mini|298px|Beatboxing-Hörbeispiel Beim Beatboxing oder Beatboxen werden Drumcomputerbeats – zuweilen auch Scratches oder Schlagzeug- und andere Perkussionsrhythmen, seltener auch weitere Instrumente und andere Klänge – mit dem Mund, der Nase und dem Rachen imitiert. Anders als herkömmlicher Gesang erfüllt Beatboxing in der Regel musikalische Funktionen, die mit denen von Rhythmus- oder Effektinstrumenten vergleichbar sind. Die Kunstform, und manchmal der ausführende Musiker, werden auch als Human Beatbox (veraltete Schreibweise: Human Beat Box) bezeichnet. Beatboxing wird oft mit Vocal Percussion gleichgesetzt, bezeichnet aber genau genommen nur eine spezielle, im Hip-Hop entwickelte Form davon.
Begriffsherleitung mini|Eine klassische beat box: Die TR-808 war bei frühen Hip-Hop-Produktionen beliebt. Die Nachahmung ihrer Beats gehört mittlerweile zum Repertoire vieler Beatboxer.
Der Begriff leitet sich ab von den vor allem in den 1980er Jahren populären Drumcomputern – auf Englisch salopp genannt (von „Schlag“ oder „Takt“ und „Kiste“ oder „Gehäuse“) –, mit denen damals die instrumentale Musik vieler Hip-Hop-Stücke erstellt wurde.Frank W. Hoffmann: Encyclopedia of recorded sound. Band 1. Routledge, New York 2005, ISBN 0-415-93835-X, S. 334. (online) Jemand, der Beats und Klänge mit dem Mund erzeugt, wird im Hip-Hop-Kontext dementsprechend als – also „menschlicher Drumcomputer“ – bezeichnet. (Auch die in der Hip-Hop-Kultur damals verbreiteten Ghettoblaster werden umgangssprachlich oder genannt.)Aaron Peckham: Urban dictionary: fularious street slang defined. Andrews McMeel Publishing, Kansas City 2005, ISBN 0-7407-5143-3, S. 32 f. (online)
Geschichte und Kultur Vorläufer Geräuschimitationen und Stimmeffekte hatten schon vor der Human Beatbox eine lange Tradition. Als reguläres musikalisches Element fanden sie in der US-amerikanischen Unterhaltungsmusik bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Verwendung, etwa in den lautmalerischen Silbenfolgen und Nachahmungen instrumentaler Phrasen des Scat-Gesangs, in den tiefen Brummtönen und rhythmisch begleitenden Zisch- und Atemgeräuschen von Blues, Barbershop und Doo WopThe Real History of Beatboxing – Part 1. humanbeatbox.com; abgerufen am 21. Oktober 2010. oder im „hicksenden“, Schweine- und Truthahnlaute imitierenden eephing der Hillbilly-Musik.Vgl. den Radiobeitrag Jimmie Riddle and the Lost Art of Eephing, vom 13. März 2006 von Jennifer Sharpe, ausgestrahlt von NPR. (online)
Mit der Verbreitung von Radio und Schallplatte, später dann auch durch den Tonfilm, erlangten einige Stimmkünstler in den USA vor allem als Komik- oder Novelty-Stars ein breiteres Publikum. So imitierte der Sänger und Synchronsprecher Cliff „Ukelele Ike“ Edwards in seinen Aufnahmen der 1910er und 20er Jahre mit seiner Stimme Trompetensolos oder ahmte komplette Begleitbands nach. In den 1940er Jahren war der Synchronsprecher Mel Blanc für seine cartoonhaften Soundeffekte und Tierstimmenimitationen als The Man of a Thousand Voices (engl.: ‚Der Mann der tausend Stimmen‘) bekanntBiography for Mel Blanc in der IMDb, abgerufen am 13. November 2010. und auch der Perkussionist und Bandleader Spike Jones verwendete seit den 1940er Jahren neben Kuhglocken, Autohupen, Pistolenschüssen oder Hühnergegacker immer wieder skurrile rhythmische Stimmeffekte in seiner Musik.William H. Young: Music of the World War II Era, Greenwood Publishing Group 2007, ISBN 0-313-33891-4, S. 19.
In den 1960er und 70er Jahren experimentierten einige Rock- und Popmusiker in ihrer Musik mit Vocal Percussion wie rhythmischem Zischen oder Zungenschnalzen, Stücke wie Time of the Season der Zombies von 1968, Come Together der Beatles von 1969 oder Mungo Jerrys In the Summertime von 1970 wurden internationale Hits. Michael Jackson verzierte seinen Gesang seit Anfang der 1970er Jahre gelegentlich mit Stimmeffekten, die die klangliche Ästhetik des Beatboxens konkret vorwegnahmen, so beispielsweise 1970 im Song True Love Can Be Beautiful von The Jackson FiveThe Jackson 5 – ABC bei Discogs, abgerufen am 25. Oktober 2010. oder 1976 in Blues Away.The Jacksons – Show You The Way To Go bei Discogs, abgerufen am 25. Oktober 2010.
Beatboxing als eigenständige Form wurde jedoch erst in der Hip-Hop-Musik kultiviert.
Siehe auch den Abschnitt: Beatboxing, Vocal Percussion, multivocalism
Hip-Hop-Anfänge mini|The Original Human Beatbox: Doug E. Fresh beatboxt bei einem Auftritt in Williamsburg, Brooklyn im August 2010.
Beatboxing entstand etwa zu Beginn der 1980er Jahre, nur kurz nachdem die noch junge Hip-Hop-Generation begonnen hatte, zu Breakbeats – und bald darauf auch zu elektronisch erzeugten Rhythmen – zu rappen. Als kreative und kostengünstige Alternative zu Drumcomputern, Playbacks oder Live-Instrumenten entwickelten sich neben Hip-Hop-DJs auch die Beatboxer.Mathias Hamann: 19-jähriger Mundakrobat: Einer beatboxt sich nach oben. schulspiegel, 20. November 2008; abgerufen am 25. Juli 2010. Frühe Vertreter waren Doug E. Fresh, Biz Markie, Ready Rock C, Darren „Buffy“ Robinson von The Fat Boys, Leonardo „Wise“ Roman von StetsasonicFernand Hörner: Die Stimme im HipHop: Untersuchungen eines intermedialen Phänomens. Transcript Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-89942-998-5, S. 177. und K Love als erste bekanntere Beatboxerin.Mickey Hess: Icons of hip hop: an encyclopedia of the movement, music, and culture. Band 1. Greenwood Press, Westport 2007, ISBN 978-0-313-33903-5, S. 52. (online) Als erste Beatboxingaufnahme gilt die 1983 veröffentlichte Maxisingle Reality von Disco 3 (die sich kurz darauf in The Fat Boys umbenannten).Disco 3 – Reality bei Discogs, abgerufen am 18. Juli 2010.Cheryl L. Keyes: Rap music and street consciousness. University Of Illinois Press, Illinois 2002, ISBN 0-252-07201-4, S. 77. (online)
Sowohl Doug E. Fresh als auch Darren Robinson beanspruchten für sich, jeweils Urheber des Beatboxing zu sein. So gab sich Robinson den Titel The Human Beatbox (vgl. auch das Stück Human Beat Box auf dem 1984 veröffentlichten Album Fat Boys),Fat Boys – Fat Boys bei Discogs, abgerufen am 20. Juni 2010. während Fresh sich The Original Human Beatbox nannte (vgl. auch seine Maxisingle The Original Human Beat Box von 1984).Dougy Fresh – The Original Human Beat Box bei Discogs, abgerufen am 20. Juni 2010. („Dougy Fresh“ ist eines der zahlreichen Pseudonyme des Künstlers.) Ready Rock C nannte sich entsprechend einem damals verbreiteten Drumcomputer der Firma Linn Electronics The Human Linn Drum.
Einzelne Beatboxer entwickelten zum Teil beachtliche Virtuosität und brachten individuelle Stile hervor. So ahmte Doug E. Fresh Electro-Sounds nach und kombinierte schnelle Folgen von Klicklauten mit tiefen Bassklängen, Wise imitierte Scratches, Darren Robinson Cuíca-Rhythmen und Ready Rock C erzeugte Videospielsounds und blubbernde, an Unterwasseraufnahmen erinnernde Klänge. 1985 erschien die Single The Show / La-Di-Da-Di, auf deren B-Seite die Aufnahme einer reinen Beatbox/Rap-Performance Doug E. Freshs und des Rappers Slick Rick (damals als MC Ricky D) zu hören war. Die Single verkaufte sich in den USA über eine halbe Million Mal, avancierte in England zum Hit und die Musiker traten dort bei Top of the Pops auf.Doug E. Fresh And The Get Fresh Crew – The Show / La-Di-Da-Di bei Discogs, abgerufen am 17. November 2010.John Leland: Doug Be Fresh. In: Spin, Mai 1986, S. 55 f. (books.google.de) Ein Jahr darauf veröffentlichte Biz Markie seine EP Make The Music With Your Mouth, Biz (engl.: ‚mach die Musik mit deinem Mund, Biz‘), auf deren Tracks er Beatboxing, Rap und Gesang miteinander vermischte und so zu einem neuartigen, eigenwilligen Stil verband.Biz Markie – Make The Music With Your Mouth, Biz bei Discogs, abgerufen am 7. November 2010. Die Human Beatbox hatte sich von ihrer begleitenden Funktion emanzipiert und war zu einer eigenständigen künstlerischen Ausdrucksform geworden.
Einige Beatboxingpioniere, wie Doug E. Fresh oder Biz Markie, sind nach wie vor musikalisch aktiv (Stand 2010).
Verbreitung Musik mini|hochkant|Rockkonzert mit Human Beatbox: Rahzel eröffnet einen Auftritt von Faith No More im Juli 2010.
Mit dem Aufkommen neuer Impulse in der Hip-Hop-Szene zu Beginn der 1990er Jahre wurde Beatboxing als Teil der sogenannten Old School zunächst unpopulärer. Die Kunstform fand jedoch ihren Weg in andere Musikstile und wurde in verschiedenen Ausprägungen und Mischformen inner- und außerhalb des Hip-Hop weiterhin praktiziert und weiterentwickelt. So beatboxte Rahzel bei der Hip-Hop-Band The Roots und war auf einzelnen Aufnahmen von Rakim, Da Bush Babees oder den Fantastischen Vier zu hören.Rahzels Diskografie bei Discogs, abgerufen am 20. Juni 2010. Michael Jackson zeigte 1993 seine Beatboxfähigkeiten in einem A-cappella-Vortrag seines Songs Who Is It während eines Fernsehinterviews mit Oprah WinfreyJel D. Lewis: Michael Jackson: The King of Pop, The Big Picture! The Music! The Man! The Legend! The Interviews: An Anthology. Amber Books, Phoenix 2005, ISBN 0-9749779-0-X, S. 191. und veröffentlichte kurz darauf eine – mit einem Beatboxintro eingeleitete und mit The Oprah Winfrey Special Intro betitelte – Version des Songs als Maxi-Single. mjfrance.com; abgerufen am 14. November 2010.Who Is It. lescharts.com; abgerufen am 14. November 2010. Der Musikproduzent Timbaland integrierte seit Mitte der 1990er Jahre Beatboxelemente in die Beats seiner Hip-Hop- und R&B-Produktionen,Dave Tompkins, Jeff Canico: Major League. In: VIBE, Mai 2003, S. 104. (books.google.debooks.google.de)Sheryl Neidls: a/b conversation. In: VIBE, September 2003, S. 292 (books.google.de)Karren A. Good: Play Missy for me. In: Spin, Oktober 1997, S. 108. (books.google.de) so beispielsweise bei Ginuwines When Doves Cry von 1996 oder bei Aaliyahs Are You That Somebody? von 1998.Timbalands Diskografie bei Discogs; abgerufen am 17. Juli 2010.
Im deutschsprachigen Raum begannen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre Musiker wie Beatbox Eliot, Zlep oder Christian „Bina“ Birawsky auf lokalen Jams zu beatboxen und legten so einen Grundstein für die deutschsprachige Szene.eliot auf der Website beatboxing.org, abgerufen am 16. November 2010. 1996 formierte sich in Österreich die Beatboxband Bauchklang, der sich Bina mittlerweile angeschlossen hat. (PDF; 32 kB) auf der Website des Labels monkey.;abgerufen am 17. November 2010.
Etwa seit der Jahrtausendwende erlebt die Human Beatbox in mancherlei Hinsicht ein Revival. Als Wendepunkt wird zumeist Rahzels 1999 veröffentlichtes Debütalbum Make The Music 2000 angesehen, auf dem Beatboxing durchgängig eine zentrale Rolle spielt.The Real History of Beatboxing – Part 3. S. 1. humanbeatbox.com; abgerufen am 6. November 2010. Der Titel lässt sich als Reminiszenz an Biz Markies Make The Music With Your Mouth, Biz verstehen,Rahzel – Make The Music 2000. In: CMJ New Music Monthly, August 1999, S. 67 (books.google.de)WHY 2K? In: VIBE, August 1999, S. 73. (books.google.de) dessen gleichnamiges Stück sich auf dem Album auch als Coverversion wiederfindet. Das Album enthält Gastbeiträge von Slick Rick und bekannten Musikern wie Q-Tip, Erykah Badu und Branford Marsalis[ Make the Music 2000] bei allmusic, abgerufen am 6. November 2010. und schließt mit einem Hidden Track ab, in welchem Rahzel in einer etwa zweiminütigen Performance eine Vielzahl von Beatboxsounds erzeugt und diese – angelehnt an die Vier-Elemente-Lehre der altgriechischen Philosophie – den „Elementen“ Erde, Wind, Feuer und Wasser zuordnet. Der Track wurde als The Four Elements bekannt und gilt in der Szene mittlerweile als Referenz für Beatboxtechniken.