mini|Jello Biafra (2014) Jello Biafra (bürgerlich Eric Reed Boucher; * 17. Juni 1958 in Boulder, Colorado) ist ein US-amerikanischer Hardcore- und Punk-Rock-Musiker sowie politischer Aktivist, der als Leadsänger der Punk-Band Dead Kennedys bekannt wurde.
Überblick Nach Auflösung der Dead Kennedys 1986 wurde er Solokünstler. Er brachte mehrere Spoken-Word-Alben heraus und ging musikalische Kooperationen mit Bands wie Ministry (unter dem Namen Lard), No Means No, Mojo Nixon, Eugene Chadbourne, D.O.A. und den Melvins ein. Während seiner gesamten Karriere veröffentlichte er seine Alben auf seinem eigenen Label Alternative Tentacles.
Biafra wurde aktives Mitglied der Green Party und nahm an politischen Aktionen teil, die seinen progressiven politischen Vorstellungen entsprechen. Er selbst sieht sich als demokratischen Anarchisten. Er befürwortet zivilen Ungehorsam, um politische Änderungen zu bewirken, ruft die wahlmüden Amerikaner aber auch regelmäßig zum Wählen von Oppositionsparteien auf. Biafra wurde durch seinen kontroversen Umgang mit den Medien bekannt, um ganz in der Tradition der Anarchisten ernste Themen wie Bürgerrechte, soziale Ungerechtigkeit und die zunehmende Macht der Großkonzerne zu beleuchten.
Name Sein Künstlername ist eine Kombination aus dem Markennamen Jell-O, einer Gelatinespeise, und der nigerianischen Provinz Biafra, die 1967 versuchte, sich von Nigeria abzuspalten. Nach drei Jahren andauernden Kämpfen und entsetzlicher Hungersnot gewann Nigeria schließlich wieder Kontrolle über den im Entstehen begriffenen Staat. Den Namen wählte er gezielt aus, um den für ihn bestehenden Zusammenhang zwischen konsumorientiertem Kapitalismus und der Gewalt in den Dritte-Welt-Ländern zu verdeutlichen.
Leben Jugend und Band mini|hochkant|Biafra live mit den Dead Kennedys Seine Eltern Stanley und Virginia Boucher ermutigten Biafra bereits als Kind, sich über Außenpolitik zu informieren, und so entwickelte er von Kindheit an ein Interesse für dieses Thema. Er verfolgte die aktuellen politischen Nachrichten und zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen zählt das Attentat auf John F. Kennedy. Biafra behauptet, seit 1965, als seine Eltern aus Versehen im Radio einen Rocksender einschalteten, Fan von Rockmusik zu sein. In den 1970er Jahren beteiligte er sich unter dem Eindruck von Ereignissen wie dem Vietnamkrieg, dem Chicago Seven Prozess und dem Kent-State-Massaker an verschiedenen politischen Aktionen.
Seine musikalische Karriere begann er im Januar 1977 als Roadie der Punkband The Ravers (die sich später in The Nails umbenennen sollte). Im Herbst desselben Jahres begann er die University of California, Santa Cruz zu besuchen. Dort verbrachte er ein Vierteljahr damit, Schauspielerei und paraguayische Geschichte zu studieren, ehe er die Universität wieder verließ, um sich in der Punkszene von San Francisco, Kalifornien zu engagieren.
Im Juni 1978 antwortete er auf eine Anzeige des Gitarristen East Bay Ray, mit dem er die Dead Kennedys gründete. Mit der Band trat er anfangs unter dem Künstlernamen „Occupant“ auf, nahm aber kurze Zeit später seinen aktuellen Künstlernamen an. Biafra schrieb die meist politischen Texte der Band, die trotz ihres ernsten Hintergrunds von einem hämischen, manchmal absurden Humor geprägt sind, der sich gleichermaßen im Gesang zeigt, also künstlerisch zu verstehen ist.
Im Juni 1979 gründete Biafra das Label Alternative Tentacles, auf dem die Dead Kennedys ihre erste Single California Uber Alles veröffentlichten. Alternative Tentacles wurde gegründet, um die Alben der Band unabhängig von Major-Labels veröffentlichen zu können, denn diese waren nicht bereit, die Band unter Vertrag zu nehmen, da ihre Lieder für zu kontrovers gehalten wurden.Huey, Steve. „[ Jello Biafra]“ All Music Guide. abgefragt am 20. Februar 2005 Nachdem in England Cherry Red und in den Vereinigten Staaten IRS Records ihr erstes Album Fresh Fruit for Rotting Vegetables herausgebracht hatten, wurden alle späteren Alben der Band (und spätere Nachpressungen von Fresh Fruit…) auf Alternative Tentacles veröffentlicht (Ausnahmen sind Live-Alben, die nach dem Split der Band aus alten Aufnahmen der Band zusammengestellt wurden, was allerdings ohne Zuarbeit Biafras geschah).
Da ihm die Urfassung des Textes zu dem Song Man with the Dogs, die B-Seite der ersten Dead-Kennedys-Single California über alles, nicht auf Anhieb gefiel, wandte Jello Biafra die Cut-up-Technik des Schriftstellers William S. Burroughs an: Jello Biafra zerschnitt auf Papier die einzelnen Songzeilen, schob sie umher und setzte sie willkürlich wieder zusammen, bis dabei ein annehmbarer Text herauskam. So beeinflusste Burroughs’ moderner Umgang mit Sprache Jello Biafras Stil, Songs zu schreiben. Auf dieselbe Weise verfasste Biafra den Text zu Volcanus 2000 (We Wipe the World), ein Song seines Nebenprojekts Lard. Hinterher hebt Jello Biafra die Schnipsel und kleinen Zettel in Klarsichthüllen auf.William S. Burroughs – A Man Within. Dokumentarfilm von Yony Leyser, 2010, 87 Min. - Produziert von Yonilizer Productions und Bulletproof Film
Politische Kandidatur mini|Biafra redet über kalifornische Politik, 2006 Im Herbst 1979 kandidierte Biafra als Bürgermeister von San Francisco. Seinen Wahlspruch lieh er sich vom Jell-O Werbeslogan „There's always room for Jello“. Biafra war ohne ein Wahlprogramm in den Wahlkampf eingestiegen; er schrieb es später während eines Pere-Ubu-Konzerts auf eine Serviette. Auf Wahlkampfveranstaltungen trug Biafra T-Shirts des vorhergehenden Wahlkampfs seines Kontrahenten Quentin Kopp und blies einmal auf dem Rasen einer anderen Mitbewerberin, der damaligen US-Senatorin Dianne Feinstein, Laub. Anhänger Biafras führten ähnlich skurrile Aktionen durch: Zwei bekannte Schilder, die von Anhängern hochgehalten wurden, lauteten zum Beispiel „Wenn er nicht gewinnt, bring ich mich um“ und „Was, wenn er gewinnt?“
Sein Wahlprogramm enthielt unkonventionelle Forderungen. So sollten alle Geschäftsleute gezwungen werden, Clownskostüme zu tragen, und im gesamten Stadtgebiet sollte das Autofahren verboten werden (was von vielen Wählern aber nicht für ungewöhnlich gehalten wurde, da die Stadt zu diesem Zeitpunkt unter beträchtlicher Luftverschmutzung litt). Biafra, der es vorgezogen hätte, für ernstgemeinte Vorschläge in Erinnerung zu bleiben – wie die Legalisierung der Besetzung leerstehender, steuerüberfälliger Gebäude sowie die Möglichkeit, die Polizisten zu wählen, die in der Nachbarschaft patrouillieren –, hat seine Verärgerung darüber ausgedrückt, dass gerade diese Forderungen seines Wahlprogramms zu solcher Berühmtheit gelangten.Biafra, Jello. Running for Mayor. I Blow Minds for a Living. San Francisco: Alternative Tentacles 1991.
Biafra errang mit 3,5 % (6591 Stimmen) das viertbeste Ergebnis. Die Wahl wurde in einer Stichwahl entschieden, die ohne Biafra stattfand (Feinstein wurde schließlich Bürgermeisterin). Als Reaktion auf seinen Wahlkampf (und auf den von Schwester Boom Boom, eines Transvestiten, der ebenfalls kandidierte) verabschiedete die Stadt San Francisco ein Gesetz, das es verbot, unter einem anderen als seinem bürgerlichen Namen zu kandidieren.
Die Dead Kennedys tourten häufig während ihrer gesamten Karriere. Zu Beginn spielten sie in kleinen Clubs in Südkalifornien (vor allem im Whisky a Go Go), dann aber auch in größeren Clubs im ganzen Land, zu denen das legendäre CBGB in New York gehörte. Später traten sie auch vor großem Publikum auf, wie bei den Bay Area Music Awards 1980 (wo sie das berüchtigte Pull My Strings das erste und einzige Mal spielten) oder dem Rock Against Reagan Festival 1983.
Ehe, Prozess, Auflösung Am 31. Oktober 1981 heiratete Biafra Therese Soder alias Ninotchka, Leadsängerin der Punkband The Situations (sie ist als Backgroundsängerin der Lieder Forest Fire und Winnebago Warrior auf dem Dead-Kennedys-Album Plastic Surgery Disasters und auf Drug Me vom Album Fresh Fruit For rotting Vegetables, wo sie auch Synthesizer spielt, zu hören). Die Trauung vollzog Bruce Loose, Sänger und Bassist der Band Flipper; Loose war eigens zu diesem Zweck in die Universal Life Church eingetreten – das heißt, er hatte den erforderlichen Beitrag bezahlt. Die Hochzeit fand auf einem Friedhof statt; der Hochzeitsempfang, an dem Mitglieder von Black Flag, D.O.A. und Flipper teilnahmen, in den Target Video-Studios des Regisseurs Joe Reis.
Die Ehe wurde 1986 während des Frankenchrist-Gerichtsverfahrens geschieden, als Soder mit dem ex-Feederz Leadsänger Frank Discussion durchbrannte, der damals bei ihnen ein und aus ging.
Biafra begann seine Spoken-Word-Karriere im Januar 1986 mit einem Auftritt an der University of California, Los Angeles. Er kombinierte seine Art von Humor mit seinen politischen Überzeugungen, so wie er es auch schon in den Texten der Dead Kennedys getan hatte. Biafra verfolgte diese Karriere nebenbei, nahm aber erst nach der Auflösung der Dead Kennedys ein Spoken-Word-Album auf.
Im April desselben Jahres durchsuchten Polizeibeamte auf eine Beschwerde des Parents Music Resource Center (PMRC) hin Biafras Haus. Im Juni 1986 wurde Biafra vor einem Gericht in Los Angeles angeklagt, auf dem Dead-Kennedys-Album Frankenchrist „schädliche Inhalte“ verbreitet zu haben.Dies war das erste Mal, dass ein Musiker wegen „Unanständigkeit“ verklagt wurde. Viele Quellen geben die 2 Live Crew als die ersten Musiker an, aber ihr Prozess fand erst 3 Jahre später statt Es waren weder Musik noch Texte der Band Gegenstand des Prozesses, sondern ein dem Album beigelegtes Poster: Landscape (auch als Penis Landscape bekannt) von HR Giger, dem surrealistischen Schweizer Künstler, der für seinen Beitrag zu dem Film Alien 1980 einen Oscar erhalten hatte. Das Poster zeigte die künstlerisch verfremdete Nahaufnahme eines Geschlechtsaktes und wurde deshalb als jugendgefährdend angesehen.
Biafra glaubt, dass dieses Verfahren politisch motiviert war; es wurde oft berichtet, dass die PMRC Biafra vor Gericht brachte, um ein Signal an alle Künstler zu senden, die „anstößiges“ Material in ihrer Musik verwenden.Biafra, Jello. The Far Right and the Censorship of Music: An Attack on Freedom of Expression. 17. April 1987 Musikautor Rebbe Garofalo argumentierte, dass Biafra und Alternative Tentacles ins Visier der PMRC geraten sein könnten, da Alternative Tentacles „ein kleines, selbst geleitetes und sich selbst finanzierendes Unternehmen sei, das sich einen langwierigen Prozess kaum leisten konnte“.Garofalo, Reebee. Rockin' Out: Popular Music in the USA. 1997. Seiten 433–434, ISBN 0-205-13703-2 Angeblich hatte eine Familie behauptet, das Poster gefährde ihre Kinder.
Von einer einjährigen Gefängnisstrafe und einem Bußgeld von 2000 $ bedroht, gründete Biafra den „No More Censorship Fund“, eine Stiftung, die von mehreren Punk-Rock-Bands unterstützt wurde und die Biafra helfen sollte, seine Geldstrafen zu bezahlen. Die Jury sprach ihn schließlich mit sieben zu fünf Stimmen frei, und obwohl ein Bezirksanwalt beantragte, den Fall neu aufzurollen, ordnete der Richter an, alle Anschuldigungen gegen Biafra fallenzulassen. Die Dead Kennedys lösten sich im Dezember 1986 wegen ansteigender Prozesskosten auf und Biafra konzentrierte sich auf die Karriere als Spoken-Word-Künstler. Seine ersten Spoken-Word-Alben, die sich stark auf den Prozess bezogen (besonders High Priest Of Harmful Matter), machten ihn für seine Anti-Zensur-Haltung berühmt.
Neuanfang 1988 gründete Biafra mit Al Jourgensen von Ministry die Band Lard. Die Band wurde ein Nebenprojekt der Mitglieder von Ministry, in dem Biafra den Gesang übernahm. Während Biafra 1989 am Film Terminal City Ricochet arbeitete, nahm er für den Soundtrack des Films ein Lied mit D.O.A. auf. Daraus resultierte ihr gemeinsames Album Last Scream Of The Missing Neighbors. Biafra hatte auf dem Soundtrack auch mit No Means No zusammengearbeitet, was im darauffolgenden Jahr zu ihrer Kooperation auf dem Album The Sky Is Falling And I Want My Mommy führte.