Die galicische Sprache (Galicisch), auch galegische Sprache (Galegisch)Günter Holtus (Hrsg.) u. a.: Lexikon der Romanistischen Linguistik. Band VI/2: Galegisch, Portugiesisch. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1994, ISBN 3-484-50336-X. (galicisch und ; ), gehört zum iberoromanischen Zweig der romanischen Sprachen und wird im Nordwesten der Iberischen Halbinsel von rund drei Millionen Menschen gesprochen.Beswick (2006), S. 717, gibt die Sprecherzahl mit 3,5 Millionen an; Kabatek (2009), S. 199, schätzt nur noch 2,4 Millionen Sprecher. Politisch hat sie den Status einer Minderheitensprache in Spanien;Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla, Josef Felixberger: Die spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur. 4., überarbeitete Auflage. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2012, ISBN 3-19-004057-5, S. 39. in der Autonomen Region Galicien ist sie seit 1982 als normierte Amtssprache neben dem Spanischen in Gebrauch. Sie ist darüber hinaus in einigen angrenzenden Landstrichen verbreitet, die zu den Provinzen Asturien, León und Zamora gehören. Galicisch ist eng mit seinen iberoromanischen Nachbarsprachen verwandt, namentlich mit dem Spanischen (Kastilischen) und noch enger mit dem Portugiesischen, mit dem es ursprünglich eine Einheit bildete (die galicisch-portugiesische Sprache) und typologisch gesehen noch heute einen einheitlichen Sprachblock formt.

Geschichte Entstehung der galicischen Sprache Die zahlreichen Siedlungskerne indoeuropäischer Volksgruppen (castros), die ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. im Nordwesten des heutigen Spaniens existierten, weisen darauf hin, dass in dieser Region bereits vor der römischen Eroberung eine gewisse kulturelle Einheit bestand. In der Römerzeit bildete das Gebiet eine Verwaltungseinheit: die durch Caracallas Reform um 216 n. Chr. geschaffene Hispania Citerior Nova Antonina. Ende des 3. Jahrhunderts wurde selbige unter Diokletian zur eigenen römischen Provinz mit dem Namen Gallaecia erklärt. Es wird davon ausgegangen, dass sich das Galicische aus dem Latein der römischen Kolonisatoren Galiciens entwickelte und bereits ab dem 8. Jahrhundert zwei parallele Sprachsysteme Latein und Galicisch existierten.

Hoch- und Spätmittelalter 300px|mini|Sprachräumliche Entwicklung Südwesteuropas im 2. Jahrtausend n. Chr. Im Mittelalter bildete das Galicisch-Portugiesische eine sprachliche Einheit, die allerdings durch die politische Eigenständigkeit Portugals ab Mitte des 12. Jahrhunderts zerbrach. Allmählich entfernte sich das Portugiesische von der Sprache des Nordens und bildete eigenständige Merkmale aus.

Zuvor erlebte das Galicisch-Portugiesische eine Blütezeit als überregionale Literatursprache von hohem kulturellen Prestige, in der iberische Troubadourlyrik aufgeschrieben wurde. Galicisch-Portugiesisch gilt als eine der wichtigsten europäischen Literatursprachen des Hochmittelalters und ist durch Cancioneiros (Liedersammlungen) überliefert. Ab dem 13. Jahrhundert fiel Galicien zunehmend unter kastilischen Einfluss und das Zentrum galicischsprachiger Lyrikproduktion verschob sich an die königlichen Höfe von Portugal und Kastilien. Die Hochphase der nun immer stärker kastilianisierten galicischen Literatursprache fand wenig später ein endgültiges Ende.

Erhaltene Urkunden aus Lebensbereichen wie Wirtschaft und Religion bezeugen, dass das Galicische im 14. und 15. Jahrhundert in Galicien zweifellos als mündliches sowie schriftliches Medium die Sprache aller Bevölkerungsschichten war. Zur Kontaktaufnahme mit dem kastilischen Machtzentrum wurde hingegen das Kastilische verwendet. Diese Diglossie nahm ab dem 15. Jahrhundert infolge der Entmachtung des galicischen Adels weiter zu.

Die dunklen Jahrhunderte Ab dem 16. Jahrhundert emigrierte die galicische Landbevölkerung zunehmend aus dem wirtschaftlich unterentwickelten Randgebiet Galicien in Richtung Zentrum und Süden der Iberischen Halbinsel. Dort wurden sie meist als Saisonarbeiter oder niedere Bedienstete eingestellt, wodurch es zum direkten Kontakt der niedrigsten galicischsprachigen mit den höchsten kastilischsprachigen sozialen Gruppen kam. In Spanien entstand daraufhin ein negatives Bild von den Galiciern sowie ihrer Sprache, die gleichermaßen mit Ungebildetheit, Armut und Elend assoziiert wurde, sodass Schriftsteller die Verwendung des Idioms vermieden.

Aufgrund des nahezu vollständigen Verschwindens des Galicischen als geschriebener Sprache wird der Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in der Sprachgeschichtsschreibung als os séculos escuros („die dunklen Jahrhunderte“) bezeichnet. Der Gebrauch des Galicischen blieb auf die mündliche Kommunikation beschränkt, während für Verschriftlichungen im literarischen, fachlichen und offiziellen Bereich fast ausschließlich das Kastilische verwendet wurde. Dies war die Sprache der geistigen Eliten, die wegen fehlender Karrieremöglichkeiten aus der galicischen Heimat in die kastilischen Machtzentren abwanderten.

Einige der wenigen heute verfügbaren Informationen zur galicischen Sprache des 18. Jahrhunderts sind den Werken von Martín Sarmiento zu verdanken. Der Benediktinermönch und Universalgelehrte unternahm mehrere Galicienreisen, auf denen er empirische Studien zur galicischen Onomastik und Lexik durchführte. Seine Arbeiten wurden jedoch nicht von ihm selbst, sondern erst von dem spanischen Linguisten Pensado in den 1960er und 70er Jahren publiziert.

Sprachlich-literarische Wiedergeburt: Rexurdimento Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte man in Galicien und anderen Gebieten Westeuropas die Bedeutung der lokalen Sprache und Geschichte. Die Beschäftigung mit der galicischen Kultur und die Suche nach der eigenen Identität hatten zur Folge, dass das regionale Selbstbewusstsein wuchs. Schon bald wurden Forderungen nach mehr Autonomie gegenüber Kastilien laut.

Mit der Publikation des ersten Gedichtbandes von Rosalía de Castro (Cantares gallegos) um 1863 begann das eigentliche Rexurdimento (von ). Die Autorin wollte mit dem bis heute bekanntesten Buch der galicischen Literatur einerseits ihre Heimat darstellen und andererseits deren Sprache würdigen. Auch die Lyriker Curros Enríquez (Aires da miña terra, 1880) und Eduardo Pondal (Queixumes dos pinos, 1886) verfolgten mit ihren Werken das Ziel, Galicisch zu einer anerkannten und kultivierten Sprache weiterzuentwickeln. Generell beschränkte sich ihr Gebrauch als geschriebene Sprache jedoch auf die Literatur, insbesondere auf die Lyrik, während Kastilisch die offizielle und wissenschaftliche Schriftsprache blieb.

Mit der literarischen Verwendung des Galicischen waren zudem einige Schwierigkeiten verbunden. So mussten für abstrakte Begriffe häufig Kastellanismen benutzt werden, weil der galicische Wortschatz fast nur auf die Umgangssprache sowie bestimmte Berufszweige zugeschnitten war. Darüber hinaus fehlte dem jahrhundertelang lediglich gesprochenen Galicischen eine Norm, die Bereiche wie Orthographie und Syntax verbindlich regelt.

Die Zeit der Franco-Diktatur Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Galicische erstmals von Intellektuellen, die meist aus der kastilisch sprechenden Oberschicht stammten und einen galeguismo vertraten, für Texte wie Prosastücke, Dramen und Essays verwendet. Man bemühte sich auch um den mündlichen, nicht-umgangssprachlichen Gebrauch des Idioms. Des Weiteren trug die Gründung verschiedener Gruppen, die sich für die Förderung ihrer Sprache in allen öffentlichen und privaten Bereichen einsetzten, zum allgemeinen Aufschwung des Galicischen bei. Beispiele hierfür sind die 1916 entstandene Organisation Irmandades da Fala sowie das 1923 gegründete Seminario de Estudos Galegos.

In der Zweiten Republik wurde das Galicische in einem Autonomiestatut zur offiziellen Sprache erklärt. Infolge des Ausbruchs des Bürgerkriegs wurde dieses Statut allerdings nie umgesetzt. Nach dem Sieg des selbst in Galicien geborenen Generals Francisco Franco, dessen diktatorische Herrschaft von der zentralistischen Doktrin des spanischen Einheitsstaats geprägt war, wurde der offizielle Gebrauch aller nicht-kastilischen Idiome verboten. Viele Schriftsteller unterbrachen daraufhin ihre literarische Betätigung, schrieben auf Kastilisch weiter oder emigrierten ins Ausland, vor allem nach Lateinamerika, wo starke galicische Auswanderergemeinschaften existierten.

In den 50er Jahren bewirkte Spaniens Eintritt in die UNESCO eine leichte Lockerung der sprachpolitischen Verhältnisse und eine intellektuelle Minderheit bemühte sich erneut um die Wiederbelebung der galicischen Sprache. Infolge der Gründung des Verlagshauses Galaxia im Jahre 1951 erschienen erstmals wieder galicische Texte wie Romane oder philosophische Publikationen. Die Pressezensur verhinderte dies jedoch zeitweise. 1962 wurde in Vigo der Gedichtband Longa noite de pedra von Celso Emilio Ferreiro veröffentlicht, der die Lust des Autors an seiner Muttersprache, aber auch den Widerstand gegen den integristischen Zentralismus thematisierte und in ganz Spanien hohe Bekanntheit erlangte.

Legalisierung und Normenstreit Nach dem Tod Francos und mit der Verfassung von 1978 wurde die Sprachenvielfalt des Landes als schützenswertes Kulturerbe angesehen. Galicien erhielt (wie Katalonien und das Baskenland) den Sonderstatus einer nacionalidad histórica und das Galicische erlangte (analog zu Katalanisch und Baskisch) einen kooffiziellen Status neben dem Kastilischen. Weitere Schritte waren das Autonomiestatut Galiciens von 1981 und das „Gesetz zur sprachlichen Normalisierung“ (Lei de normalización lingüística) von 1983. Das Galicische wurde dem Kastilischen damit offiziell gleichgestellt: als Sprache des öffentlichen Lebens, der lokalen Verwaltung und des Unterrichts.

Im Jahre 1985 erfolgte die Gründung der öffentlichen Radio- und Fernsehsender Radio Galega und Televisión de Galicia. Im Bereich der Printmedien ist die ab 1977 regelmäßig erscheinende Wochenzeitung A Nosa Terra zu nennen. Die Produktion der galicischsprachigen Bücher hat seit 1980 stetig zugenommen und umfasst sämtliche Genres von Belletristik bis Fachliteratur. Letztere spielt unter anderem eine große Rolle im Bildungssektor, wo das Galicische heute als Schulfach und Studiengang sowie als Unterrichtssprache für weitere Fächer üblich ist.