Die albanische Sprache (Eigenbezeichnung: ), kurz Albanisch (), gehört zur balkanindogermanischen Sprachgruppe der indogermanischen Sprachfamilie und zum Balkansprachbund. Sie ist seit dem 15. Jahrhundert schriftlich belegt und heute Amtssprache in Albanien, im Kosovo und in Nordmazedonien sowie Minderheitensprache in anderen Ländern Südosteuropas und in Italien.
Das Albanische hat zwei große Dialektgruppen, im Norden das Gegische und im Süden das Toskische, die sich in zum Teil sehr unterschiedliche lokale Unterdialekte gliedern lassen (siehe dazu albanische Dialekte). Die heutige albanische Schriftsprache wurde erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage der toskischen Dialektgruppe entwickelt. 1972 kam dieser Prozess auf einem Kongress in Tirana zum Abschluss. Seit einigen Jahren wird gefordert, verstärkt gegische Varianten in der Sprachpolitik zu berücksichtigen.
In seinen Wortschatz hat das Albanische im Lauf der Zeit Lehnwörter aus dem Altgriechischen, danach aus dem Lateinischen übernommen; es folgten Entlehnungen aus dem Südslawischen, (Mittel-)Griechischen und Türkischen, dem Italienischen und Französischen sowie anderen Sprachen.Karl-Richard Bausch, Hans-Jürgen Krumm, Eva Burwitz-Melzer, Grit Mehlhorn; Handbuch Fremdsprachenunterricht; UTB GmbH; Auflage: 6. vollst. überarb. u. erw. (15. August 2016); S. 480 Derzeit kommen zunehmend Anglizismen hinzu.
Geschichte Frühste Quellen Von Albanern als Bevölkerungsgruppe und Sprechern dieser Sprache berichteten erstmals byzantinische Schriftsteller im 11. Jahrhundert wie Anna Komnena. Obwohl in keiner einheitlichen Schriftform festgehalten, begegnete man der albanischen Sprache vom Norden des heutigen Griechenlands bis an die heutige kroatische Küste. Im Jahre 1285 wird in Ragusa (dem heutigen Dubrovnik) mit dem in einem Dokument überlieferten Satz die Präsenz der albanischen Sprache bezeugt, was als erste Erwähnung dieser Sprache an sich gilt. Im 14. Jahrhundert sind albanisch besiedelte Landstriche in Thessalien und sogar in Attika bezeugt. Im heutigen Albanien assimilierte die slawische und die romanische Bevölkerung sich langsam an die Albaner und übernahm deren Sprache. Dieser Prozess dauerte bis ins 20. Jahrhundert hinein an.
Das älteste schriftliche Zeugnis des Albanischen ist eine altgegische Taufformel , die Pal Engjëlli (1416–1470), Erzbischof von Durrës, 1462 in einem Brief niederschrieb.
Der Jerusalem-Pilger Arnold von Harff (1471–1505), der auf seinen Reisen auch Albanien durchquert hatte, überlieferte in seinem Reisebericht aus dem Jahr 1496 eine kurze albanisch-deutsche Wortliste.
Der katholische Priester Gjon Buzuku verfasste 1555 das älteste gedruckte albanische Buch, das Meshari ‚Messbuch‘, in einer Form des Altgegischen.
Das älteste gedruckte Werk im toskischen Albanisch – genauer in der italo-albanischen Mundart der Arbëreshë – ist Mbsuame e krështerë (italienisch Dottrina cristiana „Christliche Lehre“) des katholischen Geistlichen Lekë Matrënga (italienisch Luca Matranga), das 1592 veröffentlicht wurde.
Die Nationalbewegung Rilindja mini|hochkant|Elifbaja, ein frühes, selten genutztes albanisches Alphabet in arabischer Schrift
Mit dem Aufkommen des Nationalismus unter den Albanern im 19. Jahrhundert entstand – abgesehen von einzelnen Vorläufern – eine albanische Literatur. Nach 1870 wurden die ersten Zeitungen und Zeitschriften herausgegeben. Damals wurde das Albanische je nach konfessioneller Zugehörigkeit entweder in lateinischer oder in griechischer Schrift, von Muslimen auch mit arabischen Buchstaben geschrieben. Um die Unklarheiten bei der Aussprache der arabischen Schrift zu beseitigen, entwickelte der muslimische Gelehrte Rexhep Voka (1847–1917) ein angepasstes arabisches Alphabet (Elifbaja), bestehend aus 44 Konsonanten und Vokalen, das er 1911 veröffentlichte. Es wurde kaum verwendet.Robert Elsie: The Currents of Moslem and Bektash Writing in Albania (1850–1950). In: Albanian Catholic Bulletin. Band 15, 1994, S. 172–177, hier S. 176. Die Unterstützer der albanischen Nationalbewegung Rilindja ‚Wiedergeburt, Renaissance‘ bemühten sich Ende des 19. Jahrhunderts um die Vereinheitlichung der Schreibweise. Der Vorschlag mit dem meisten Anklang war das sogenannte „Stamboller Alphabet“ (albanisch für Istanbul) von Sami Frashëri, einem bedeutenden albanischen Gelehrten, der vor allem in der osmanischen Hauptstadt wirkte.
1908 trafen sich albanische Intellektuelle aus allen Teilen des Landes zum Kongress von Monastir im heutigen nordmazedonischen Bitola (alb. Manastir). Auf dieser Versammlung wurde endgültig beschlossen, dass die albanische Sprache fortan ausschließlich in lateinischer Schrift geschrieben werden sollte. Als Ausgangsbasis dienten das Stamboller Alphabet und das in Shkodra gebräuchliche von Gjergj Fishta entwickelte „Bashkimi-Alphabet“ (albanisch für ‚die Vereinigung‘). Man einigte sich außerdem auf eine streng phonetische Schreibweise mit nur zwei Sonderzeichen: Ç/ç und Ë/ë; dies waren die beiden Zeichen, die schon damals auf der französischen Schreibmaschinentastatur zu finden waren. Alle anderen Laute des Albanischen, die keine Entsprechung im lateinischen Alphabet haben, sollten durch Buchstabenkombinationen ausgedrückt werden. Die Regelungen von 1908 sind bis heute gültig, und man kann den Kongress von Monastir mit Recht als die Geburtsstunde der albanischen Orthographie bezeichnen, auch wenn es noch weitere 60 Jahre dauern sollte, bis man die Dialektformen aus dem Gegischen und Toskischen zu einer allgemeinen schriftsprachlichen Norm verschmolz.
Bei der Volkszählung von 1918 in den von Österreich-Ungarn besetzten Gebieten Albaniens konnten 28,8 % der Männer und 8,8 % der Frauen in den Städten lesen und schreiben, auf dem Land aber nur 8,8 % der Männer und 0,1 % der Frauen. 23,6 % der Männer in den Städten und 1,1 % der Männer auf dem Land verwendeten die lateinische Schrift, während 9,9 % der Männer in der Stadt und 0,9 % auf dem Land in der türko-arabischen Schrift lasen und schrieben. Bei den Frauen schrieben 8,7 % in der Stadt und 0,1 % auf dem Land in der lateinischen Schrift und 0,3 % in der Stadt sowie 0,008 % auf dem Land in der osmanischen Schrift.
mini|hochkant|Albania, eine der ersten albanischen Zeitungen (Ausgabe von Oktober 1899)
Herkunft Mögliche Zwischenstationen des Albanischen auf dem Wege vom Indogermanischen sind bisher nicht eindeutig fassbar. Nicht zuletzt wegen der räumlichen Überlappung mit den historisch bekannten Illyrern versuchten viele Forscher, das Albanische dem Illyrischen zu verbinden, was allerdings wegen unzureichender Belege des Illyrischen nicht ganz beweisbar bleibt. Als erster äußerte der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) diese Vermutung. Weitere Vertreter dieser Richtung waren Sprachwissenschaftler wie Franz Bopp,Franz Bopp: Über das Albanesische [sic] in seinen verwandtschaftlichen Beziehungen. (Digitalisat) Berlin 1855. Gustav Meyer, Eqrem Çabej, Franz von Miklosich und Agnija Desnizkaja. Gustav Weigand nahm eine Abstammung der Albaner von den antiken Thrakern an.
Neuerdings wies Joachim Matzinger erneut auf die Schwierigkeiten einer eindeutigen Zuordnung hin.
Alternativ oder ergänzend wird die vorgeschichtliche Zugehörigkeit zu einer balkan-indogermanischen Zwischenstufe vorgeschlagen, zusammen mit dem Griechischen und Armenischen. Das Gegenargument eines „Sprachbundes“ scheidet ja bereits für das Armenische aus. Diese Annahme wurde nicht nur von Norbert Jokl,N. Jokl (1963 posthum): Die Verwandtschaftsverhältnisse des Albanischen zu den übrigen indogermanischen Sprachen. In: Die Sprache 9: S. 113–156. sondern weiter von Martin E. HuldM. E. Huld: Basic Albanian Etymologies. Slavica Publishers, Inc., Columbus OH 1984 und Joachim MatzingerJ. Matzinger (2000): Albanisch grā ‚Frauen‘. In: Münchener Studien zur Sprachwissenschaft. 60: S. 75–87. erwogen. Gestützt wird diese Annahme weiterhin von einer lexikostatistischen UntersuchungHans J. Holm (2008): The Distribution of Data in Word Lists and its Impact on the Subgrouping of Languages. In: Christine Preisach, Hans Burkhardt, Lars Schmidt-Thieme, Reinhold Decker (Hrsg.): Data Analysis, Machine Learning, and Applications. Proc. of the 31th Annual Conference of the German Classification Society (GfKl). University of Freiburg, 7.–9. März 2007. Springer-Verlag, Heidelberg/Berlin, S. 629–636. sowie einer glottochronologischen Berechnung von S. A. Starostin.Václav Blažek (2005): From August Schleicher to Sergei Starostin on the development of the tree-diagram models of the Indo-European languages. JIES 35 (1–2): S. 82–109 = 28 Seiten
Verbreitung mini|Verbreitung der albanischen Sprache in Süd- und Südosteuropa
Der geschlossene albanische Sprachraum auf der Balkanhalbinsel umfasst Albanien, Kosovo, die westlichen und nordwestlichen Teile Nordmazedoniens, den Nordwesten Griechenlands sowie einige angrenzende Landstriche in Serbien und Montenegro. Alteingesessene albanischsprachige Minderheiten leben in Süditalien und auf Sizilien (siehe Arbëreshë) sowie auf der Peloponnes, in Attika und weiteren südgriechischen Regionen und Inseln (siehe Arvaniten). In Südepirus lebten zudem bis vor einigen Jahrzehnten Albaner (siehe Çamen). Im Weiteren gibt es in Bulgarien (Mandriza), Rumänien (Bukarest, Timișoara, Iași, Constanța, Cluj-Napoca) und in der Ukraine (Oblast Saporischschja und Budschak) kleinere Minderheiten.
Insgesamt sprechen über 7,2 Millionen Menschen die albanische Sprache, davon etwa 2,5 Millionen in Albanien, etwa 2,6 Millionen in den übrigen Balkanländern sowie mehr als zwei Millionen Auswanderer weltweit.
Dialekte Der mittelalbanische Fluss Shkumbin unterteilt den albanischen Sprachraum in eine nördliche gegische und in eine südliche toskische Zone. Entlang des Flusses existiert zudem eine Übergangszone, die etwa 15 bis 20 Kilometer breit ist. Während der Rilindja entstanden zwei albanische Schriftsprachen für die toskische und die gegische Dialektgruppe. Die heutige albanische Standardsprache, die 1972 vereinheitlicht wurde, beruht größtenteils auf den nordtoskischen Dialekten mit einigen gegischen Elementen.spiegel.de
Unterschiede Die zwei Hauptdialektgruppen unterscheiden sich phonetisch, morphologisch und auch lexikalisch. Die phonetischen Unterschiede sind gering, so zum Beispiel das nasale â des Gegischen und das ë des Toskischen (nâna – nëna ‚die Mutter‘) oder auch das gegische n zwischen Vokalen gegenüber dem toskischen r (syni – syri ‚das Auge‘). Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Wörter, die im Toskischen ein „q“ haben, im Gegischen zu einem „k“ werden (qesh – kesh ‚lachen‘).
Die morphologischen Unterschiede sind umso zahlreicher; so hat das Gegische einen Infinitiv, der dem Toskischen fehlt. Außerdem wird das Futur im Gegischen mit dem konjugierten Verb ‚haben‘ (im Gegischen me pâs) und dem Infinitiv gebildet, während dies im Toskischen über eine unkonjugierbare Form des Verbs ‚wollen‘ (do) mit einem Relativsatz geschieht, welcher das ins Futur zu stellende Verb in konjungierter Form im Präsens beinhaltet. Dieser Nebensatz wird durch die Subjunktion të eingeleitet. Ein Beispiel hierfür ist unë do të shkoj für ‚ich werde gehen‘.
Der Wortschatz der beiden Hauptdialektgruppen unterscheidet sich teils auch bei Wörtern für alltägliche Dinge, so heißt ‚Milch‘ im Gegischen tâmbël, im Toskischen dagegen qumësht. ‚Dorf‘ ist im Gegischen katûn, im Toskischen fshat. Der ‚Fuchs‘ heißt im Gegischen skile oder shpin (oder auch dhelpen) und im Toskischen dhelpër. Ebenfalls geg. bërshê(n) gegenüber tosk. (v)enjë ‚Stinkwacholder; Eibe‘, rrêj – gënjej ‚lügen‘, krejt - gjith ,alle’ oder shpullë – pëllëmbë ‚Handfläche‘.
Geographische Unterteilung mini|Dialektzonen in Albanien und deren ausländische Sprachinseln Gegisch Nordwestgegisch in Nordwestalbanien und in allen albanischen Gemeinden in Montenegro (in der Nähe von Bar und Ulcinj)