mini|Unternehmer (2023) Der Begriff Unternehmertum (, von ), auch Unternehmergeist, Gründertum, Gründerszene oder Gründerkultur, beschäftigt sich als wirtschaftswissenschaftliche Teildisziplin mit dem Gründungsgeschehen oder der Gründung von neuen Organisationen als Reaktion auf identifizierte Möglichkeiten und als Ausdruck spezifischer Gründerpersönlichkeiten, die ein persönliches Kapitalrisiko tragen. Entrepreneur war im Französischen seit dem 16. Jahrhundert eigentlich ein Begriff für einen militärischen Anführer. So wurde im 18. Jahrhundert zuerst von B. F. de Belister eine Person genannt, die Waren zum kontrahierten Preis verkauft und versucht, sie möglichst billig einzukaufen (sog. Arbitrage, also im Unterschied zu späteren Definitionen ein risikoloses Geschäft).Entrepreneur. In: Joseph Sumpf, Michel Hugues: Dictionnaire de sociologie. Larousse, Paris 1973.

Die klassischen Definitionen des Entrepreneurs heben seine gesamtwirtschaftliche Erneuerungsfunktion hervor. In der modernen Entrepreneurship-Literatur finden sich zahlreiche, teils breitere Definitionsansätze. Entrepreneurship ist mehr als Unternehmensgründung und effiziente Nutzung von Ressourcen. Es schließt kreative Elemente wie die systematische Identifizierung von (Markt-)Chancen, das Finden von neuen (Geschäfts-)Ideen und deren Umsetzung in Form von neuen Geschäftsmodellen ein und ist nicht zwingend mit der Eigentümerfunktion verbunden. Das heißt, Unternehmertum kann auch innerhalb bestehender Unternehmen von Nicht-Eigentümern praktiziert werden (Intrapreneurship).

Der deutsche Begriff „Unternehmertum“ bezeichnet außerdem die Gesamtheit der Unternehmer eines Landes bzw. die soziale Klasse der Unternehmerz. B. Theodor Geiger: Die Soziale Schichtung des deutschen Volkes. Stuttgart 1931. (z. B. das „österreichische Unternehmertum“), wobei die Abgrenzung zum Kleinunternehmertum unscharf verläuft. Zur Kennzeichnung der Charakteristika von innovativen, persönlich risikotragenden Gründern wird heute in der deutschen Sprache meist der Entrepreneurbegriff verwendet. Hingegen wird ein Gründer ohne innovative Geschäftsideen, ohne eigene Mitarbeiter und ohne Wachstumspotenzial im Unterschied zum Entrepreneur oft als Existenzgründer bezeichnet. Als Start-Up bezeichnet man eine frühe und zeitlich begrenzte Entwicklungsphase eines innovativen Unternehmens, das beansprucht, ein skalierbares Geschäftsmodell vorzulegen, also in größerem Maße zu wachsen.

Entscheidend für den Erfolg von Gründern und jungem Unternehmertum ist ein ganzheitliches regionales Gründer-Ökosystem und gründerfreundliches Klima (siehe Abschnitt „Gründer-Ökosystem“). Zu den Aktivitäten staatlicher und privater Gründerausbildung und Gründungsförderung im internationalen Vergleich siehe die Artikel Gründerausbildung und Gründungsförderung und Gründerzentrum.

Definitionsversuche Für die Begriffe Entrepreneurship oder Unternehmertum gibt es keine allgemein gebräuchliche Definition. In wissenschaftlichen Arbeiten überwiegt die Betrachtung der unternehmerischen Funktion im makroökonomischen Kontext. Allgemein anerkannte Modelle oder einheitliche Theorien der Funktion des Entrepreneurs existieren jedoch nicht. Neben einem heute vorherrschenden prozessorientierten Ansatz des Gründungsmanagements, der sich gut zur Modellierung des Gründungsgeschehens eignet, finden sich persönlichkeitstheoretische, institutionenökonomische, industrieökonomische, organisationsökologische und vielfältige andere Theorieansätze zur Erklärung der Unternehmensgründung und ihrer Erfolgs- oder Scheiternsfaktoren.

Funktionale Definition des Entrepreneurs Die mikroökonomische Analyse des Phänomens Entrepreneurship reicht zurück bis zu den Arbeiten von Richard Cantillon und Adam Smith im 18. Jahrhundert. Für Cantillon waren alle Erwerbstätigen, die unter Unsicherheit arbeiteten, also auch diejenigen, die von der Gunst der Fürsten abhingen oder die Bauern, die von der Witterung abhängig waren, Entrepreneurs. Der Physiokrat François Quesnay verwendete den Begriff nur für Bauern.Entrepreneur, in: Joseph Sumpf, Michel Hugues: Dictionnaire de sociologie, Larousse, Paris 1973. Für Adam Smith war der Entrepreneur die zentrale Figur, die Angebot und Nachfrage ausgleicht, für Jean Baptiste Say jemand, der die Produktionsfaktoren kombinierte. Im 19. und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts – mit der Entwicklung der großen Kapitalgesellschaften – wurde die gesamtwirtschaftliche und soziale Rolle des Unternehmers jedoch immer stärker vernachlässigt, wenn man von Joseph Schumpeter und wenigen anderen einmal absieht. Erst ab den 1980er Jahren erfuhr die Beschäftigung mit dem Thema Entrepreneurship eine Renaissance und theoretische Vertiefung.

Unser heutiges Verständnis ist weitgehend geprägt durch die Werke von Ökonomen der österreichischen Schule, vor allem die Arbeit von Joseph Schumpeter, Carl Menger, Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek. Für Schumpeter (1934) ist ein Unternehmer eine Person, die bereit und fähig ist, neue Ideen oder Inventionen in erfolgreiche Innovationen umzusetzen. Der Unternehmer ist die Ursache von Veränderungen, die weg vom alten Gleichgewicht führen. Er ist nicht primär Erfinder, sondern Innovator, der neue Ideen aufgreift und durchsetzt, materielle und immaterielle „produktive Kräfte“ kreativ kombiniertJoseph Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 9. Auflage. Berlin 1997, S. 1\d f. und so existierende Strukturen verdrängt, zerstört und neue schafft. Diese „kreative Zerstörung“ alter Strukturen – ein im Wesentlichen diskontinuierlicher Prozess – ist verantwortlich für industrielle Dynamik und langfristiges Wirtschaftswachstum. Da die neuen Kombinationen zunächst neben die alten treten, kann der Unternehmer dabei nur selten die alten, nur langsam frei werdenden Produktionsfaktoren neu kombinieren, d. h. diese werden überflüssig.Joseph Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1997, S. 101.

Gegenüber Schumpeters Beitrag aus dem 20. Jahrhundert lässt die traditionelle Mikroökonomie in ihrem theoretischen Gerüst wenig Spielraum für Unternehmertum. Sie nimmt stattdessen an, dass die Ressourcen sich gegenseitig durch das Preissystem finden; dem Unternehmer kommt demzufolge keine aktive Rolle zu, er produziert auch kein Ungleichgewicht. Als Arbitrageur kauft er Güter billig ein und verkauft sie mit geringem Risiko zu einem höheren Preis, wobei er Marktungleichgewichte nutzt, aber tendenziell zu ihrem Ausgleich beiträgt.

In volkswirtschaftlicher Perspektive interessieren – vor allem seit David Birchs provokativem Buch The Job Generation Process,David G. Birch: The Job Generation Process. MIT Program on Neighborhood and Regional Change, 1979. in dem er zeigte, dass der „kreative Zerstörungsprozess“ zu einem überdurchschnittlichen Jobwachstum führte – die Gründungsdynamik und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen sowie die daraus resultierenden Wachstums- und Arbeitsmarkteffekte. Hingegen arbeitete die betriebswirtschaftliche Forschung vor allem Unterschiede im Führungs- und Investitionsverhalten zwischen Unternehmern und angestellten Managern, z. B. bei Bewirtschaftung der Ressourcen und im Entscheidungsverhalten sowie die Erfolgs- und Risikofaktoren von Gründungen heraus.

Zunehmende Rollendifferenzierung: Unternehmer, Entrepreneur, Manager Seit den Arbeiten Schumpeters werden die Rollen, Kompetenzen und Handlungslogiken des Unternehmers und des Managers zunehmend voneinander getrennt,In den USA schon seit den 1940er Jahren, als das angestellte Management die Bedeutung der Eigentümer bei der Unternehmensführung relativierte, in Deutschland erstmals Heinz Klandt: Zur Existenzberechtigung einer speziellen Betriebswirtschaftslehre für die Gründungs- und Frühentwicklungsphase. In: Detlef Müller-Böling u. a. (Hrsg.): Innovations- und Technologiemanagement. Poeschl, Stuttgart 1991, S. 479–494. was durch die unterschiedliche Art ihres Involvements bedingt ist.

Heute wird auch die Rolle des Eigentümers deutlicher von der des Entrepreneurs unterschieden. Letzterer Begriff bezeichnet meist den persönlich Risiko tragenden innovativen Unternehmensgründer, der nicht zwingend mit umfassenden eigenen Kapitalressourcen ausgestattet sein muss. Hingegen ist der Begriff des Unternehmertums eher mit der Vorstellung der Verfügung über weitreichende Ressourcen konnotiert.

Eine erweiterte Rollendifferenzierung anhand der zwei wichtigsten Kriterien in Bezug auf das Unternehmertum macht eine Unterscheidung in vier Gruppen möglich. Die Kriterien unternehmerische Fähigkeiten und unternehmerisches Risiko werden hierfür in einem zweidimensionalen Koordinatengebilde dargestellt. miniatur|Entrepreneur und Intrapreneur Weiterhin abgrenzen lässt sich der Entrepreneur vom Intrapreneur. Pinchot (1985) prägte den Begriff Intrapreneurship, um unternehmerische Aktivitäten innerhalb einer Organisation oder eines Organisationsbereichs zu beschreiben, die/der von einem angestellten Manager ähnlich wie von einem Entrepreneur innovativ und wettbewerbsorientiert geführt wird. Anders als der Entrepreneur trägt dieser jedoch ein geringeres persönliches Risiko, da er nicht mit Privatvermögen haftet und keine Eigentumsrechte an dem Unternehmen hat. Corporate Entrepreneurship meint die Förderung von (Aus-)Gründungen und entrepreneurialen Verhaltensweisen des Managements und der Mitarbeiter durch etablierte Unternehmen, um sich auch auf innovativen Feldern behaupten zu können.

Die Notwendigkeit einer Begriffsdifferenzierung zwischen Eigentümer und Entrepreneur ist auch eine Folge der seit den 1980er und 1990er Jahren gesunkenen Markteintrittsschwelle für Neugründungen, die durch das Flexibilisierungs- und Miniaturisierungspotenzial der Mikroelektronik, die Abspaltung von unternehmensbezogenen Dienstleistungen und wachsende Outsourcingmöglichkeiten bedingt ist. Infolge dieser Entwicklung kann der Entrepreneur auch bei geringem Eigenkapital auf dem Markt vorhandene Ressourcen und Leistungsangebote kreativ nutzen und kombinieren und seine Fixkosten senken.Günter Faltin: Kopf schlägt Kapital. 8. Auflage. Hanser, München 2010.

Während in ressourcenbasierten Ökonomien die Rolle des Unternehmers infolge genereller Knappheit an Gütern oft auf die eines Arbitrageurs beschränkt ist, der billig einkauft und teuer verkauft, und in produktivitätsorientierten Ökonomien das Schumpetersche Modell des Unternehmers zum Tragen kommt, spielen in wissensbasierten Ökonomien die kreativen Ideen bei der Rekombination von Gegebenheiten eine wichtige Rolle. In allen Formen des Wirtschaftens gibt es jedoch auch Formen des Unternehmertums, die sich auf die Nutzung von Gratisressourcen in Nischen konzentrieren.

Entscheidungen unter Unsicherheit Für Richard E. Kihlstrom und Jean-Jacques Laffont (1979) und für Peter Drucker (1970, 1985) bedeutet Unternehmertum, Risiken zu übernehmen. Unternehmerisches Verhalten zeigt eine Person, die bereit ist, für ihre Idee Karriere und finanzielle Absicherung aufs Spiel zu setzen und viel Zeit und Kapital für bzw. in die Idee zu investieren. Risiken neuer Faktorkombinationen oder des Eintritts in neue Märkte sind jedoch selten berechenbar. Auch liegen Entrepreneurs selten Erfahrungsdaten in Form langjähriger Zeitreihen vor. So müssen sie häufig nicht parametrische Entscheidungen treffen (z. B. kann ich meinem ersten Großkunden vertrauen?). Nach Frank H. Knight (1921, 1967) muss der Entrepreneur oft unter Unsicherheit entscheiden, die sich anders als ein Risiko nicht quantifizieren lässt; aber er schafft auch Unsicherheit für andere. Lässt der ökonomische Mainstream keinen Platz mehr für neue Unternehmer, sind z. B. gängige Transportwege verstopft, müssen die neu in den Markt eintretenden Unternehmen auf riskantere Strategien ausweichen. Dadurch entstehen immer wieder Konkurrenzvorteile, die durch den Wettbewerb nicht ausgeglichen werden. Für Knight ist der Unternehmer jedoch nicht notwendigerweise besonders risikoaffin.