mini|Landschaft mit Mandarinenbaum (1757), Fresko von Giovanni Domenico Tiepolo, Villa Valmarana ai Nani Vicenza, Italien mini|Pagode von William Chambers (1762) in Kew Gardens Chinoiserie (von = chinesisch) ist die Bezeichnung für eine Richtung der europäischen Kunst, die sich an chinesischen oder anderen ostasiatischenChinoiserie. In: Lexikon der Kunst. Band 3. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 199–200, hier: S. 199 Vorbildern orientierte und besonders im späten 17. und im 18. Jahrhundert populär war. Die China-Begeisterung speiste sich sowohl aus Interesse am Exotismus als auch aus der Vorstellung eines friedlichen und kultivierten Riesenreiches, dessen große Bevölkerung bis in einfache Schichten literarisch und philosophisch gebildet war.

Bedeutende Elemente der Chinamode waren vor allem die jahrhundertelange Begeisterung für chinesisches Porzellan und Lackarbeiten, groß in Mode waren außerdem Seide und Papiertapeten. All diese Produkte wurden vor allem durch den gesteigerten Überseehandel in Europa bekannt.

Definition Der Begriff Chinoiserie umfasst im weitesten Sinne Gestaltungsformen in Kunst, Kunsthandwerk und Architektur, die von chinesischer Kunst inspiriert sind, aber auch von anderen exotischen Ländern, wie Japan, Indien oder Amerika. Im 17.–18. Jahrhundert begegnet auch zuweilen der Begriff „indianisch“ für Chinoiserien. Dabei wurden einerseits echte und sehr wertvolle Objekte aus China oder Japan – wie z. B. Porzellan, Lack oder Seide – verwendet, und mit europäischen Künsten kombiniert. Andererseits entstanden auch Kopien oder den Originalen in einem weiteren Sinne nachempfundene Objekte oder Bauwerke.

Grundsätzlich lassen sich drei Perioden unterscheiden, die sich aber überschneiden. Die erste Phase von etwa 1650/1670 bis ca. 1730 ist die kopierende oder imitierende Chinoiserie. Von etwa 1720 bis 1760, also in der Epoche des Spätbarock und Rokoko, entstand die frei fantasierende Chinoiserie, die mit der chinesischen Realität nur wenig oder nichts zu tun hat, sondern stattdessen humorvoll, bizarr und dezent karikierend ist (z. B. Meißner Porzellan). Die dritte Phase von etwa 1760 bis ca. 1820 wird als romantisierende Chinoiserie bezeichnet und deckt sich in etwa mit der Epoche des Klassizismus.Chinoiserie. In: Lexikon der Kunst. Band 3. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 199–200 Zu dieser Zeit kam die Chinoiserie beim Porzellan aus der Mode. Landschaftsdarstellungen wurden modern und chinesische Gärten entstanden; außerdem wurde chinesische Architektur nachgeahmt wie z. B. Pagoden und Pavillons.

China aus europäischer Sicht mini|hochkant=1.2|Fliesenmalerei mit „chinesischer“ Landschaft, 63 × 92 cm, Fayence aus Delft, ca. 1680–1700

Für die Menschen in Europa waren China (und andere Länder Ostasiens) lange Zeit ein weit entfernter, beinahe unerreichbarer Ort, den nur die allerwenigsten jemals zu Gesicht bekamen. Dies und die exquisite, teilweise fragile Schönheit und enorme Qualität der in Europa bekannten, hochverfeinerten Luxusgegenstände wie Seide, Porzellan oder Lack, deren Herstellung noch dazu lange Zeit ein Rätsel war, nährte die Vorstellung von einem märchenhaften exotischen Reich.

Erste konkretere Kenntnisse über China vermittelten die Reiseberichte Marco Polos, die ebenfalls teilweise märchenhaft gefärbt waren oder aus Sicht der Europäer so wirkten. Nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien durch die Portugiesen im 15. Jahrhundert gelangten weitere Kenntnisse über China, Indien und Japan über Kaufleute und Gesandte nach Europa, seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem über jesuitische Missionare. Sie konkretisierten das Chinabild und stellten das chinesische Reich in einer Idealform dar, als hochkultiviert und hochzivilisiert. Davon beeinflusst war China z. B. für Leibniz ein Reich, „das gleichsam wie ein Europa des Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert“ („Novissima Sinica“). Große Handelsgesellschaften wie die Niederländische Ostindien-Kompanie und die Britische Ostindien-Kompanie lebten vom massenweisen Import fernöstlicher, indischer und indonesischer Handelsware wie Seide, Porzellan, Möbel und Skulpturen.

1735 veröffentlichte Pater Jean-Baptiste Du Halde die vierbändige China-Enzyklopädie Déscription de la Chine, in der du Halde ein blühendes Reich beschreibt, dessen innerer Handelsaustausch entwickelter sei als der innerhalb Europas. Das Buch war ein Jahrhundert lang Pflichtlektüre für jedes Gespräch über China und animierte auch Voltaire zu begeisterten Kommentaren. Dieser schrieb 1756 über China als ein von aufgeklärten Gelehrtenbeamten regiertes Utopia.

Den französischen Physiokraten François Quesnay beeindruckte 1767 die (angebliche) Harmonie zwischen agrarischer Produktion und staatlicher Herrschaft in China so sehr, dass er sich den Despotisme de la Chine als Gesellschaftsmodell auch für Europa wünschte. Dass in China die Vergabe öffentlicher Ämter nach einem Prüfungssystem erfolgte, übte auch eine große Faszination auf das Bildungsbürgertum Europas aus, das sich gegen feudale Erbstrukturen durchsetzen wollte.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte auch eine Gegenbewegung ein, die die bedingungslose Chinamode und -verehrung in Zweifel zog, ja verspottete. Aber noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt das konfuzianische Staatswesen als vorbildlich.

Porzellan und Fayencen mini|Asiatische Porzellanelefanten, die mithilfe von vergoldeten Monturen zu einer Uhr und Leuchtern umfunktioniert wurden, Spiegelkabinett der Residenz München Neben und jenseits konkreten Wissens über China stellte seit dem 16. Jahrhundert vor allem chinesisches Porzellan und Fayencen ein großes Faszinosum für die kultivierte Welt Europas dar. Es wurde für seine Schönheit und als kostbare und exotische Rarität geschätzt und von reichen Personen, die es sich leisten konnten, gesammelt, und zierte die Schlösser, Paläste und Villen der Aristokratie in ganz Europa. Kleine Statuetten oder auch Vasen und Teller wurden manchmal mit vergoldeten Monturen im europäischen Stil verziert, um sie noch kostbarer zu gestalten; auf diese Weise wurden Figuren gelegentlich auch umfunktioniert, und aus einem originalen chinesischen Porzellan-Elefanten wurde dann z. B. ein Kerzenleuchter oder eine Uhr (siehe Abbildung).

Die Originalprodukte waren jedoch so teuer und die Nachfrage so groß, dass man besonders das blau-weiße Porzellan in Europa zu imitieren versuchte, was zuerst den Niederländern etwa um die Mitte des 17. Jahrhunderts in der Delfter Fayence-Manufaktur mit künstlerisch überzeugenden Lösungen gelang.Fayence. In: Lexikon der Kunst. Band 4. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 233–237, hier: S. 236 Es wurde nicht nur blau-weißes Chinaporzellan imitiert, sondern auch japanisches Imari-Porzellan. Es wurden auch ganze Kachelbilder im chinoisen Stil hergestellt, nicht nur in blau-weiß, sondern auch mehrfarbig (Blau, Grün, Rot, Gelb und Schwarz auf weißem Grund), dabei konnten durchaus auch chinesische oder ostasiatische Figuren mit schwarz-afrikanischen durchmischt werden.Fliesenmalerei. In: Lexikon der Kunst. Band 4. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 281 (Abbildung mit Kachelbild aus Delft, um 1700, Rijksmuseum, Amsterdam)

In der Folge entstanden auch in Deutschland zahlreiche Fayence-Manufakturen, die sich ebenfalls in Form und Dekor oft an chinesischen Vorbildern orientierten, zu den bedeutendsten gehörten diejenigen in Hanau (1661 gegr.) und in Frankfurt am Main (1666 gegr.). Die 1709 gegründete Manufaktur in Ansbach versuchte auch Geschirre der sogenannten Famille verte und japanisches Imari-Porzellan nachzuahmen.Fayence. In: Lexikon der Kunst. Band 4. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 233–237, hier: S. 237 Auch in Bayreuth versuchte man ab 1719 Meißner Porzellan mit Chinoiserien nachzuahmen.

mini|hochkant=1.2|Das Trianon de Porcelaine im Park von Versailles, 1670–1687 Die Mode der chinoisen Fayencen und Delfter Kacheln erreichte einen Höhepunkt, als Ludwig XIV. von Frankreich ab 1670 für seine Maitresse Madame de Montespan im Park von Versailles ein kleines Lustschloss errichten ließ, das komplett mit „Porzellan“ verkleidet und ausgestattet war – das sogenannte Trianon de porcelaine. Die Wanddekorationen waren vollständig nach „türkischen und chinesischen Motiven“ gestaltet und wurden in einer Fayence-Manufaktur in Saint-Cloud hergestellt.Paläste, Schlösser, Residenzen. Georg Westermann Verlag, 1971, S. 107–109 Das Porzellan-Trianon wurde zwar 1687 aus diversen Gründen abgerissen (der König wollte inzwischen nichts mehr mit der Montespan zu tun haben) und durch das „Marmortrianon“ ersetzt, wurde aber nichtsdestotrotz zu einem großen Vorbild für ähnliche Schlösschen und Raumkreationen in ganz Frankreich und Europa. Der Mercure galant schrieb schon 1673: „Das Trianon bei Versailles hat bei allen Privatleuten den Wunsch erweckt, auch so etwas zu haben. Fast alle großen Herren, denen Landsitze gehören, haben sich etwas Ähnliches in ihren Parks errichten lassen …“.Paläste, Schlösser, Residenzen. Georg Westermann Verlag, 1971, S. 109

Ein weiterer Schritt war der im 18. Jahrhundert gelungene Versuch der Porzellanherstellung durch Johann Friedrich Böttger in Meißen, wo man zahlreiche Kreationen von Services oder Zierfiguren erfand, die nun keine direkte Imitation ostasiatischer Vorbilder mehr waren, sondern eigene Erfindungen, nicht selten mit humorvollem Unterton (was jedoch grundsätzlich für die Kleinkunst des Rokoko gilt). Ähnliches gilt für die Erzeugnisse anderer Manufakturen in Europa, wie z. B. in Nymphenburg oder Sèvres.

Chinoise Lackmöbel mini|Rokoko-Secretaire, Bernard II van Risamburgh, ca. 1737, Münchner Residenz Im späten 17. und 18. Jahrhundert waren Möbel mit aus China und Japan importierter Seide oder Lack sehr in Mode. Oft wurden originale Gegenstände aus Asien von europäischen Künstlern und Handwerkern ergänzt, später auch eigene Einrichtungsgegenstände und Interieurs kreiert. Gelegentlich wurde auch Mobiliar auf Bestellung für europäische Kunden in China selber angefertigt. Im einfachsten Fall fertigte man beispielsweise für eine originale asiatische Lacktruhe oder einen Schrank ein passendes Gestell in der gerade aktuellen europäischen Stilrichtung, das heißt in den Formen des Barock, Rokoko oder des Klassizismus. Wesentlich komplizierter waren Lackmöbel im Rokokostil (ca. 1720–1765), da wegen der geschwungenen Oberflächen auch die originalen Lackeinlagen bis zu einem gewissen Grad gebogen werden mussten, was sehr viel Geschick und große Handwerkskunst erforderte. Solche Möbel erhielten außerdem raffinierte Fassungen mit reich ornamentierten vergoldeten Bronzebeschlägen.

Genau wie beim Porzellan versuchte man auch den asiatischen Lack zu kopieren, was auf besondere Schwierigkeiten stieß, u. a. weil in Europa der ostasiatische Lackbaum (Rhus vernicifera) nicht gedeiht.Lackkunst. In: Lexikon der Kunst. Band 7. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 169 Dies führte zur Übernahme von persischen Techniken und zur Erfindung eigener Rezepturen auf der Basis von alkohol- und terpentinlöslichen Harzen wie Sandarak, Schellack und Terpentin, die jedoch auch in der Weiterverarbeitung andere Techniken erforderten. In einer ersten Periode von ca. 1670 bis 1730 wurden vor allem Möbelstücke gefertigt, deren Design stark an die ostasiatischen Vorbilder angelehnt war.Lackkunst. In: Lexikon der Kunst. Band 7. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 169–170 Führend war zunächst die Familie Dagly aus Spa (Belgien), von denen es einige weit brachten: Gérard Dagly (1660 bis ca. 1715) arbeitete für Friedrich I. von Preußen und Jacques Dagly (1665–1729) für Ludwig XIV. in Frankreich. Im 18. Jahrhundert gelang den Brüdern Martin die Entwicklung des sogenannten Vernis Martin (= Martin-Lack), der meistens Grün oder Rot ist, jedoch nicht unbedingt für Chinoiserien verwendet wurde. mini|Das sogenannte weiße Cembalo von Michael Mietke mit Chinoiserie-Lackdekor von Gérard Dagly, 1702–04, Schloss Charlottenburg, Berlin