mini|Walther von der Vogelweide (Codex Manesse, um 1300) Walther von der Vogelweide (* um 1170, Geburtsort unbekannt; † um 1230, möglicherweise in Würzburg) gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Er dichtete in mittelhochdeutscher Sprache.
Quellen für Walthers Leben Trotz seiner Berühmtheit findet sich Walthers Name abgesehen von Nennungen bei Dichterkollegen nur in einer zeitgenössischen schriftlichen Quelle, nämlich in den Reisekosten des Passauer Bischofs Wolfger von Erla für den 12. November 1203, in Zeiselmauer (zwischen Tulln an der Donau und Klosterneuburg): Walthero cantori de Vogelweide pro pellicio v solidos longos („Walther, dem Sänger aus Vogelweide, für einen Pelzmantel fünf Schilling“, wörtlich „lange Solidi“).Hedwig Heger: Das Lebenszeugnis Walthers von der Vogelweide. Wien 1970, S. 85 ff. Kleriker aus der Umgebung des Bischofs erhielten in diesen Tagen (Anfang November) Pelzmäntel um etwa denselben Wert oder knapp darunter. Das zeigt, dass Walther sich etwa so gut kleiden durfte wie die engeren Mitarbeiter („Beamte“) des Bischofs, und veranschaulicht so seine soziale Stellung.Reichert 2005, S. 475.
mini|ohne|hochkant=2|Einzige urkundliche Erwähnung Walthers, 1203
Daneben stammen alle Informationen über Walthers Leben aus seinen eigenen Liedern und aus Erwähnungen bei zeitgenössischen Dichtern. Positiv erwähnt wird Walther von: Wolfram von Eschenbach im ParzivalWolfram, Parzival 297,24. und Willehalm:Wolfram, Willehalm 136,8 und 286,19; vermutlich auch 417,25. Walther ist der Dichter, den Wolfram, trotz Spott über Walthers Charakter und Persönlichkeit, mit größtem Respekt vor seiner Dichtung erwähnt; Gottfried von Straßburg im Tristan: er bezeichnet Walther als den nach Reinmars von Hagenau Tod größten Lyriker.Gottfried, Tristan, v. 4800 ff.
Negativ wird Walther beurteilt von: Thomasîn von Zerclaere im Wälschen Gast: er äußert sich sehr kritisch über Walthers papstfeindliche Haltung; Ulrich von Singenberg (Truchsess von St. Gallen) in einer Parodie auf Walthers anscheinend als Bettelei und Lobhudelei empfundene Bitte an König Friedrich II. um ein Lehen.
Negative Kritik wird in der Literatur meist nicht durch eine namentliche Nennung, sondern nur durch eine Anspielung auf den Gegner gebracht, die ein gebildetes Publikum erkennen lässt, wer gemeint ist. Man weiß heute oft nicht genug, um einen persönlichen Angriff eindeutig identifizieren zu können. Deshalb wird zum Teil bezweifelt, dass sich einige Attacken Reinmars von Hagenau und Neidharts von Reuental gegen Walther richten. Die meisten Forscher halten aber neben der literarischen Fehde Walthers mit Reinmar auch die zwischen ihm und Neidhart für nachweisbar.
Wenig Wert haben spätere Erwähnungen wie in der Klage Reinmar von Brennenbergs über das Dahinscheiden der großen alten Sänger (Wol mich des tages). Nicht sicher beurteilbar ist die Glaubwürdigkeit der Angaben Michaels de Leone über Walthers Grab.
Walther wurde von anderen Dichtern Herr genannt, was aber nicht beweist, dass er adliger Abstammung war. Die Herkunftsangabe Vogelweide weist jedenfalls darauf hin, dass er nicht zum höheren Adel, der seine Namen von Burgen oder Dörfern nahm, sondern bestenfalls zum unfreien Dienstadel der Ministerialen gehörte. Gegen adlige Herkunft spricht weiterhin, dass Walther nie als Zeuge auf Urkunden auftritt, also anscheinend nicht als zeugenfähig galt.
Überlieferung Von Walther sind 500 Strophen in über 110 Tönen bzw. – inhaltlich gruppiert – 90 Lieder (Minnelieder) und 150 Sangsprüche überliefert; außerdem ein religiöser Leich (der, je nachdem welche Fassung man der Interpretation zugrunde legt, ein Dreifaltigkeits- oder ein Marienleich ist). Walthers Werküberlieferung ist damit neben der Neidharts und Frauenlobs die umfangreichste des deutschen Mittelalters.
Schon im 13. Jahrhundert gehörte er zu den allerersten Vorbildern, später zu den zwölf alten Meistern der Meistersinger. Die erste moderne Ausgabe seiner Werke stammt von Karl Lachmann (1827). Verweise auf Walthers Gedichte erfolgen immer auf Seite und Zeile dieser Ausgabe;Zum Beispiel: L 3,1 = das in Lachmanns Ausgabe auf Seite 3, Zeile 1 beginnende Gedicht; das wäre der Leich. neuere Ausgaben beziehen sich darauf.
Die bei weitem umfangreichste Sammlung von Walthers Gedichten befindet sich in der so genannten „Großen Heidelberger Liederhandschrift“, einer Prachthandschrift, die um 1300 (von manchen etwas später datiert) verfertigt wurde; möglicherweise für den Zürcher Bürger und Ratsherrn Rüdiger Manesse. In den kritischen Ausgaben wird sie immer mit der Sigle C bezeichnet.
Weitere wichtige Handschriften, die Strophen Walthers enthalten, sind: Die Kleine Heidelberger Liederhandschrift, Sigle A, enthält ca. 180 Strophen Walthers (einige davon unter den Namen anderer Autoren). Sie stammt noch aus dem 13. Jahrhundert. Die Weingartner Liederhandschrift, B. Sie entstand um 1300 in Konstanz, enthält 112 Strophen Walthers und steht in Text und Abbildungen C am nächsten. Eine andere, wie C in Heidelberg aufbewahrte Handschrift, D, enthält nur 12 Sprüche und 6 Liedstrophen Walthers, ist aber alt (spätes 13. Jahrhundert; vielleicht etwas älter als A) und vor allem sorgfältig und aus einer erstklassigen Quelle abgeschrieben. Zwar erst aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, aber umfangreich und mit einigen Strophen, die in den älteren Handschriften fehlen, ist E, des als Würzburger Liederhandschrift bezeichneten zweiten Teils vom Hausbuch des Michael de LeoneHorst Brunner: Das Hausbuch des Michael de Leone (Würzburger Liederhandschrift) der Universitätsbibliothek München (2° Cod. ms. 731) in Abbildungen hrsg. (= Litterae. Band 100). Göppingen 1983. (212 Strophen Walthers erhalten; jedoch ist es defekt: mitten in der ‚Elegie‘ beginnt eine größere Lücke, die bis über das Ende von Walthers Œuvre hinausreicht). Noch aus der Zeit um 1230, wahrscheinlich knapp nach Walthers Tod, stammt die Handschrift der Carmina Burana, M, die nur drei Strophen Walthers enthält. Dennoch ist sie lehrreich: Zwar steht sie Walther zeitlich nahe, dennoch ist ihr Text nicht besser als der von A oder C. Ähnlich ist es mit den Anfangsversen von Walthers Preislied, mit denen Ulrich von Liechtenstein im Jahre 1227 von seinem Boten begrüßt worden sein will (so schreibt er im 1255 verfassten „Frauendienst“). Darin befindet sich nur ein Wort (ir frâget mich in der 4. Zeile statt nû frâget mich in der Walther-Überlieferung der Liederhandschriften), das in keiner der Liederhandschriften steht. Ulrich ist durch seine Nähe zum österreichischen Hof (er war Ministeriale des Herzogs) ein so guter Zeuge und die Handschrift des Frauendienstes so sorgfältig, dass der Wert seines Zitates die Walther-Überlieferung aufwiegt, aber der Erfolg der Vergleichung ist unbedeutend. Die Sammler der Zeit gegen 1300 hatten also gute alte Vorlagen; die meisten Fehler scheinen schon zwischen den ‚Originalen‘ und den ersten sorgfältigen Sammlungen entstanden zu sein. Ob Walther selbst Niederschriften seiner Lieder veranlasst oder gar überwacht hat, wissen wir nicht. Die Tradition zur Entstehungszeit war zu einem guten Teil mündlich und daher notwendigerweise ungenau.
Die große Heidelberger Liederhandschrift C enthält Gedichte von über 100 Autoren des 12. und 13. Jahrhunderts; mehrere Schreiber haben an ihr gearbeitet. In ihr befindet sich auch das berühmte Bild Walthers, das dem ‚ersten Reichsspruch‘ nachempfunden ist: Walther, wie er (traurig bzw. melancholischGretel Hecht, Wolfgang Hecht: Deutsche Spielmannserzählungen des Mittelalters. Leipzig (1977 und) 1982, S. 232.) ûf eime steine sitzt (ein ähnliches, aber nicht so sorgfältig ausgeführtes Bild findet sich in B). Sie enthält 440 Strophen Walthers und den Leich. C hat für Walther mehrere kleinere, inzwischen verlorene ältere schriftliche Liedersammlungen benutzt; darunter sowohl solche, die auch A benutzt hat, als auch eine, die auch B benutzt hat, als auch eine, die auch E benutzt hat, sowie manches aus verstreuter Einzelüberlieferung. Stellenweise hat C Platz gelassen für Nachträge einzelner Strophen oder Lieder, die man noch zu erhalten hoffte; manche Nachträge erfolgten dann tatsächlich, manche Lücken blieben leer. Anscheinend wollte C alles sammeln, was man um 1300 an Werken Walthers noch kannte.
Trotz dieses Sammeleifers ist C nicht ganz zuverlässig: ‚unbedeutende‘ Wörter, die anscheinend für den Sinn nicht wesentlich sind, sind oft durch andere ersetzt. Ein ‚nun‘ oder ‚da‘ mehr oder weniger in einer Zeile oder ein ‚schön‘ statt ‚gut‘ oder umgekehrt war bei mündlichem Vortrag der Lieder durch Sänger schon zur Zeit Walthers nicht konstant zu halten, und in die Sammelhandschriften scheinen altbekannte Strophen oft nicht so gekommen zu sein, wie der jeweilige Schreiber sie auf der schriftlichen Vorlage vor sich liegen, sondern wie er sie in seiner Erinnerung hatte. mini|hochkant|Variante der Weingartner Abbildung
Leben und Werk Das meiste weiß man über Walther aus seinen Werken. Fragen zu seiner Biographie sind vor allem dann wichtig, wenn sie die Dichtungen verstehen helfen. Dazu gehören nicht die Diskussionen, wo Walther geboren wurde oder wo er begraben liegt. Lokalpatrioten interessieren sich dennoch dafür, um Walther vielleicht in ihrer Heimat ansiedeln zu können.
Das „Ich“ einer Dichtung ist sehr oft nicht mit dem Dichter identisch. In der Literaturwissenschaft wird dieses „Ich“ meist als „lyrisches Ich“ bezeichnet, wenn es sich um Stimmungslyrik, beispielsweise Liebeslyrik,Vgl. H. Sievert: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 506). Kümmerle Verlag, Göppingen 1989, ISBN 3-87452-743-3. handelt. Es berichtet dem Publikum von einem Liebeserlebnis. Wenn eine erzählende (kurzepische) Haltung vorwiegt, spricht man vom Sänger. Jedenfalls ist es eine fiktive literarische Figur, keine autobiographische Äußerung des Dichters.
In politischer Dichtung und Auseinandersetzungen mit literarischen und sonstigen Feinden des Autors hat das ‚Ich‘ große autobiographische Anteile, ist aber trotzdem literarisch stilisiert. Für heutige Leser ist noch schwerer erkennbar als für die Zeitgenossen, wo die Grenzen zwischen autobiographischen Anteilen und Fiktion liegen. Da es außer den oben genannten und seinen eigenen Gedichten keine Quellen über Walther gibt, hat das Walther-Bild notgedrungen unhistorische Anteile. Trotzdem besitzt dieses „poetische“ Walther-Bild einigen Wert, weil es das moderne Verständnis seiner Dichtungen nachzeichnet.
Insbesondere die Chronologie der Werke steht nur dort auf sicherem Boden, wo politische Ereignisse eindeutig angesprochen werden (zum Beispiel die Krönung oder der Tod eines bestimmten Fürsten; identifizierbare Reichstage). Lieder, die die Stimmung eines alten Mannes wiedergeben, reiht man üblicherweise unter Walthers Altersdichtung ein, obwohl auch ein jüngerer Dichter in die „Maske“ eines alten Mannes schlüpfen könnte usw. Eine derartige Aussage ist als – wertvolle – Aussage über die Stimmung, die das Lied im Publikum erweckt, zu verstehen; kaum ist sie Hilfsmittel zu absoluter Datierung. Allerdings zeigt die datierbare politische Altersdichtung Walthers einige Stilzüge, die auch in nicht datierbaren Liedern auftreten, die man gerne seiner Altersdichtung zuordnen würde, so dass vieles in der unten gewählten zeitlichen Strukturierung auch der Minnelyrik zwar unbeweisbar und im Detail umstritten ist, aber zumindest ein stimmiges Bild ergibt.
Walthers Leben nach seinen Dichtungen Aussagen in Walthers Gedichten, aus denen Rückschlüsse auf seine Biographie gezogen werden dürfen, sind: Zu seiner Jugendzeit äußert er sich im Alter mit: ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen. Bis zum Tod des Babenbergers Herzog Friedrich I. von Österreich (Frühjahr 1198) wirkte er an dessen Hof in Wien. Es scheint ein glücklicher Lebensabschnitt gewesen zu sein.