mini|Eine schwangere Minderjährige in London um 1871 mini|Junge Prostituierte im Albergo dei Poveri in Neapel (1948) Die Prostitution Minderjähriger oder Kinderprostitution bezeichnet die Ausübung sexueller Handlungen gegen Geld oder anderweitige Entlohnungen wie z. B. Obdach oder Essen durch Kinder, womit laut UN-Kinderrechtskonvention alle Personen jünger als 18 gemeint sind. In deutschsprachigen Ländern heißen sie stattdessen Minderjährige. Obwohl Kinderprostitution heute in allen UN-Mitgliedsstaaten verboten ist, wird sie dennoch in einigen Ländern (Thailand, Philippinen, Indien, Osteuropa) illegal praktiziert und teilweise für den Sextourismus geduldet.

Geschichte Im antiken Rom war Prostitution ein alltäglicher und überall anzutreffender Tatbestand. Aus historischen Quellen ist bekannt, dass auch Kinder – meist Sklaven – zur Verfügbarkeit als Prostituierte genötigt wurden. So sollen präpubertäre Jungen besonders beliebt in den Bordellen gewesen sein. In einem Epigramm von Martial berichtet dieser davon, dass Kaiser Domitian ein Gesetz zum Verbot der Kinderprostitution erlassen hatte (siehe auch Prostitution in der Antike).

Indische Eltern brachten ihre Töchter manchmal in die Hindu-Tempel, um sie nicht mehr versorgen zu müssen. Als Devadasi sollten diese Mädchen ursprünglich Tempeldienerinnen werden, über die Jahrhunderte hinweg wurde aus dieser traditionellen Rolle jedoch jene einer Tempelprostituierten, die den Priestern sexuell zu Diensten sein muss. Obwohl die Praxis mittlerweile illegal ist, ist sie laut einem Bericht von 2003 weiterhin gang und gäbe.

In Afghanistan gibt es seit Jahrhunderten die Tradition des Bacha bazi, den Verkauf von minderjährigen Jungen.

Auch in Europa war die Prostitution Minderjähriger bis ins späte 19. Jahrhundert und darüber hinausRupprecht: Die Prostitution jugendlicher Mädchen, ihre Ursache und ihre Bekämpfung. In: Zeitschrift zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Band 16, 1915/16, S. 2–18. weitverbreitet. Im Zeitraum 1800–1850 sollen die Hälfte aller im Großraum Paris tätigen Prostituierten Kinder bzw. Jugendliche gewesen sein. 1885 veröffentlichte der britische Investigativjournalist William T. Stead eine Reihe an Artikeln, die sich mit Kinderprostitution beschäftigten. Um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, wie einfach es war, sich ein junges Mädchen zu kaufen, arrangierte er für die Recherche einen solchen Deal. Obwohl Stead das von ihm gekaufte Mädchen nicht anrührte, wurde er für sein Vorgehen verurteilt und saß drei Monate im Gefängnis. Eine Konsequenz seiner Berichterstattung war, dass das Schutzalter in England von 13 auf 16 Jahre angehoben wurde.

Heute findet eine Verlagerung der Anbahnung der Prostitution Minderjähriger in das Internet statt. In den Erotik-Rubriken von Kleinanzeigen-Plattformen bieten junge Menschen – viele minderjährig – mit sogenannten „TG-Treffen“ Sex gegen Taschengeld an. Mit der COVID-19-Pandemie nahm auch die sexuelle Ausbeutung von Kindern über das Internet zu, in einigen Ländern Europas sogar um das Dreifache. Zusätzliche Freizeit und alltäglicher Leerlauf während des Lockdowns sollen dazu geführt haben, dass Täter mehr Zeit im Internet verbrachten und gefährdete Kinder sich aufgrund von Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen zu Hause eingesperrt fanden.

Rechtliche Aspekte Gemäß Artikel 34 der UN-Kinderrechtskonvention muss der Staat Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen, somit auch vor kommerzieller sexueller Ausbeutung wie Prostitution und Verwendung für pornographische Darstellungen. Die Vertragsstaaten sind verpflichtet, hierfür alle geeigneten innerstaatlichen Maßnahmen zu treffen.UN-Kinderrechtskonvention Artikel 34. Kinder sind nach der Konvention alle Personen jünger als 18 Jahre. Somit ist es nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Jugendlichen, die bereits sexualmündig sind (siehe Schutzalter), nicht erlaubt, Minderjährige, die sich anbieten, als Kunde in Anspruch zu nehmen, ebenso ist es verboten, von ihnen pornografische Aufnahmen zu machen. Personen, die Kinder zur Prostitution veranlassen, machen sich in den meisten Ländern strafbar, wobei die Definitionen der Begriffe „Kinder“, „Prostitution“ und „Veranlassen“ stark variieren können.

Trotz aller Verbote und Bestimmungen ist es schwierig, die Kinderprostitution einzudämmen. Dies liegt zum einen am großen Markt, der insbesondere international nur schwer zu kontrollieren ist, aber auch an Gesetzen zum Schutz der Familie, die die staatliche Einmischung und Überwachung nur in begrenztem Maß zulassen. Jedoch kann beispielsweise ein deutscher Staatsbürger, der sich im Ausland durch den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen strafbar macht, in Deutschland nach deutschem Recht für seine Tat im Ausland belangt werden (Exterritorialprinzip).

Nach der Rechtslage in Deutschland ist selbst dann, wenn eine Einwilligung oder sogar das Angebot zu sexuellen Handlungen von einer Person unter 14 Jahren vorliegt, die sexuelle Handlung nach §§ 176 bzw. 176c StGB strafbar (→ Sexueller Missbrauch von Kindern). Sexuelle Handlungen gegen Entgelt mit einer Person unter 18 Jahren sind ebenfalls strafbar nach (→ Sexueller Missbrauch von Jugendlichen). Bis zum 5. November 2008 waren sexuelle Handlungen gegen Entgelt mit 16- und 17-jährigen erlaubt. In Deutschland erhalten junge Menschen unter 18 Jahren keine Anmeldebescheinigung nach dem Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen und dürfen somit keine sexuellen Dienstleistungen anbieten.ProstSchG § 5 Absatz 2. 21. Oktober 2016.Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Das neue Prostituiertenschutzgesetz. S. 19.

Verbreitung Nach unbelegten Schätzungen von UNICEF praktizieren weltweit ca. 3 bis 4 Millionen Jugendliche und Kinder Kinderprostitution. Wissenschaftlern zufolge könnten sogar bis zu 10 Millionen Kinder in Prostitution involviert sein.B.M. Willis, B.S. Levy: Child prostitution: global health burden, research needs, and interventions. In: Lancet, Band 359, Nr. 9315, S. 1417–1422 (20. April 2002), Allein in Indien, wo vermutlich etwa 40 % der Menschen in Prostitution minderjährig sind, wird die Zahl prostituierter Kinder von Behörden auf 1,2 Millionen geschätzt.Official: More than 1M child prostitutes in India. CNN Asia, 11. Mai 2009. Auf einen öffentlich bekannten Fall werden mindestens 25–30 unentdeckte geschätzt. Die regionalen Hauptbrennpunkte sind Asien (Indien, Nepal, Thailand, Philippinen, Malaysia, Indonesien, Sri Lanka, Kambodscha, Vietnam), Lateinamerika und Karibik (Brasilien, Peru, Kolumbien, Dominikanische Republik, Mexiko, Kuba), südliches und westliches Afrika (Nigeria, Südafrika, Sambia), aber auch Osteuropa. Kinderprostitution ist aber auch in entwickelten Ländern verbreitet, in den USA beispielsweise wird die Zahl der durch Prostitution ausgebeuteten Kinder auf mindestens 100.000 geschätzt.National Colloquium – 2012 Final Report. An Inventory and Evaluation of the Current Shelter and Services Response to Domestic Minor Sex Trafficking. Mai 2013, S. 80.

Ursachen Unterschieden werden sollten zunächst zwei verschiedene Arten von Kinder- und Jugendprostitution: einerseits die oft in Zusammenhang mit Menschenhandel erfolgte Zwangsprostitution durch Zuhälter, bei der die Opfer „Eigentum“ des Zuhälters sind. Dem gegenüber steht der sogenannte Survival Sex, bei dem sich Kinder und Jugendliche prostituieren, um finanziell überleben zu können.

Zwangsprostitution Die Ursachen für die Zwangsprostitution von Kindern und Jugendlichen sind oft eine Kombination aus sozialen Strukturen und einzelnen Akteuren. Durch diese Kombination kommen Kinder in Situationen, in denen Erwachsene ihre Vulnerabilität ausnutzen, um sie sexuell auszubeuten und zu missbrauchen. Der kommerziellen Prostitution geht meist sexueller Missbrauch im privaten Bereich voraus.

Einzelfälle können sich stark voneinander unterscheiden. Ein Bericht des Internationalen Kinderarbeitsbüros des US-Arbeitsministeriums besagt dazu: „Einige Opfer sind Ausreißer von zuhause oder aus staatlichen Institutionen, andere wurden von ihren Eltern verkauft oder von Leuten hereingelegt, und wieder andere sind Straßenkinder. […] Die beunruhigendsten Fälle sind jene, in denen die Kinder weggesperrt werden. Bei diesen besteht ein höheres Risiko, gefoltert und körperlich misshandelt zu werden, was bis zum Tod führen kann.“

Die meiste mediale Beachtung im Zusammenhang mit Kinder- und Jugendprostitution hat in den vergangenen Jahren Sextourismus erhalten. Die Soziologin Louise Brown argumentiert in einem Buch jedoch, dass die meisten Kunden prostituierter Kinder in Südostasien Einheimische und nicht Touristen sind.

Kinderprostitution geht oft mit Sextourismus in wirtschaftlich ärmeren Länder einher, wo Kinder aus wirtschaftlicher Armut von ihren eigenen Eltern dazu genötigt bzw. dafür verkauft oder entführt werden oder als Straßenkinder von Zuhältern zur Prostitution gezwungen werden. Vor allem aber ist die Prostitution von Kindern auch ein Teil der organisierten Kriminalität.

20 % der Opfer von Zwangsprostitution sind minderjährig, wovon die Mehrheit weiblich ist. Die Täter sind überwiegend männlich, jedoch sind auch Frauen oft Täter.UNODC report on human trafficking exposes modern form of slavery. Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung; abgerufen am 3. Juni 2015.

Survival Sex Survival sex findet statt, wenn ein Kind oder Jugendlicher an sexuellen Aktivitäten teilnimmt, um Geld, Lebensmittel, Unterkunft, Kleidung oder andere lebensnotwendige Güter zu erhalten. Diese Transaktionen finden in der Regel nur zwischen dem Kunden und der minderjährigen Person statt; ein Zuhälter ist nicht involviert., abgerufen am 3. Juni 2015. Eine Studie zu minderjährigen Prostituierten in New York aus dem Jahr 2008 kam zu dem Ergebnis, dass 90 % ohne Zuhälter tätig waren. 95 % der Befragten gaben an, Sex gegen Geld auszuüben, da es der sicherste Weg sei, sich selbst zu versorgen.Kristen Hinman: Child-sex-trafficking stereotypes demolished by new research. 2. November 2011, abgerufen am 3. Juni 2015. Bei einer Studie in Baltimore City aus dem Jahr 2020 gaben 73 % der befragten Mädchen an, sich ursprünglich prostituiert zu haben, um Drogen zu finanzieren, 36 % um Geld für Lebensmittel und Unterkunft zu bekommen, und 17 %, um ihre Familie finanziell zu unterstützen.

Ausnutzung der Selbstfindung Wenig wissenschaftlich untersucht sind Selbstfindung und die Steigerung frei verfügbaren Geldes als Motiv für Selbstprostitution. Laut einer Studie in Baltimore City wurden signifikant mehr minderjährige Prostituierte dazu genötigt, bedroht, unter Druck gesetzt oder getäuscht, um sie zur Prostitution zu bewegen, als volljährige Prostituierte – aber auch der Anteil jener Prostituierten, die sich für zusätzliches – nicht überlebenswichtiges – Taschengeld prostituierten, war signifikant höher als bei Volljährigen.

2013 kam der Film Jung & Schön in die Kinos, der die Selbstprostitution der siebzehnjährigen Protagonistin thematisierte. François Ozon, Regisseur des Films, widersprach der Interpretation, Isabelle habe sich aus Vergnügen oder um des schnellen Geldes willen prostituiert. Sie habe vielmehr so gehandelt, um sich selbst zu finden. In einer Kritik wird dies ausgeführt: