mini|Incipit: Qui petit seme / Petit queult(Wer wenig sät / Der erntet wenig)Illuminierte Handschrift von Montpellier Sigel M, 14. Jh.Handschrift von Montpellier, Bibliothèque Interuniversitaire H 249, folio 1r digitalisiert. Ganz unten auf « Numérisation disponible en ligne » klicken!

Percevax (Percevaus)Die Schreibweise des Namens ‘Perceval’ variiert nach dem altfranzösischen Dialekt, in dem die 15 mittelalterlichen Handschriften jeweils abgefasst sind. Auch die regionale Herkunft des jeweiligen Kopisten erklärt abweichende Namensschreibweisen, die man sogar innerhalb derselben Handschrift finden kann. ou Li Contes del GraalIm Prolog, Vers 64, gibt Chrétien de Troyes seinem Roman einen Titel: Ce est li contes del graal (Das ist die Geschichte vom Gral). (); Perceval ou Le Conte du Graal (neufranzösisch).

Perceval oder die Geschichte vom Gral ist der fünfte, längste und letzte höfische Versroman des Trouvères Chrétien de Troyes. Dieses Meisterwerk der französischen Literatur des Mittelalters entstand zwischen 1181 und 1191.Emmanuèle Baumgartner: Chrétien de Troyes. «Le Conte du Graal». Presses Universitaires de France (PUF), Paris 1999, ISBN 2-13-049993-7, S. 9. Der champagnische Autor hat diesen Artusroman seinem Auftraggeber und Mäzenen gewidmet, dem Kreuzfahrer Philipp von Elsass, Graf von Flandern.

„Perceval oder die Geschichte vom Gral“ ist die literarische Geburt des geheimnisumwitterten Gralmythos. Der französische Mediävist und Romanist Philipp Walter stellt fest:

In Vers 8 beschreibt Chrétien sein Werk als einen « romans ». Dies bedeutet, seine Erzählung ist in romanischer (altfranzösischer) Volkssprache gedichtet und nicht, wie im Mittelalter üblich, auf Latein.

Der Versuch des Trouvères Chrétien, profane Ritterlichkeit (in den Gauvain-Abenteuern) und die spirituelle Gralsuche (« Queste ») Percevals mit christlichen Motiven zu verbinden, blieb unvollendet. Die mittelalterliche Leserschaft fieberte ungeduldig einer Auflösung entgegen. So entstand eine Flut von Gral- und arturischen Rittererzählungen, zunächst in Frankreich und Europa, dann weltweit bis in die Gegenwart hinein.

Im Prolog seines Contes del Graal vergleicht sich der champagnische Autor metaphorisch mit einem Sämann:Die Berner Handschrift 354, Sigel B, zeigt auf Folium 208ra in der historisierten Initialen „Q“ zeigt einen Sämann mit Kapuze zu Pferd: f. 208ra e-codices – Virtual Manuscript Library of Switzerland.

v 7 Crestiens seme et fet semance v 8 D’un romans que il ancomance Chrétien sät und streut den Samen aus Eines Romans, den er beginntAlle altfranzösischen Zitate stammen aus: Perceval ou le conte du Graal (Wikisource). Handschrift Paris, BnF 794 des Kopisten Guiot, Sigel A. Übersetzungen ins Deutsche vom Autor dieses Wikipedia-Artikels

Diese Prophezeiung sollte sich bewahrheiten. Die literarische Saat ging reichlich auf. Zahllose Epigonen bemächtigten sich eifrig des Stoffes und schufen unterschiedliche Fortsetzungen des unvollendeten Romans.

Inhalt Das Versfragment Li Contes del Graal umspannt – je nach Handschrift – bis zu 9.234 gepaarte Achtsilber. Zwei Artusritter teilen sich die Handlung. 5000 Verse sind Perceval als Protagonisten gewidmet, und 4000 Verse berichten von den vielen Abenteuern Gauvains.Emmanuèle Baumgartner: Chrétien de Troyes. «Le Conte du Graal». Presses Universitaires de France (PUF), Reihe Études Littéraires, Paris 1999, ISBN 2-13-049993-7, S. 35. Dieser höfische Versroman verbindet Artusepik mit dem Gral-Mythos, der in Richtung christlicher Heilsrituale weist, was Epigonen in zahlreichen Perceval-Fortsetzungen gerne aufgreifen werden.Volker Mertens: „Der Gral. Mythos und Literatur“. Reclam, Stuttgart 2003.

Wichtige Teile und Abschnitte der Erzählung

Der Prolog (Verse 1-68)

Chrétiens Prolog ist zum einen ein Panegyrikus, eine Lobrede auf seinen Mäzen und Auftraggeber, den Grafen von Flandern, Philipp von Elsass und zum anderen ein Eigenlob mit einem Hinweis auf eine – bis in die Gegenwart – unbekannte Quelle, ein Buch, das der Graf ihm übergeben habe, auf dass er daraus eine Geschichte in Versen reime, „die beste, die je am Königshofe erzählt werde“: v 62 Crestiens, qui antant et peinne v 63 a rimoier le meillor conte, v 64 par le comandement le conte, v 65 qui soit contez an cort real. v 66 Ce est li contes del graal, v 67 don li cuens li baille le livre Chrétien bemüht sich die beste Geschichte zu reimen im Auftrag des Grafen die je am Königshof erzählt wurde das ist die Erzählung vom Gral zu welcher der Graf ihm ein Buch übergab

Perceval auf Suche nach Selbstfindung

Begegnung mit den Rittern (Verse 68-337)

Der junge Waliser, , lebt bei seiner verwitweten Mutter auf dem Lande im keltischen Britannien. Sie versucht, ihren Sohn von der Welt abzuschirmen, weil ihre anderen Söhne im Kampf gefallen sind. Der Erzähler charakterisiert ihn als einfältig:

Wolfram von Eschenbach wird den jungen Parzival später als einen tumben Tor bezeichnen.

Das Schicksal will, dass dem Knaben im Wald fünf Ritter begegnen, die er in seiner Tölpelhaftigkeit für Engel hält. Wenn er Ritter werden wolle, solle er zum Hofe von König Artus reisen.

Abschied von der Mutter (Verse 338-592)

Die erschrockene Mutter versucht, Perceval von seinem Vorhaben abzubringen, Ritter zu werden. Sie enthüllt ihm seine adlige Herkunft, den Tod seines Vaters und seiner Brüder. Drei Tage später – seine Mutter gibt ihm noch einige Moralregeln mit auf den Weg – bricht Perceval auf, ohne sich weiter um das Leid der Mutter zu scheren. Zu Pferd sieht er noch, wie die Mutter vor Schmerz vor dem Herrenhaus zusammenbricht, was ihn aber nicht weiter kümmert.

Das Fräulein im Zelt

Perceval gelangt zum Artushof und besiegt den Roten Ritter

Gornemant de Goort schlägt Percevax zum Ritter

Im Schloss von Blanchefleur de Beaurepaire

Perceval auf der Gralsburg (Verse 3004-3380) mini|Perceval auf der GralsburgIllumierte Handschrift, Sigel „U“,BnF, Francais 12577, f. 18v Der einfältige Tor, Perceval, der noch nicht einmal seinen Namen weiß (Verse 3055-3562), überschreitet nach einem langen Ritt die „Schwelle zu einem andersweltlichen Bereich“.Volker Mertens: Der Gral. Mythos und Literatur. Reclam Band 18261, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-15-018261-1, S. 34 Er erreicht die Gralsburg. Als Gast des verwundeten Fischerkönigs, , wird der walisische Ritter Zeuge eines vom Erzähler absichtlich im Geheimnisvollen gelassenen Umzuges. Eine blutende Lanze und ein Gral ziehen an ihm vorbei:

v 3208 .I. graal antre ses .ii. mains v 3210 une dameisele tenoit […] v 3220 Le graal, qui aloit devant, v 3221 de fin or esmeré estoit ; v 3222 pierres precieuses avoit v 3223 el graal de maintes menieres, v 3224 des plus riches et des plus chieres v 3225 qui an mer ne an terre soient. Einen Graal zwischen ihren zwei Händen Hielt eine Jungfrau. […] Der Gral, der vorausging War aus feinem reinen Golde Edelsteine hatte Der Gral, der verschiedensten Art Der reichsten und teuersten Die es im Meer und in der Erde gibt.

In diesen zitierten Versen erfährt der geheimnisvolle Gegenstand Gral seine literarische Première.Das altfranzösische Wort « graal » bedeutet “Schüssel, Schale”. Bei den Fortsetzern (frz. « continuateurs ») wird der „Gral“ zur Abendmahlschale, dann zum Kelch, in dem Christi Blut aufgefangen worden ist. Siehe Volker Mertens: „Der Gral. Mythos und Literatur“. Reclam, Stuttgart 2003.

Perceval begeht nun einen folgenschweren Fehler, weswegen ihm ein unseliges Leben droht. Aus falscher Rücksicht versäumt er es, den Fischerkönig nach dem Grund seines Leidens, nach der Bedeutung der blutenden Lanze und der des Grals zu fragen. Er wusste nicht, dass er mit dieser Frage den Fischerkönig hätte heilen und erlösen können. Als er am nächsten Morgen aufwacht, findet er die Gralsburg vollkommen leer vor.

Percevax erahnt seinen Namen

Percevax kennt zunächst seinen Vornamen nicht, denn seine Mutter hatte ihn immer nur mit « Biax Filz » (schöner Sohn) angesprochen. Erst im Dialog mit seiner Cousine erinnert er sich wieder: v 3558 Comant avez vos non, amis ? v 3559 Et cil qui son non ne savoit v 3560 devine et dit que il avoit v 3561 Percevax li Galois a non, v 3562 et ne set s’il dit voir ou non Wie lautet Ihr Name, Freund? Und er, der seinen Namen nicht wusste rät und sagt er habe ihn, Perceval, der Waliser sei sein Name und er wisse nicht, ob es wahr ist.

Die Cousine erzählt dem jungen Waliser, dass die Mutter am Tage seines Auszugs vor Herzeleid tot zu Boden gefallen sei.

Perceval meditiert über drei Blutstropfen im Schnee

Sie erinnern ihn an Blanchefleur.

Der Waliser kehrt an den Hofe Königs Artus zurück

Das hässliche Fräulein verflucht Perceval

Es erscheint am Artushof ein Fräulein von unbeschreiblicher Hässlichkeit: v 4594 onques riens si leide a devise v 4595 ne fu neïs dedanz anfer niemals hat es etwas so hässliches gegeben selbst in der Hölle nicht

Es verflucht Perceval, weil er am Artushofe stumm geblieben sei. Perceval gelobt daraufhin, solange nicht zu ruhen, bis er die Bestimmung des Grals und der blutenden Lanze ergründet habe.

Perceval reitet fort auf spirituelle Gralsuche

Ab Vers 4787 verschwindet Perceval zunächst völlig aus der Erzählung. Er erscheint nur noch einmal kurz in einem Einschub, und zwar in der kurzen Karfreitags-Episode, bei dem Besuch einer Eremitage:

Perceval beim Eremiten (Verse 6027-6434)

Fünf Jahre irrt Perceval in der Welt umher, gottvergessen, aber Heldentaten anhäufend. An einem Karfreitag trifft er eine Prozession, die ihn zu einem Einsiedler führt. Perceval erkennt seine Sünden, legt eine Beichte ab. Der Gral wird christianisiert. Er ist Träger der Hostien, von denen sich der Fischerkönig, der Gralkönig, der die höchste Form der Spiritualität erreicht hat, ausschließlich ernährt.

Die Abenteuer Gauvains mini|Gauvain auf dem Wunderbett Miniatur aus der Handschrift BnF fr.12577, f. 45r. Sigel Uf. 45r

Der Erzähler oder der Kopist der Handschrift interveniert in den Versen 4785-4787 und erläutert: v 7785 et messire Gauvains s’an va. v 4786 Des avantures qu’il trova v 4787 m’orrez vos parler maintenant und Herr Gauvain zieht fort Von den Abenteuern, die er erlebt werdet Ihr mich jetzt sprechen hören

Gauvain kämpft beim Turnier von Tintagel

Gauvain besteht die Prüfung auf dem Wunderbett, « Lit de la Mervoille », oder « lit périllieus » (gefährliches Bett)

In dieser Episode schöpft der Autor aus dem Märchenhaften, Magischen, aus bretonischen Legenden.

Abrupter Abbruch der Erzählung

Inmitten der Handlung der Abenteuer Gauvains, nach gut 9.000 Versen, bricht die Erzählung des „alten Percevals“ unvermittelt ab und es beginnen die Fortsetzungen (continuations) Chrétiens Epigonen. Der Schlussvers lautet:

Gemeint ist mit „der Alte“ der ursprüngliche Text Chrétiens, in Abgrenzung zu den Nachfolgeerzählungen, dem „neuen Perceval“.

Kontroverse um die Einheit und Autorschaft Im Roman findet man zwei Erzählstränge, eine Perceval- und eine Gauvain-Handlung, spirituelle Suche (Quest, ) und ritterliches Abenteurertum (Âventiure).

So warf der Romanist Gustav Gröber um 1900 die Frage auf:

Der spanische Romanist Martín de Riquer hat 1957 die Vermutung Gröbers der Verschmelzung zweier ursprünglich voneinander unabhängigen Romanfragmengten wieder aufgegriffen und versucht, die Richtigkeit dieser These zu beweisen.Martín de Riquer: Perceval y Gauvain en ‘Li contes del Graal’ y el Guiromelant. In: Filología Romanza. IV (1957), S. 119–147.