mini|hochkant=1.5|Die Landschaft mit den drei Bäumen, 1643, Museum Het Rembrandthuis in Amsterdam mini|hochkant=1.5|Landschaft bestehend aus verschiedenen Landschaftselementen (bei Königstein in der Sächsischen Schweiz)
Das Wort Landschaft wird vor allem in zwei Bedeutungen verwendet. Zum einen bezeichnet es die kulturell geprägte, subjektive Wahrnehmung einer Gegend als ästhetische Ganzheit (philosophisch-kulturwissenschaftlicher Landschaftsbegriff), zum anderen wird es, vor allem in der Geographie, verwendet, um ein Gebiet zu bezeichnen, das sich durch naturwissenschaftlich erfassbare Merkmale von anderen Gebieten abgrenzt (geographischer Landschaftsbegriff).Gerhard Hard: Die Landschaft der Sprache und die 'Landschaft' der Geographen. Semantische und forschungslogische Studien. Dümmler, Bonn 1970.Rainer Piepmeier: Landschaft, III. Der ästhetisch-philosophische Begriff. In: J. Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5, Darmstadt 1980, Sp. 15–28.E. Winkler: Landschaft, II. Der geographische L.-Begriff. Ebd.: Sp. 13–15.Beate Jessel: Landschaft. In: E.-H. Ritter (Leiter Red.-Ausschuss): Handwörterbuch der Raumordnung. ARL, Hannover 2005, S. 579–586.Thomas Kirchhoff: ‘Natur’ als kulturelles Konzept. In: Zeitschrift für Kulturphilosophie. (1), 5, 2011, S. 69–96.
Generell gibt es keine einheitliche Definition, was Landschaft sei, weshalb der Begriff der Landschaft aufgrund seiner lebensweltlichen, ästhetischen, territorialen, sozialen, politischen, ökonomischen, geographischen, planerischen, ethnologischen und philosophischen Bezüge auch als ein „kompositorischer“D. Ipsen, U. Reichhardt, St. Schuster, A. Wehrle, H. Weichler: Zukunft Landschaft. Bürgerszenarien zur Landschaftsentwicklung. Kassel 2003, S. 130. bezeichnet werden kann, dessen „semantische[r] Hof“G. Hard: Das Wort Landschaft und sein semantischer Hof. Zur Methode und Ergebnis eines linguistischen Tests. In: Wirkendes Wort. 19, 1969, S. 10. von einer über tausendjährigen, mitteleuropäischen Ideen-, Literatur- und Kunstgeschichte geprägt wurde.
Begriffsgeschichte Etymologische Herkunft Der Begriff Landschaft ist eine Komposition des Substantives Land und des Suffixes -schaft. Das Substantiv „Land“ (mhd. lant) stammt aus dem Germanischen und seine Ausgangsbedeutung könnte „freies Land“, „Brache“ oder auch „Rodungsland“ gewesen sein, da hierzu im Ablaut des Neuschwedischen (dial.) linda steht, was so viel wie „Brachland“ bedeutet.Landschaft. In: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin / New York 2002, S. 555. Bereits in germanischer Zeit wandelt sich die Bedeutung von ‚freies, offenes Land‘ zu ‚Staatsgebiet‘, später dann in einen Gegensatz zu Stadt, Wasser etc.
Das Suffix -schaft lässt sich etymologisch auf die indogermanische Wurzel *skapi/*skapja/*skafti des urgermanischen Verbes „skapjaną“ zurückführen, was so viel wie „schaffen“ bedeutet.Vgl. G. Müller: Zur Geschichte des Wortes Landschaft. In: A. v. Wallthor, H. Quirin (Hrsg.): „Landschaft“ als interdisziplinäres Forschungsproblem. Münster 1977, S. 4–13. Die substantivischen Ableitungen bilden weibliche Nomen in der Wortbedeutung von „Beschaffenheit“ und können im Wesentlichen in drei Gruppen eingeteilt werden: in Abstrakta (z. B. Herrschaft, Meisterschaft); in Kollektiva oder genauer Personengruppenbezeichnungen (z. B. Mannschaft, Nachbarschaft); und Raumbezeichnungen (z. B. Grafschaft oder eben Landschaft). So ist ihnen allen die Bezeichnung von etwas Zusammengehörendem gemeinsam, welches durch menschliche Tätigkeit (dt. „schaffen“, eng. shape) entstanden ist.vgl. W. Haber: Vorstellungen über Landschaft. In: B. Busch (Hrsg.): Jetzt ist die Landschaft ein Katalog voller Wörter. Beitrage zur Sprache der Ökologie. (= Valerio. 5). 2007, S. 78–85.
Die Entwicklung zu einem territorialen und rechtspolitischen Begriff Das ahd. Wort lantscaf oder lantschaft konnte erstmals um das Jahr 830 nachgewiesen werdenR. Gruenter: Landschaft. Bemerkungen zu Wort und Bedeutungsgeschichte. In: A. Ritter (Hrsg.): Landschaft und Raum in der Erzählkunst. Darmstadt 1975, S. 192–207. und bezeichnete etwas, „was in den allermeisten Fällen die Qualität eines größeren Siedlungsraumes besitzt“.G. Müller: Zur Geschichte des Wortes Landschaft. In: A. v. Wallthor, H. Quirin (Hrsg.): „Landschaft“ als interdisziplinäres Forschungsproblem. Münster 1977, S. 4–13, S. 6; Ähnl. K. R. Olwig: Recovering the Substance Nature of Landscape. In: Annals of the Association of American Geographers. 86, H. 4, 1996, S. 630–653; St. Heiland: Zwischen Wandel und Bewahrung, zwischen Sein und Sollen: Kulturlandschaft als Thema und Schutzgut in Naturschutz und Landschaftsplanung. In: U. Matthiesen, R. Danielzyk, St. Heiland, S. Tzschaschel (Hrsg.): Kulturlandschaften als Herausforderung für die Raumplanung. Verständnisse – Erfahrungen – Perspektiven. Hannover 2006, S. 43–70. Ursprünglich hatte es in diesem Zusammenhang die Grundbedeutung der von den in einem bestimmten Gebiet geteilten üblichen Verhaltensweisen und sozialen Normen der dort lebenden Bewohner und entwickelte sich bzgl. seines Bedeutungsinhaltes von den „sozialen Normen in einem Land“ zu einem „Land, in dem solche Normen Gültigkeit haben“.G. Müller: Zur Geschichte des Wortes Landschaft. In: A. v. Wallthor, H. Quirin (Hrsg.): „Landschaft“ als interdisziplinäres Forschungsproblem. Münster 1977, S. 7. Siehe dazu auch P. Groth, Ch. Wilson: Die Polyphonie der Cultural Landscape Studies. In: B. Franzen, St. Krebs (Hrsg.): Landschaftstheorie. Texte der Cultural Landscape Studies. Köln 2005, S. 58–90. So wurde der Begriff im Laufe des 12. Jahrhunderts als ein politisch-rechtlicher Raum begriffen, der selbst wiederum Teil einer größeren politischen Einheit darstellte. Die politisch Handlungsfähigen (also die Nicht-Bauern) der Region galten darüber hinaus als „Repräsentanten der ‚ganzen Landschaft‘“,G. Hard: Zu den Landschaftsbegriffen der Geographie. In: A. v. Wallthor, H. Quirin (Hrsg.): „Landschaft“ als interdisziplinäres Forschungsproblem. Münster 1977, S. 14. Siehe dazu auch D. Bartels: Zum Landschaftsbegriff. In: K. Paffen (Hrsg.): Das Wesen der Landschaft. Darmstadt 1973, S. 175–201; G. A. Sullivan: The Drama of Landscape: Land, Property, and Social Relations on the Early Modern Stage. Sanford 1998; B. Jessel: „Landschaft“ – zum Gebrauch mit einem als selbstverständlich gebrauchten Begriff. In: St. Appel, E. Duman, F. Grose-Kohorst, F. Schafranski (Hrsg.): Wege zu einer neuen Planungs- und Landschaftskultur. Festschrift für Hanns Stephan Wust. Kaiserslautern 2000, S. 143–160; P. Groth, Ch. Wilson: Die Polyphonie der Cultural Landscape Studies. In: B. Franzen, St. Krebs (Hrsg.): Landschaftstheorie. Texte der Cultural Landscape Studies. Köln 2005, S. 58–90. so dass sich der Begriff Landschaft im Spätmittelalter zu einem Ausdruck von menschlichen Gesetzen und rechtlichen Institutionen weiterentwickelte.K. R. Olwig: Recovering the Substance Nature of Landscape. In: Annals of the Association of American Geographers. 86, H. 4, 1996, S. 630–653. Neuere Forschungen zeigen, dass der Terminus nicht nur eine territoriale und rechtliche Komponente beinhaltete, sondern eine identitätsstiftende. Die Landschaftversammlungen waren der Ort, auf denen in einem „Land“ öffentliche Angelegenheiten gemeinsam geregelt wurden. Dem Zeitverständnis entsprechendend galten spätmittelalterliche „Landschaften“ als Garanten der öffentlichen Sache bzw. als kommunalistische Friedens-, Ehr- und Nutzgemeinschaften, die gegenüber den Fürsten bzw. Landesherren eine beträchtliche Autonomie aufweisen konnten.
Im Hochmittelalter wurde darüber hinaus mit Landschaft auch die von einer Stadt bewirtschaftete und beherrschte Zone bezeichnet,vgl. G. Müller: Zur Geschichte des Wortes Landschaft. In: A. v. Wallthor, H. Quirin (Hrsg.): „Landschaft“ als interdisziplinäres Forschungsproblem. Münster 1977, S. 4–13; W. Haber: Die Kultur der Landschaft. Von der Ästhetik zur Nachhaltigkeit. In: St. Appel, E. Duman, F. Kohorst, F. Schafranski (Hrsg.): Wege zu einer neuen Planungs- und Landschaftskultur. Festschrift für Hanns Stephan Wüst. Kaiserslautern 2000, S. 1–19; W. Haber: Vorstellungen über Landschaft. In: B. Busch (Hrsg.): Jetzt ist die Landschaft ein Katalog voller Wörter. Beiträge zur Sprache der Ökologie. (= Valerio. 5). 2007, S. 78–85; B. Jessel: „Landschaft“ – zum Gebrauch mit einem als selbstverständlich gebrauchten Begriff. In: St. Appel, E. Duman, F. Grose-Kohorst, F. Schafranski (Hrsg.): Wege zu einer neuen Planungs- und Landschaftskultur. Festschrift für Hanns Stephan Wust. Kaiserslautern 2000, S. 143–160. die jedoch von dem (noch) nicht gerodeten Wald abgegrenzt war. Fassbar im geographischen Sinne ist der Begriff 'Landschaft' seit der Renaissance, während die Wortwurzel -schaft die frühere Bedeutung einer verfassten, organisatorischen Einheit nahelegt – in Unterscheidung zum Ausdruck Landstrich.
So erhielt der Begriff Landschaft also „zu einer sozialen, zunächst deskriptiven, später auch normativen, unscharf regional gefassten Komponente eine politische Bedeutung, indem herrschaftliche Funktionen regional verortet und gegeneinander abgegrenzt wurden“.O. Kühne: Landschaftstheorie und Landschaftspraxis. Eine Einführung aus sozialkonstruktivistischer Perspektive. Wiesbaden 2012, S. 40.
Konstituierung der ästhetischen Landschaft Der Beginn der ästhetischen Befassung mit Ort und Raum kann nach ersten Vorstufen in der ägyptischen, mesopotamischen und israelitischen Kultur in der griechischen Antike verortet werden und findet seine Fortsetzung in der römischen Kultur.M. Baridon: Naissance et renaissance du paysage. Paris 2006. Die Auseinandersetzung mit Raum konzentrierte sich dabei stark auf einen locus amoenus, also auf einen Ort, an dem bestimmte Objekte, wie bspw. ein Baum oder mehrere Bäume, eine Wiese, Quelle oder ein Bach, in relationaler Anordnung so zueinander stehen, dass sie dem Betrachter ein Gefühl des Wohlseins und der Daseinswonne vermitteln.
Im Mittelalter dagegen verliert sich die ästhetische Befassung mit Ort und Raum, denn „[d]er Blick ist zum Himmel gerichtet, aber nicht auf dessen irdische Erscheinungsform“.H. Lehmann: Formen landschaftlicher Raumerfahrung im Spiegel der bildenden Kunst. Erlangen 1968, S. 9. Die mittelalterlichen räumlichen Darstellungen dienten in erster Linie der Vergegenwärtigung des Ortes des Geschehenssiehe dazu G. Erb: Die Landschaftsdarstellung in der deutschen Druckgraphik vor Albrecht Dürer. Frankfurt am Main 1997. oder in Form von Symbolen und Allegorien als Verweis auf Jesus Christus als Erlöser.Vgl. N. Büttner: Geschichte der Landschaftsmalerei. München 2006. Erst in der Renaissance konnte sich eine Landschaftsmalerei als eigenständige Disziplin etablieren.vgl. M. Andrews: The Search for the Picturesque. Landscape Aesthetics and Tourism in Britain 1760–1800. Stanford 1989. Hier formte sich „eine wesentliche Ausprägung sozialer Vorstellungen des Typus einer idealisierten Landschaft […]“,O. Kühne: Landschaftstheorie und Landschaftspraxis. Eine Einführung aus sozialkonstruktivistischer Perspektive. Wiesbaden 2012, S. 41. wodurch „eine an visuellen Stereotypen ausgerichtete Seherwartung [entstand]“,O. Kühne: Landschaftstheorie und Landschaftspraxis. Eine Einführung aus sozialkonstruktivistischer Perspektive. Wiesbaden 2012, S. 42. die sich auf die Betrachtung physischer Räume übertrug.
Sprachgeschichtlich wurde der Begriff der Landschaft im deutschen Sprachraum erst ab dem 15. Jahrhundert um eine ästhetische Bedeutung im Sinne eines ‚geschauten Naturausschnitts‘ erweitert, eine Bedeutungskomponente, die bis in die Gegenwart ihre Gültigkeit behielt.