mini|Johann Nepomuk David 1936 (Aufnahme von Ernst Hoenisch) Johann Nepomuk David (* 30. November 1895 in Eferding, Oberösterreich; † 22. Dezember 1977 in Stuttgart) war ein österreichischer Komponist, Chorleiter und Dirigent. Er war der Lehrer vieler bekannter Komponisten und Interpreten, unter anderem von Hans Georg Bertram, Johann Cilenšek, Wolfgang Dallmann, Jörg Demus, Helmut Eder, Jan Janca, Hans Joachim Kauffmann, Helmut Lachenmann, Ernst Leuze, Hans Arnold Metzger, Hans Otte, Hans Stadlmair, Klaus Tennstedt, Käte van Tricht, Albrecht Weberruß, Amadeus Webersinke, Friedrich Wickenhauser, Gerhard Wimberger und Ruth Zechlin.
Leben Johann Nepomuk David, der Sohn des Schullehrers Karl David, war von 1905 bis 1909 Sängerknabe im Augustiner-Chorherrenstift Sankt Florian und von 1909 bis 1912 Schüler am Stiftsgymnasium Kremsmünster. Von 1912 bis 1915 studierte er an der (katholischen) Bischöflichen Lehrerbildungsanstalt in Linz. Von 1915 bis 1920 war er Volksschullehrer in Peterskirchen (Innkreis), von 1920 bis 1924 Volksschullehrer in Waizenkirchen.Bernhard A. Kohl: David, Johann Nepomuk. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite neubearbeitete Ausgabe. Personenteil, Band 5, Sp. 491 ff.
Danach studierte er von 1921 bis 1922 an der Musikakademie und an der Universität in Wien bei Joseph Marx bzw. Guido Adler und hatte persönlichen Kontakt zu Josef Matthias Hauer, Arnold Schönberg und Anton Webern. Von 1922 bis 1924 war David musikalischer Leiter der Linzer „Kunststelle“, geführt von dem Literaturwissenschaftler und Volksbildner Wilhelm Gärtner. Von Januar 1925 bis Herbst 1934 unterrichtete David in Wels an der katholischen Volksschule, von 1926 bis 1934 leitete er dort den von ihm gegründeten Bach-Chor und war 1930 bis 1934 Organist an der evangelischen Christuskirche. Von November 1934 bis Januar 1945 war er Lehrer, seit Juni 1943 Professor für Theorie und Komposition sowie Leiter der Kantoreien am Landeskonservatorium (seit 1941 Hochschule für Musik) in Leipzig – seit 1. Mai 1942 als kommissarischer Direktor dieses Instituts.
Der parteilich ungebundene David komponierte in der Zeit des Nationalsozialismus fast nur absolute Musik (Kammermusik, Symphonien, Orchesterwerke) oder geistliche Musik (Orgelmusik, Motetten, Kantaten). Eine „Heldenehrung / Motette nach einem Führerwort [Adolf Hitler] / für 4stimmigen gemischten Chor und 3 Posaunen […] / Den gefallenen Lehrern und Studierenden / der Staatl. Musikhochschule in Leipzig zum Gedächtnis“ auf folgenden Text: „Wer seinem Volke so die Treue hält, der soll selbst in Treue nie vergessen sein“ wurde am 7. November 1942 in Leipzig uraufgeführt, blieb jedoch unveröffentlicht.Zitat bei Bernhard A. Kohl: Johann Nepomuk David in Leipzig – eine Dokumentation. In: Mitteilungen 4 der Internationalen J.-N.-David-Gesellschaft. Stuttgart 1983, S. 8.
Nach dem schweren Bombenangriff auf Leipzig am 3./4. Dezember 1943 leitete David von April 1944 an die Evakuierung der Musikhochschule nach Crimmitschau in Sachsen, wo bis zu den Abschlussprüfungen im August 1944 unter schwierigsten Verhältnissen der Studienbetrieb aufrechterhalten werden konnte. Im August 1944 wurde er in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste der wichtigsten Komponisten aufgenommen, was ihn vor einem Kriegseinsatz, auch an der Heimatfront, bewahrte.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 108.
Von 1945 bis 1947 war David Professor für Komposition, Leiter der Kantorei und kommissarischer Leiter des Salzburger Mozarteums. Ab dem Sommersemester 1948 bis zu einer Erkrankung im Mai 1963 hatte er eine Professur für Theorie und Kontrapunkt (Komposition) an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.
Von 1949 bis 1952 war er außerdem Dirigent des Stuttgarter Brucknerchores und von 1950 bis 1953 Dirigent des Hochschulkammerorchesters, mit dem er u. a. ein vielfach beachtetes Konzert in Paris leitete. Mit diesen beiden Ensembles brachte David auch zeitgenössische Kompositionen zur Aufführung, die durch Produktionen bzw. Mitschnitte des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart dokumentiert sind.
Die Urne Davids wurde zunächst auf dem Pragfriedhof in Stuttgart beigesetzt, 1978 jedoch in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32 C, Nummer 43)Ehrengrab von Johann Nepomuk David auf dem Wiener Zentralfriedhof; abgerufen am 25. April 2021. überführt.
Johann Nepomuk David ist der Vater des Komponisten Thomas Christian David (1925–2006) und des Violinisten Lukas David (1934–2021).
Auszeichnungen 1941 Gaukulturpreis des Gaues Oberdonau der NSDAP 1949 Franz-Liszt-Preis, Weimar 1951 Preis der Stadt Wien für Musik 1952 Buxtehudepreis, Lübeck 1953 Großer Österreichischer Staatspreis für Musik Bundesministerium Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport; abgerufen am 25. April 2021 1955 Großes Bundesverdienstkreuz 1955 Mozartmedaille durch die Mozartgemeinde WienInschrift Deutschordenshof, Singerstraße: Joh. Nepomuk David 1955; abgerufen am 25. April 2021 1960 Gast der Villa Massimo in Rom 1963 Bach-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg hamburg.de; abgerufen am 25. April 2021. 1963 Anton-Bruckner-Preis, Linz 1966 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1966 Mozart-Preis der Goethestiftung Basel durch die Universität Innsbruck 1966 Berliner Kunstpreis 1970 Ehrendoktor der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Mainz
Mitgliedschaften Beitritt zum Reichsbund Deutsche Familie, einem vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP betreuten "Kampfbund für den Kinderreichtum der Erbtüchtigen" am 24. November 1943.Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 1067. Mitglied der Akademie der Künste in Hamburg, Berlin, München und Wien.
Werke (Auswahl) David gilt als Traditionalist und Polyphoniker (nicht nur in der Kirchenmusik). Er schuf zahlreiche Chor-, Orgel-, Kammermusik- und Orchesterwerke sowie Oratorien. Es existieren viele unveröffentlichte Kompositionen, vor allem aus den Jahren vor 1925, die in der nachfolgenden Liste nicht aufgeführt werden. Gedruckte Werke sind überwiegend bei Breitkopf & Härtel in Leipzig bzw. Wiesbaden erschienen, einige wenige beim Musikverlag Doblinger, Wien.
Orchesterwerke Partita Nr. 1 (1935) Sinfonie Nr. 1 a-Moll op. 18 (1936) Symphonie Nr. 2 op. 20 (1938) Kum, kum, geselle min Divertimento nach alten Volksliedern op. 24 (1938) Partita Nr. 2 op. 27 (1939) Symphonie Nr. 3 op. 28 (1940) Variationen über ein Thema von Joh. Seb. Bach op. 29a (1942) Symphonische Variationen über ein Thema von Heinrich Schütz op. 29b (1942) Symphonie Nr. 4 op. 39 (1945) 1. Konzert für Streichorchester op. 40 Nr. 1 (1950) 2. Konzert für Streichorchester op. 40 Nr. 2 (1951) Symphonie Nr. 5 op. 41 (1951) Sinfonia preclassica super nomen H-A-S-E op. 44 (1953) Deutsche Tänze, Variationen über ein eigenes Thema (1953) für Streichorchester Symphonie Nr. 6 op. 46 (1954) Sinfonia breve op. 47 (1955) Symphonie Nr. 7 op. 49 (1956) Magische Quadrate, Symphonische Fantasie in drei Sätzen op. 52 (1959) Sinfonia per archi, op. 54 (1959) für Streichorchester Spiegelkabinett, Walzer op. 55 (1960) Symphonie Nr. 8 op. 59 (1964/65) Chaconne op. 71 (1972) 3. Konzert für Streichorchester op. 74 (1974)
Konzerte Konzert für Flöte und Orchester (1934) Konzert Nr. 1 für Violine und Orchester op. 45 (1952) Konzert Nr. 2 für Violine und Streichorchester op. 50 (1957) Melancholia, Musik für Bratsche allein und Kammerorchester op. 53 (1958) Konzert Nr. 3 für Violine und Orchester op. 56 (1961) Konzert für Orgel und Orchester op. 61 (1965) Variationen über ein Thema von Josquin des Prés für Flöte, Horn und Streichorchester op. 62 (1966) Doppelkonzert für Violine, Violoncello und kleines Orchester op. 68 (1969)
Kammermusik Zwei Duos für Violine und Viola (1927/29, unveröffentlicht) Trio G-dur für Violine, Viola und Violoncello (1935) Duo concertante für Violine und Violoncello op. 19 Kume, kum, geselle min, Divertimento nach alten Volksliedern op. 24 (1939) Sonate für Flöte, Bratsche und Gitarre op. 26 (1940) Trio für Flöte, Violine und Viola op. 30 (1942) Solosonaten op. 31 Nr. 1–5 (1942–1944) Sonate für Flöte allein op. 31 Nr. 1 Sonate für Violine allein op. 31 Nr. 2 Sonate für Bratsche allein op. 31 Nr. 3 Sonate für Violoncello allein op. 31 Nr. 4 Sonate für Laute/Gitarre allein op. 31 Nr. 5Walter Haberl: Die Sonate für Laute oder Gitarre (op. 31, Nr. 5) von Johann Nepomuk David. In: Gitarre & Laute, 3, 1981, 4, S. 18–23. Kammermusikwerke op. 32 Nr. 1–4 (1943–1948) Sonate für Flöte und Bratsche op. 32 Nr. 1 Variationen über ein eigenes Thema für Blockflöte und Laute op. 32 Nr. 2 Sonate für zwei Geigen op. 32 Nr. 3 Sonate für B-Klarinette und Viola op. 32 Nr. 4 Vier Trios für Violine, Viola und Violoncello op. 33 Nr. 1–4(1945–1948) Trio Nr. 1 op. 33 Nr. 1 Nicolo Amati in memoriam (1945) Trio Nr. 2 op. 33 Nr. 2 Antonio Stradivario in memoriam (1945) Trio Nr. 3 op. 33 Nr. 3 Giuseppe Guarneri del Gesu in memoriam (1948) Trio Nr. 4 op. 33 Nr. 4 Jacobo Stainer in memoriam (1948) „Es steht ein Lind in jenem Tal“ Partita für Violine solo op. 37 Nr. 1 (1949) Sonate für drei Violoncelli op. 57 (1962) Zweite Sonate für Violine allein op. 58 Nr. 1 (1963)
Weltliche Chorwerke Spruch von Angelus Silesius Mensch werde wesentlich (1937) Dreistimmiger Männerchor a cappella Die Welt ist Gottes Haus Vierstimmige Motette nach Worten von Theophrastus Paracelsus op. 34 Nr. 1 (1945) Drei Tierlieder vierstimmig a cappella op. 36 (1945) 1. Bienensegen Die Immen sind haußen (altdeutsch) 2. Das Käuzlein Ich armes Käuzlein (aus des Knaben Wunderhorn) 3. Der Kater Das ist die Welt, sie steigt und fällt (Goethe) Zehn Volksliedsätze für drei- bis vierstimmigen gemischten Chor a cappella (1949) 1. Kum, kum geselle min, vierstimmig mit Summchor (SATB) 2. Es geht eine dunkle Wolk herein, vierstimmig (SATB) 3. Der Wächter, der blies an, dreistimmig (SAT) 4. Mit Lust tät ich ausreiten, vierstimmig (SATB) 5. Ich weiß ein Maidlein hübsch und fein, vierstimmig (SATB) 6. Weiß mir ein Blümlein blaue, dreistimmig (SAT) 7. Sie gleicht wohl einem Rosenstock, vierstimmig (SATB) 8. Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, vierstimmig (SATB) 9. Du mein einzig Licht, dreistimmig (SABar) 10. Geistliches Trinklied Laßt uns singen und fröhlich sein, vierstimmig (SATB) Zehn neue Volksliedsätze für gemischten Chor a cappella (1952) 1. Der mayen, der Mayen, vierstimmig (SATB) 2. Ich wollt gern singen, dreistimmig (SAB) 3. Herzlich tut mich erfreuen, vierstimmig (SATB) 4. Was wölln wir auf den Abend tun?, vierstimmig (SATB) 5. Gar lieblich hat sich gesellet, vierstimmig (SATB) 6. Es taget vor dem Walde, vierstimmig (SATB) 7. Du mein einzig Licht, dreistimmig (ATB) 8. Ich schell mein Horn im Jammerton, vierstimmig (SATB) 9. Bretonisches Abendlied Es tönt des Abendglöckleins Schlag (SATBBB) 10. Der grimmige Tod mit seinem Pfeil, vierstimmig (SATB) Empfangen und genähret, Motette für vierstimmigen gemischten Chor (SATB) (nach Der Mensch von Matthias Claudius) op. 34 Nr. 2 (1956) Komm Trost der Nacht, o Nachtigall, Motette für vierstimmigen gemischten Chor (SATB) (nach Lied des Einsiedlers aus Simplicius Simplicissimus von Hans Jakob Christian von Grimmeslhausen) op. 34 Nr. 3 (1956) Es ging ein Maidlein zarte, für zwei Chöre a cappella (SAT/SSBB) (1961) Es ist ein Schnee gefallen, für vierstimmigen gemischten Chor a cappella (SATB) (1961) Zwei vierstimmige Sätze (1961) 1. Gesegn dich Laub (SATB) 2. Es geht eine dunkle Wolk herein (SATB) Wân Denken Do der sumer komen was (Walther von der Vogelweide) für vier Singstimmen (SATB), Flöte und Horn, op. 64 (1966) Wegen geringer Dinge op. 76 (1970/75)
Geistliche Chor- und Vokalwerke: Motetten, Kantaten, geistliche Lieder