mini|Bruno Taut, um 1934
Bruno Julius Florian Taut (* 4. Mai 1880 in Königsberg i. Pr.; † 24. Dezember 1938 in Istanbul) war ein deutscher Architekt und Stadtplaner. Als Vertreter des Neuen Bauens wurde er vor allem durch die Großsiedlungen in Berlin-Britz (Hufeisensiedlung) und Berlin-Zehlendorf (Onkel Toms Hütte) bekannt. Bruno Taut arbeitete seit 1909 mit Franz Hoffmann in einem gemeinsamen Architekturbüro, in das sein jüngerer Bruder Max Taut (1884–1967) 1912 mit eintrat, der später vor allem durch seine sachlichen Bürobauten bekannt wurde. Von 1921 bis 1924 war Bruno Taut Stadtbaurat in Magdeburg.
Leben Studium und erstes Architekturbüro Bruno Taut wuchs als zweiter Sohn des Kaufmanns Julius Taut im ostpreußischen Königsberg auf. Bis 1897 besuchte er das Kneiphöfische Gymnasium und nahm danach eine Ausbildung an der Königsberger Baugewerkschule auf, die er nach drei Semestern erfolgreich abschloss. Im Jahr 1902 arbeitete er bei Fritz Neugebauer in Hamburg und bei Franz Fabry in Wiesbaden.Ulrike Eichhorn: Taut & Hoffmann in Berlin. Edition Eichhorn, Berlin 2014, ISBN 978-3-8442-8120-0. Ein Jahr später bekam er die Möglichkeit, im Büro des bekannten Berliner Architekten Bruno Möhring mit dem Jugendstil und mit den neuen Baumethoden der Verbindung von Stahl und Stein in Berührung zu kommen. Von 1904 bis 1908 arbeitete Taut in Stuttgart bei Theodor Fischer, wo er sich insbesondere Kenntnisse in der Stadtplanung aneignete. Durch Vermittlung von Fischer erhielt Taut 1906 seinen ersten Auftrag mit der Erneuerung der Dorfkirche von Unterriexingen bei Ludwigsburg, die er mit dem Hamburger Maler Franz Mutzenbecher gestaltete. Um ein Studium in den Fächern Kunstgeschichte und Städtebau an der Technischen Hochschule Charlottenburg aufzunehmen, kehrte er 1908 nach Berlin zurück. Ein Jahr später eröffnete er zusammen mit dem Architekten Franz Hoffmann in Berlin das Architekturbüro Taut & Hoffmann; sie warben sogar per Annonce im Jahrbuch der Millionäre. Gemeinsam erledigten sie bis 1914 erste Aufträge wie den Neubau einer Mietshausgruppe in Berlin-Neukölln, Kottbusser Damm 90 / Spremberger Straße 11 / Bürknerstraße 12–14, mit Wohnungen und Läden im Erdgeschoss (1909–1910), Erweiterungsbauten für das 1906 eröffnete Kaufhaus Jandorf, Wilmersdorfer Straße / Pestalozzistraße in Charlottenburg (1912–1913) und die Renovierung der kleinen alten Patronatskirche in Nieden (Uckermark) 1911, die ebenfalls Franz Mutzenbecher mit Farben versah. Noch sind dort sämtliche gestalterischen Maßnahmen von Taut und Hoffmann erhalten. Insbesondere die farbige Fassung der Altargitter gilt als eines der frühen Schlüsselwerke ihrer farbigen Konzeptionen.Brenne: Bruno Taut…
Erste große Projekte mini|Monument des Eisens auf der Internationalen Baufach-Ausstellung Leipzig 1913 mini|Glashaus-Pavillon auf der Kölner Werkbundausstellung 1914 mini|Worpsweder Käseglocke, erbaut 1926
Tauts erste große Projekte nahmen 1913 ihren Anfang, als auch sein jüngerer Bruder Mitglied der Architektensozietät Taut & Hoffmann geworden war. Sowohl in Berlin als auch in Magdeburg erhielt das Büro Aufträge zur Projektierung von Gartensiedlungen, eine neue Bauform, die aus England nach Deutschland gekommen war. Taut wandte in seinen Plänen neue Baumethoden und Gestaltungsmerkmale an, die auch künftig seine Arbeiten auszeichneten und in Deutschland eine neue Stilrichtung, das „Neue Bauen“, ins Leben riefen. Die überwiegend für Arbeiter projektierten Siedlungsbauten erhielten in Nord-Süd-Richtung ausgerichtete Straßenzüge, so dass die Wohnungen ausreichend mit Licht und Luft versorgt waren. Daneben gestaltete er Fassaden und Fassadenelemente mit intensiven Farben, was der Berliner Siedlung „Gartenstadt Falkenberg“ auch die Bezeichnung „Kolonie Tuschkasten“ einbrachte. Mit dem Entwurf des „Monuments des Eisens“ für den Stahlwerksverband und den Verein deutscher Brücken- und Eisenbaufabriken auf der Internationalen Baufach-Ausstellung Leipzig 1913 und mit dem Entwurf des „Glashauses“ für einen Pavillon der Deutschen Glasindustrie in der Kölner Werkbundausstellung erlangte das Trio Taut/Hoffmann erstmals internationale Anerkennung.
Bruno Taut im und kurz nach dem Ersten Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs kam die Tätigkeit des Architekturbüros Taut & Hoffmann zum Erliegen, da Tauts Partner bis Januar 1919 Kriegsdienst leisten mussten und er selbst andere Tätigkeiten aufnahm, um als unabkömmlich eingestuft zu werden. So übernahm er die Bauleitung einer Pulverfabrik in Kirchmöser bei Brandenburg,Roland Stimpel: . In: DAB – Deutsches Architektenblatt (DABonline), 1. Januar 2009. wurde im März 1916 in ein militärisches Neubaubüro in Plaue versetzt und im Januar 1917 zu den Stella-Werken in Bergisch Gladbach, einer Ofenfabrik, abkommandiert. Er lebte in ständiger Angst, doch noch an die Front eingezogen zu werden.
1917 verfasste er ein Antikriegsmanifest und entwarf Friedensdenkmäler. Angewidert vom Elend und der Grausamkeit des Krieges, veröffentlichte er 1918 und 1919 die beiden großen Bildzyklen Alpine Architektur und Auflösung der Städte. Ihr Thema war die Verschmelzung von Architektur und Natur als Friedenswerk. Etwa im gleichen Zeitraum verfasste er die Abhandlung Die Stadtkrone. Hierin skizzierte er seine Vorstellungen von der idealen Stadt und dem idealen menschlichen Zusammenleben. Die Werke wurden erst nach Kriegsende 1918 bis 1920 veröffentlicht.
Beeindruckt von den revolutionären Strömungen der Nachkriegszeit, rief er den „Arbeitsrat für Kunst“ ins Leben, der die Ideen der Novemberrevolution von 1918 in den Bereich der Kunst transformieren sollte.Marcel Bois: Kunst und Architektur für eine neue Gesellschaft. Russische Avantgarde, Arbeitsrat für Kunst und Wiener Siedlerbewegung in der Zwischenkriegszeit. In: Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft III/2017, S. 12–34. Außerdem startete er unter dem Titel „Die gläserne Kette“ einen geheimen Briefwechsel mit gleichgesinnten Architekten, zu denen auch Walter Gropius und Hans Scharoun gehörten. 1920 entwarf er ein Wärterhaus für eine Magdeburger Ausstellung, das die Stadt allerdings nicht auswählte. Daher konnte Taut seinen Entwurf 1921 lediglich in der Zeitschrift Frühlicht vorstellen. Fünf Jahre später baute der Worpsweder Schriftsteller Edwin Koenemann nach diesen Plänen unter seinem eigenen Namen die „Worpsweder Käseglocke“. Erst in den 1980er Jahren wurde entdeckt, dass es sich bei dem Bauwerk um ein Plagiat handelt. Mangels anderer Aufträge betätigte sich Taut als Bühnenbildner, so 1921 zum Schillerdrama „Jungfrau von Orleans“ für das Berliner Deutsche Theater.
Zeit in Magdeburg mini|Halle „Stadt und Land“ Magdeburg, 1922
Mit der Gestaltung der „Gartenstadt-Kolonie Reform“ in Magdeburg hatten sich Taut und Hoffmann dort großes Ansehen erworben. Da dringender Bedarf an einer weitreichenden Stadtentwicklung bestand, berief der sozialdemokratische Bürgermeister Hermann Beims 1921 den avantgardistischen und kreativen Architekten Bruno Taut zum Stadtbaurat mit dem Auftrag, für Magdeburg einen Generalsiedlungsplan zu erstellen. Taut umgab sich mit einem Stab junger und gleichgesinnter Architekten wie Johannes Göderitz und Carl Krayl. Neben der Fertigstellung des Generalsiedlungsplans, der bis in die nachfolgenden Jahrzehnte Wirkung zeigte, setzte Taut seine architektonische Farbgebung in Magdeburg konsequent durch. Dazu startete er bereits im Jahr seiner Berufung eine Zeitungskampagne unter dem Titel „Aufruf zum farbigen Bauen“. Bis zur Eröffnung der großen „Mitteldeutschen Ausstellung Magdeburg“ im Jahre 1922 waren in der Innenstadt 80 Hausfassaden nach Tauts Entwürfen farbig gestaltet worden. Obwohl sich Taut damit heftige Kritik von Magdeburger Bürgern einhandelte, geriet die Aktion zu einem erfolgreichen Werbefaktor für die Stadt, die ihr zeitweilig den Titel „Bunte Stadt Magdeburg“ und eine beachtliche Resonanz in der Tages- und Fachpresse einbrachte. Im Zusammenhang mit der Ausstellung entwarf Taut die Ausstellungshalle „Stadt und Land“, die 1922 als sein einziges Magdeburger Einzelbauwerk fertiggestellt wurde.
Rückkehr nach Berlin mini|Die Ostfassade des Taut-Hauses in der Wiesenstraße 13 in Dahlewitz bei Berlin von der Straße aus gesehen mini|Siedlung Schillerpark (1924) mini|Hufeisensiedlung, Türvarianten (1925–1930)
Schon seit 1920 wohnte Taut in Dahlewitz, wo er sich 1925 bis 1926 ein zweigeschossiges Wohnhaus mit einem Viertelkreis als Grundriss und mit Flachdach baute. Dieses Haus mit fünf Wohnräumen wird in seinem Buch Ein Wohnhaus ausführlich beschrieben und wurde 1989 zum Baudenkmal erklärt. Die gebogene Seite zeigt nach Osten zur Straße und hat eine schwarze Fassade, die beiden ebenen Fassaden sind weiß und zeigen nach Nordwesten und Südwesten. Nördlich dieses Gebäudeteils befindet sich eine Garage mit Wirtschaftsräumen in Klinkerbauweise. Die Rekonstruktion der ursprünglichen Farbgebung der Innen- und Außenflächen wurde 1994 vorgenommen und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unterstützt. Das Taut-Haus befindet sich in Privateigentum.
Da Taut nach Ende der Arbeiten für den Generalsiedlungsplan keine weiteren Perspektiven mehr in Magdeburg sah, bat er zum 1. April 1924 um seine Entlassung und kehrte nach Berlin zurück. Hier arbeitete er nun wieder mit Hoffmann und seinem Bruder zusammen. Sie führten zwischen 1924 und 1931 mehrere Aufträge zur Errichtung von Wohnsiedlungen aus. Es entstanden zum Beispiel die Siedlung Schillerpark in Berlin-Wedding, die Hufeisensiedlung in Britz, Teile der Siedlung „Freie Scholle“ in Tegel, die „Wohnstadt Carl Legien“ und die Waldsiedlung „Onkel Toms Hütte“ in Zehlendorf. In diesen acht Jahren schuf Taut rund 12.000 Wohnungen in Berlin.
Gemeinsam mit dem Schulreformer Fritz Karsen entwarf Bruno Taut um das Jahr 1928 herum das Konzept einer integrierten Gesamtschule für 2.500 bis 3.000 Schüler. Das unter dem Namen „Schule am Dammweg“ bekanntgewordene Projekt war der Versuch, einem reformpädagogischen Konzept eine adäquate architektonische Gestalt zu geben. Obwohl es bereits Genehmigungen für den Neubau gab, scheiterte es am Widerstand konservativ-gegnerischer Strömungen in der Schulverwaltung. Ein anderes Verhalten legte das Bauamt der Stadt Luckenwalde zu einer nachfolgend errichteten modernen Doppelvolksschule mit Aula an den Tag, um einige ursprüngliche Entwurfsideen von Taut aber dann doch vorsichtig zu übernehmen, gleichwohl auf eigenen Namen. Die Wirtschaftskrise 1929/30 führte zu weiteren Verzögerungen, die dann in einem endgültigen Aus für das Projekt mündeten. Nur ein 1928 von Taut als Probebau errichteter Pavillon, der in den Jahren 1998–2001 restauriert wurde, legt bis heute Zeugnis von den damaligen Plänen ab. Die Pläne für die Schule und Fotos vom Pavillon sind gut dokumentiert: baugeschichte.a.tu-berlin.de Am informativsten ist die von Potsdamer Studenten erstellte Seite: Der Pavillon steht heute auf dem Gelände der Carl-Legien-Oberschule (Dammweg 216–226) in Berlin-Neukölln. Das von Bruno Taut zusammen mit Fritz Karsen entwickelte „Projekt Dammwegschule“ stand einige Jahre später Pate für das „Projekt Universitätsstadt Bogotá“, das der 1936 nach Kolumbien emigrierte Karsen zusammen mit dem ebenfalls dorthin emigrierten Architekten Leopold Rother plante und das dann von Rother realisiert wurde. Der Architekturhistoriker Bray sieht die Entwürfe Karsens und Rothers für den Universitätscampus Bogotá zudem in der Tradition der Hufeisensiedlung: