nelly Sanzara, Rahel Schaeffer, Albrecht Elli oder die sieben Treppen Schirokauer, Alfred Schirokauer, Arno Schlump (d. i. Herbert Grimm) Schnitzler, Arthur – alles (außer:) Der Weg ins Freie Schröder, Karl Seifullina, Lidija alles (außer:) Der Ausreißer Seghers, Anna