mini|hochkant=1.3|Zeichnerischer Rekonstruktionsversuch der Aachener Königspfalz, erbaut von Karl dem Großen ab 780 auf einem älteren fränkischen Königshof mini|Modell der Aachener Königspfalz Unter einer Königspfalz verstand man im Früh- und Hochmittelalter entstandene (Wohn-)Stützpunkte für den reisenden römisch-deutschen König, für die Stammesherzöge sowie die Bischöfe als Territorialherren ihrer Hochstifte, die dem König gegenüber in „Gastungspflicht“ standen. Als Königshof bezeichnet man hingegen einen kleineren Gutsbesitz, der zum Reichsgut gehörte und allenfalls als kurzzeitiger Aufenthaltsort für den König und sein Gefolge auf der Durchreise diente.

Abgrenzung zur gängigen Bezeichnung „Kaiserpfalz“ Da die Pfalzen im späteren Heiligen Römischen Reich vom Herrscher in seiner Eigenschaft als römisch-deutscher König gebaut und genutzt wurden, ist ihre historisch korrekte Bezeichnung Königspfalz. Die Bezeichnung Kaiserpfalz ist eine Benennung des 19. Jahrhunderts, die übersieht, dass der römisch-deutsche König erst nach einer Kaiserkrönung durch den Papst den Titel des römischen Kaisers führen durfte, was oft erst nach Jahren oder in vielen Fällen auch gar nicht geschah.

Etymologie Das schon im Mittelalter bestehende Wort pfalz stammt über mittelhochdeutsch pfalenze, „fürstliche Wohnung“, von althochdeutsch pfalanza aus volkslateinisch palantia von mittellateinisch palatia (Plural, die gesamten Bauten umspannend) von lateinisch palatium (mittellateinisch für „Palast“).Eintrag Pfalz in Duden online.

Der in lateinischen Urkunden häufig verwendete Begriff palatium wurde in später Kaiserzeit gleichbedeutend mit aula regia,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Aufl., hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 541 (Pfalz) und 528 (Palast). königlicher Saal, verwendet in Anlehnung an den Palatin, einen der sieben Hügel Roms, auf dem in weiten Teilen der römischen Kaiserzeit der Augustus residierte (Domus Augustana).

Nicht nur etymologisch, sondern auch architektonisch trifft diese Herleitung zu. Vorbild für die aulae regiae (die Festsäle) der mittelalterlichen deutschen und französischen Pfalzen, etwa der Ingelheimer Kaiserpfalz Karls des Großen, war die seinerzeit noch vollständig im Original erhaltene Konstantinbasilika in Trier, begonnen unter Kaiser Konstantin in den Jahren 305–311, die ihrerseits dem römischen Kaiserpalast auf dem Palatin (Rom) folgte; dort sind in der Domus Flavia, dem im Jahr 92 n. Chr. fertiggestellten Palastbau von Kaiser Domitian, noch die Überreste seiner aula regia erhalten, die zum Zeitpunkt des Baues der Konstantinbasilika noch in kaiserlichem Gebrauch stand.

Beschreibung mini|Digitale Rekonstruktion der Aula regia der Pfalz Ingelheim von Karl dem Großen (um 790) mini|Kaiserpfalz Goslar, erbaut 1005–1055 unter Heinrich II. und Heinrich III. mini|Rekonstruierter Palas der Pfalz von Heinrich II. in Paderborn (ab 1015), heute Museum in der Kaiserpfalz mini|Modell der Kaiserpfalz Gelnhausen, erbaut für Kaiser Friedrich Barbarossa 1160 bis 1180

Funktion Die frühmittelalterlichen Könige, insbesondere des Fränkischen Reiches aus den Dynastien der Merowinger und Karolinger, regierten ihr Reich nicht von einer Hauptstadt oder einer Königsburg aus, sondern mussten möglichst „vor Ort“ sein und den persönlichen Kontakt zu ihren Vasallen in verschiedenen Teilen des Reiches halten (Reisekönigtum), insbesondere seit den riesigen Eroberungen Chlodwigs I. († 511). Diese Herrschaftsausübung wurde auch von den hochmittelalterlichen Königen des Heiligen Römischen Reichs weitergeführt. Herrschaft wurde über persönliche Beziehungen ausgeübt (Personenverbandsstaat), wozu es auch erforderlich war, persönlich den Kontakt mit den Beherrschten zu suchen. Persönliche Begegnungen der Großen des Reiches mit ihrem König, der hierzu große Hoftage in wechselnden Teilen des Reiches abhielt, bewirkten im Ergebnis, wozu heute Medienpräsenz, moderne Kommunikationsmittel, überregionale Konferenzen oder Parteitage dienen. Die Zusammensetzung des Hofstaats änderte sich dabei stets, je nachdem, durch welches Gebiet man zog und welche Adligen sich dem Hof mit ihrem Gefolge auf dieser Reise anschlossen oder sich auch wieder von ihm entfernten.

Ein Netz von Königshöfen legten sich die Merowinger an, die Könige der Franken seit dem 5. Jahrhundert. Deren Reiseresidenzen befanden sich hauptsächlich im Kerngebiet des Fränkischen Reichs, im heutigen Nordfrankreich und Südbelgien; oft entstanden in der Nähe auch Klöster. Ein solcher Königshof in Malay-le-Grand konnte in den 1990er Jahren ergraben werden. Dort hatten im 7. Jahrhundert diverse, urkundlich erwähnte Bischofs- und Gerichtskonzile stattgefunden. Es handelte sich um ein gemauertes rechteckiges Gebäude von fast 300 m² mit ein oder zwei Räumen von mehr als 200 m², das um das 10. Jahrhundert herum – vermutlich bei Einfällen der Normannen – zerstört wurde.Josiane Barbier, Les palais francs avant Charlemagne, et les Carolingiens dans le bassin mosan, autour des palais de Herstal et de Jupille, Namur, Les dossiers de l’Institut du patrimoine wallon, 27, 2017, S. 19–28. Bisweilen nutzten die Merowinger auch antike römische Gebäude, so etwa das Praetorium in Köln, den einstigen Sitz des Statthalters der Provinz Germania inferior, der um 780/790 zerstört wurde.

Auch ihre Nachfolger, die Karolinger, bewohnten diese – sowie neue – Höfe im Frankenreich, die sich allmählich zu Pfalzen vergrößerten. Pfalzen bestanden in erster Linie aus großen Gutshöfen, welche Verpflegung und Unterkunftsmöglichkeiten für den König und sein zahlreiches Gefolge, das oft Hunderte von Personen umfasste, sowie für zahlreiche, ebenfalls mit Gefolge angereiste Gäste und ihre Pferde boten. Aufgrund der unzureichenden Verkehrswege war es bis zum 13. Jahrhundert noch gar nicht möglich, neben der ortsansässigen Bevölkerung eine größere Gruppe von angereisten Menschen dauerhaft am selben Ort zu versorgen. Auch dies war ein Grund für die Reiseherrschaft. Anstatt die Lebensmittel zum Hof zu schicken, wanderte der Hof folglich zu den Lebensmitteln.

Im Nachhinein differenziert man zwischen Königspfalzen und Königshöfen; zeitgenössische Urkunden hingegen machen da keinen Unterschied. Spätestens seit Karl dem Großen hatten die Pfalzen einen beträchtlichen Umfang angenommen. Im Unterschied zu einer Pfalz, wo der König seine herrschaftlichen Aufgaben oft wochen- oder monatelang ausübte, war ein Königshof lediglich ein kleinerer Gutshof im Besitz des Königs, der nur gelegentlich als kurzzeitiger Aufenthaltsort für den König und sein Gefolge auf der Durchreise diente.Michael Gockel: Karolingische Königshöfe am Mittelrhein. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1970. Der Vorsteher eines Königshofes war Richter, Verwalter und Heerführer auf dem ihm zugewiesenen Gebiet.Max Döllner: Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a.d. Aisch 1950. (Neuauflage 1978 anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Verlag Ph. C. W. Schmidt Neustadt an der Aisch 1828–1978.) S. 292 f. Auf Lateinisch hießen diese Königshöfe villa regia oder curtis regia. Bisweilen waren sie an der Stelle römischer Gutshöfe errichtet wie der Königshof Zizers; größere Pfalzen wurden manchmal an der Stelle römischer Kastelle errichtet (Pfalz Nimwegen, Pfalz Zürich).

Eine Pfalz bestand zumindest aus dem Palas, einer Pfalzkapelle und einem Gutshof. Die Könige und Kaiser nahmen dort Amtshandlungen vor, führten Gerichts- oder Vergleichsverhandlungen zwischen bedeutenden Reichsständen, stellten Urkunden aus, hielten ihre Hoftage ab, empfingen fremde Gesandtschaften oder Herrscher und feierten mit zahlreichen Gästen hohe kirchliche Feste. Daher gehörte ein großer, repräsentativer Versammlungssaal (eine aula regia nach antikem Vorbild) zur Ausstattung des Palas. Für die Begleiter und Gäste gab es Quartierbauten und Stallungen aus Holz oder Fachwerk im Umfeld der Pfalz, oder sie wurden bei Ortsansässigen untergebracht. Besonders wichtig waren jene Pfalzen, in denen die Könige den Winter verbrachten (Winterpfalzen), und die Festtagspfalzen, wobei das Osterfest das wichtigste Fest darstellte (Osterpfalzen wie Quedlinburg).

In Frankreich und England begannen ab dem 13. Jahrhundert königliche Residenzen sich zu Hauptstädten zu entwickeln, die rasch wuchsen und entsprechende Infrastruktur entwickelten: Das Palais de la Cité und der Palace of Westminster wurden zur jeweiligen Hauptresidenz, obwohl auch in diesen Ländern das Reisekönigtum bis in die Neuzeit fortdauerte. Im Heiligen Römischen Reich war eine Hauptstadtentwicklung nicht möglich, weil keine echte Erbmonarchie entstand, sondern die Tradition der Wahlmonarchie sich durchsetzte, mit Königen ganz unterschiedlicher regionaler Herkunft und daher mit verschiedenen Besitzschwerpunkten und oft geringer Macht in anderen Reichsteilen (siehe: Wahl und Krönung der römisch-deutschen Könige und Kaiser). Folglich reisten die Könige und Kaiser noch bis weit in die Neuzeit im Reich umher.

Lage Die Orte, wo Pfalzen oder Königshöfe angelegt wurden, hingen von mehreren Faktoren ab. Königshöfe dienten als Durchreisequartiere und wurden daher möglichst im Abstand von 25 bis 30 Kilometern angelegt, was einer damaligen Tagesreise des königlichen Trosses mit Pferden und Wagen entsprach. (Einzelne Reiter, etwa Postreiter, schafften hingegen weitaus größere Strecken, bei trockenen Böden bis zu 120 km/Tag.) Königshöfe waren in der Regel von Reichsgut umgeben, das ihre Versorgung sicherstellte und von ihnen aus verwaltet wurde, bisweilen auch vom Eigengut der jeweiligen Könige. Doch nicht auf allen Strecken konnten diese Abstände eingehalten werden. Es gab große Territorien, in denen kein Königsgut existierte. Es gab einsame Gegenden, in denen weder Klöster noch Städte anzusteuern waren. In diesen Fällen übernachteten die Kaiser und Könige sehr oft in Zeltlagern.Ferdinand Opll, Friedrich Barbarossa, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990, ISBN 3-534-04131-3. Das Gleiche gilt natürlich für die vielen Feldzüge oder Belagerungen, an denen die Könige sich beteiligten.

mini|Modell der Königspfalz Frankfurt, erbaut ab 815 für Ludwig den Frommen anstelle eines Königshofs der Merowinger aus dem 7. Jahrhundert Pfalzen hingegen lagen oft bei den noch verbliebenen städtischen Resten der Römerzeit, den ältesten Städten Deutschlands, die zugleich meist an schiffbaren Flüssen lagen, welche rasches und bequemes Reisen ermöglichten und auch die Versorgung erleichterten, hauptsächlich an Rhein, Main und Donau. An diesen Orten befanden sich oft alte Bischofssitze, was auch den Vorteil hatte, dass Bischöfe dem König meist treuer ergeben waren als die Reichsfürsten, welche ihre eigenen dynastischen Ziele verfolgten. Die Könige konnten also tendenziell auf die Unterstützung der Bischöfe zählen, deren Auswahl sie bis zum Investiturstreit auch selbst vornahmen. Die Bischofsresidenzen ähnelten übrigens architektonisch den Königspfalzen und dienten dem Reichsoberhaupt oft ebenfalls als Reisequartiere, ebenso wie die großen Reichsklöster. Schon im Frühmittelalter hatte es Abteien gegeben, die zusammen mit einer unmittelbar benachbarten Königspfalz eine „Klosterpfalz“ bildeten (etwa die Abtei Notre-Dame de Laon). Im Spätmittelalter wurden aus den Bischofsstädten oft Freie und Reichsstädte, die ebenfalls Wert legten auf ein gutes Verhältnis zum König und ihn dementsprechend wohlwollend empfingen.