mini|Amartya Sen während einer Vorlesung an der Universität zu Köln 2007 anlässlich der Verleihung des Meister-Eckhart-Preises Amartya Kumar Sen, CH (, []; * 3. November 1933 in Shantiniketan, Westbengalen) ist ein indischer Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Problematik der Armut und die Wohlfahrtsökonomie. Er ist Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts).

1998 erhielt Amartya Sen den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie, zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard.

Bahnbrechend waren außerdem seine Beiträge zur Interdependenz von ökonomischer Freiheit, sozialen Chancen und Sicherheit und politischer Freiheit (Demokratie), zum Zusammenhang zur Armutsbekämpfung und zur Theorie der kollektiven Entscheidungen. Dabei sah er früh die Bedeutung der Genderfrage und der feministischen Ökonomie. Er gilt als einer der prominentesten Kritiker der Theorie der rationalen Entscheidung.

Sen war an der Einrichtung des Index der menschlichen Entwicklung durch den pakistanischen Ökonomen Mahbub ul Haq maßgeblich mitbeteiligt. Der Index wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen seit 1990 regelmäßig aktualisiert herausgegeben. Auch der Sen-Index ist nach ihm benannt. 2020 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt.

Leben und Schule

Schulzeit Amartya Sen kommt aus einem gebildeten und wohl situierten Elternhaus. Sein Vater war Professor für Chemie an der University of Dhaka. So wurde er schon in frühen Jahren von den diversen Campus geprägt, auf denen er zusammen mit seiner Familie lebte. „I was born in a University campus and seem to have lived all my life in one campus or another.“ (Ich wurde auf einem Universitätscampus geboren und scheine mein ganzes Leben lang auf irgendeinem Campus gelebt zu haben.) Er besuchte die von Rabindranath Tagore gegründete und geleitete Shantiniketan-Schule.

Abgesehen von den politischen Unruhen, die Indien in den 1940er Jahren heimsuchten, gibt es zwei wichtige Erfahrungen mit sozialer Ungerechtigkeit, die Sen in jungen Jahren prägten und die sein Interesse für Ökonomie, Ethik und politische Philosophie weckten.

Die eine erlebte er im Jahr 1941 im Alter von acht Jahren. Extremistische Hindus stachen dem muslimischen Tagelöhner Kader Mia auf offener Straße in den Rücken. Er floh in das Haus der Familie Sen, von wo aus ihn der Vater sofort in das nächstgelegene Krankenhaus brachte. Auf dem Weg dorthin erzählte Kader Mia, dass er von seiner Frau davor gewarnt worden sei, in einem Gebiet mit lokalen Unruhen zu arbeiten. Seine wirtschaftliche Lage habe ihn jedoch dazu gezwungen, solche Gefahren in Kauf zu nehmen. Im Spital verstarb er. Dieses Erlebnis öffnete Amartya Sen die Augen dafür, wie eng soziale Ungerechtigkeit und der Mangel an Freiheit beisammenliegen.

Das zweite wichtige Erlebnis war die Hungersnot von Bengalen im Jahre 1943. Obwohl sie ca. 1,5 bis 4 Millionen Menschen den Tod brachte, konnte Sen in seiner nächsten Umgebung nicht die geringsten Anzeichen der Katastrophe erkennen, denn betroffen waren nur die untersten, die „unsichtbaren“ Schichten der Gesellschaft.

Universität Nach dem Abschluss seiner Schulausbildung studierte Sen Wirtschaftswissenschaften am Presidency College in Kalkutta, wo er 1953 den Bachelor erhielt. Danach vertiefte er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der englischen University of Cambridge. Dort erhielt er unter anderem im Jahre 1954 den Adam-Smith-Preis der Universität und einen weiteren Preis, der es ihm ermöglichte, ein vierjähriges Studium seiner Wahl zu belegen. Da Philosophie und Wirtschaft seiner Meinung nach einander auf vielen Ebenen nahestehen, entschloss er sich, die erste ebenfalls zu studieren. Den Bachelor-Grad im Fach Wirtschaftswissenschaften erlangte er im Jahr 1955 und den des Ph.D. im Jahr 1959. Seine Doktorarbeit trägt den Titel "The Choice of Techniques" und wurde von der Postkeynesianistin Joan Robinson betreut.

Amartya Sen unterrichtete in den 1960er Jahren am Massachusetts Institute of Technology, in Stanford, Berkeley und an der Harvard University als Gastprofessor. An der Delhi University und der Delhi School of Economics unterrichtete er von 1963 bis 1971 Wirtschaftswissenschaften. Danach wirkte er an der London School of Economics und ab 1977 in Oxford, wo er sowohl Wirtschaftswissenschaften als auch politische Ökonomie unterrichtete und seine ersten Werke veröffentlichte, unter anderem das Buch Collective Choice and Social Welfare, das ihm ein weltweites Renommee verschaffte. Sen war einer der Gründerväter des World Institute for Development of Economic Research (WIDER) in Helsinki, einer Abteilung der United Nations University (UNU), für das er ab Mitte der 1980er Jahre in verschiedenen Projekten tätig war. WIDER.UNU .edu Ab dem Jahr 1987 arbeitete Sen dabei eng mit der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum zusammen, die zu seinem „Fähigkeiten-Ansatz“ eine konkrete Variante entwickelte.

Im Jahre 1988 wechselte Amartya Sen nach Harvard, wo er zehn Jahre lang eine Professur für Philosophie und Ökonomie innehatte. Von 1998 bis 2004 amtierte er in der Nachfolge von Michael Atiyah als Oberhaupt (Master) des Trinity College in Cambridge, ehe er nach Harvard zurückkehrte.

Weiteres Wirken Sen ist Fellow der Britischen Akademie, Fellow am Darwin College, Cambridge und Mitglied der American Philosophical Society. Des Weiteren ist er als ehrenamtlicher Berater für die Organisation Oxfam tätig.Biografie. WHO.

Sen ist einer der Gründer des World Institute for Development Economics Research of the United Nations University (UNU-WIDER) und war Research Adviser von mehreren UNU-WIDER Projekten während der Jahre 1985 bis 1991.

Im Jahr 1994 stand Sen der American Economic Association als gewählter Präsident vor.

Seit Anfang 2008 war Sen wissenschaftlicher Leiter der Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress (Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission), die im Auftrag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy innovative Messkriterien für ein qualitatives Wirtschaftswachstum (Wohlstandsindikator) ermittelte und im September 2009 ihren Abschlussbericht vorlegte. Im September 2010 war er an der Gründung der Spinelli-Gruppe beteiligt, die sich für den europäischen Föderalismus einsetzt.

Privat Sen war in erster Ehe mit Nabanita Dev Sen, einer indischen Schriftstellerin, verheiratet. Mit ihr hat er zwei Töchter, Antara und Nandana. Nach dem Wechsel nach London wurde die Ehe 1971 geschieden.

Im Jahr 1973 heiratete er Eva Colorni, die Tochter von Ursula Hirschmann und Eugenio Colorni sowie Stieftochter von Altiero Spinelli,Autobiografie auf der Homepage des Nobelpreis-Komitees. die 1985 an Krebs starb. Sie haben zwei Kinder, die Tochter Indrani und den Sohn Kabir.Like (professor) father, like (rapper) son. nytimes.co; abgerufen am 19. Februar 2011.

1986 lernte er Martha Nussbaum am World Institute for Development of Economic Research in Helsinki kennen. Sie ist eine renommierte Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. In den folgenden sieben Jahren leitete Nussbaum an dem von Sen gegründeten Institut ein philosophisches Projekt, machte sich mit der Realität Indiens vertraut und führte dort später eigene Feldstudien durch. Die beiden lebten mehrere Jahre zusammen, erzogen gemeinsam ihre Kinder aus früheren Ehen und stießen Initiativen an, die Brücken zwischen engagierter Universität und (Entwicklungs-)Politik schlagen sollten.Wer denkt für morgen?: Nicht vom Brot allein. In: Die Zeit, Nr. 22/2009.

Sen ist seit 1991 mit Emma Rothschild in dritter Ehe verheiratet. Sie ist britische Wirtschaftshistorikerin und Professorin an der Harvard University. histecon.kings.cam.ac.uk; abgerufen am 19. Februar 2011.

Denken und Werk

Schriften Amartya Sens Denken ist von der Frage geprägt, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen in der ökonomischen Theorie so abgebildet werden können, dass die Theorie Hinweise liefert, wie die allgemeine Wohlfahrt verbessert werden kann. Die traditionelle Wirtschaftstheorie befasst sich mit dieser Frage in der Mikroökonomie und dort speziell in der Haushaltstheorie bzw. in der Wohlfahrtsökonomie. Angestoßen durch die Arbeiten von Kenneth Arrow und dessen Unmöglichkeitstheorem entwickelte Sen eine umfassende Kritik an den klassischen und neoklassischen Theorien der Nationalökonomik. Zugleich beharrte er darauf, Lösungsansätze für sein Anliegen im Rahmen der ökonomischen Theorie zu suchen, und erarbeitete wichtige Beiträge zu der von Arrow begründeten Sozialwahltheorie (Social Choice). Im Jahr 1970 erschien hierzu sein grundlegendes Werk Collective Choice and Social Welfare.

Der Kern von Sens Kritik an der traditionellen Ökonomie richtet sich dagegen, dass diese ohne wesentliche Einschränkungen keine Aussagen über Soziale Ungleichheit und Verteilungsgerechtigkeit ermögliche. Das Buch On Economic Inequality aus dem Jahr 1973 fasst seine Auffassungen zu diesem Thema zusammen. Mit der Frage von Armut und Hungersnöten befasste Sen sich in dem 1981 erschienenen Essay Poverty and Famines. Ziel von Sens Forschungen war neben der Verbesserung der zugrunde liegenden Theorien auch ein Ausbau der Methodik zur Erfassung und Messung sozialer Ungleichheit und vor allem der Armut. Eine Reihe wichtiger Aufsätze erschien in den Sammelbänden Choice, Welfare and Measurement (1982) sowie Resources, Values and Development (1984).

In dem 1980 veröffentlichten Aufsatz Equality of What? trat Sen in die Debatte um die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls ein und vertrat erstmals die Auffassung, dass es vorrangig nicht um die Verteilung von Gütern gehe, sondern um Verwirklichungschancen, die Menschen erreichen können. Entscheidend für die Qualität des Lebens sei nicht das Einkommen, denn auch bei einem guten Einkommen können Unterdrückung und Unfreiheit bestehen. Der Maßstab des Lebensstandards ist in dieser Hinsicht ein Fortschritt, aber noch nicht ausreichend, so Sen in seinen Tanner Lectures von 1985 (The Standard of Living, 1986). Die traditionelle Ökonomie müsse zur Kenntnis nehmen, dass neben dem egoistischen Selbstinteresse auch andere Werte für das menschliche Handeln (agency) maßgeblich seien, auch wenn beides einander regelmäßig beeinflusse (On Ethics and Economics, 1987). Eingebunden in verschiedene UN-Projekte trug Sen wesentlich zur Entwicklung des erstmals 1990 im Weltentwicklungsbericht veröffentlichten Index der menschlichen Entwicklung (englisch Human Development Index, abgekürzt HDI) bei. In den 1980er und 1990er Jahren befasste sich Sen zudem mit empirischen Arbeiten über das Problem des Hungers. Hierüber veröffentlichte er umfangreiche Studien gemeinsam mit Jean Drèze (Hunger and Public Action, 1989). Dabei lag ein Schwerpunkt auf seinem Heimatland Indien; er hob den Erfolg der indischen Demokratie auch bei der Bekämpfung des Hungers hervor (India: Economic Development and Social Opportunity, 1995).

An ein breites Publikum wandte Sen sich mit seiner Schrift Development as Freedom (1999), in der er seine Gedanken unter Verzicht auf formale ökonomische Darstellungen zusammenfasste. Ein weiterer Beitrag zur politischen Philosophie ist das Buch Identity and Violence (2006), in dem sich Sen gegen die Debatte über den Krieg der Kulturen wendet. Durch pauschale Zuschreibungen von Eigenheiten und Mentalitäten würden Vorurteile von Fundamentalisten bestärkt und die Identitätsfalle schnappe zu. Eine Überwindung sei möglich, wenn man Pluralismus nicht nur akzeptiere, sondern aktiv befördere.