Der Ausdruck Arier (,Monier Monier-Williams: A Sanskrit-English Dictionary etymologically and philologically arranged with special reference to cognate Indo-European languages, Clarendon Press, Oxford 1898, S. 152, s. v. अर्य ; Otto Böhtlingk: Sanskrit-Wörterbuch in kürzerer Fassung, St. Petersburg 1879–1889, Band 3, S. 1115–1/2, s. v. अर्य . avestisch , altpersisch Rüdiger Schmitt: Aryans. In: Encyclopaedia Iranica. Band 2, 1987, S. 684.vgl. auch Rüdiger Schmitt: Zu dem „arischen Ahura-mazdā“. In: Studia Iranica. Band 20, 1991, S. 189–192.) von einer indogermanischen Wurzel *ar- mit unsicherer BedeutungH. W. Bailey: Arya. In: Encyclopaedia Iranica. Band 2, 1987, S. 681 f. Herleitungsversuche finden sich bei Paul Thieme: Der Fremdling im Ṛgveda. Eine Studie über die Bedeutung der Worte ari, arya, aryaman und arya (= Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes. Band 23,2). Leipzig 1938; Oswald Szemerényi: Studies in the Kinship Terminology of the Indo-European Languages (= Acta Iranica. Band III/16). Brill, Leiden 1977, S. 103–147. ist unter anderem eine Selbstbezeichnung von Sprechern indoiranischer Sprachen. Das Adjektiv dazu lautet arisch, gelegentlich auch arianisch im Sinne von „iranisch“Vgl. Rüdiger Schmitt: Einleitung. In: Rüdiger Schmitt (Hrsg.): Compendium Linguarum Iranicarum. Reichert, Wiesbaden 1989, S. 1 ff., hier: S. 2 f. (nicht zu verwechseln mit dem theologischen Begriff arianisch). Seit dem 19. Jahrhundert wurden europäische Lehnformen des Wortes Arier in der vergleichenden Sprachwissenschaft verwendet und von dort auch auf andere Bereiche übertragen. Es wurde in den Rasseideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zur Bezeichnung von Angehörigen bestimmter Menschengruppen adaptiert, die nach Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ beziehungsweise „Herrenrasse“ definiert wurden.
Geschichte Ursprung mini|Übersicht der indogermanischen Migrationsbewegungen. Die indoiranischen Stämme sind durch einen roten bzw. gelben Pfeil gekennzeichnet Der Begriff „Arier“ spielt eine Rolle in Forschungen aus der Sprachwissenschaft, der Archäologie und der Populationsgenetik. Seit den 1970er Jahren sind die Historiker mit einer Fülle von neuen Informationen konfrontiert, die aus archäologischen Unternehmungen seit dem Zweiten Weltkrieg stammen und neue Modelle für Besiedlungen verlangten. Die Ausgrabungen fanden in der damaligen Sowjetunion, in Iran, Afghanistan und Pakistan statt. Diese Gebiete waren aus archäologischer Sicht bis dahin unerforscht.Gérard Fussman: Entre fantasmes, science et politique. L’entrée des Ǎryas en Inde. In: Gérard Fussman, Jean Kellens, Henri-Paul Francfort, Xavier Tremblay: Ǎryas, Aryens et Iraniens en Asie Centrale. Paris 2005, S. 207.Für die Integration der neuen Informationen siehe das Buch in englischer Sprache von David W. Anthony: The Horse, the Wheel and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Princeton University Press. Princeton 2007, ISBN 978-0-691-14818-2 (archive.org); 2. Auflage 2026, ISBN 978-0-691-29259-5.
Die Existenz arischer Gruppen wird für den Zeitraum von 2200 bis 1800 v. Chr. angenommen. Dies impliziert jedoch keine sprachliche, religiöse oder politische Einheit. Vielmehr belegen die Dialektvielfalt der irano-mazdäischen Gruppe sowie die Fragmentierung der Indoarier bei deren Ankunft in Indien eine frühe Vielfalt, die über die maßgebenden Werke (Avesta, Veden) hinausgeht.Gérard Fussman: Entre fantasmes, science et politique. L’entrée des Ǎryas en Inde. In: Gérard Fussman, Jean Kellens, Henri-Paul Francfort, Xavier Tremblay: Ǎryas, Aryens et Iraniens en Asie Centrale. Paris 2005, S. 217–218.
Um 2000 bis 1500 v. Chr. soll der indische Zweig (Indo-Arier) der „Arier“ (), dessen Sprache Vedisch war, nach Nordwestindien eingewandert sein.Hermann Kulke, Dietmar Rothermund: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. Beck, München 2006, S. 44. Die iranischen „Arier“, die zu den Vorfahren der heutigen iranischen Völker wurden, wanderten im 11. bis 10. Jahrhundert v. Chr. in die heutigen Länder Afghanistan, Iran und Tadschikistan ein.Rüdiger Schmitt: Aryans. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopaedia Iranica. Band 2: Anāmaka – Āṯār al-wozarāʹ. Routledge & Paul, London u. a. 1987, S. 685b; kritisch zu einer Einwanderung in Iran: Jahanshah Derakhshani: Grundzüge der Vor- und Frühgeschichte Irans. Geschichte und Kultur des alten Ostiran. Band 1, Heft 1: Die Zeiten Zarathustras. Rekonstruktion der Altiranischen Chronologie. International Publications of Iranian Studies, Teheran 1995. Aus dem Volksnamen entstand der avestische Ländername airy-nam (heute „Iran“).Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1975, S. 30.
Die Verwendung der iranischen und altindischen Formen des Wortes Arier in den ältesten überlieferten Nachweisen, im Avesta und in den Veden, legt die Existenz eines zentralasiatischen Volkes mit dieser Selbstbezeichnung nahe.Michael Witzel: Autochthonous Aryans? The Evidence from Old Indian and Iranian Texts. In: Electronic Journal of Vedic Sudies. Band 7, Nr. 3, 2001, , S. 1–115 (PDF, 572 kB). Eine andere wissenschaftliche Meinung ist der Ansicht, dass es mit dem ausgeprägten religiösen Sinn des Avesta und des Rigveda heute unmöglich zu beweisen ist, dass das Wort ursprünglich die Bezeichnung einer Ethnie gewesen sein könne. Die Sprache, die Wortverbindungen und die religiöse Atmosphäre des Avesta und Rigveda seien sich so nahe, dass die nachgewiesene Spaltung der indoiranischen Gruppe nicht viel früher als zur Zeit der Entstehung der ältesten Texte der beiden Sammlungen geschehen sein könne. Deren indoiranische Urheimat, Airyanem Vaejah genannt, könnte vor der Spaltung Heimat einer einheitlichen Gruppe gewesen sein. Manche Experten verorten sie ungeachtet ideologischer Rassentheorien in Choresmien.
Erschwert wird die Annahme einer Einheit durch die gegenseitige Abgrenzung: Während das avestische airiia exklusiv mazdäische Iraner bezeichnet, bezieht sich das vedische ǎrya auf Sanskrit sprechende Priester – beide Begriffe schließen die jeweils andere Gruppe aus. Aufgrund dieser wechselseitigen Ausschließung und der stark divergierenden Bezeichnungen für soziale Schichten (Priester, Krieger, Gemeine) in den Quellen sollte der Begriff „Arier“ nicht mehr als Sammelterm für einzelne Sprecher indoiranischer Sprachen verwendet werden. Die Unterschiede lassen sich besser ausgehend von den unabhängigen Entwicklungen als durch einen gemeinsamen Ursprung erklären.Gérard Fussman: Entre fantasmes, science et politique. L’entrée des Ǎryas en Inde. In: Gérard Fussman, Jean Kellens, Henri-Paul Francfort, Xavier Tremblay: Ǎryas, Aryens et Iraniens en Asie Centrale. Paris 2005, S. 217–218.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Minneapolis 1983, S. 7–8.
5. Jahrhundert v. Chr. mini|Die Inschrift von Naqsch-e Rostam. Der Text ist oben links hinter der Figur des Königs. Der Begriff Arier wird um 500 v. Chr. fassbarer. Der achämenidische König Dareios I. proklamierte in einer Inschrift in Naqsch-e Rostam, in der Nähe des heutigen iranischen Schiras:
Die persische Keilschrift, deren Entwicklung er für die Behistun-Inschrift veranlasst haben soll, nannte er „arisch“.DB § 70
In den Inschriften wird der Begriff für die Herkunft der Achämeniden und die altpersische Schrift verwendet. Ebenfalls hat die Wortwahl einen Bezug zum Avesta. Die Hinweise aus den Quellen werden von Wissenschaftlern aus verschiedenen Blickwinkeln mit unterschiedlichen Betonungen interpretiert. Der italienische Historiker Gherardo Gnoli geht, basierend auf den Inschriften und der Tatsache, dass Dareios I. und Xerxes I. (486–465 v. Chr.), „ein Arier mit arischer Sprache“,Erika Bleibtreu: Achaimenidische Kunst. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, ISBN 3-85497-018-8, S. 186–219, hier: S. 196–200 (Katalognummer 112: Daiva-Inschrift des Xerxes), zitiert: S. 200. mit dem Adjektiv arya den Stamm bezeichneten, dem sie mit Stolz angehörten, von der Existenz eines seit dem 6. Jahrhundert bestehenden Nationalbewusstseins aus.Gherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 16–21, hier: S. 17. In Iran besaß – im Gegensatz zum auch in religiösem und sprachlichem Konnex gebrauchten altindischen Wort arya – der Begriff arya laut dem französischen Sprachwissenschaftler Émile BenvenisteÉmile Benveniste: Le vocabulaire des institutions indoeuropéennes. 2 Bände. Paris 1969, Band 1, S. 370. und Gnoli vor allem eine ethnische Bedeutung.Gherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. 2001, S. 17. Demgegenüber stellt der Avesta-Kenner Jean Kellens fest, dass es zwar kein bekanntes achämenidisches Dokument gibt, das einen bekannten avestischen Text direkt zitiert. Aber es existieren Übereinstimmungen in einzelnen Merkmalen, Wörtern und Namen. Deshalb haben die Begriffe in den Königsinschriften, die auf das Avesta hindeuten, auch eine religiöse Komponente.Jean Kellens: The Achaemenids and the Avesta. In: Bruno Jacobs, Robert Rollinger (Hrsg.): A Companion to the Achaemenid Persian Empire. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Hoboken 2021, ISBN 978-1-119-17428-8, S. 1211–1212. Er hält in einer Untersuchung, die die Übereinstimmung zwischen dem avestischen airiia- und dem vedischen arya- nachweist, fest:Jean Kellens: Les Airiia- ne sont plus des Ãryas: ce sont déjà des Iraniens. In: Gérard Fussman, Jean Kellens (Hrsg.): Aryas, Aryens et Iraniens en Asie Centrale. Paris 2005, S. 242.
Etre airiia/āriya, à l’époque avestique et achéménide, c’est certes parler une langue spécifique, […], mais c’est aussi descendre des hommes que Yima rassemblés et faire partie de ceux qu’attend l’immortalité spirituelle aménagée par Zaraθuštra, en attendant mieux à la fin des temps.Airiia/āriya zu sein bedeutet in der avestischen und achämenidischen Zeit eine bestimmte Sprache zu sprechen, […], aber es bedeutet auch, von den Menschen, die Yima versammelt hat, abzustammen. Sie gehören zu denjenigen, auf die die geistige Unsterblichkeit wartet, die von Zaraθuštra eingerichtet wurde, in der Erwartung, am Ende der Zeiten besser dazustehen.
Für Wouter F. M. Henkelman ist die Verwendung des Begriffs Arier Teil der Herrschaftsideologie der Achämeniden. Es bedeute nicht, einer ethnischen oder kulturellen Identität anzugehören, sondern war Ausdruck des besonderen Status, den sich die persischen Könige in Anbetracht der Realitäten ihrer Zeit zu Nutze gemacht hatten. Es gehörte zu einer mythischen Vergangenheit, die für ihre verschiedenen iranischen Kontexte konstruiert und angepasst wurde.Wouter F. M. Henkelman: Cyrus the Persian and Darius the Elamite: a Case of Mistaken Identity. In: Robert Rollinger, Brigitte Truschnegg, Reinhold Bichler (Hrsg.): Herodot und das Persische Weltreich. Akten des 3. Internationalen Kolloquiums zum Thema „Vorderasien im Spannungsfeld klassischer und altorientalischer Überlieferungen“. Innsbruck 24.–28. November 2008. Wiesbaden 2011, S. 611–612.
Der antike Schriftsteller Herodot schreibt zum Begriff, dass die Meder früher „Arier“ (Arioi) genannt wurden. Seine Darstellung gilt heute als überholt.Herodot, Historien 7.62 (online).
Wortgebrauch Verwendungen durch Sprecher indoiranischer Sprachen