Die aramäischen Sprachen bilden eine genetische Untereinheit der semitischen Sprachen, die selbst ein Zweig des Afroasiatischen sind. Aramäisch und Kanaanäisch (dazu gehören z. B. Hebräisch und Phönizisch) sind die Hauptzweige des Nordwestsemitischen. Die Trennung des Aramäischen vom Kanaanäischen fand im Laufe der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. statt. Alle aramäischen Sprachen gehen auf das Altaramäische zurück, das seit Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends belegt ist.
Aus den klassischen aramäischen Sprachen entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte die etwa siebzehn neuaramäischen Sprachen der Gegenwart. Diese haben etwa 550.000 bis 850.000 Sprecher meist jüdischen, christlichen oder mandäischen, selten muslimischen Glaubens.
Die ursprünglichen Verbreitungsgebiete liegen im heutigen Irak, in Iran, Israel, im Libanon, Syrien und in der Türkei; in der autonomen kurdischen Region Rojava in Syrien ist es eine der Amtssprachen. Durch Migrationsprozesse (Flucht, Umsiedlung, Auswanderung) gelangten Sprecher aramäischer Sprachen zunächst nach Russland, in jüngerer Zeit vor allem nach Nord-, West- und Mitteleuropa, Nord- und Südamerika sowie Australien.
Die wissenschaftliche Untersuchung dieser Sprachgruppe wird von der Aramaistik betrieben, die an Hochschulen oft als Teil der Semitistik angesiedelt ist. Klassisches westliches Aramäisch war die Muttersprache Jesu von Nazaret.
Klassifikation der aramäischen Sprachen Zur Position des Aramäischen innerhalb des Semitischen siehe den Artikel semitische Sprachen.
Sprachstufen und Sprachen Aramäisch wird heute meist in folgende Sprachstufen und Sprachen aufgeteilt:Einteilungsschema heutiger aramäischer Sprachen bei Glottolog vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.Einteilungsschema heutiger neuaramäischer Sprachen bei Ethnologue.;Zu den historischen Sprachstufen des Aramäischen siehe z. B.
Altaramäisch frühes Altaramäisch (bis um 700 v. Chr.; Sfire-StelenSfire-Inschriften, abgerufen am 11. Juni 2026. u. a.) spätes Altaramäisch (um das 7. und 6. Jahrhundert v. Chr.; Hermopolis-Papyri)
Reichsaramäisch achämenidisches Reichsaramäisch (5. bis 3. Jahrhundert v. Chr.; Elephantine-Papyri u. a.)
mini|Palmyrenische Inschrift
Mittelaramäisch (ab um 200 v. Chr.) biblisches Aramäisch Nabatäisch Palmyrenisch Hatranisch Jüdisch-Mittelaramäisch (galiläische und babylonische Targumim, Teile des biblischen Buches Daniel)
Klassisches Aramäisch West Jüdisch-Palästinisch (Varietäten: Targumisch, Talmud-Galiläisch) Samaritanisch Christlich-Palästinisch (Melkitisch) Zentral klassisches Syrisch (Varietäten: Ostsyrisch = Nestorianisch, Westsyrisch = Jakobitisch) Ost klassisches Mandäisch Jüdisch-Babylonisch (Talmudisch)
Neuaramäisch (in Klammern geschätzte Zahlen heutiger Sprecher nach Ethnologue)Einteilungsschema heutiger neuaramäischer Sprachen. Einige der Schätzungen berufen sich auf den Aramaisten Hezy Mutzafi. West Neuwestaramäisch in Syrien (insgesamt ca. 15.000 Sprecher)Schätzung bei Ethnologue. Dialekt des überwiegend christlichen (griechisch-katholischen) Dorfes Maalula Muslimische Gruppe (mit starken Einflüssen des Arabischen) Dialekt von Bach’a Dialekt von Ğubb’adīn Ost mini|hochkant=2.2|Neuaramäische Sprachen (als Minderheitensprachen) im 19.–20. Jahrhundert (Linguarium-Karte der Lomonossow-Universität Moskau)
Christliche Gruppen (Darstellung mit Farbflächen): Grün schraffiert: Turoyo Hellbraun: Hertevin (Nord-Bohtan) Hellviolett: Senaya Hellblau: Koi-Sanjaq Gelb: Chaldäisch Dunkleres Blau: Zentral-Hakkari (mit West-Hakkari und Sapna-Dialekt) Grün: Nord-Hakkari Dunkleres Braun: Urmia Grün unterlegte Flächen: kompaktere nordostaramäische Besiedlungen Ende 19. Jh. Violett schraffiert (links über dem Kasten): Flüchtlingssiedlungen Anfang 20. Jh. der Chabur-Assyrer (meist Nord- und Zentral-Hakkari) Roter Stern (in der linken oberen Ecke): Mlahso †
Jüdische Gruppen (Verweis mit Ziffern): 1 Lishana Deni, 2 Judäo-Barzani/Lishanid Janan, 3 Lishanid Noshan, 4 Lishan Didan, 5 Hulaula mit Sprecherdörfern
Gestrichelt umrandete Dörfer: mit jüdischen und christlichen Sprechern. West-Neuaramäisch, Bohtan und Neu-Mandäisch sind außerhalb des Kartenausschnittes verbreitet. Nordwest – oft auch Zentralaramäisch genannt – (meist syrisch-orthodoxe (jakobitische), seltener syrisch-katholische Christen, einige kurdische Zweitsprachler) Turoyo (62.000)Schätzung bei Ethnologue, die Differenz zur „ethnic population“ von 50.000 sind wohl kurdische Sprecher. Mlahso †Angabe bei Ethnologue, letzter Muttersprachler starb 1998, eine fast taube Frau hatte außerdem Kenntnisse, aber kaum Sprachmöglichkeit. Nordost (englisch: North-Eastern Neo-Aramaic, Abkürzung NENA) Christliche Gruppe (meist chaldäische, assyrische und altassyrische Christen) Assyrisch-Neuaramäisch (Nestorianisch-Neuaramäisch; Dialekte: Urmia, Nord-Hakkari und Zentral-Hakkari – Letzteres manchmal noch in Zentral- und West-Hakkari geteilt und in den Sapna-Dialekt im Gouvernement Dohuk/Nordirak) (232.300)Schätzung bei Ethnologue. Chaldäisch-Neuaramäisch (Kaldaya) (206.000)Schätzung bei Ethnologue. Hertevin (1.000)Schätzung bei Ethnologue. Bohtan (1.000)Schätzung bei Ethnologue. Koi-Sanjaq Surat (800)Schätzung bei Ethnologue. Senaya (Sanandaj) (500)Schätzung bei Ethnologue. Jüdische Gruppe (siehe auch kurdische Juden) Urmiyah (Lishan Didan) (4.450)Schätzung bei Ethnologue. Sanadaj-Kerend (Hulaula) (10.350)Schätzung bei Ethnologue. Zachu-Armadiyah (Lishana Deni) (7.500)Schätzung bei Ethnologue. Arbil-Koi-Sanjaq (Lishana Noshan) (2.200)Schätzung bei Ethnologue. Bijil (Lishanid Janan, Barzani) (fast †, 0–20 Sprecher)Schätzung bei Ethnologue. Südost (siehe auch Mandäer) Neu-Mandäisch (5.500)Schätzung bei Ethnologue.
Problematik der Einteilung Umstritten ist vor allem die Einteilung des Neuaramäischen. Es ist zu beachten, dass die Grenzen der Sprachen Chaldäisch und Assyrisch (Letzteres ist nicht zu verwechseln mit der antiken Sprache Assyrisch, die nicht aramäisch, sondern ein Zweig des Akkadischen war) nicht exakt den Grenzen der Chaldäischen Kirche und Assyrischen Kirche entsprechen. Es gibt auch Dörfer der einen Kirche mit der jeweils anderen Sprache. In den südlicheren Ebenen sind viele chaldäische, assyrische, jakobitische, maronitische und andere Christen sowie Juden, Muslime und Mandäer teilweise schon seit Jahrhunderten zur arabischen Alltagssprache übergegangen (arabische Christen, arabische Juden usw.), nördlicher auch zu anderen Sprachen wie dem Kurdischen. Das gesprochene Neuaramäisch zog sich eher in die entlegeneren Gebirgsregionen zurück.
In der Literatur finden sich teilweise auch andere Einteilungen der neuaramäischen Sprachgruppen nach Regionen als in der obigen Liste, zum Beispiel in der Karte oben: Südost-Aramäisch (Senaya), Süd-Aramäisch (Koi-Sanjaq), Südwest-Aramäisch (Chaldäisch), Zentral-Aramäisch (Zentral-Hakkari) und Nord-Aramäisch (Nord-Hakkari).
Entwicklung der aramäischen Sprachen
Altaramäisch
Als Periode des Altaramäischen gilt die Zeit vom elften bis zum frühen siebten Jahrhundert v. Chr. Die ältesten bisher bekannten Dialekte des Aramäischen stammen aus dem 10. oder 9. Jahrhundert v. Chr. Es sind dies das Samʼalische von Zincirli, der Dialekt der Inschrift von Tell Fekheriye, die Dialekte des zentralsyrischen Raumes und der Dialekt von Tel Deir ‘Alla. Dabei wird das Sam’alische mitunter nicht als altaramäischer Dialekt bewertet. Das Altaramäische lässt sich in vier Dialektgruppen einteilen.
Bereits in assyrischer Zeit kam dem Aramäischen als internationaler Handels- und Diplomatensprache große Bedeutung zu. In dieser Zeit entstand aus den altaramäischen Dialekten das Reichsaramäische. Neuassyrische Reliefs zeigen nebeneinander Schreiber, die mit einem Griffel auf Tontafeln schreiben, sich also vermutlich der akkadischen Sprache bedienten (in Keilschrift), und Schreiber mit Schriftrollen, die aramäische Texte verfassen. Aramäische Inschriften des 7. Jahrhunderts v. Chr. sind zum Beispiel aus Zincirli und Nerab in Nordsyrien/Südostanatolien bekannt. Eine aramäische Inschrift aus Tappeh Qalayci bei Bukan in Westiran zeigt, wie weit nördlich die Sprache bereits im 8. oder 7. Jahrhundert verbreitet war. Weiter im Osten tragen noch einige sogenannte Luristan-Bronzen aramäische Inschriften. Sie stammen vielleicht aus dem 8. Jahrhundert, die Datierung ist jedoch ohne stratifizierbare Funde schwierig.
Reichs- und Mittelaramäisch mini|Inschrift eines der Edikte des Ashoka aus der Nähe von Kandahar in griechischer Sprache und Schrift (oben) und reichsaramäischer Sprache und Schrift (unten). Nachdem das indische Maurya-Reich Ostteile des früheren Perserreiches erobert hatte, verwendete es das seit dem Perserreich etablierte Reichsaramäisch und das seit dem Hellenismus verbreitete Griechisch als regionale Schriftsprachen weiter. Im mehrsprachigen Perserreich wurde Aramäisch unter der Herrschaft der Achämeniden zu einer der überregionalen Reichssprachen (Kanzleisprachen des Königshofes und der Verwaltung des achämenidischen Großkönigs), neben Altpersisch, Elamisch und Babylonisch, und dabei die einzige der vier Reichssprachen, die nicht mit Keilschrift in Ton geritzt, sondern mit Tinte auf Papyrus oder Pergament geschrieben wurde. Diese besonders standardisierte und vereinheitlichte Variante des Aramäischen wird deshalb Reichsaramäisch genannt.
Während die meisten Papyri auf Reichsaramäisch heute nicht mehr erhalten sind (bis auf die Elephantine-Papyri und einige weitere Beispiele aus dem trockenen Wüstenklima Oberägyptens), sind Inschriften auf Reichsaramäisch aus dem gesamten Gebiet des Achämenidenreiches von Kleinasien und Ägypten bis zum Indus bis in nachachämenidische Zeit verbreitet.F. Rosenthal, J.C. Greenfield, Shaul Shaked: Aramaic in: Encyclopædia Iranica.
Als früheste verbreitete Alphabetschrift mit Tinte auf Papyrus im Norden, Osten und Süden des Reiches hatte die vereinheitlichte reichsaramäische Schrift großen Einfluss auf die Bildung von Alphabetschriften in Kaukasien (etwa georgische Schrift oder armenische Schrift), in Mittelasien (Pahlavi-Schrift, sogdische Schrift u. a.), in Indien (Brahmi-Schrift, Kharoshthi-Schrift u. a.) und auf der Arabischen Halbinsel (nabatäische Schrift, aus der die arabische Schrift entstand), deren frühe Varianten nach dem Vorbild der reichsaramäischen Schrift entwickelt wurden und die ihr anfangs noch sehr ähnelten (vgl. Genealogie der von der protosinaitischen Schrift abgeleiteten Alphabete). Neben seiner Rolle als eine der Kanzlei- und Reichssprachen entwickelte sich Reichsaramäisch stärker als die drei anderen Reichssprachen auch zur Verkehrssprache („lingua franca“) im Alltag des Achämenidenreiches.Richard Nelson Frye; G. R. Driver: Review of G. R. Driver's 'Aramaic Documents of the Fifth Century B. C. in: Harvard Journal of Asiatic Studies. 18 (1955) (3/4), S. 457.
lang=de|mini|Verbreitung der semitischen Sprachen um 500 v. Chr. Das hohe Ansehen des Reichsaramäischen als Reichssprache und seine Bekanntheit als Verkehrssprache beschleunigte wahrscheinlich den Prozess, in dem Aramäisch ältere Sprachen des Fruchtbaren Halbmondes, besonders Hebräisch, Phönizisch und Babylonisch verdrängte und schließlich ganz ersetzte. Die Phase des Reichsaramäischen vom 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr. war auch die besonders schriftsprachlich am stärksten vereinheitlichte Entwicklungsstufe des Aramäischen. In den folgenden 2200 Jahren bilden sich in mittel- und klassisch-aramäischer Zeit wieder zunehmende dialektale Unterschiede, die sich in neuaramäischer Zeit so weit auseinanderentwickelten, dass sie teilweise gegenseitig kaum verständlich oder unverständlich werden und deshalb in der Linguistik als separate Sprachen klassifiziert werden.