Iwan, auch Aiwan oder Liwan (, ayvān, , letzteres arabisch umgangssprachlich von al-īwān, ), bezeichnet in den mittelalterlichen arabischen und persischen Texten in den meisten Fällen den bedeutendsten Teil eines Palastes, also den Thronsaal oder die Audienzhalle, unabhängig von deren architektonischer Gestalt oder im weiteren Sinn das Palastgebäude insgesamt. Aus diesem zunächst funktionellen Begriff bildete sich vermutlich die allgemein verbreitete Bezeichnung für einen bestimmten Gebäudeteil in der weltlichen und religiösen Architektur des Nahen und Mittleren Ostens: eine hohe, einseitig offene Halle, die von einem Tonnengewölbe überdeckt wird.
Für die iranische Architektur ist der Iwan seit seiner Einführung durch die Parther im 1. Jahrhundert n. Chr. ein wesentliches Merkmal. Wohnhäuser in Chorasan mit zentralen Hallen, die als Vorläufer der Iwane angesehen werden, finden sich archäologischen Untersuchungen zufolge ab Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. Ein quadratischer Kuppelsaal in Verbindung mit einem Iwan waren das charakteristische Element der sassanidischen Palastarchitektur; der Iwan mit seiner hochgezogenen Frontmauer (Pischtak) wurde zum dominanten Merkmal der Außenfassade.
Der Iwan als herausragender zentraler Baukörper prägte die orientalischen Paläste der nachfolgenden islamischen Zeit und die religiöse Architektur besonders im Iran und im südlichen Zentralasien. Im Innern einer Moschee weist der dem Hof zugewandte Iwan an der Qibla-Wand die Gebetsrichtung. Bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts hatte sich die charakteristische iranische Hofmoschee nach dem Vier-Iwan-Schema mit jeweils zwei, sich in einem Achsenkreuz gegenüberstehenden Iwanen als Standard herausgebildet. Dieser Grundplan kommt auch bei Madrasas, Wohngebäuden und Karawansereien vor. mini|hochkant=1.3|Eingangsportal der Mir-i Arab Madrasa, einer Madrasa mit Innenhof des Vier-Iwan-Typs in Buchara von 1535/36.
Begriffsetablierung Iwan Das persische Wort aiwān wurde in der Nachfolge von Ernst Herzfeld (Mythos und Geschichte, in: Archäologische Mitteilungen aus Iran, 1936) von mehreren Autoren auf das altpersische apadana, „Palast“ zurückgeführt, das wiederum mit Sanskrit apa-dhā, „Geheimhaltung“, „Versteck“ in Beziehung stehen soll.Rüdiger Schmitt, David Stronach: Apadāna. In: Encyclopædia Iranica. Beide Herleitungen gelten heute als unsicher, eine alternative Etymologie ist jedoch nicht bekannt.
In den frühesten Quellen steht aiwān eher für eine Funktion und nicht für eine bestimmte Form eines Gebäudes. Von der parthisch-sassanidischen Stadt Ktesiphon blieb einzig die Ruine des sassanidischen Palastes aus dem 6. Jahrhundert erhalten. Die beiden Namen des Palastes, Ayvān-e Kesrā und Taq-e Kisra wurden synonym als „Palast von Chosrau“ verwendet, wobei sich aiwān auf die Funktion und ṭāq, „Bogen“, eindeutig auf die Bauform des Gebäudes bezieht. In Texten aus der Zeit der Abbasiden (8./9. Jahrhundert) ist mit aiwān der große Empfangssaal des Palastes gemeint, in welchem der Kalif hinter einem zeremoniellen hölzernen Gitterfenster (arabisch schubbak, „Fenster“, allgemein maschrabiyya) saß und die offiziellen Feierlichkeiten beobachtete. Im persischen Epos Schāhnāme kommt aiwān mehrfach als Bezeichnung für den Palastsaal oder den gesamten Palast vor. Der Muzaffariden-Herrscher Schah Yahya (reg. 1387–1391) ließ in Yazd einen aiwān genannten Gartenpalast errichten, der ein viergeschossiges, vermutlich frei stehendes Gebäude war. Wenn das arabische Wort īwān für das gesamte Gebäude galt, entsprach es dem arabischen qaṣr, beispielsweise im Namen des fatimidischen Palastes in Kairo, der al-Qaṣr al-Kabīr oder al-Īwān al-Kabīr („Großer Palast“) genannt wurde.
In einer weiteren Bedeutung war mit aiwān ein erhöhter Bereich gemeint, etwa eine wegen ihrer besonderen Funktion innerhalb eines Raums abgetrennte Plattform. Vor allem in den zeitgenössischen Beschreibungen der Mamluken von Gebäuden in Damaskus und Kairo bezog sich īwān schließlich auf jede zum Innenhof offene Halle in einer Moschee oder einer Madrasa, meist mit der üblichen, den gesamten Raum überspannenden Gewölbedecke, in manchen Fällen darüber hinaus – vielleicht nur umgangssprachlich – auch auf eine Säulenhalle. Mir ʿAli Schir Nawāʾi (1441–1501) erwähnt einen aiwān mit vielen Säulen, wobei unklar bleibt, welches Gebäude er meint.
Wann die ursprüngliche funktionelle Bedeutung von Iwan als Palast in die der heute geläufigen einer architektonischen Form überging, ist unklar. Der Palast von Ktesiphon war möglicherweise nicht nur ein für spätere Palastbauten im iranischen Kulturraum bedeutendes architektonisches Vorbild, sondern auch namensgebend für die Bauform. Zumindest könnte der von westlichen Kunsthistorikern geprägte allgemeine Architekturbegriff auf den Namen dieses Palastes zurückgehen.
Suffa In vielen arabischen und persischen Texten heißt die zum Hof offene Gewölbehalle in einer Moschee nicht Iwan, sondern ṣuffa. So wurde ursprünglich ein überdachter Bereich an der Nordseite der Prophetenmoschee in Medina genannt. Dies war der Ort, an dem sich die ersten Anhänger des Propheten Mohammed aufhielten, die seither als ahl aṣ-ṣuffa oder aṣḥāb aṣ-ṣuffa („Leute des Schattendachs“) bekannt sind. Ein Sarīh al-Milk betiteltes zeitgenössisches Manuskript beschreibt im Grabheiligtum des Safi ad-Din in Ardabil vor der Mitte des 14. Jahrhunderts mit dem Wort al-mamarr einen Weg, der zu einer als suffa bezeichneten Plattform führt.A. H. Morton: The Ardabīl Shrine in the Reign of Shāh Ṭahmāsp I. In: Iran, Bd. 12, 1974, S. 31–64, hier S. 41 A. H. Morton (1974) interpretiert mamarr als Innenhof (am Eingang) vor einem offenen Raum mit Arkaden auf einem Podest. Für den iranischen Historiker Hamdallah Mustaufi (um 1281 – um 1344) erschienen die gewaltigen Gewölbebögen der ilchanidischen Moschee Arg-e-Täbris in Täbris als suffa, die größer seien als beim Taq-e Kisra. Das Bedeutungsspektrum von suffa umfasst damit im eigentlichen Sinn Iwan als einen überwölbten halboffenen Raum und in der Vervielfältigung des einen Raums eine erhöhte Plattform oder ein Podium mit einem von mehreren Säulen oder Arkaden getragenen Dach. Neben dieser architektonischen Vergrößerung kann suffa in einer Verkleinerung der Dimension auch eine Nische oder Einbuchtung in der Wand bedeuten.Sheila S. Blair: Ilkhanid Architecture and Society: An Analysis of the Endowment Deed of the Rabʿ-i Rashīdī. In: Iran, Bd. 22, 1984, S. 67–90, hier S. 69f
Ein Vier-Iwan-Schema ist seit der spätmittelalterlichen persischen Literatur auch als chahār suffa bekannt. Im Geschichtswerk Tārīch-i ʿAbbāsī des Dschalal ad-Din Muhammad heißt es zum Jahr 1598, er (Schah Abbas I.) habe den Bau einer großen Zisterne mit vier Iwanen (chahār suffa), vier Räumen (chahār hudschra) und einem großen Wasserspeicher in der Mitte angeordnet.R. D. McChesney: Four Sources on Shah ʿAbbas's Building of Isfahan. In: Muqarnas, Bd. 5, 1988, S. 103–134, hier S. 109 Im Persischen kann in der Region Yazd ein Gebäude mit einem Iwan als tak suffa, mit zwei Iwanen als du suffa und mit vier Iwanen als char suffa bezeichnet werden.Eisa Esfanjary: Persian Historic Urban Landscapes: Interpreting and Managing Maibud over 6000 Years. Edinburgh University Press, Edinburgh 2017, s. v. „Glossary“ Die Sommermoschee (masdschid-i sayfi) auf dem Gelände des Anfang des 14. Jahrhunderts gegründeten ilchanidischen Gebäudekomplexes Rabʿ-e Raschidi mit Bibliothek, Krankenhaus, Tekke (chāneqāh) und Schule in Täbris wurde auch suffa-i sadr genannt. Sadr meint hier übertragen vom religiösen Ehrentitel einen dem Eingang gegenüberliegenden Raum für Würdenträger.Sheila S. Blair: Ilkhanid Architecture and Society: An Analysis of the Endowment Deed of the Rabʿ-i Rashīdī. In: Iran, Bd. 22, 1984, S. 74. Die offenen Kolonnaden einer zentralasiatischen Sommermoschee werden entsprechend der vergrößerten Wortbedeutung suffa oder Iwan genannt.Sheila S. Blair: Ilkhanid Architecture and Society: An Analysis of the Endowment Deed of the Rabʿ-i Rashīdī. In: Iran, Bd. 22, 1984, S. 74, 85.
Herkunft der Bauform Iwan mini|links|Grundplan des parthischen Palastes in Hatra. Drei monumentale Iwane in einer Reihe mini|Hatra, Palastfassade Zur Herkunft des Gewölbetyps als solchem und der kreuzförmigen Vier-Iwan-Anlage existieren mehrere Theorien. Abgelehnt werden heute ältere Vorschläge, wonach sich die Iwan genannte Gewölbeform in Mesopotamien und dort etwa aus den Gemeinschaftshäusern (mudhif) der Marsch-Araber, deren Tonnendach aus Schilfrohr gefertigt ist, entwickelt habe. Eher wahrscheinlich erscheint eine Verbindung zwischen der Anordnung des tablinum im Grundplan des antiken römischen Hauses und den iranischen oder mesopotamischen Gewölbebautechniken. Die Möglichkeit einer solchen Herkunft ist zumindest historisch plausibel: Die ersten bekannten Iwane finden sich in der von den Parthern beeinflussten Architektur im Irak, die wiederum vom Hellenismus geprägt wurde. Im 1. Jahrhundert kam der Iwan in Hatra und anderen, im Machtbereich der Parther befindlichen Gebieten in Mesopotamien häufig im Bauplan von Tempeln, Palästen und anderen weltlichen Gebäuden vor. Die Grundannahme dieser Theorie, dass das monumentale Gewölbe in Mesopotamien entwickelt worden sei, wird jedoch mit Verweis auf antike Gewölbe im Mittelmeerraum angezweifelt. Außerdem gab es in Nisa, der ersten Hauptstadt der Parther, zwar monumentale Kuppelbauten, jedoch noch keine Iwane. Der älteste in den Ruinen erkennbare Iwan im parthischen Kernland befand sich möglicherweise im Palast (oder Feuertempel) von Kuh-e Chwadscha in der iranischen Provinz Sistan, falls dessen Datierung in die parthische und nicht in die sassanidische Zeit zutrifft.Oleg Grabar: Encyclopædia Iranica. Die Identifikation als Feuertempel beruht auf einem Altar im zentralen Kuppelbau.Dietrich Huff: Architecture III. Sasanian Period. In: Encyclopædia Iranica.
Als eine mögliche Vorstufe für die Entwicklung des Iwan wurde das zwischen Anatolien, Syrien, Westiran und Mesopotamien weit verbreitete Hilanihaus angeführt, bei dem der Zugang zu einem rechteckigen Saal durch einen breiten Portikus in einer Längsseite von einem geschlossenen Hof erfolgte. Die ältesten eisenzeitlichen Hilanis mit von Holzsäulen gestützten Portiken (assyrisch bīt ḫilāni, „Säulen-Haus“, verwandt mit hethitisch ḫilammar) stammen aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. (Palast des Yarim-Lim in Alalach, 17./16. Jahrhundert v. Chr.) Der prächtigste bekannte Hilani war der Palast in Tell Halaf aus dem 9. Jahrhundert v. Chr.Henri Frankfort: The Origin of the Bît Hilani. In: Iraq, Vol. 14, No. 2, Herbst 1952, S. 120–131, hier S. 121 Die figuralen Säulen von dessen monumentalem Portal zieren heute den Eingang des Nationalmuseums in Aleppo. Ein weiterer Hilani wurde zu Beginn des 7. Jahrhunderts in Tell Schech Hamad in eine bestehende Gebäudestruktur integriert. Laut einer Inschrift führte der König des Neuassyrischen Reiches Sargon II. (reg. 721–705 v. Chr.) den Typ des Hilani-Palastes aus dem Hatti-Land (gemeint die späthethitischen Siedlungsgebiete in Nordsyrien) in seiner Hauptstadt Dur Šarrukin ein, geschmückt mit acht Bronzelöwen vor der Fassade. Der Vergleich mit dem Iwan rührt daher, dass der Breitraum des Hilani der älteste, nach außen zu einem Hof geöffnete Architekturtyp war.Mirko Novák: Hilani und Lustgarten. In: M. Novák, F. Prayon, A.-M. Wittke (Hrsg.): Die Außenwirkung des späthethitischen Kulturraums. (Alter Orient und Altes Testament 323), 2004, S. 335–372, hier S. 337, 340, ISBN 3-934628-63-X
Vier-Iwan-Schema