mini|Robert Kurz als Gastreferent auf dem Attac-Kapitalismuskongress im März 2009

Robert Kurz (* 24. Dezember 1943 in Nürnberg; † 18. Juli 2012 ebenda) war ein deutscher marxistischer Philosoph, Publizist und Journalist. Er war ein Theoretiker der Wertkritik.

Leben und Lehre Robert Kurz studierte in den 1960er Jahren in Erlangen Philosophie, Geschichte und Pädagogik.

In den 1970er Jahren war Kurz im Umfeld des Kommunistischen Arbeiterbundes Deutschland (KABD) aktiv, zeitweise bayerischer Landesinstrukteur des angeschlossenen Revolutionären Jugendverbandes Deutschland.Geschichte der MLPD, II. Teil, 2. Halbband, ISBN 3-88021-151-5, S. 405. Mit dem im Januar 1978 erschienenen Pamphlet Vorhut oder Nachtrab brach er mit dem KABD und kritisierte ihn als theoriefeindlich.

Ab den 1980er Jahren entwickelte Kurz – ausgehend von der Frage nach den strukturellen Ursachen der ineffizienten Ostblockökonomie – eine fundamentale Kritik der grundlegenden Vergesellschaftungsformen in der modernen Welt. Er wandte sich gegen die kritiklose Affirmation des Arbeitsbegriffes durch die marxistische Arbeiterbewegung. Sein 1991 im Eichborn-Verlag erschienenes Buch Der Kollaps der Modernisierung entfaltet eine Zusammenbruchstheorie der modernen Weltgesellschaft, die davon ausgeht, dass aufgrund von Rationalisierungsprozessen die Lohnarbeit sukzessive verschwinde und das Gesamtsystem auf ein „barbarisches Ende“ zusteuere. Wie auch in seinen späteren Arbeiten bietet Kurz einen Ausblick auf eine Gesellschaft, die nicht länger auf den geldvermittelten Warentausch gegründet ist. Für die Krisenbewältigung sei eine „sinnliche Vernunft“ unabdingbar, die es vermag, die Dinge außerhalb ihres geschichtlich bedingten Warencharakters zu sehen und zu nutzen.

Von 1990 bis 2004 war Kurz Mitherausgeber der Zeitschrift Krisis und Mitglied der gleichnamigen Gruppe. Dann kam es zur Spaltung und Neugründung der Gruppe EXIT! (samt gleichnamiger Zeitschrift), in der Robert Kurz seitdem Mitglied war. Beide Seiten stellten die Ursachen des Zerwürfnisses unterschiedlich dar: Während die Krisis-Redaktion, die nach der Spaltung unter diesem Namen weitermachte, Kurz’ als schwer erträglich empfundenen Kommunikationsstil als Ursache der Trennung nannte, warfen dieser und Roswitha Scholz der von ihnen als „Putschisten“ bezeichneten „Rest-Krisis“ vor, formaljuristische Mittel zur „Machtübernahme“ in der Redaktion einzusetzen. Dokumentationen des Spaltungsprozesses sowie der strukturellen und personellen Hintergründe finden sich sowohl auf der Website von Exit! wie auch auf jener von Krisis.

In dem Buch Die antideutsche Ideologie setzte Robert Kurz sich bewusst polemisch mit dem seines Erachtens „ideologiekritischen Reduktionismus“ der Berliner Zeitschrift Bahamas auseinander. Im Zuge der innerlinken Kontroverse über den Irakkrieg hatte sich die Bahamas für die US-Intervention ausgesprochen. Kurz warf den sogenannten „Antideutschen“ daraufhin eine militante Affirmation der Aufklärungsideale, der „westlichen Werte“ und Bellizismus vor.

Robert Kurz profilierte sich durch eine radikale Kritik am „Arbeits- und Klassenkampffetisch“ des traditionellen (Arbeiterbewegungs-)Marxismus. Michael Jäger sieht ihn als „kritischen Modernisierungstheoretiker“, dessen Gegenstandpunkt vielen die Sprache verschlage, „denn der empfohlene Ausweg besteht darin, „konkrete Arbeit“, Ware und Geld radikal abzuschaffen um einer neuen Ökonomie willen, in der die Menschen ihre Tätigkeiten nur noch sprechend, im permanenten „Palaver“, aufeinander beziehen.“

Die von Kurz maßgeblich mitkonzipierte Wertkritik richtet sich gegen ein soziologistisch verkürztes Verständnis von Herrschaftsverhältnissen, also dagegen, Herrschaftsverhältnisse ausschließlich aus sozialen Verhältnissen abzuleiten. Kurz sieht in der gesellschaftlichen Rolle des Werts (Wertvergesellschaftung) eine totalitäre Tautologie, die ad infinitum die gesamte physische und gesellschaftlich-symbolische Welt einem einzigen abstrakten Formprinzip unterwerfe: der Akkumulation von „toter Arbeit“. Kurz‘ kritische Analyse der „totalitären“ Vergesellschaftungsprinzipien der Moderne kristallisiert sich in seinem Begriff des Warenfetischismus.

Später nahm das von der EXIT!-Redakteurin und Ehefrau von Robert Kurz Roswitha Scholz entwickelte „Abspaltungstheorem“ einen immer breiteren Raum in der kurzschen Theoriekonzeption ein. Diese Synthese aus der frühen Wertkritik sowie dem postfeministischen Postulat einer strukturellen Geschlechterdifferenz firmiert gegenwärtig als „Wertabspaltungskritik“.

Robert Kurz’ bekannteste Publikation ist das 1999 erschienene Schwarzbuch Kapitalismus. Die Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte zwei kontroverse Rezensionen, von denen eine das Schwarzbuch als „die wichtigste Veröffentlichung der letzten 10 Jahre“ bezeichnete.

In der Tageszeitung Neues Deutschland verfasste Kurz regelmäßig Artikel in der Kolumne Kurz, Nick, Luft & Hickel. Diese war dem Wirtschaftsressort zugeordnet. Die anderen daran beteiligten Autoren waren Harry Nick, Christa Luft und Rudolf Hickel. Außerdem publizierte er regelmäßig in der Wochenzeitschrift Freitag und der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo. Er war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Kurz starb am 18. Juli 2012 in einer Nürnberger Klinik bei einer Notoperation. Seine Witwe sprach von einem Operationsfehler.

In der Theoriezeitschrift Exit! Nr. 10 und 11 erschienen die nachgelassenen, Fragment gebliebenen Teile seines geplanten Buches Krise und Kritik.Editorial Exit! 10. In: EXIT!. November 2012

Veröffentlichungen Bücher 1991: Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie. Eichborn Verlag, Reihe Die Andere Bibliothek, ISBN 3-8218-4421-3 (Neuauflage Edition Tiamat, Berlin 2021, ISBN 978-3-89320-278-2). 1991: Honeckers Rache. Zur politischen Ökonomie des wiedervereinigten Deutschlands. Edition Tiamat, ISBN 3-923118-62-7 (Buchtext als PDF-Datei auf exit-online.org). 1993: Potemkins Rückkehr. Attrappen-Kapitalismus und Verteilungskrieg in Deutschland. Edition Tiamat, ISBN 3-923118-28-7. 1993: Der Letzte macht das Licht aus. Zur Krise von Demokratie und Marktwirtschaft. Edition Tiamat, ISBN 3-923118-88-0. 1999: Die Welt als Wille und Design. Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise. Edition Tiamat, ISBN 3-89320-024-X. 1999: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Eichborn Verlag, ISBN 3-8218-0491-2. 2000: Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert. Eichborn Verlag, ISBN 3-8218-1644-9. 2003: Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung. Horlemann Verlag, ISBN 3-89502-149-0 (Neuauflage 2021, Zu Klampen, Springe, ISBN 978-3-8667-4637-4). 2003: Die antideutsche Ideologie. Vom Antifaschismus zum Krisenimperialismus: Kritik des neuesten linksdeutschen Sektenwesens in seinen theoretischen Propheten. Unrast Verlag, ISBN 3-89771-426-4. 2004: Blutige Vernunft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte. Horlemann Verlag, ISBN 3-89502-182-2. 2005: Das Weltkapital. Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems. Edition Tiamat, ISBN 3-89320-085-1. 2012: Geld ohne Wert. Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie. Horlemann Verlag, ISBN 978-3-89502-343-9. 2013: Weltkrise und Ignoranz. Kapitalismus im Niedergang. Ausgewählte Schriften. Edition Tiamat, ISBN 978-3-89320-173-0 2013: Der Tod des Kapitalismus. Marxsche Theorie, Krise und Überwindung des Kapitalismus (Ausgewählte Schriften), Laika-Verlag, ISBN 978-3-942281-59-1

Broschüren 1978: Vorhut oder Nachtrab. Eine Kritik der politischen Dekadenz in der marxistisch-leninistischen Bewegung am Beispiel des Kommunistischen Arbeiterbundes Deutschlands (KABD). 1988: Auf der Suche nach dem verlorenen sozialistischen Ziel. Manifest für die Erneuerung revolutionärer Theorie. Verlag Marxistische Kritik, ISBN 3-927444-00-6. 1999: Manifest gegen die Arbeit (gemeinsam mit anderen Mitarbeitern der herausgebenden Krisis-Redaktion) 2003: Scharfe Schafe. Geschorenes zum antideutschen Bellizismus (gemeinsam mit anderen Mitarbeitern der herausgebenden Krisis-Redaktion)

Beiträge in Sammelbänden und Theoriezeitschriften 1984: Sozialistisches Ziel und neue Arbeiterbewegung. Zur Kritik der sowjetischen Produktionsweise. In: Gemeinsame Beilage. 30. November 1984, S. 7–9, (Online-Version) 1986: Die Krise des Tauschwertes. Produktivkraft Wissenschaft, produktive Arbeit und kapitalistische Reproduktion. In: Marxistische Kritik. Nr. 1, Verlag Marxistische Kritik 1986: Die Herrschaft der toten Dinge, Teil 1. Kritische Anmerkungen zur neuen Produktivkraft-Kritik und Entgesellschaftungs-Ideologie. In: Marxistische Kritik. Nr. 2, Verlag Marxistische Kritik 1987: Die Herrschaft der toten Dinge, Teil 2. Kritische Anmerkungen zur neuen Produktivkraft-Kritik und Entgesellschaftungs-Ideologie. In: Marxistische Kritik. Nr. 3, Verlag Marxistische Kritik 1987: Abstrakte Arbeit und Sozialismus. Zur Marx’schen Werttheorie und ihrer Geschichte. In: Marxistische Kritik. Nr. 4, Verlag Marxistische Kritik 1988: Glanz und Elend des Antiautoritarismus. Streiflichter zur Ideen- und Wirkungsgeschichte der 'Neuen Linken'. In: Marxistische Kritik. Nr. 5, Verlag Marxistische Kritik 1989: Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff. Überakkumulation, Verschuldungskrise und 'Politik'. In: Marxistische Kritik. Nr. 6, Verlag Marxistische Kritik 1989: Der Klassenkampffetisch. Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus. (gemeinsam mit Ernst Lohoff) In: Marxistische Kritik. Nr. 7, Verlag Marxistische Kritik 1990: Deutschland einig Irrtum. Die Wiedervereinigungsfalle und die Krise des warenproduzierenden Weltsystems. In: Krisis. Nr. 8/9, Krisis Verlag 1990: Aschermittwoch des Marxismus. Der Abgesang der Linken und die Kritik der politischen Ökonomie. In: Krisis. Nr. 8/9, Krisis Verlag 1991: Die verlorene Ehre der Arbeit. Produzentensozialismus als logische Unmöglichkeit. In: Krisis. Nr. 10, Krisis Verlag 1991: Die Krise, die aus dem Osten kam. Wider die Illusion vom "Sieg" des Westens und seiner Marktwirtschaft. In: Helmut Thielen (Hrsg.): Der Krieg der Köpfe. Vom Golfkrieg zur neuen Weltordnung, Horlemann Verlag, ISBN 3-927905-42-9. 1991: Geschichtsverlust. Der Golfkrieg und der Verfall marxistischen Denkens. In: Krisis. Nr. 11, Krisis Verlag 1992: Die Aufhebung der Form (Interview). In: Wilhelm Beermann, Michael Dreyer, Karl Hoffmann: Fünf Interviews zur Veränderung des Sozialen Merz Akademie Stuttgart, ISBN 3-925860-37-1. 1992: Geschlechterfetischismus. Anmerkung zur Logik von Weiblichkeit und Männlichkeit. In: Krisis. Nr. 12, Horlemann Verlag, ISBN 3-927905-62-3. 1993: Die Demokratie frißt ihre Kinder. Bemerkungen zum neuen Rechtsradikalismus. In: Rosemaries Babies. Die Demokratie und ihre Rechtsradikalen, Horlemann Verlag, ISBN 3-927905-84-4. 1993: Subjektlose Herrschaft. Zur Aufhebung einer verkürzten Gesellschaftskritik. In: Krisis. Nr. 13, Horlemann Verlag, ISBN 3-927905-85-2. 1994: Das Ende der Politik. Thesen zur Krise des warenförmischen Regulationssystems. In: Krisis. Nr. 14, Horlemann Verlag, ISBN 3-89502-013-3. 1995: Mit Volldampf in den Kollaps. In: IG-Rote Fabrik/Zürich (Hrsg.): Krise? Welche Krise?, Edition ID-Archiv, ISBN 3-89408-045-0. 1995: Postmarxismus und Arbeitsfetisch. Zum historischen Widerspruch in der Marxschen Theorie. In: Krisis. Nr. 15, Horlemann Verlag, ISBN 3-89502-027-3. 1995: Die Himmelfahrt des Geldes. Strukturelle Schranken der Kapitalverwertung, Kasinokapitalismus und globale Finanzkrise. In: Krisis. Nr. 16/17, Horlemann Verlag, ISBN 3-89502-030-3. 1996: Die letzten Gefechte. Ein Essay über den Pariser Mai, den Pariser Dezember und das Bündnis für Arbeit. In: Krisis. Nr. 18, Horlemann Verlag, ISBN 3-89502-045-1.