Eine Entwicklungstheorie will – ausgehend von der neoevolutionistischen Grundannahme einer zwangsläufigen „Höherentwicklung“ – erklären, warum bestimmte Regionen oder ganze Staaten (Entwicklungs- oder Schwellenländer) im erwarteten Fortschritt von Wirtschaft und Gesellschaft hinter Industriestaaten zurückbleiben. Daneben will man dadurch bestimmen, welches die entscheidenden Angriffspunkte für eine mögliche Strategie von Entwicklungspolitik sind, um die angestrebte Entwicklung anzustoßen oder zu beschleunigen.
Allgemeines Je nachdem, ob die wesentlichen Ursachen außerhalb oder innerhalb des Landes gesehen werden, lassen sich exogene und endogene Theorien unterscheiden. „Endogen“ wird sozialer Wandel genannt, sofern eine soziale Struktur aus sich selbst heraus die Elemente zu ihrer Überwindung zu erzeugen vermag.Ralf Dahrendorf: Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft. Ferdinand Enke Verlag Stuttgart 1957, S. VIII. Die klassischen und modernen, von liberalen und konservativen Theoretikern vertretenen endogenen Theorien sehen die Ursachen in den Entwicklungsländern selbst, z. B. die Modernisierungstheorie in archaischen Strukturen oder in der Korruption. Die klassischen und modernen exogenen Theorien gehen davon aus, dass die Ursachen des niedrigeren Entwicklungsstandes außerhalb der Entwicklungsländer, genauer gesagt: in ihrer Ausbeutung durch die Industrieländer, zu suchen sind. Sie heben die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Industrieländern hervor; die scheinbar in den Entwicklungsländern liegenden Ursachen (wie z. B. Korruption) sehen sie dagegen als Folgen dieser Abhängigkeit.
Für postkoloniale Autoren ist Entwicklung ein ideologisches und autoritäres Konzept. Sie fordern alternative Konzepte, die etwa den Wachstumszwang vermeiden, die auf traditionellem Wissen aus den betroffenen Ländern beruhen oder die die traditionelle Subsistenzwirtschaft gegenüber marktwirtschaftlich-kapitalistischen Strukturen erhalten und aufwerten.
Die partnerschaftliche Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit zwischen Forschenden aus dem Globalen Süden und dem Globalen Norden ist ebenfalls bestrebt, solche alternative Konzepte zur klassischen Entwicklungstheorie zu entwickeln.
Wandel entwicklungstheoretischer Begriffe Im Laufe der Zeit kam es zu einem Wandel der entwicklungstheoretischen Begriffe:Reinhard Stockmann/Ulrich Menzel/Franz Nuscheler, Entwicklungspolitik, 2020, S. 28
Zeitalter heutige entwickelte Staaten heutige Entwicklungsländer 15. Jahrhundert bis 18. Jahrhundert Okzident Alte Welt Orient Neue Welt + Indien 19. Jahrhundert bis 1945 Kolonialmächte Mutterländer Imperien Kolonien Länder der „heißen Zone“ 1940er bis 1960er Industriestaaten moderne Gesellschaften Entwicklungsländer, rückständige Länder traditionelle Gesellschaften 1970er Erste Welt Norden Zentrum Metropolen Dritte Welt Süden Peripherie Satellitenstaaten unterentwickelte oder abhängige Länder 1980er alte Industrieländer junge Industrieländer Schwellenländer Erdölländer wenig entwickelte Länder 1990er postindustrielle Gesellschaften Vierte Welt Fragile Staaten () gescheiterte Staaten ()
Häufig bewirkte eine negative Konnotation einen Begriffswechsel.
Mögliche endogene Ursachen Laut den Befürwortern der endogenen Theorien ist die Ursache der Unterentwicklung in den betroffenen Ländern selbst zu suchen. Die Länder befinden sich in einem Stadium des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Übergangs, das die Industrieländer schon durchlaufen haben. Die Wirtschaftsstruktur beschränkt sich fast ausschließlich auf den primären Sektor (Agrarwirtschaft, Viehzucht, Fischerei und Bergbau). Großfamilien, Sippen oder Stämme sind noch immer Fundamente der Gesellschaft. Auf der gedanklichen Grundlage, dass der Prozess der Entwicklung dieser Länder eine Wiederholung der Entwicklung der Industrieländer ist, kann das geschichtliche Wissen gezielt eingesetzt werden, um entwicklungshemmende Faktoren zu erkennen und den Prozess zu verkürzen.
Niedrige Spar- und Investitionstätigkeit sowie institutioneller Rahmen Entscheidendes Wachstumshindernis ist für diese Theorien das Fehlen von Kapital. Früher wurde nur das Fehlen von Sachkapital berücksichtigt, mittlerweile bedenkt man auch den Mangel an Humankapital (z. B.: Leistungsfähigkeit, Ausbildung, Know-how). Für Entwicklungsländer typisch ist eine niedrige Spar- und Investitionstätigkeit. Die niedrige Sparrate hängt auch mit den extrem geringen Einkommen zusammen. Die Investitionstätigkeit wird nicht nur durch einen Mangel an gespartem Kapital, sondern auch durch Kapitalflucht weiter geschwächt. Politische und soziale Instabilität in Entwicklungsländern führt dazu, dass Kapital lieber in dem als sicherer eingeschätzten Ausland investiert wird.Bundeszentrale für politische Bildung, Entwicklungsdefizite und mögliche Ursachen Der Entwicklungsökonom Albert O. Hirschman beobachtete, dass in Entwicklungsländern eine „Stagnationsmentalität“ herrsche und nur dann investiert werde, wenn die Gewinnaussichten sehr groß seien.Willi Albers, Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 8, UTB für Wissenschaft, ISBN 978-3-525-10257-2, S. 397. In Ländervergleichen zeigte sich ein sehr großer Einfluss des politischen, institutionellen und sozialen Rahmens auf das längerfristige Wirtschaftswachstum.Rick Szostak, The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives, Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 21–22. Bei der Betrachtung der Kolonialgeschichte deutet eine große empirische Evidenz auf die überragende Bedeutung robuster Eigentumsrechte hin. Die Beschränkung des Zugriffs von Politikern und gesellschaftlichen Eliten auf das Eigentum und ein glaubwürdiger Schutz vor Enteignung korrelieren mit einer deutlich höheren Spar- und Investitionsquote sowie einem deutlich höheren Wirtschaftswachstum.Daron Acemoglu, Introduction to Modern Economic Growth, Princeton University Press, 2008, ISBN 978-1-4008-3577-5, S. 121, 136–137. Grundsätzlich ist es zwar irrational, dass Länder an politischen und gesellschaftlichen Institutionen festhalten, die Wirtschaftswachstum verlangsamen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass effizienzsteigernde Reformen immer auch einen Verteilungseffekt haben und damit kurz- und mittelfristigen Interessen eines einflussreichen Teilsegments der Gesellschaft widersprechen können.Daron Acemoglu: Introduction to Modern Economic Growth, Princeton University Press, 2008, ISBN 978-1-4008-3577-5, S. 121.
Bevölkerungsexplosion Das hohe Bevölkerungswachstum stellt für viele Entwicklungsländer eher eine Belastung dar, weil es unter anderem auch die Wohlstandsgewinne aufzehrt. So hatten die Entwicklungsländer im Schnitt in den letzten Jahrzehnten zwar ein hohes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, durch den hohen Bevölkerungszuwachs stieg das Pro-Kopf-Einkommen aber nur halb so stark. Der Bevölkerungsanstieg verhindert Entwicklung nicht per se, ist aber eher ein belastender Faktor. Allerdings entwickelten sich die westeuropäischen Industriestaaten gerade während ihrer Bevölkerungsexplosion im 18. und 19. Jahrhundert am stürmischsten. Nach den bisherigen Erfahrungen führen Fortschritte bei der wirtschaftlichen Entwicklung dazu, dass sich die Geburtenrate verringert.Bundeszentrale für politische Bildung, Entwicklungsdefizite und mögliche Ursachen
Es entspricht der Analyse des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen sowie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass Rückschritte beim wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt sowie Verschlechterungen der sozialen und politischen Stabilität von Entwicklungsländern typische Folgen einer hohen Bevölkerungsdynamik in Entwicklungsländern sind.Christian Herbert Jahn, Bevölkerungswachstum und Armutsminderung in Entwicklungsländern, Dissertation Freie Universität, Berlin 2001, S. 27–28.
Modernisierungstheorien
Die Modernisierungstheorien sind seit den 1950er Jahren als neue Variante der endogenen Theorien entstanden. Anlass war das zunehmende Interesse der Industrieländer an der sog. „Entwicklungshilfe“. Für Vertreter der Modernisierungstheorie entwickeln sich die Entwicklungsländer in die gleiche Richtung wie die Industrieländer, nur wesentlich langsamer. Der Vorteil der Industrieländer liege darin, dass sie kulturell innovativer seien und sich daher schneller entwickelten.
Das Haupthindernis für eine positive wirtschaftliche Entwicklung liege darin, dass die Bewohner der Entwicklungsländer noch nicht mobil und rational genug seien, um die soziokulturellen, organisatorischen und politischen Innovationen der Industrieländer zu übernehmen, so die Vertreter eines sozialpsychologischen Ansatzes wie David Lerner.
Die Handlungsempfehlungen der Modernisierungstheorien sehen vor, dass durch eine Modernisierung der gesellschaftlichen Institutionen wie des Rechts, des politischen Systems, des Bildungswesens, u. a. die Grundlage für Wirtschaftswachstum und damit einhergehender Wohlfahrt geschaffen werden muss. Unter Modernisierung wird dabei der Prozess der Transformation von traditionellen Institutionen und Verhaltensgewohnheiten zu den modernen Ausprägungen, wie sie in der westlichen Gesellschaft vorzufinden sind, verstanden. Da die Ursachen der Unterentwicklung in den Entwicklungsländern selber zu suchen sei (in deren Rückständigkeit), könne die Lösung nur in Hilfe von außen liegen, also in Entwicklungshilfe und Investitionen seitens der Industrieländer.
Stufentheorien Die Theorien über die Existenz von Stufen wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Entwicklung gibt es schon lange. Schon Karl Marx war der Meinung, dass sich soziale Entwicklung in Stufen vollzieht.
Walt Whitman Rostow, ein amerikanischer Ökonom und Wirtschaftshistoriker, unterteilt in dem nach ihm benannten Rostow-Modell den Entwicklungsprozess in fünf Wachstumsstadien:Walt Whitman Rostow: The stages of economic growth: a non-communist manifesto. 3. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1990, S. 10–16. die traditionale Gesellschaft die Gesellschaft im Übergang das Stadium des wirtschaftlichen Aufstiegs (take off) die Entwicklung zur Reife das Zeitalter des Massenkonsums Auf die landwirtschaftlich geprägte, vormoderne Gesellschaft folgt die Übergangsperiode, in der die wichtigen Voraussetzungen für den Aufschwung geschaffen werden. Während dieser Zeit schreitet die ökonomische und technische Forschung fort, wodurch ein Strukturwandel eintritt. Die Infrastruktur und der Handel werden erweitert, trotzdem herrschen weiterhin die traditionellen Strukturen vor. Erst in der Phase des wirtschaftlichen Aufstiegs findet der Durchbruch zur industriellen Gesellschaft statt: Neue Industrien entstehen, die ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum sichern. Die Entwicklung zur Reife bereitet die Gesellschaft – etwa durch Fließbandproduktion – auf das nach Rostow finale Zeitalter des Massenkonsums vor.
Strukturalistischer Ansatz
Die Strukturalisten sind der Meinung, dass man die Armut jedes Landes einzeln analysieren müsse, da sich die Strukturen der Unterentwicklung regional unterschieden. Sie sind der Meinung, dass Unterentwicklung die Folge eines historischen Prozesses sei, der umkehrbar ist. Durch den Kolonialismus sei ein moderner exportorientierter Wirtschaftssektor entstanden, der allerdings eine Abhängigkeit vom Ausland begründet, während ein Großteil der Binnenwirtschaft von Subsistenzwirtschaft geprägt sei (Dualismus). Der Zustand der Abhängigkeit findet sich nur in einer Übergangsphase. Nach der Meinung der Strukturalisten sind Problemlösungen möglich, wenn gewisse Rahmenbedingungen geändert werden.
Kritik an den Modernisierungstheorien Die Kritik an den Modernisierungstheorien setzt an verschiedenen Punkten an.