mini|Lise Meitner (um 1940)rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Lise Meitner
Lise Meitner (eigentlich Elise Meitner; geboren am 7. November oder 17. November 1878 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben am 27. Oktober 1968 in Cambridge, Vereinigtes Königreich) war eine österreichische Kernphysikerin und Pionierin der Radiochemie. Meitner zählt zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts.Ende 1999 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin Focus das Ergebnis einer Umfrage unter 500 führenden deutschen Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Medizinern nach den wichtigsten Forschern des 20. Jahrhunderts (Heft 52/1999, S. 103–108, ). Die Physikerin Lise Meitner wurde auf den 22. Platz gewählt. 1906 wurde sie an der Universität Wien promoviert, als zweite Frau im Hauptfach Physik. 1907 begann in Berlin eine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Chemiker Otto Hahn. Ab 1912 arbeiteten Meitner und Hahn im neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem. Sie erforschten die Radioaktivität und entdeckten radioaktive Isotope. 1926 wurde Meitner die erste Professorin für Physik in Deutschland.
1938 floh sie aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Stockholm, wo sie bis 1946 am Nobel-Institut für Physik und danach an der Königlichen Technischen Hochschule arbeitete. Im schwedischen Exil veröffentlichte sie im Februar 1939 zusammen mit ihrem Neffen Otto Frisch die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung, die Otto Hahn und dessen Assistent Fritz Straßmann am 17. Dezember 1938 ausgelöst und mit radiochemischen Methoden nachgewiesen hatten. Die Entdeckung der Kernspaltung war nicht nur in der Wissenschaft folgenreich, sie führte auch zum Bau von Kernwaffen („Atombomben“) und später zum Bau von Kernkraftwerken.
Für ihre Errungenschaften erhielt Lise Meitner zahlreiche Ehrungen, jedoch weder den Nobelpreis für Chemie noch den Nobelpreis für Physik, obwohl sie für beide Nobelpreise vielfach nominiert wurde.
Leben Geburtstag, Herkunft, Religion mini|Geburtshaus und Gedenktafel in Wien-Leopoldstadt
Elise „Lise“ Meitner wurde 1878 in Wien-Leopoldstadt (2. Wiener Gemeindebezirk) geboren. Im Geburtsregister der Israelitischen Kultusgemeinde WienGeburtenbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Geburtsbuch G 1878–1880, Nr. 1820 (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). sowie im Taufbucheintrag von 1908 wurde der 17. November als ihr Geburtstag eingetragen, in allen anderen Dokumenten aber der 7. November, und an diesem Tag feierte Lise Meitner auch stets ihren Geburtstag.Ruth Lewin Sime: Lise Meitner. A Life in Physics. University of California Press, Berkeley u. a. 1996, S. 1 (). Der 7. November ist zugleich der Geburtstag von Meitners wissenschaftlichem Vorbild Marie Curie, die elf Jahre vor ihr geboren wurde. In der Rowohlt-Monographie (2002) wird behauptet, der 7. November 1878 sei durch ein Versehen zum amtlichen Geburtsdatum geworden, als ein Beamter in Wien etwa zehn Jahre nach Lise Meitners Geburt „vergessen“ hatte, die Ziffer 1 zu schreiben.Lore Sexl, Anne Hardy: Lise Meitner. Rowohlts Monographien. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 978-3-644-55431-3, S. 7. Diese Erklärung wird in der Biografie von David Rennert und Tanja Traxler (2018) als naheliegende Vermutung eingestuft.David Rennert, Tanja Traxler: Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters. Residenz Verlag, Salzburg 2018, ISBN 978-3-7017-3460-3 Zahlreiche biografische Texte geben den 7. November als Geburtstag an,Einige Beispiele für die Geburtstags-Angabe 7. November: Artikel in der Neuen Deutsche Biographie Artikel der Meitner-Biografin Ruth Lewin Sime auf Spektrum.de, 1. Mai 1998 Biografie bei LeMO Webseite beim Orden Pour le Mérite Webseite der Humboldt-Universität zu Berlin Webseite des Deutschen Patent- und Markenamtes Webseite des Lise-Meitner-Gymnasiums Hamburg Beitrag des Wissenschaftshistorikers Fritz Krafft zum 100. Geburtstag am 7. November 1978 Biografische Ausstellung in Berlin zum 125. Geburtstag, beginnend am 7. November 2003 (Träger der Ausstellung: Hahn-Meitner-Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, Freie Universität Berlin, Max-Planck-Gesellschaft) Lise-Meitner-Kolloquium zum 140. Geburtstag am 7. November 2018 Biografie von Andrew Norman (2021), siehe #Literatur zahlreiche andere den 17. November.Einige Beispiele für die Geburtstags-Angabe 17. November: Vortrag der Wissenschaftshistorikerin Ute Deichmann (1999) Rowohlt-Monographie von Lore Sexl und Anne Hardy (2002), siehe #Literatur Biografie bei FemBio Webseite des Lise-Meitner-Gymnasiums Unterhaching Berliner Gedenktafel (2010), siehe Bild Biografie von David Rennert und Tanja Traxler (2018), siehe #Literatur Artikel auf science.orf.at, 24. Oktober 2018
Lise Meitners Eltern waren der aus der Gegend von Mährisch Weißkirchen stammende jüdische Rechtsanwalt Philipp Meitner (1839–1910) und seine Frau Hedwig Meitner-Skovran. Sie hatten 1875 geheiratet und wohnten damals in der Kaiser-Joseph-Straße Nr. 27, der heutigen Heinestraße, im heute Volkertviertel genannten Bezirksteil. Ihr Vater betrieb dort, bevor die Familie an „bessere Adressen“ übersiedelte, seine Kanzlei als Hof- und Gerichtsadvokat. Lise wurde 1878 als drittes Kind geboren. Sie hatte zwei ältere Schwestern (* 1876 und * 1877) und fünf jüngere Geschwister. Zwei Jahre nach ihrer Geburt bekam sie einen Bruder, dann folgten zwei weitere Schwestern, schließlich zwei weitere Brüder.Lore Sexl, Anne Hardy: Lise Meitner. Rowohlts Monographien. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 978-3-644-55431-3, S. 10 f.
In dem Nachruf ihres Neffen Otto Frisch und in älteren Biografien ist zu lesen, Lise Meitner sei wie alle anderen Kinder der Familie protestantisch getauft und erzogen worden.Otto Robert Frisch: Lise Meitner. In: Biographical Memoirs of the Fellows of the Royal Society. Band 16, November 1970, S. 405–420, hier S. 405. im Ariadne-Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek Ruth Lewin Sime widerspricht in ihrer Biografie. Alle Kinder der Familie waren laut Sime bei Geburt in der jüdischen Gemeinde registriert und wuchsen in einer jüdischen Umgebung Wiens auf. Die Familie versuchte sich aber von der jüdischen Vergangenheit abzugrenzen (der Vater von Lise Meitner galt nach Frisch als Freidenker), assimilierte sich und wandte sich dem Protestantismus zu. Bei Lise Meitners Neffen Otto Frisch entstand so der Eindruck, die Mutter und seine Onkel und Tanten seien protestantisch erzogen worden. Lise Meitners Eltern ließen aber ihre Kinder nicht taufen und ließen sich auch selbst nie taufen, obwohl das gesellschaftliche und berufliche Vorteile gebracht hätte.Ruth Lewin Sime: Lise Meitner. A Life in Physics. University of California Press, Berkeley u. a. 1996, S. 6. Erst als Erwachsene trat Lise Meitner zum Christentum über. Sie wurde am 29. September 1908 durch die Taufe in die Evangelische Kirche A.B. aufgenommen.Taufbuch Wien I. A.B., Bd. 63, S. 388 (B-107) Im selben Jahr konvertierten zwei ihrer Schwestern zum katholischen Glauben.Lore Sexl, Anne Hardy: Lise Meitner. Rowohlts Monographien. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 978-3-644-55431-3, S. 11.
In der Familie spielte Musik eine große Rolle und die Kinder lernten vor allem durch den Einfluss der Mutter Klavier spielen.Patricia Rife: Lise Meitner and the Dawn of the Nuclear Age. Birkhäuser, Berlin 1999, S. 1. Sie interessierte sich früh für Mathematik und lernte auf diesem Gebiet auch von Privatlehrern, die ihr Vater für die Kinder anstellte.
Schulzeit mini|Gedenktafel am Wiener Akademischen Gymnasium
Ihre Schullaufbahn absolvierte Meitner an einer Bürgerschule, da an den Gymnasien Mädchen nicht zugelassen wurden. Nach dem Schulabschluss legte Lise Meitner auf Anraten ihres Vaters das Lehrerinnen-Examen für Französisch ab.Lise Meitner: Ein Leben für die Physik; Ruth Lewis Sime; Seite 27 Außerdem bereitete sie sich ab 1899 im Selbststudium auf die Matura vor und legte die Reifeprüfung im Juli 1901 im Alter von 22 Jahren am Akademischen Gymnasium Wien gemeinsam mit Henriette Boltzmann (Ludwig Boltzmanns ältester Tochter) ab, wo sie als gewählten Beruf die realistischen Studien der Philosophie angab.
Studium und Promotion Am 2. Oktober 1901 inskribierte sie an der k.k. Universität Wien in der philosophischen FakultätMeldungsbuch #15316 der k. k. Universität Wien, besuchte jedoch gleich zu Beginn eine Vielzahl an Seminaren in Physik, Mathematik (Differential- und Integralrechnung) sowie Chemie und Botanik.Lise Meitner: Ein Leben für die Physik; Ruth Lewin Sime; Seite 29 Ihr wichtigster akademischer Lehrer dort wurde Ludwig Boltzmann. Bereits in den ersten Jahren beschäftigte sie sich mit Radioaktivität. Sie wurde 1906 als zweite Frau im Hauptfach Physik an der Wiener Universität promoviert. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautete Prüfung einer Formel Maxwells (veröffentlicht unter dem Titel Wärmeleitung in inhomogenen Körpern). Ihr Doktorvater war Franz Serafin Exner.Sime: Lise Meitner. S. 17 f., auch Fußnoten 76, 77, ().
Nach ihrer Promotion bewarb sie sich bei Marie Curie in Paris, allerdings erfolglos. Sie arbeitete ein Jahr lang am Institut für Theoretische Physik in Wien.
Chemisches Institut in Berlin mini|Gedenktafel am Haus Hessische Straße 1 in Berlin-Mitte
Im Jahr 1907 ging sie zur weiteren wissenschaftlichen Ausbildung nach Berlin, wo sie vor allem Vorlesungen bei Max Planck hören wollte. Dort traf sie erstmals auf den fast gleichaltrigen Chemiker Otto Hahn (er war vier Monate jünger als sie). Mit ihm sollte sie die folgenden 30 Jahre zusammenarbeiten. Zunächst arbeiteten sie unter Emil Fischer als „unbezahlte Gäste“ in einer ehemaligen Holzwerkstatt, im Chemischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität in der Hessischen Straße.Aus erster Hand - Die Atomforscher Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann im Gespräch Fernsehinterview von 1959 Da im damaligen Preußen Frauen noch nicht studieren durften, musste sie das Gebäude immer durch den Hintereingang betreten und durfte die Vorlesungsräume und Experimentierräume der Studenten nicht betreten. Dieses Verbot fiel erst 1909, nachdem das Frauenstudium in Preußen offiziell eingeführt worden war.
Otto Hahn entdeckte 1909 den radioaktiven Rückstoß. Mit der sich daran anschließenden „Rückstoßmethode“ fanden Hahn und Lise Meitner in den Folgejahren auch diverse radioaktive Nuklide. Durch diese Erfolge machte sich Lise Meitner in der Physik einen Namen und lernte unter anderem Albert Einstein und Marie Curie persönlich kennen. Von 1912 bis 1915 war sie inoffizielle Assistentin bei Max Planck.
Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie und Erster Weltkrieg mini|Gebäude des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem (heute Hahn-Meitner-Bau des Instituts für Biochemie der FU Berlin) mini|Lise Meitner und Otto Hahn im Labor, Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, 1912
1912 verbesserten sich die Arbeitsbedingungen von Hahn und Meitner deutlich, als sie ihre Forschungen in der von Hahn aufgebauten Forschungsabteilung Radioaktivität des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem fortsetzen konnten. Meitner arbeitete zunächst unentgeltlich weiter, wurde jedoch 1913Biografie bei LeMO als erste Frau Wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Nach ihr wurden nur zwei weitere Frauen Wissenschaftliche Mitglieder (Cécile Vogt und Isolde Hausser), während es in der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mehr als 160 männliche Wissenschaftliche Mitglieder gab.
Zumindest zu Beginn des Ersten Weltkriegs zeigte sie sich ebenso von Kriegsbegeisterung ergriffen wie nahezu alle ihre damaligen Kollegen.