mini|Wahlspruch der antitrinitarischen Unitarier: Gott ist einer (Egy az Isten) an der Unitarischen Kirche Budapest Unitarismus (von lateinisch unitas „Einheit“) bezeichnet eine aus der radikalen Reformation stammende theologische Auffassung, welche die Trinitätslehre und die Göttlichkeit des Jesus von Nazaret ablehnt, und weitergehend eine religiöse Bewegung, die geschichtlich aus dieser theologischen Auffassung entstanden ist.Im angelsächsischen Sprachraum werden diese beiden Bedeutungen des Wortes manchmal durch Groß- und Kleinschreibung unterschieden, wobei dann unitarianism die theologische Auffassung und Unitarianism die daraus entstandene religiöse Bewegung bezeichnet, vergleiche den Artikel Unitarianism in der Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen am 29. Oktober 2018. War der Unitarismus zunächst allein eine christlich-reformatorische Konfession, öffnete sich ein Teil von ihr ab Ende des 19. Jahrhunderts auch für andere religiös-philosophische Strömungen. Die unitarische religiöse Bewegung besteht heute sowohl aus theistischen, insbesondere christlichen Gemeinschaften, die an der nichttrinitarischen Gottesvorstellung festhalten, als auch aus Gemeinschaften, die explizit für Atheisten und Agnostiker offenstehen. Eine Gemeinsamkeit der verschiedenen unitarischen Gemeinschaften ist, dass sie „Gewissensfreiheit und eigenständiges Denken in Glaubensfragen“ über religiöse Dogmen stellen.Präambel des Verbandsstatuts des ICUU: ICUU Constitution – 2010. Abgerufen am 29. Oktober 2018 (die erste der fünf gemeinsamen Grundlagen der Mitglieds-Gruppierungen nennt „Liberty of conscience and individual thought in matters of faith“).
Trotz der Unterschiede in der Glaubensvorstellung war die Mehrzahl der unitarischen und unitarisch-universalistischen Gemeinschaften bis 2021 in einem internationalen Dachverband vertreten, dem International Council of Unitarians and Universalists (ICUU: Internationaler Rat der Unitarier und Universalisten).
Name Der Name Unitarier leitet sich aus dem lateinischen unitas für Einheit ab. Der Begriff wendet sich somit gegen die christlich-trinitarische Vorstellung einer Dreieinigkeit Gottes (lat. trinitas) und betont stattdessen die unteilbare Einheit Gottes. Unter christlichen Unitariern findet sich daher der Wahlspruch Gott ist einer, der aus (Schma Jisrael) abgeleitet ist: Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.
Verbreitung International mini|Ferenc Dávid am Landtag von Torda, Königreich Ungarn (1568) Unitarische Glaubensgemeinschaften finden sich heute weltweit. In Europa sind Unitarier vor allem in Rumänien (Siebenbürgen), Ungarn, Großbritannien und Deutschland beheimatet. Darüber hinaus waren die niederländischen Freisinnigen Mitglied des unitarisch-universalistischen Weltverbands (bis zu seiner Auflösung im Jahre 2021). In Nordamerika leben die meisten Unitarier im Nordosten der USA. Ein erstes Zentrum des amerikanischen Unitarismus war Neuengland.
Der 1995 gegründete International Council of Unitarians and Universalists (ICUU, deutsch: Internationaler Rat der Unitarier und Universalisten) hatte Mitgliedsgruppen in Europa, Afrika, Nordamerika, Südamerika, Asien und Ozeanien. Ziel des ICUU war es, sämtliche Richtungen der Unitarier und Universalisten zusammenzufassen.
Die weltweit größte unitarische Gemeinschaft ist die Unitarian Universalist Association (UUA), die 1961 aus einem Zusammenschluss nordamerikanischer Unitarier und Universalisten entstanden ist. Die UUA hat keine für ihre Mitglieder verbindliche Glaubensaussage, sondern zeichnet sich aus durch die Unterstützung für spirituelles Wachstum sowie das Einstehen für eine freie und verantwortliche Suche nach Wahrheit und Sinn. Dadurch finden sich bei der UUA neben Theisten auch Atheisten, Agnostiker, Pantheisten und Deisten, neben christlichen Unitariern auch Humanisten, Buddhisten und Neopaganisten.
Die zweitgrößte unitarische Gemeinschaft ist die Unitarische Kirche Siebenbürgen, die sich anders als die UUA weiterhin als christlich versteht, da sie Jesus als Lehrer und Propheten anerkennt, sich aber durch ihre nichttrinitarische Gottesauffassung und ihre Ablehnung religiöser Dogmen von vielen anderen christlichen Kirchen unterscheidet. – ein Artikel des ICUU über die Unitarische Kirche Siebenbürgen
Im deutschsprachigen Raum ist die größte unitarische Gemeinschaft die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens, die historisch auf die freireligiöse Bewegung zurückgeht und nach ihrem Selbstverständnis eine freiheitliche, nicht-christliche, pantheistische und humanistischeEberhard Achterberg formuliert als Unitarier in seinem Aufsatz Größe und Grenzen eines religiösen Humanismus z. B. folgenden kategorischen Imperativ eines religiösen Humanismus: „Handle stets so, daß du dir bei all deinem Tun deiner Verantwortung für deine Mitmenschen bewußt bist“. Vgl. Eberhard Achterberg: Die Kraft, die uns trägt – Suche nach Sinn in einer bedrohten Welt. Verlag Deutsche Unitarier, München 1985, S. 177–188. Religionsgemeinschaft ist.Wolfgang Seibert: Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft. 1989, S. 17 ff. Des Weiteren gibt es im deutschsprachigen Raum die Unitarische Freie Religionsgemeinde in Frankfurt am Main, die Unitarische Kirche in Berlin und die Christlichen Unitarier in Deutschland und Österreich.
Deutschland Viele der heute in Deutschland vertretenen unitarischen Gemeinschaften vertreten einen nicht-christlichen humanistischen Unitarismus, der historisch nicht mit dem christlich-antitrinitarischen Unitarismus der Reformationszeit in Verbindung steht. Daneben gibt es auch Gruppen, die an der christlichen Ausrichtung festhalten. In Deutschland bestehen unter anderem die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens, die Unitarische Freie Religionsgemeinde in Frankfurt am Main, die Unitarische Kirche in Berlin, die Christlichen Unitarier sowie regionale Gruppen der unitarisch-universalistischen European Unitarian Universalists (u. a. in Frankfurt am Main und in Kaiserslautern).
Die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens haben sich historisch aus der Freireligiösen Bewegung und die Unitarische Freie Religionsgemeinde (Frankfurt am Main) aus dem Deutschkatholizismus des 19. Jahrhunderts entwickelt und die Bezeichnung Unitarier erst im 20. Jahrhundert angenommen. Die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens waren Gründungsmitglied des ICUU und das einzige deutsche Mitglied dieses Weltverbandes.
Als weitere Strömung gibt es in Deutschland einen völkisch ausgerichteten Unitarismus. Diese Richtung einer „arteigenen Religion“ ist aus der völkisch orientierten Deutschen Glaubensbewegung entstanden und steht in keinem Zusammenhang zur antitrinitarischen und liberal-christlichen Tradition des Unitarismus. Ihre Vertreter haben sich insbesondere im Bund Deutscher Unitarier gesammelt.
Österreich In Linz besteht eine christlich-unitarische Gemeinde. Bis 2019 bestand in Österreich das Unitarisch-Universalistische Forum.Mitteilung über die Auflösung des Unitarisch-Universalistischen Forums im Herbst 2019, abgerufen am 15. Oktober 2020. Der Name nahm Bezug sowohl zum Unitarismus als auch zum Universalismus, der eine Allaussöhnung Gottes mit den Menschen beansprucht.
Glaubensaussagen Die christlichen Unitarier beziehen sich in ihren Glaubensaussagen auf die Bibel als Heilige Schrift und unterstreichen dabei eine rationalistische Auslegung. Die meisten humanistisch orientierten unitarischen Gemeinschaften betonen dagegen, keine Dogmen und keine verbindlichen Schriften zu haben. Stattdessen haben sie sich auf gemeinsame Grundaussagen verständigt, die das Zusammenleben erleichtern und religiöse Orientierung geben sollen. Die reformatorischen christlichen Unitarier verfassten ebenfalls Glaubensbekenntnisse wie den Soner-Katechismus (verfasst von Ernst Soner), den Rakauer Katechismus von 1605 oder den 1864 vom Theologen József Ferencz vorgelegten Katechismus der Unitarischen Kirche Siebenbürgen.József Ferencz: Unitarischer Katechismus. (PDF; 640 kB) Ein Schlagwort der christlichen Unitarier ist Gott ist Einer.
Rakauer Katechismus mini|hochkant|Fausto Sozzini, ein italienischer Theologe der Kirche der polnischen Brüder Der Rakauer Katechismus von 1605 ist bis heute eine der bedeutendsten Bekenntnisschriften des Unitarismus. Zunächst von Fausto Sozzini begonnen, wurden die Arbeiten am Katechismus nach seinem Tod 1604 von Valentin Schmalz, Hieronymus Moskorzowski und Johann Völkel weitergeführt. Der Katechismus hatte den Anspruch, seine theologischen Positionen allein aus der Bibel heraus zu begründen; zugleich wurde jedoch betont, diese allein durch das Medium der Vernunft erkennen zu können. Der Katechismus wurde somit zum Ausdruck des religiösen Rationalismus der Unitarier im früh-neuzeitlichen Polen. In ihm wird unter anderem für Jesus als Mensch und Gottes Sohn, für den freien Willen und gegen die Erbsünde argumentiert. Die Taufe von Kindern wird als unbiblisch kritisiert, jedoch nicht gänzlich abgelehnt. Das Abendmahl wird als symbolhafte Erinnerungsfeier ohne die Verwandlung (Transsubstantiation) von Brot und Wein in Leib und Blut Christi verstanden.
Drei Hauptprinzipien nach Wilbur Earl Morse Wilbur hat in seinem zweibändigen Werk zur Geschichte des Unitarismus (1945) drei Hauptprinzipien herausgestellt, die kennzeichnend für das Selbstverständnis der unitarischen Bewegung im Allgemeinen sind (zitiert nach Walbaum: „Religiöser Unitarismus“, S. 4): Vollständige geistige Freiheit in religiöser Hinsicht statt Gebundensein an Glaubensbekenntnisse oder Konfessionen Uneingeschränkter Gebrauch der Vernunft in Dingen der Religion statt Verlass auf äußere Autorität oder Tradition der Vergangenheit Weitgehende Toleranz gegenüber den verschiedenen religiösen Ansichten und Bräuchen statt Beharren auf Gleichförmigkeit in Lehre, Gottesdienst oder Verfassung
Sieben Prinzipien der UUA mini|Die Unitarier in den Vereinigten Staaten schlossen sich mit den Universalisten zusammen und bilden dort heute eine pluralistische und liberale religiöse Bewegung (im Gegensatz zu anderen Ländern, darunter auch England, wo der Unitarismus eigenständig blieb) Die Satzung der Unitarian Universalist Association (UUA) enthält sieben Grundsätze, die für alle Mitgliedsorganisationen verbindlich sind und die jedes Mitglied bejaht und befördert: (abgerufen am 21. August 2014) Wert und Würde, die jedem Menschen angeboren sind Gerechtigkeit, Gleichheit und Mitgefühl in menschlichen Beziehungen Gegenseitige Anerkennung und Ermutigung zu spiritueller Entwicklung innerhalb unserer Gemeinschaft Freie und verantwortungsbewusste Suche nach Wahrheit und Sinn Recht auf Gewissensfreiheit und demokratischer Umgang in unserer Gemeinschaft und der Gesellschaft allgemein Das Ziel einer Weltgemeinschaft mit Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Ehrfurcht vor dem verwobenen Geflecht allen Daseins, von dem wir ein Teil sind
Core Principles der UCEC Ähnlich wie die UUA hat auch die christlich ausgerichtete Unitarian Christian Emerging Church (UCEC) acht Grundsätze aufgestellt. Dort werden unter anderem die Einheit von Gott, der Zugang zu Ethik und Glauben über Jesus Christus, die Liebe als Kern des Christentums und der Stellenwert von Vernunft und Gebet hervorgehoben.
Grundgedanken der deutschen Unitarier Die deutschen Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens haben seit den 1970er Jahren ihre gemeinsamen Glaubensaussagen in einem demokratischen Prozess entwickelt und beschlossen. Die sogenannten „Grundgedanken“ (die derzeit gültige Fassung wurde 1995 verabschiedet) umfassen Aussagen zur Religion im Allgemeinen, zum unitarischen Glauben, zum Leben, zum Menschen und zum Zusammenleben.
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