mini|hochkant=1.2|Ungefähre Ausdehnung der Serbokroatischen Sprache
Serbokroatisch oder Kroatoserbisch (serbokroatisch oder bzw. kyrillisch oder )Weitere verwendete Bezeichnungen sind Kroatisch oder Serbisch () und Serbisch oder Kroatisch (), Kroatisch-Serbisch () bzw. Serbisch-Kroatisch (). ist eine plurizentrische Sprache aus dem südslawischen Zweig der indoeuropäischen Sprachen. Sie basiert in allen ihren Standardvarietäten auf der štokavischen Dialektgruppe. Ihr Sprachraum umfasst das heutige Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und den Nord-Kosovo (Reihenfolge nach Sprecherzahlen absteigend). In der Linguistik wird alternativ auch die Bezeichnung Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (kurz B/K/S oder BKS) oder Bosnisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbisch (kurz BKMS) verwendet (Reihenfolge alphabetisch). Umgangssprachlich ist der Begriff (serbokroatisch für ‚unsere Sprache‘) bzw. geläufig, um eine ethnische Zuordnung zu umgehen.
Erstmals wurde der Begriff Serbokroatisch (als Adjektiv serbisch-croatisch) im Jahr 1824 von Jacob Grimm im Vorwort seiner Übersetzung der Kleinen Serbischen Grammatik von Vuk Stefanović Karadžić erwähnt.Wuk’s Stephanowitsch kleine Serbische Grammatik, verdeutscht und mit einer Vorrede von Jacob Grimm. Nebst Bemerkungen über die neueste Auffassung langer Heldenlieder aus dem Munde des Serbischen Volks, und der Uebersicht des merkwürdigsten jener Lieder von Johann Severin Vater. G. Reimer, Leipzig und Berlin 1824, S. XX. Einige Jahre später, 1836, wurde dieser Ausdruck erneut vom Philologen Jernej Kopitar in einem Brief benutzt. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Serbokroatisch die offizielle gemeinsame Standardsprache der Serben, Kroaten, Bosniaken und Montenegriner.Nina Janich, Albrecht Greule: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Narr, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-5873-1, S. 264. Diese Entwicklung wurde von den Behörden Österreich-Ungarns gefördert, vor allem von den Kroaten aber auch teilweise abgelehnt. 1907 wurde in Bosnien als erstem Balkanland offiziell die „serbo-kroatische Sprache“ () als Amtsbezeichnung in Schulen und öffentlichen Institutionen eingeführt. In ganz Jugoslawien wurde diese Bezeichnung erst 1954 nach dem Abkommen von Novi Sad eingeführt.Nedad Memić: „Diese Worte sind bereits gang und gäbe.“ Zur Internationalisierung des bosnischen Wortschatzes nach der k. u. k. Okkupation. In: Clemens Ruthner, Tamara Scheer (Hrsg.): Bosnien-Herzegowina und Österreich-Ungarn 1878–1918: Annäherung an eine Kolonie. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2018, S. 359–372, hier S. 363; Alojz Ivanšević: Getrennt durch die „gemeinsame Sprache“. Sprache als Politikum in kroatisch-serbischen Beziehungen und Konflikten vor der Entstehung Jugoslawiens. In: Wolfgang Müller, Michael Portmann, Marija Wakounig (Hrsg.): Nation, Nationalitäten und Nationalismus im östlichen Europa. Festschrift für Arnold Suppan zum 65. Geburtstag. LIT Verlag, Wien 2010, S. 307–330, hier S. 328. Nach dem Zerfall Jugoslawiens war Serbokroatisch von 1992 bis 1995 noch die Amtssprache der Republik Bosnien und Herzegowina. Nach dem Zerfall Jugoslawiens nutzten Serbien und Montenegro weiterhin Serbokroatisch als de facto Amtssprache, bis sich diese 2003–2006 bestehende Bundesrepublik Jugoslawien auflöste, bevor die betreffenden Sprachstandards sich aus politisch motivierten Gründen auseinander entwickelten, was durch die konsequente Anwendung der eigenständigen Bezeichnungen Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch unterstrichen wurde. Serbokroatisch verlor damit endgültig seinen politischen Status.
Der Status der Standardvarietäten des Serbokroatischen als voneinander unabhängige Sprachen ist sprachwissenschaftlich umstritten. Rezension: Predrag Piper, in: Acta Slavica Iaponica, 27, 201-20. Greenberg vertritt die Auffassung, ein Verbleib beim derzeitigen Status quo der Existenz verschiedener Sprachen sei sinnvoll. „... and the break-up of the unified language into two of its components – Serbian and Croatian – in itself was not surprising, given the unwillingness of both sides to give up their respective dialects, alphabets, writing systems, and approaches on issues related to vocabulary“. Greenberg 2004, S. 57, cit.n.: Rezension: Greenberg, R.D., Language and Identity..., verfasst von: Christian Voss, in: Zeitschrift für Balkanologie 42, 2006, 1+2, S. 282. Der Verfasser grenzt sich von Greenbergs These ab.: „...Where no such desire for a common linguistic- cultural identity exists, there can be no justification for insisting on the existence of a polycentric standard language as opposed to two or more independent standard languages. This, we argue, is the case with Croatian and other closely related standard varieties previously subsumed under the label ‘Serbo-Croatian’. ...“ Während einige Autoren von leicht voneinander abweichenden Realisierungen einer MakrospracheLewis, M. Paul (ed.), 2009. Ethnologue: Languages of the World, Sixteenth edition. Dallas, Tex.: SIL International. ISBN 978-1-55671-216-6., Poglavlje Serbo-Croatian : A macrolanguage of Serbia (ISO 639-3: hbs) und somit einem einheitlichen Sprachsystem ausgehen, betonen andere die dialektale Unterschiedlichkeit und die Notwendigkeit eines politischen Willens zur Vereinheitlichung, der zurzeit nicht gegeben ist. Die Lage der serbokroatischen Sprache entsprach in der Soziolinguistik ungefähr der Situation der englischen Sprache (britische, amerikanische, kanadische, australische und neuseeländische Variante) und der deutschen Sprache (deutsche, österreichische und schweizerische Variante).Nina Janich, Albrecht Greule (Hrsg.): Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, S. 261.
Definition und Glottonyme
Trotz der aktuellen sprachwissenschaftlichen Einschätzung des Problems wird der Ausdruck Serbokroatisch insbesondere in Kroatien und Serbien kaum noch verwendet. Der variablen Verwendung des Sprachbegriffes entsprechend, ist das international etablierte Glottonym heute zu einem umkämpften Ausdruck geworden. Nach Meinung mancher Linguisten ist es eine zusammenfassende Bezeichnung für Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch. Umstritten ist, ob Serbokroatisch eine Sprache oder eine Sprachunterfamilie ist. Die schriftsprachlichen Varietäten des Serbokroatischen beruhen alle auf Formen des štokavischen Dialektes und stimmen im größten Teil der Grammatik und des Wortschatzes überein, unterscheiden sich jedoch in anderen Teilen des Wortschatzes, in vielerlei Details der sprachlichen Norm und im Gebrauch unterschiedlicher Alphabete (im Kroatischen und Bosnischen überwiegend das lateinische, im Serbischen und Montenegrinischen überwiegend das kyrillische Alphabet).
Ob es sich um Varietäten einer einzigen Sprache oder um vier eng verwandte eigenständige Sprachen handelt, ist sowohl in der Sprachwissenschaft (vor allem an Lehrstühlen innerhalb der betroffenen Länder) als auch unter manchen Sprechern selbst umstritten. Beispielsweise sind die Unterschiede zwischen dem Standardserbischen und dem Standardkroatischen viel kleiner als die Unterschiede zwischen etlichen kroatischen Dialekten.
Die Alternativbezeichnung Mittelsüdslawisch oder Zentralsüdslawisch wurde 1992 von Dalibor Brozović geprägt,Vgl. Dalibor Brozović, “Serbo-Croatian as a pluricentric language”, in: Pluricentric languages. Differing norms in different nations. Hg. Michael Clyne. Berlin, New York 1992, S. 347–380; sowie ders., „Lingvistički nazivi na srednjojužnoslavenskom području“, in: Jezik i demokratizacija / Language and democratization, Sarajevo 2001, S. 25–32. um den „durch eine quälende Vergangenheit kompromittierten“ Terminus „Serbokroatisch“ zu ersetzen.Dalibor Brozović, „Aktualna kolebanja hrvatske jezične norme u slavenskome i europskom svjetlu“, in: Croatica 45/46 (1997), S. 17–33, S. 19. Bisher wird er allerdings hauptsächlich von diesem selbst benutzt, während die Linguistik teilweise die Abkürzungen B/K/S oder BKS für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch oder BKMS für Bosnisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbisch verwendet.
Geschichte Traditionelle schriftsprachliche Varietäten Die Geschichte der südslawischen Völker und infolgedessen auch der südslawischen Sprachen verlief über Jahrhunderte im Bereich der Literatur und der Sprachentwicklung aufgrund der über 500 Jahre dauernden unterschiedlichen Zugehörigkeit des Großteils der Serben zum Osmanischen Reich und der Mehrheit der Kroaten zum Habsburgerreich voneinander größtenteils getrennt.
Sowohl bei den Kroaten als auch bei den Serben entwickelten sich schriftsprachliche Varietäten auf der Grundlage des štokavischen Dialektes, jedoch keine einheitliche, nationalitätenübergreifende Norm. Gleichzeitig existierten bei den Kroaten auch schriftsprachliche Formen des Kajkavischen und des Čakavischen, während bei den Serben bis zur frühen Neuzeit das Kirchenslawische als Schriftsprache verwendet wurde. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts setzte sich durch den russischen Einfluss auf die orthodoxen slawischen Völker des Osmanischen Reiches bei den Serben die russische Form des Kirchenslawischen durch, neben die für weltliche Texte eine serbisch-russisch-kirchenslawische Mischsprache trat, die als Slawenoserbisch (slavenosrpski, auch slavjanoserbski) bezeichnet wird.
Standardisierung im 19. Jahrhundert In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfolgte die illyrische Bewegung im habsburgischen Kroatien das Ziel, auf der Grundlage des Štokavischen eine einheitliche Schriftsprache möglichst für alle Südslawen (anfangs einschließlich der Slowenen und der Bulgaren), zumindest aber für alle Kroaten zu entwickeln. Ljudevit Gaj, der wohl wichtigste Vertreter des Illyrismus, ging in seiner Zeitschrift Danica ‚Morgenstern‘ 1836 vom Kajkavischen der Region um Zagreb zum Štokavisch-Ijekavischen über. Als Vorbild diente dabei vor allem die traditionelle Schriftsprache Dubrovniks. Auf dem Gebiet der Orthographie orientierten sich die Illyristen am Lateinalphabet des Tschechischen. Die aus diesem übernommenen Buchstaben mit Sonderzeichen č, š, ž, ě sowie das aus dem Polnischen übernommene ć traten an die Stelle verschiedener zuvor verwendeter, regional unterschiedlicher Digraphen.
Gleichzeitig waren bei den Serben Vuk Karadžić und seine Anhänger bestrebt, das Kirchenslawische als Schriftsprache durch die štokavische Volkssprache zu ersetzen. Von 1813 an verfasste Vuk Karadžić zahlreiche Arbeiten über die und in der serbischen Volkssprache – eine Grammatik, ein Wörterbuch, Sammlungen von Volksliedern und eine Bibelübersetzung. Ziel der Reform sollte eine an der gesprochenen Volkssprache orientierte Schriftsprache sein, deren Orthographie ausschließlich der Aussprache folgen sollte (gemäß seinem Leitspruch: ). Durch eine radikale Reform des kyrillischen Alphabetes des Serbischen erreichte er, dass in diesem seitdem jedem Phonem genau ein Buchstabe entspricht. Karadžić verwendete dabei überwiegend den heute als „Ostherzegowinisch“ bezeichneten štokavisch-ijekavischen Dialekt, wie er in der östlichen Herzegowina, im nördlichen Montenegro und im Südwesten Serbiens, woher er selbst stammte, gesprochen wird.
Unter diesen Umständen kam es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Zusammenarbeit kroatischer und serbischer Linguisten bei der Normierung einer gemeinsamen Schriftsprache auf der Grundlage des štokavischen Dialektes.