Die Geschichte von Wales umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet von Wales, eines Landesteils des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie lässt sich zwar etwa 230.000 Jahre zurückverfolgen, doch unterbrachen die nachfolgenden Kaltzeiten mit ihren gewaltigen Gletschermassen die menschliche Besiedlung mehrfach.

Urgeschichte mini|links|Die Gletschermassen der Saale-Kaltzeit haben wohl jede menschliche Besiedlung, die auf den britischen Inseln vor etwa 500.000 Jahren nachweisbar ist, beendet. mini|Der Eingang zur Ffynnon Beuno Cave. Eines der dort entdeckten Flintwerkzeuge wurde auf 38.000 v. Chr. datiert. Die Artefakte befinden sich heute im Amgueddfa Cymru – National Museum Wales in Cardiff (Caerdydd). Eines der ersten Überblickswerke zur vorschriftlichen Geschichte von Wales, publiziert 1925, stammte von Mortimer Wheeler.Mortimer Wheeler: Prehistoric & Roman Wales, Clarendon Press, 1925. 1965 veröffentlichten Idris Llewellyn Foster und Glyn Daniel ihr Prehistoric and Early Wales,Idris Llewellyn Foster, Glyn Daniel: Prehistoric and Early Wales, Routledge and Kegan Paul, 1965. im Jahr 2000 wiederum wurde Prehistoric Wales von Frances Lynch, Stephen Aldhouse-Green und Jeffrey L. Davies ausgeliefert. Die lange geläufige Trennung zwischen vorschriftlicher und schriftlicher Geschichte wurde dabei zunehmend als bloßer Unterschied in der Quellenlage und der damit zusammenhängende Methodologie betrachtet, zumal, wie John Davies 2005 in seiner History of Wales formulierte: ‚Mit der Geschichte zu beginnen und die Vorgeschichte zu ignorieren bedeutet den Blick für die grundlegende Tatsache zu verlieren, dass, als die Bewohner von Wales die Bühne der Geschichte betraten, bereits jede Entwicklung von Bedeutung stattgefunden hatte‘. Sie verfügten demnach über alle ‚kulturellen, spirituellen und sozialen Attribute des Menschseins‘, auch hätten längst alle technologischen Fertigkeiten zu ihrer Verfügung gestanden, die bis ins 18. Jahrhundert dominierten. Der überaus geringe Unterschied habe für ein weiteres Jahrtausend darin bestanden, dass vor der Zeitenwende niemand etwas Schriftliches hatte abfassen können, während danach die Schriftquellen bis ins Hochmittelalter äußerst knapp und fragmentarisch waren.John Davies: A History of Wales, Penguin, London 1994, überarbeitete Aufl., London 2007. Diese waren, wie er im Folgenden ausführt: „That people could create and control fire, cook food, cultivate the land, rear stock, build dwellings, make metal, brew beer, theorize about the world to come, produce fine art, cure sickness, practise literature, maintain political structures and oppress their fellow-creatures. That is, they had all the cultural, spiritual and social attributes of humanity. Furthermore, the technical knowledge which would maintain the economic foundations of society, at least for the following eighteen centuries, was almost all already known to them. The main difference between them and the centuries to come was the inability of anyone among them to produce written material, and that was hardly a great difference when it is considered how scarce and fragmentary such material would be for at least another thousand years.“

Mittelpaläolithikum, Neandertaler (um 230.000, erneut ab 70.000 vor heute) Die frühesten archäologischen Funde in Wales stammen aus dem Mittelpaläolithikum. Es handelt sich um 19 Zähne von Neandertalern, die während der Grabungen von 1978 bis 1995 in der Pontnewydd-Höhle (auch Bontnewydd) im Norden des Landes, genauer im Elwy-Tal in Denbighshire entdeckt wurden.The oldest people in Wales - Neanderthal teeth from Pontnewydd Cave, Amgueddfa Cymru – National Museum Wales. Sie stellen zugleich die nördlichsten menschlichen Überreste des Neandertalers dar. Die Zähne lassen sich sechs Individuen zuordnen, die auf ein Alter von rund 230.000 Jahren datiert wurden. Sie gehörten sowohl Kindern als auch Erwachsenen. In der Höhle wurden zudem Tierknochen mit Schnittspuren entdeckt. Diese frühesten Bewohner dürften einer Gruppe angehört haben, deren Schweifgebiet bis in die Niederlande reichte, denn zu dieser Zeit war Großbritannien noch keine Insel.Den ersten Grabungsbericht verfasste H. Stephen Green: Pontnewydd Cave. A Lower Palaeolithic Hominid Site in Wales. The First Report, Amgueddfa Genedlaethol Cymru, 1984.

mini|Plan der Coygan-Höhle von 1937 In der zugehörigen Kaltzeit bedeckten schließlich während der maximalen Ausdehnung der Gletscher bis zu 300 m mächtige EismassenPalaeolithic - Modern Humans, Tiroedd coll ein cyndadau – The lost lands of our ancestors. Exploring the submerged landscapes of prehistoric Wales, bzw. Cymraeg. den überwiegenden Teil der britischen Inseln, so dass erst in der nachfolgenden Zeit zwischen 125.000 und 70.000 vor heute menschliche Spuren zu erwarten sind, nämlich von späteren oder „klassischen“ Neandertalern. Diese dürften Wales zur Zeit der maximalen Vereisung bestenfalls saisonal zur Jagd aufgesucht haben. Einige Aufenthalte von Neandertalern ließen sich in der Höhle von CoyganCoygan Cave, Coflein, Online-Datenbank des National Monuments Record of Wales (Cymraeg, Englisch). (zwei Faustkeile) nahe Laugharne in Carmarthenshire nachweisen, im Südwesten von Wales. Um 70.000 v. Chr. setzte die letzte Kaltzeit ein, die jedoch um 59.000 und 37.000 v. Chr. durch wärmere Phasen unterbrochen wurde. In dieser Zeit lebten Neandertaler wohl in den Höhlen von Pontnewydd und Ffynnon BeunoFfynnon Beuno Cave, Coflein, Online-Datenbank des National Monuments Record of Wales (Cymraeg, Englisch). in Denbighshire, der besagten Höhle von Coygan – in dieser inzwischen zerstörten Höhle wurden die Artefakte auf ein Alter von 64.000 bis 38.000 Jahren datiert – sowie Paviland auf der Gower-Halbinsel. Diese werden dem Moustérien zugeordnet. Die Menschen jagten in einer trockenen Graslandschaft Mammut, Wollnashorn, Pferd und Tüpfelhyäne.Einige Fundstücke, neben den Faustkeilen waren dies Knochen und Zähne von Hyäne, Wollnashorn und Mammut, sind hier abgebildet: Theme: Coygan Cave, Carmarthenshire, archive.org, 14. August 2014.

Jungpaläolithikum, anatomisch moderner Mensch (35.000 – 20.000 v. Chr., endgültig ab ca. 10.000 v. Chr.) mini|Überreste des wenig mehr als zwanzigjährigen Mannes, der um 31.000 v. Chr. lebteRoger M. Jacobi, Tom Higham: The „Red Lady“ ages gracefully: new ultrafiltration AMS determinations from Paviland, in: Journal of Human Evolution 55 (2008) 898–907, doi:10.1016/j.jhevol.2008.08.007. und der 1823 auf der Gower-Halbinsel entdeckt wurde. Heute befindet er sich im Oxford University Museum of Natural History. Er wurde zunächst aufgrund der Ockerfärbung und des beigegebenen Schmuckes als Red Lady of Paviland bekannt und in die Römerzeit datiert.William Buckland: Reliquiæ Diluvianæ; or, observations on the organic remains contained in caves, fissures, and diluvial gravel, and on other geological phenomena, attesting the action of an universal deluge, John Murray, London 1823, S. 82–98, zu den menschlichen Überresten in der Höhle: S. 87–92, zur Datierung in die Römerzeit: S. 92 Digitalisat. In Wales waren um 2006 etwa 20 jungpaläolithische Fundstätten bekannt, die sich hälftig auf das frühe und das späte Jungpaläolithikum aufteilten; hingegen stieg die Zahl der Fundstätten in Großbritannien insgesamt von 40 auf 60. Wieder in den Höhlen von Ffynnon Beuno und Paviland fanden sich Werkzeuge aus der Zeit um 26.000 v. Chr.

Der berühmteste Einzelfund ist wohl die Red Lady of Paviland aus den Höhlen von Paviland. Von dem Entdecker, William Buckland, 1823 für eine Frau gehalten, identifiziert man das Skelett heute als einen jungen Mann, der mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung auf ein Alter von 33.000 JahrenRoger M. Jacobi, Tom Higham: The „Red Lady“ ages gracefully: new ultrafiltration AMS determinations from Paviland., in: Journal of Human Evolution 55 (2008) 898–907, doi:10.1016/j.jhevol.2008.08.007 datiert wurde. Der Fund war von den Knochen kälteliebender Tiere wie Höhlenbär (Ursus arctos), Rentier (Rangifer tarandus) und Wollnashorn (Coleodonta antiquitatis) begleitet und stammt demnach vermutlich aus der Denekamp-Warmperiode der Weichsel-Kaltzeit, der archäologischen Epoche des Aurignacien II. Vermutlich war er rituell beerdigt worden. mini|links|Vegetationskarte Europas und des Mittelmeerraums während der jüngeren Dryaszeit, als sich zwischen 10.730 und 9.700 v. Chr. die Gletscher und die Tundra wieder stärker nach Süden ausbreiteten Während des letzten Höhepunkts der Eiszeit vor rund 22.000 Jahren war Wales vermutlich unbesiedelt; man nimmt eine Wiederbesiedlung vom Kontinent an. Hoyle's Mouth Cave in Pembrokeshire, mit zahlreichen Rückenmesserfunden und weiteren Feuersteinartefakten ist bereits ein Beispiel für die epipaläolitische Besiedlung. Aus der Zeit um 12.000 bis 10.000 v. Chr. stammt die 15 mal 11 cm messende, kaum mehr zu erkennende Ritzzeichnung eines Rentiers, die 2010 in einer Höhle auf der Gower-Halbinsel nahe der Südküste von Wales entdeckt wurde und die wohl die älteste Felskunst Großbritanniens darstellt.Katharina Bolle: Wales. Älteste Felskunst Großbritanniens zeigt Rentier, in: Spektrum.de, 28. Juli 2011. In die Zeit um 11.500 v. Chr. konnte ein mit Zickzacklinien überzogener Pferdekiefer datiert werden, der mit einem Flintwerkzeug bearbeitet worden war. Das Werk gilt als ältester Nachweis für „decorative art“ in Wales, für ornamentale Kunst.Introduction, Tiroedd coll ein cyndadau – The lost lands of our ancestors. Exploring the submerged landscapes of prehistoric Wales, bzw. Cymraeg.

Diese Werke gehören bereits dem Creswellien an, das zwischen 12.800 und 12.000 v. Chr. bestand, eine archäologische Kultur, die einerseits aus dem Magdalénien hervorging, andererseits wies sie enge Verwandtschaften mit der Hamburger Kultur auf. Da Großbritannien zu dieser Zeit noch mit dem europäischen Festland verbunden war, zudem Doggerland noch bestand und damit die spätere Nordsee Mitteleuropa mit Britannien verband, ist diese Verwandtschaft naheliegend. Dementsprechend folgte dem Creswellian der Penknife point complex (bis 10.700 v. Chr.), die Federmesserkultur. Das Creswellien – den Begriff prägte Dorothy Garrod 1926Paul Pettitt, Mark White: The British Palaeolithic. Human Societies at the Edge of the Pleistocene World, Routledge, 2014, S. 435. – ist nach Creswell Crags benannt, einer Fundstätte in Derbyshire.Creswell Crags, stone-circles.org.uk. Nachweisbar ist sie nur im südlichen Wales, wo wiederum Paviland eine wichtige Fundstätte darstellt. Hinzu kommen weitere Fundstätten in Pembrokeshire, darunter Nanna’s Cave auf Caldey Island. Jagdbeute waren Rhinoceros tichorinus und Ren, hinzu kommen einige wenige Hinweise auf die Jagd auf Mammute. Diese arktische Welt endete womöglich mit der Erwärmung am Ende der letzten Kaltzeit; während die Angehörigen der Creswellienkultur in einer Tundra lebten, verwaldete die Umgebung der Federmesserleute zunehmend, was die Lebensweise drastisch veränderte, ebenso wie Fauna und Flora. Eine erneute Abkühlung, die von 10.730–9.700 v. Chr. andauerte und ganz Mittel- und Nordeuropa betraf, stellte die Jüngere Dryaszeit dar, ein knappes Jahrtausend, in dem sich die Tundra wieder stärker ausbreitete.

Mesolithikum (ca. 8500 bis 4500 v. Chr.)