Der Begriff Dysthymie („Missmut“, von , zusammengesetzt aus der Partikel und ) steht für eine langanhaltende depressive Verstimmung. Es handelt sich um eine affektive Störung, die aus den gleichen kognitiven und psychischen Mustern besteht wie die Depression – allerdings mit Symptomen, die schwächer ausgeprägt sind, aber stattdessen weitaus länger andauern.Informationen von MedlinePlus über Persistent Depressive Disorder. (Abgerufen Juli 2017)

Der Begriff wurde von Robert L. Spitzer in den späten 1970ern benutzt, um damit den Ausdruck „depressive Persönlichkeit“ zu ersetzen. Andere Namen für dasselbe Krankheitsbild sind auch Dysthymia, neurotische Depression, Dysthyme Störung, chronische Depression, Persistierende Depressive Störung oder persistent depressive disorder (PDD).

Definition Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) definiert Dysthymie als ernste Form der chronischen Depression, die für mindestens zwei Jahre andauert (oder ein Jahr für Kinder und Jugendliche).

Da eine Dysthymie einen chronischen Verlauf hat, ertragen Betroffene ihre Symptome in der Regel für viele Jahre, bevor sie eine Diagnose erhalten, falls überhaupt eine Diagnose erfolgt. Dadurch können sie glauben, die Schwermütigkeit sei ein Teil ihrer Persönlichkeit, und verschweigen daher ihre Beschwerden und Symptome gegenüber Ärzten, Familienangehörigen oder Freunden.

Verbreitung Global wird die Zahl dysthymischer Fälle pro Jahr auf 1,5 % der Bevölkerung geschätzt. Sie ist mit 1,8 % bei Frauen etwas häufiger als bei Männern mit 1,3 %. Die Prävalenz von Dysthymie wird in den USA höher geschätzt als in anderen Ländern, nämlich auf 3 bis zu 15 %.

Symptombild Dysthymie hat eine Reihe von typischen Merkmalen: wenig Energie und Antrieb, geringes Selbstwertgefühl eine geringe Kapazität für Freude im täglichen Leben (Anhedonie) Mildere Formen von Dysthymie können dazu führen, dass man Situationen vermeidet, in denen Stress, Ablehnung oder Fehlschlag möglich sind. In ernsteren Fällen von Dysthymie zieht man sich möglicherweise sogar von alltäglichen Tätigkeiten zurück und findet wenig Freude an gewöhnlichen Unternehmungen und Zeitvertreib. Die Diagnose von Dysthymie kann sich als schwierig gestalten, da die Symptome unterschwelliger Natur sind. Sie können von den Patienten in sozialen Situationen oft gut versteckt werden, was es für andere schwierig macht, sie zu entdecken.

Abgrenzung Dysthymie tritt häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auf. Wenn zusätzlich depressive Episoden auftreten, spricht man im englischen Sprachraum von einer double depression. Wechseln sich Perioden leicht getrübter (dysthymischer) Stimmung regelmäßig ab mit Perioden leicht euphorischer Stimmung, so liegt eher eine Zyklothymia vor, eine leichte Variante der bipolaren Störung.

Ursachen Die Ursachen der Dysthymie sind nicht bekannt. Man geht von einer genetischen Disposition aus, welche durch psychosoziale Stressoren (z. B. Stress, soziale Isolation oder das Fehlen von sozialer Unterstützung) zur Manifestation einer Dysthymie führen kann. Fälle von Dysthymie treten familiär gehäuft auf: „Die Häufigkeit von Depressionen in den Familien von Menschen mit Dysthymie beträgt für die frühmanifeste Form der Störung bis zu fünfzig Prozent.“Original: (Harvard Health Publication, 2005).

Begleiterkrankungen

Außerdem tritt Dysthymie oft im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen auf. Das erschwert es zusätzlich, eine Dysthymie zu entdecken, insbesondere auch weil sich die Symptome verschiedener Störungen überlappen. Auch suizidales Verhalten kann bei Dysthymie auftreten, weshalb es unerlässlich ist, nach Anzeichen von Depression, Panikstörung, generalisierter Angststörung, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Persönlichkeitsstörung Hilfe zu suchen.

Folgende psychische Leiden treten häufig gleichzeitig mit Dysthymie auf: Depressionen (bis zu 75 %), Angststörungen (bis zu 50 %), Persönlichkeitsstörungen (bis zu 40 %), somatoforme Störungen (bis zu 45 %) sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch (bis zu 50 %).Original: (Harvard Health Publication, 2005). Übersetzung: Bis zu 31 % aller ADHS-Betroffenen leiden an einer Dysthymie.

Das Risiko, eine schwere Depression zu entwickeln, ist für Menschen mit Dysthymie höher als durchschnittlich. In einer zehnjährigen Studie stellte sich heraus, dass 95 % der Dysthymiepatienten eine depressive Episode erlebt hatten. Wenn eine intensive depressive Episode zusätzlich zur Dysthymie auftritt, spricht man von einer Doppeldepression (engl. double depression).

Doppeldepression Eine Doppeldepression (double depression) tritt auf, wenn jemand mit einer bereits vorhandenen Dysthymie zusätzlich eine Episode einer schweren Depression erlebt. Ein solches Leiden ist schwer zu behandeln, da Patienten die Symptome der Depression oft als natürlichen Teil ihrer Persönlichkeit ansehen oder als Teil ihres Lebens, der außerhalb ihrer Kontrolle ist. Da Menschen mit Dysthymie ihre schlimmer werdenden Symptome oft als unausweichlich akzeptieren, kann sich ein Behandlungsbeginn verzögern. Wenn und falls sich solche Patienten dann doch an einen Arzt wenden, kann eine Behandlung fehlschlagen, wenn nur die Symptome der Depression behandelt werden, nicht aber die der Dysthymie.Double Depression: Definition, Symptoms, Treatment, and More. Webmd.com vom 7. Januar 2012, abgerufen am 1. Juli 2012.

Ein wichtiges Symptom der Doppeldepression ist Hoffnungslosigkeit; Patienten geben signifikant höhere Werte von Hoffnungslosigkeit an. Es kann in der psychiatrischen Behandlung der Doppeldepression nützlich sein, auf dieses Symptom besonderen Wert zu legen. Außerdem können kognitive Therapieformen wirksam dabei helfen, negative Denkweisen von Doppeldepressionspatienten zu verändern, und ihnen einen neuen Weg aufzeigen dafür, wie sie sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen.

Um eine Doppeldepression zu verhindern, wird häufig vorgeschlagen, die Dysthymie zu behandeln. Man nimmt an, dass das Ausbrechen der Symptome einer schweren Depression durch eine Kombination von Antidepressiva und kognitiven Therapien abgewendet werden kann. Sportliche Bewegung und regelmäßige Schlafgewohnheiten haben möglicherweise einen moderaten zusätzlichen Effekt bei der Behandlung von dysthymischen Symptomen und der Abwendung ihrer Verschlechterung.

Pathophysiologie Es gibt wissenschaftliche Belege, die auf die Existenz neurologischer Indikatoren für frühmanifeste Dysthymie hindeuten. So existieren Gehirnstrukturen (Corpus callosum und Frontallappen), die bei Frauen mit Dysthymie eine andere Ausprägung haben als bei Frauen ohne Dysthymie, was darauf hindeutet, dass es entwicklungs­biologische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt.

In einer weiteren Studie wurden die Unterschiede zwischen Individuen mit Dysthymie und anderen Individuen mit funktionellen MRT-Techniken erforscht. Hieraus resultieren zusätzliche Belege für die neurologische Indikation der Störung, denn es wurden einige Gehirnregionen gefunden, die unterschiedlich funktionieren. So war die Amygdala, die mit der Verarbeitung von Emotionen (wie etwa Angst) assoziiert wird, in Patienten mit Dysthymie stärker aktiv. Außerdem hat die Studie eine erhöhte Aktivität in der Inselrinde festgestellt, die mit Emotionen von Trauer assoziiert wird. Ebenfalls eine erhöhte Aktivität wurde im Gyrus cinguli festgestellt, der als Brücke zwischen Aufmerksamkeit und Emotionen dient.

Eine weitere Studie, die gesunde Individuen mit Dysthymiepatienten verglichen hat, weist auf weitere biologische Indikatoren der Störung hin. Den Teilnehmern der Studie wurden Adjektive gezeigt, die entweder positiv, negativ oder neutral sind, und sie mussten angeben, ob sich der Begriff in den nächsten zwei Wochen auf sie beziehen könnte. Erwartungsgemäß haben gesunde Individuen in der Studie weniger negative Adjektive als zutreffend markiert, wohingegen es bei Patienten weniger positive Adjektive waren. Während des Versuchs wurden außerdem neurologische Messungen durchgeführt, die zeigen, dass die gesunde Gruppe eine höhere neurologische Aktivität aufwies als die Dysthymiegruppe, und zwar unabhängig davon, ob der Begriff positiv, negativ oder neutral war. Dies wird als neurologischer Beleg gelesen, der mit der Beobachtung zusammenpasst, dass Individuen mit Dysthymie weniger emotionale Kapazität haben als Gesunde.

Es gibt außerdem Hinweise auf eine genetische Ursache für alle Arten von Depressionen, einschließlich der Dysthymie. In einer Studie mit ein- und zweieiigen Zwillingen wurde eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür festgestellt, dass beide ein-eiige Zwillinge eine Depression haben als dass beide zwei-eiige eine haben. Das unterstützt die These, dass Dysthymie zumindest teilweise durch die genetische Abstammung bestimmt wird.

In den 2000er Jahren hat sich in der Literatur um die Stressachse (Gehirnstrukturen, die bei Stress aktiviert werden) eine neue Theorie entwickelt, welche eine Verbindung zwischen HPA-Achse und Dysthymie herstellt.

Neurophysiologischer Wirkmechanismus

Häufig wird dem Neurotransmitter Serotonin eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und dem Verlauf affektiver Störungen sowie der Dysthymie zugesprochen. Moderne Forschung im Bereich der Neuropsychologie scheint diese Ansicht allerdings zu entkräften, da es bisher keine wissenschaftlichen Belege für sie gibt.

Die Ansicht, niedrige Serotoninwerte trügen zu einer depressiven Störung bei, beruht ggf. auf dem Rückschluss aus der Beobachtung, dass häufig genutzte Antidepressiva – Serotonin-Wiederaufnahmehemmer – den Serotoninspiegel erhöhen und zu einer Verbesserung der Symptome führen. Dies reicht wissenschaftlich jedoch nicht als Beleg dafür, dass Serotonin- oder eine andere Art von chemischem Ungleichgewicht eine Ursache für Dysthymie ist. Weitere Forschung ist notwendig, um die neurophysiologische Funktionsweise der Dysthymie aufzuklären.

Diagnose Normalerweise wird Dysthymie das erste Mal im Rahmen eines strukturierten klinischen Interviews für DSM-5 diagnostiziert. Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) der American Psychiatric Association beschreibt die Dysthymie auch als Persistierende Depressive Störung. Das maßgebliche Leitsymptom ist, dass das Individuum sich an mehr als der Hälfte aller Tage in den letzten zwei Jahren depressiv gefühlt hat. Wenig Energie, unruhiger Schlaf, unstetiger Appetit, und geringes Selbstbewusstsein vervollständigen das klinische Bild. Leidende haben Dysthymie oft für viele Jahre ertragen, bevor ihnen eine Diagnose erstellt wird; ihre Mitmenschen beschreiben sie etwa als „schwermütige Person“. Man beachte die folgenden diagnostischen Kriterien:

An mehr als der Hälfte aller Tage innerhalb von zwei oder mehr Jahren gibt der Patient an, in einer schwermütigen Stimmung zu sein, oder wird von anderen als schwermütig wahrgenommen. Während der Patient schwermütig ist, treffen üblicherweise zwei oder mehr der folgenden Kriterien ebenfalls auf ihn zu: Verringerter oder erhöhter Appetit Weniger oder mehr Schlaf (Schlafstörung oder Schlafsucht) Erschöpfung oder wenig Energie Verringertes Selbstvertrauen Verringerte Konzentration oder Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen Hoffnungslosigkeit oder Pessimismus Während dieser Zweijahresperiode sind die obigen Symptome niemals für länger als zwei aufeinanderfolgende Monate abwesend. Die Kriterien der Major Depression können in dem 2-Jahres-Zeitraum durchgängig erfüllt sein. Der Patient hatte keine manischen, hypomanischen oder gemischten Episoden. Der Patient hat noch nie die Kriterien der Zyklothymia erfüllt. Die Depression ist nicht Teil einer chronischen Psychose (wie Schizophrenie oder Wahn). Die Symptome sind keine Folge der physiologischen Wirkung einer Substanz (z. B. Substanz mit Missbrauchspotenzial oder Medikament) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors (z. B. einer Schilddrüsenunterfunktion).