Bosniaken (, Sg.: , auch Bosnische Muslime) sind eine südslawische Ethnie mit etwa drei Millionen Angehörigen, davon über zwei Millionen primär in Bosnien und Herzegowina, aber auch in Serbien, Montenegro (Sandžak), Kosovo, Albanien und Kroatien. In diesen Ländern sind sie zum Teil als ethnische Minderheit staatlich anerkannt. Ethnische Säuberungen während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995 haben ihre Verteilung in Bosnien und Herzegowina sehr verändert. Über eine Million ausgewanderter oder während des Bosnienkrieges geflüchteter Bosniaken leben heute verteilt auf der ganzen Welt, insbesondere in der Türkei, Deutschland, Österreich, Schweiz, Schweden, Norwegen, Australien, Kanada und den USA (insbesondere in St. LouisCommittee on Foreign Relations, US Senate, The Ethnic Cleansing of Bosnia-Hercegovina, (US Government Printing Office, 1992)).

Die meisten Bosniaken sprechen Bosnisch, eine Standardvarietät des Serbokroatischen. Sie sind seit dem 15. und 16. Jahrhundert mehrheitlich zum Islam konvertiert.

Ethnonym Herkunft des Landesnamens Die slawischen Siedler, welche im Zuge der Landnahme der Slawen auf dem Balkan im heutigen Bosnien und Herzegowina siedelten, übernahmen den Namen ihrer neuen Heimat von den einheimischen Illyrern, im Gegensatz zu den Kroaten und Serben, welche die neue Heimat nach sich selbst benannten (Kroatien, Serbien). Die Illyrer nannten ihr Land nach dem Oberlauf des Flusses Bosna, dessen alter Name nicht mehr bekannt ist. Man geht aber davon aus, dass der Flussname auch bei den Illyrern die Wurzel „Bos“ enthielt.

Die früheste heute bekannte Nennung des Flusses stammt aus dem Jahr 8 unserer Zeitrechnung von Velleius Paterculus im Rahmen seiner Beschreibung des Großen Aufstandes in den Jahren 6 bis 9, in der von der Niederlage der pannonischen Einheiten am 3. August des Jahres 8 in der Nähe des Flusses Bathinus flumen die Rede ist. Eine weitere lateinische Bezeichnung ist Basan. Diese Namen entstammen aber wie auch der Name Bosna der ursprünglichen illyrischen Bezeichnung.Salmedin Mesihović: „Thallóczy und die Untersuchung der Bezeichnung „Bosna“.“ o. O. o. J.

Die früheste Nennung des Landesnamens stammt von Konstantin Porphyrogenitus aus dem 10. Jahrhundert (cwrinon Bosona).

Bošnjani (Mittelalter) Aus dem Landesnamen entstand später die Bezeichnung Bošnjani (Sg.: Bošnjanin; lat. Sg.: Bosnensis; ital. Pl.: Bosignani), mit der die Einwohner des Territoriums des frühen spätmittelalterlichen Bosniens bezeichnet wurden. Je nach politischem Motiv wurden die Bewohner der neu eroberten Gebiete auch als Bošnjani bezeichnet. Ob es einen Zusammenhang zwischen der Religionszugehörigkeit und dem Ethnonym gab, ist umstritten.Pejo Ćošković: „Veliki knez bosanski Tvrtko Borovinić.“ Zagreb 1996.

Eines der ältesten Dokumente, das die Bezeichnung Bošnjani verwendet, stammt von Stjepan II. Kotromanić um das Jahr 1322, dort heißt es: „dobri Bošnjani“ (deutsch gute Bošnjane/Bosnier/Bosniaken). Das Ethnonym wurde zu dieser Zeit fast immer mit dem Adjektiv gut verbunden.Mak Dizdar: „Stari bosanski tekstovi.“ Sarajevo 1969.Lejla Nakaš: „Konkordancijski rječnik ćirilskih povelja srednjovjekovne Bosne.“ Sarajevo 2011.

Bošnjaci (Osmanisches Reich) Mit der Eroberung durch das Osmanische Reich im 15. Jahrhundert kam es langsam zu einer Änderung der bosnischen Sprache; Wörter mit den Endungen „-ak“ wurden häufiger gebraucht (wie Poljak oder Slovak). Mit der Stabilisierung der osmanischen Herrschaft wurde Bošnjanin von Bošnjak (pl.: Bošnjaci) abgelöst. Während der osmanischen Herrschaft wurde die gesamte Bevölkerung Bosniens als Bošnjaci bezeichnet. Im Zuge der kroatischen und serbischen Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts bezeichneten sich katholische und orthodoxe Einwohner Bosniens zunehmend als Kroaten bzw. Serben. Eine echte Eigenbezeichnung der heutigen Bošnjaci gab es zu dieser Zeit nicht, da es auf muslimischer Seite zunächst keinen Nationalismus in dem Sinne gab. Man fühlte sich als Teil einer großen islamischen Gemeinschaft.Mustafa Imamović: Historija Bošnjaka. Sarajevo 1997. Bošnjaci lebten während dieser Periode überwiegend im Eyâlet Bosnien.

Muslimani (Österreich-Ungarn) Nach dem Okkupationsfeldzug und somit dem Beginn der Herrschaft Österreich-Ungarns wurde von den Besatzern der Begriff Muhamedanci oder Muhamedovci (Muhammedaner) verwendet, mit dem sich aber die Bosniaken nicht anfreunden konnten. Die Bevölkerung bezeichnete sich weiterhin als Bošnjak oder Turčin (Türke), wobei letzteres als Eigen- und Fremdbezeichnung von Muslimen auf dem ganzen Balkan verwendet wurde. Gleichzeitig kam der Begriff Musliman (Muslim) auf. Im Österreich-Ungarischen Militär wurde jedoch von je her der Begriff „Bosniaken“ verwendet. Im Jahre 1900 wurde dann offiziell Muhamedanci durch Musliman ersetzt, was die Bevölkerung dann auch akzeptierte.

Jugoslawien Zur Zeit des Königreichs Jugoslawien wurde die Existenz eines eigenen Volkes bestritten, man konnte sich bei den Volkszählungen in keiner Weise als Bošnjak oder Muslim bezeichnen. Stattdessen standen die Optionen „muslimischer Kroate“ und „muslimischer Serbe“ zur Verfügung, welche jedoch von führenden bosnischen Politikern wie dem Präsidenten der Jugoslawischen Muslimischen Organisation Mehmed Spaho abgelehnt wurden.

Auch zur Zeit des sozialistischen Jugoslawien wurde die Existenz einer eigenen Ethnie zunächst bestritten; bei der ersten Volkszählung 1948 konnte man sich nur als Srbin-musliman (muslimischer Serbe), Hrvat-musliman (muslimischer Kroate) oder neopredjeljen-musliman (ethnisch indifferenter Muslim) bezeichnen. 1953 wurden alle Optionen, sich als Muslim zu bezeichnen – in welcher Form auch immer – gestrichen. Stattdessen wurde der Begriff Jugoslawe eingeführt. 1961 wurde Musliman jugoslovenskog porijekla (Muslim jugoslawischer Herkunft) vorgegeben. 1968 schließlich wurden – im Zuge einer beginnenden allgemeinen Dezentralisierung des Staates – die Muslime im ethnischen Sinn zum sechsten jugoslawischen Staatsvolk erklärt. Ab 1971 konnte man sich bei Volkszählungen als Musliman u smislu narodnosti (Muslim im ethnischen Sinn) bezeichnen.

Gegenwart mini|Die „Lilienflagge“ war von 1992 bis 1998 die Flagge der Republik Bosnien und Herzegowina. Die Lilie (bosnisch: Ljiljan) gilt als Nationalsymbol der Bosniaken. Als ab 1989 der Zerfall Jugoslawiens begann, erfolgte eine Rückbesinnung auf den alten Begriff Bošnjak. Ab 1993 wurde er in Bosnien wieder offiziell verwendet; seitdem identifizieren sich hauptsächlich Bevölkerungsgruppen muslimischer Herkunft von Bosnien und Herzegowina und des Sandschaks mit dem Begriff sowie viele muslimische südslawische Minderheiten in Südosteuropa. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um praktizierende Muslime handelt oder solche, die kulturell und familiär einen muslimischen Hintergrund haben. Es gibt auch Goranen, die sich als Bosniaken sehen. Heute sind die Bošnjaci verfassungsmäßig eines der drei konstitutiven Völker von Bosnien und Herzegowina.

Für die Ergebnisse der Volkszählung im Oktober 2013 wurde im Vorfeld erwartet, dass sich ein nennenswerter Anteil der bosnischen Einwohner als Bosnier oder Herzegowiner identifiziert, also eine territoriale anstatt ethnische Bezugsgröße wählen könnte. Je nach Größe dieser Gruppe würde dies das im Dayton-Vertrag etablierte Proporzsystem zwischen den drei „offiziellen“ Ethnien des Landes in Frage stellen.Andreas Ernst: „Bosnjak, Serbe, Kroate oder gar Bosnier“. In: Neue Zürcher Zeitung vom 15. Oktober 2013. Die Bosniaken stellen nach der Volkszählung 2013 mit 50,11 % die Mehrheit der Bevölkerung.Volkszählung 2013

Geschichte

Ursprung Die frühen Slawen, ein ethnischer Verband nordosteuropäischer Herkunft, etablierten sich nach dem 6. Jahrhundert im Zuge der sogenannten Völkerwanderungszeit im Gebiet des heutigen Bosnien und Herzegowina sowie in den angrenzenden Territorien. Ihre Sozialstruktur war durch kleinere Stammesgemeinschaften geprägt, die in eine übergeordnete slawische Konföderation integriert waren, welche in den byzantinischen Quellen unter der Bezeichnung Sklavinen überliefert ist. Die verwandten Anten hingegen kolonisierten in etwa zeitgleich die östlichen Regionen der Balkanhalbinsel.

In der neueren anglophonen Forschung wird die Rolle großräumiger Wanderungsbewegungen zunehmend relativiert. So argumentiert etwa Timothy E. Gregory, dass die Bevölkerung des Balkans nach den sogenannten slawischen „Invasionen“ im Kern weitgehend identisch mit jener der vorangegangenen Zeit geblieben sei. Zwar hätten die Herausbildung neuer politischer Strukturen und die Ansiedlung kleinerer Gruppen von Zuwanderern zu einem veränderten Selbstverständnis geführt, welches die Abgrenzung von den Nachbarn – einschließlich der Byzantiner – förderte, doch sei von einer umfassenden ethnischen Ersetzung nicht auszugehen.

Demgegenüber deutet das archäologische Befundmaterial auf eine erhebliche Entvölkerung zahlreicher Regionen hin. Diese wird in der Forschung teilweise als Folge einer gezielten byzantinischen Umsiedlung interpretiert, bei der nach 620 n. Chr. Bevölkerungen aus den provinziellen Hinterlandgebieten in die stärker befestigten Küstenstädte verlegt wurden. Mittelalter

Der West-Balkan wurde durch den byzantinischen Herrscher Justinian I. von den Barbaren zurückerobert. Slawen (Sclaveni) überfielen den Balkan, einschließlich auch Bosnien im 6. Jahrhundert. De Administrando Imperio (ca. 960) erwähnte Bosnien (Βοσωνα/Bosona) als kleines Land (χοριον Βοσωνα/horion Bosona) und als Teil Serbiens. Der amerikanische Historiker John Van Antwerp Fine Jr. glaubt, dass der westliche Teil Bosniens zu Kroatien und der östliche Teil zu Serbien gehörte.

Nach dem Tod des serbischen Gespanen Časlav Klonimirović (ca. 927–960) schien Bosnien immer mehr politisch unabhängiger von Serbien zu werden. Bulgarien griff kurze Zeit später, zur Jahrhundertwende, Bosnien an, welches dann Teil des Byzantinischen Reiches wurde. Im 11. Jahrhundert war Bosnien Teil des südslawischen Staates Duklja. 1137 annektierte das Königreich Ungarn die Region Bosniens, verlor es kurze Zeit an das Byzantinische Reich, bevor es die Region in den 1180er wieder zurückgewinnen konnte. Nach mehrfachen Wechseln zwischen regionalen Mächten entstand ein unabhängiger bosnischer Staat im 12. Jahrhundert unter ungarischer Oberhoheit.

Banat Bosnien und die bosnische Kirche

mini|hochkant=0.8|links|Stećci, welche verteilt in ganz Bosnien und Herzegowina liegen und in Verbindung mit der bosnischen Kirche gebracht werden. mini|hochkant=0.5|Der Hval-Codex ist eine im 15. Jahrhundert illuminierte Handschrift und eine der bekanntesten Schriften in der Bosančica. Christliche Missionierungen, ausgehend aus Rom und Konstantinopel, hatten seit dem 9. Jahrhundert auf dem Balkan ihren Lauf genommen und etablierten die katholische Kirche in Kroatien, während die orthodoxe Kirche in Bulgarien, Makedonien und in den meisten Teilen Serbiens errichtet wurde. Bosnien, welches dazwischen liegt, blieb als Niemandsland. Im 12. Jahrhundert waren wahrscheinlich die meisten Bosnier in einer nominellen Form des Katholizismus beeinflusst, gekennzeichnet durch einen weit verbreiteten Analphabetismus in der Bevölkerung und mangelnden Kenntnissen in Latein unter den bosnischen Geistlichen. Um diese Zeit gründete der bosnische Ban Kulin die bosnische Kirche. Ihre Anhänger wurden meistens als Dobri Bošnjani (gute Bosnier), Bošnjani (Bosnier), Krstjani (Christen), dobri mužje (gute Männer) oder als dobri ljudi (gute Menschen) bezeichnet. Die späteren Besatzer, die Osmanen, nannten sie Kristianlar, während sie die katholische und orthodoxe Bevölkerung als gebir oder kafir (Ungläubige) bezeichneten.

Königreich Bosnien