mini|hochkant|Baustoffsilo mit sexistischer Werbegrafik
Sexismus (von lateinisch sexus „Geschlecht“) ist ein Oberbegriff für eine breite Palette von Einzelphänomenen unbewusster und bewusster Diskriminierung auf der Basis des Geschlechts. Dazu zählt unter bestimmten Bedingungen auch sexuelle Belästigung. Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen.Thomas Eckes: Geschlechterstereotype: Von Rollen, Identitäten und Vorurteilen. In: Ruth Becker: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie. 3. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaft, Wiesbaden 2010, S. 183. Eine wichtige Rolle spielt die noch heute allgegenwärtige Ideologie des Androzentrismus, in der der Mann als Norm und die Frau als Abweichung von dieser Norm betrachtet wird. Als traditioneller oder offener Sexismus wird die offene, auf das Geschlecht (lat. sexus) bezogene Diskriminierung bezeichnet.
Als moderner Sexismus wird die Leugnung von Diskriminierung bezeichnet sowie die Ablehnung von Maßnahmen, die darauf abzielen, soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern abzubauen. Diese Form des Sexismus zeigt sich nicht offen und direkt, sondern indirekt.
Als Neosexismus wird der Konflikt zwischen egalitären Werten und negativen Emotionen gegenüber Frauen (Misogynie) bezeichnet.
Hostiler Sexismus bezeichnet den feindlichen Sexismus. Das Gegenteil dazu bildet der benevolente (wohlwollende) Sexismus.
Ambivalenter Sexismus bezeichnet das Zusammenspiel aus hostilem Sexismus und benevolentem Sexismus.
Sexismus ist in vielen westlichen Ländern Gegenstand von Gesetzgebung und Sozialforschung, insbesondere der Gender Studies und der Vorurteilsforschung. mini|alternativtext=Demonstrierende halten Plakat mit Aufschrift: "Love Sex hate Sexism"|Demonstration gegen Sexismus: Slut Walk in München.
Begriffsherkunft
Parallelbildung zu racism Das deutsche Wort Sexismus ist ein Anglizismus, der als Übersetzung des englischen Wortes sexism entstand.
Das englische Wort sexism ist ein Neologismus, der von Pauline M. Leet im Rahmen ihres Vortrags „Women and the Undergraduate“ am 18. November 1965 geprägt wurde. Sie war damals Professorin am Franklin & Marshall College in Lancaster, Pennsylvania:
Die Wortneuschöpfung sexism ist eine Parallelbildung zum Begriff racism (Rassismus), der sich ebenfalls in dieser Zeit weltweit verbreitete, um der Diskriminierung ethnischer Gruppen entgegenzuwirken.
Schriftlich wurde der Begriff sexism erstmals 1968 von der amerikanischen Autorin Caroline Bird (1915–2011) verwendet. Er setzte sich in der US-amerikanischen Frauenbewegung der 1960er Jahre schnell durch. An sich ist er geschlechtsneutral, stand aber lange ausschließlich für die Abwertung von Frauen, und auch die Forschung konzentrierte bis auf Ausnahmen lange auf Sexismus gegenüber Frauen. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass Sexismus auch MännerUlf Schleth: Erklär mir den Feminismus. In: taz die tageszeitung, 19. Mai 2020, Link zielt auf die erweiterte Version im Blog des Autors. sowie trans* und inter* Personen betrifft. Als zentrale Dimension des modernen Sexismus wird die bewusste oder unbewusste Nicht-Anerkennung (vgl. Abwehrmechanismus) fortgesetzter Diskriminierung von Frauen verstanden.Thomas Eckes: Geschlechterstereotype: von Rollen, Identitäten und Vorurteile, Kapitel: Sexismus. In: Ruth Becker, Beate Kortendieck (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 170 f.
Der wesentlich ältere Begriff Misogynie bezieht sich dagegen ausschließlich auf die Abwertung von Frauen, Weiblichkeit bzw. Nicht-Männlichkeit innerhalb androzentrischer Machtverhältnisse. In der Forschung wird der Begriff Misogynie weiter verwendet, allerdings dominiert der Begriff Sexismus als Schlüsselbegriff geschlechtsbasierter Diskriminierung.
Missverständlichkeit und Bedeutungsverengung im Deutschen Wie bei etlichen Anglizismen führt die direkte Übernahme eines englischen Begriffs ins Deutsche zu einem Bedeutungswandel – in diesem Fall führt die Übernahme des englischen Wortes sexism als deutsches Wort Sexismus zu einer Bedeutungsverengung. Denn im Gegensatz zum Englischen bedeutet das Wort Sex in der deutschen Alltagssprache nicht ‚(biologisches) Geschlecht‘, sondern ‚Geschlechtsverkehr, sexuelle Betätigung, Sexualität‘. Die Nachsilbe -ismus steht für eine Geisteshaltung (Beispiele: Kapitalismus, Liberalismus, Sozialismus, Militarismus, Anarchismus, Dualismus). Die Wortbildung „Sex-ismus“ legt im Deutschen also das Missverständnis nahe, dass Sexismus für eine auf Geschlechtsverkehr fokussierte Geisteshaltung steht bzw. es ausschließlich um Diskriminierung auf der Basis von Sexualität (sexuelle Nötigung, sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch) geht.
Das Nebeneinander des weiteren englischen Begriffs sexism und des verengten deutschen Begriffs Sexismus begünstigt Missverständnisse und erschwert im Deutschen die Aufklärung und Kommunikation über geschlechtsbezogene Diskriminierung. Die Bedeutungsverengung des deutschen Wortes Sexismus verdeckt insofern einen erheblichen Teil der geschlechtsbezogenen, nicht-sexuellen Diskriminierungsaspekte, die der englische Begriff benennt. Deutschsprachige Aufklärung über Sexismus muss insofern stets gegen die Bedeutungsverengung anarbeiten, die der deutsche Sexismusbegriff semantisch mit sich bringt.
Definitionen Beim Oberbegriff Sexismus geht es um den weiten Bereich der Phänomene von Diskriminierung. Ein besseres Verständnis bringt die Erforschung von Institutioneller Diskriminierung und Alltagsdiskriminierung (siehe bspw. rassistische Diskriminierung, institutioneller Rassismus, Alltagsrassismus), die seit den 1960er Jahren vor allem im englischen Sprachraum vorangetrieben wird. Auch bei Sexismus erweisen sich der Institutionelle bzw. Institutionalisierte Sexismus und der Alltagssexismus als wichtige Verständnisgrundlagen. Im deutschsprachigen Raum gab es bislang keine solche Forschungstradition, sondern eher ein Verschleiern der gesellschaftlichen und alltagspraktischen Prägung sexistischer Phänomene durch Individualisierung bzw. Personalisierung.
Alltagssexismus, Institutioneller Sexismus, institutionalisierter Sexismus Eine Abgrenzung der Begriffe Alltagssexismus, institutioneller Sexismus und institutionalisierter Sexismus gibt es bislang kaum. Wissenschaftliche Definitionen weisen auf die Prägung im gesellschaftlichen Alltag, in den Prozessen der sozialer Normierung bzw. Institutionalisierung sowie auf die Prägung der zugehörigen Institutionen hin. Unterschiedliche Begrifflichkeiten rühren weniger von inhaltlichen Unterschieden her als vielmehr von unterschiedlichen wissenschaftlichen Begriffsinstrumentarien und Fachdisziplinen. Alltagssexismus bezeichnet „sexistische Einstellungen, die von der großen Mehrheit von uns geteilt werden, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Stereotype und Diskriminierung die Norm sind“. „Die große Mehrheit von uns wird in gewissem Ausmaß ungewollte Einstellungen mit Vorurteilen und diskriminierendes Verhalten entwickeln, einfach dadurch, dass man in einer Gesellschaft lebt, in der stereotype Informationen im Übermaß vorhanden sind und diskriminierendes Verhalten die Regel ist“. Sexismus basiert auf geschlechtsbezogenen sozialen Normen, d. h. „Annahmen, die eine Gesellschaft besitzt über das, was korrekt, annehmbar und zulässig ist“. Sexistische Normen müssen nicht direkt gelehrt werden, sondern werden von Kindheit an solange übernommen und weitergeführt, bis sich andere Normen durchsetzen können. Wie bei anderen Diskriminierungsformen auch führt auch bei Sexismus die normative Konformität zur „Tendenz, sich der Gruppe anzupassen, um die Erwartungen der Gruppe zu erfüllen und Anerkennung zu erlangen“. Der Begriff institutionalisierter Sexismus macht deutlich, dass es auch zu einer Institutionalisierung von Vorurteilen kommt.
Im deutschsprachigen Raum war das Begriffskonzept des Alltagssexismus bis 2012 vor allem in der Wissenschaft und innerhalb des Feminismus diskutiert. Anfang 2013 begann eine kontroverse Diskussion zum Sexismus als Alltagsphänomen (siehe Hashtag #aufschrei). Seitdem findet es auch in der deutschen Alltags- und Wissenschaftssprache zunehmend Verbreitung. Ebenfalls gibt es den Weinstein-Skandal und den Hashtag #MeToo seit Oktober 2017.
Oberbegriff Sexismus Sexismus ist ein „Oberbegriff“ für eine „breite Palette von Einzelphänomenen“, „die einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern zur Folge haben“ und in Gesellschaften institutionalisiert sind. Aufgrund der Institutionalisierung und des gesellschaftlichen Konformitätsdrucks können sie individuell nur schwer überwunden werden. Einzelphänomene von Sexismus werden in drei Kategorien zusammengefasst: kategoriegestützte Kognitionen bzw. geschlechtsbezogene Stereotype (Geschlechterstereotype) Affekte (Vorurteile) Verhaltensweisen (Diskriminierung) Diese Definition schließt Männer als mögliche Adressaten von Sexismus ein. Sexismus ist ein Bestandteil von „sozial geteilten impliziten Geschlechtertheorien“ (gender belief system), in denen „Alltagsannahmen über die Geschlechter und ihre wechselseitigen Beziehungen“ zusammengefasst sind.
Sexismus ist genau wie Rassismus „ein Essentialismus“, der „die jahrtausendealte Arbeit an der Vergesellschaftung des Biologischen und der Biologisierung des Gesellschaftlichen“ einer „biologischen Natur“ zurechnen will und daraus „unerbittlich alle Daseinsakte ableiten“ will.
Je nach wissenschaftlicher Disziplin stehen bei der Definition von Sexismus unterschiedliche Aspekte im Vordergrund.
Psychologie und Sozialpsychologie In der Psychologie und Sozialpsychologie wird Sexismus häufig über vorurteilsbesetzte (negative) Einstellungen und diskriminierende Verhaltensweisen gegenüber Personen aufgrund ihres GeschlechtsIris Six-Materna: Sexismus. S. 121–130 in: Lars-Eric Petersen, Bernd Six (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Weinheim, Basel: Beltz Verlag. 2008.Todd D. Nelson: The Psychology of Prejudice. 2nd edition, Pearson, Boston 2006 oder noch breiter als „stereotype Einschätzung, Bewertung, Benachteiligung oder Bevorzugung einer Person allein auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit“Ronny Werner, Gernot von Collani: [ Eine deutsche Skala zu ambivalent – sexistischen Einstellungen (Hostilität und Benevolenz) gegenüber Männern (ASEM).] definiert. Diese Definitionen umfassen Stereotypisierungen, Abwertungen (vgl. Dysphemismus) und Diskriminierungen, die Frauen und Männern theoretisch gleichermaßen betreffen können.Thomas Eckes, Iris Six-Materna: Leugnung von Diskriminierung: Eine Skala zur Erfassung des modernen Sexismus. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie. 29, S. 224–238. Die amerikanischen Sozialpsychologen Peter Glick und Susan Fiske definieren Sexismus als Feindseligkeit gegenüber Frauen. Sexismus produziere die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Rollen, wobei diese insbesondere Frauen in eine untergeordnete Position und in eine Stellung mit weniger Macht dränge als Männer.Peter Glick, Susan Fiske: Hostile and Benevolent Sexism Measuring Ambivalent Sexist Attitudes Toward Women, Psychology of Women Quarterly, March 1997, Vol. 21 no. 1, S. 119–135. doi:10.1111/j.1471-6402.1997.tb00104.x.Glick/Fiske eta.: Beyond prejudice as simple antipathy: Hostile and benevolent sexism across cultures, Journal of Personality and Social Psychology, 79/2000, S. 763.
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