mini|hochkant|Stadtführung in Hameln durch den „Rattenfänger von Hameln“ mini|hochkant=0.6|UNESCO-Logo des Immateriellen Kulturerbes Rattenfänger von Hameln ist eine der bekanntesten deutschen Sagen. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es wird geschätzt, dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen. Selbst in fernen Ländern gehört sie häufig zum Schulunterrichtsstoff; besonders in Japan und in den USA ist sie sehr beliebt.
Seit Dezember 2014 gehört die Sage zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Zum immateriellen Kulturerbe zählt ebenso der Rattenfänger-Literaturpreis, den die Stadt seit 1984 für phantastische Kinder- und Jugendliteratur vergibt.
Ursprüngliche Kinderauszugssage Die älteste Schicht der Sage dreht sich lediglich um das Wegführen von Kindern aus der Stadt Hameln und thematisiert keine Rattenplage. Die am weitesten zurückreichende Überlieferung stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und ist in lateinischer Sprache verfasst. Die historische Quelle beschreibt eine angeblich im Jahr 1284 erfolgte massenhafte Kindesentführung. Zugeschrieben wird die Tat einem gutaussehenden jungen Mann mit bewundernswerter Kleidung. Er habe, ohne dass seine Beweggründe benannt werden, die Stadt plötzlich betreten und als Lockmittel eine ungewöhnlich geformte Pfeife aus Silber eingesetzt.
Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wird der ebenfalls eine Pfeife verwendende Teufel und noch immer kein Rattenfänger für ein plötzliches Verschwinden von Kindern aus Hameln verantwortlich gemacht. Älteste schriftliche Überlieferung (ca. 1430/50) Älteste schriftliche Überlieferung des Kinderauszugs von Hameln im Nachtrag zur Lüneburger Handschrift Theol. 2° 25 (entstanden ca. 1430/50)
Lateinischer Originaltext:
Sage bei Jobus Fincelius (1556) mini|hochkant|Sage bei Jobus Fincelius mini|hochkant|Sage bei Jobus Fincelius Transkription des frühneuhochdeutschen Textes: Von des Teufels gewalt vnd bosheit wil ich hie ein warhafftige Historiam melden. Ungefehrlich vor 180. jaren hat sichs begeben zu Hammel in Sachsen an der We= ser / das der Teufel am tag Marie Magdalene in menschlicher gestalt sichtlich vff den gassen vmbgan= gen ist / hat gepfiffen / vñ viel kinder kneble vnd meidle an sich gelocket / vnd zum stadthor nausgeführt an ein berg / Da er dahin komen / hat er sich mit den kindern / der seer viel gewest / verlorn / des niemans gewust / wo die kinder hin komen sind / Solchs hat ein Meidle / das von fern nachgefolgt / jren Eltern angezeigt / ist derwegen bald auff wasser vnd Land an allen Orten vleissige nachforschung vnd bestel= lung geschehen / Ob die kinder vielleicht gestolen vnd hinweg ge= führt weren worden / Aber es hat kein mensch erfarn / wo sie hin ko= men sind. Solchs hat die Eltern höchlich betrübt / vnd ist ein schreck= lich exempel göttlichs Zorns vber die sünde. Solchs alles ist beschrie= be in dem Stadbuch zu Hammel / da es viel hoher Leut selbs gelesen vnd gehört. Res gesta.Jobus Fincelius: Warhafftige beschreibung und gründlich verzeichnus schrecklicher Wunderzeichen und Geschichten, die von dem Jar an MDXVII. bis auff itziges Jar MDLVI. geschehen und ergangen sind nach der Jarzal. Christian Rödiger, Jena 1556, unpaginiert (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Übertragung ins moderne Hochdeutsch:
Von der Gewalt und Bosheit des Teufels will ich hier eine wahrhaftige Geschichte berichten. Ungefähr vor 180 Jahren geschah es in Hameln in Sachsen an der Weser, dass der Teufel am Tag der Maria Magdalena in menschlicher Gestalt sichtbar auf den Straßen umherging. Er pfiff und lockte viele Kinder, Jungen und Mädchen, zu sich und führte sie aus dem Stadttor hinaus zu einem Berg.
Als er dorthin gekommen war, verschwand er mit den Kindern – es waren sehr viele –, sodass niemand wusste, wohin die Kinder verschwunden waren.
Ein Mädchen, das ihnen aus der Ferne gefolgt war, berichtete dies später seinen Eltern. Deshalb wurde sofort zu Wasser und zu Land überall eifrig nachgeforscht und gesucht, ob die Kinder vielleicht gestohlen und fortgeführt worden seien.
Aber kein Mensch konnte herausfinden, wohin sie verschwunden waren.
Das hat die Eltern sehr betrübt und gilt als ein schreckliches Beispiel für den göttlichen Zorn über die Sünde. All dies ist im Stadtbuch von Hameln beschrieben, wo es viele angesehene Leute selbst gelesen und gehört haben.
Res gesta („Die geschehene Sache“ / „Der berichtete Vorfall“).
Rattenvertreibungssage Erst 1565 lässt sich anstelle des Kinder fortlockenden Teufels das Motiv des Rattenfängers, der um sein Geld geprellt wird und deshalb Rache an den Hamelner Bürgern nimmt, in der Kinderauszugssage von Hameln feststellen. Bis dahin gibt es acht unterschiedliche Überlieferungen der Erzählung, die ganz ohne diesen aus Süddeutschland stammenden Sagenstrang auskommen.Fanny Rostek-Lühmann: Der Rattenfänger von Hameln. In: Brief der Psychoanalytischen Assoziation. Die Zeit zum Begreifen. Sonderheft 3. Reader zur Tagung. Berlin. Dezember 1992. S. 48ff.
Übersetzung des frühneuhochdeutschen Textes (1565) von Froben Christoph von Zimmern ins moderne Hochdeutsch:
Sage (nach den Brüdern Grimm) mini|Älteste Rattenfängerdarstellung von 1592 als Schalmeipfeifer; Kopie einer Glasmalerei in der Marktkirche Hameln Der erst 1816 abgefassten, aber am meisten rezipierten Sage nach ließ sich im Jahre 1284 zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte ein Obergewand aus vielfarbigem, buntem Tuch an und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Hameln litt zu dieser Zeit unter einer großen Rattenplage, derer die Stadt selbst nicht Herr wurde, weshalb sie das Angebot des Fremden begrüßte.
Die Bürger sagten ihm seinen Lohn zu, und der Rattenfänger zog seine Pfeife heraus und pfiff eine Melodie. Da kamen die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es sei keine zurückgeblieben, ging er aus der Stadt hinaus in die Weser; der ganze Haufen folgte ihm nach, stürzte ins Wasser und ertrank. Als aber die Bürger sich von ihrer Plage befreit sahen, bereuten sie das Versprechen und sie verweigerten dem Mann den Lohn, sodass er zornig und erbittert wegging.
Am 26. Juni, am Tag der Heiligen Johannes und Paulus, kehrte er jedoch zurück in Gestalt eines Jägers mit schrecklichem Angesicht, einem roten, wunderlichen Hut und ließ, während alle Welt in der Kirche versammelt war, seine Pfeife abermals in den Gassen ertönen. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahre an, in großer Anzahl gelaufen. Diese führte er, immer spielend, zum Ostertore hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Nur zwei Kinder kehrten zurück, weil sie sich verspätet hatten; von ihnen war aber das eine blind, sodass es den Ort nicht zeigen konnte, das andere stumm, sodass es nicht erzählen konnte. Ein Knäblein war umgekehrt, um sein Obergewand zu holen, und so dem Unglück entgangen. Einige sagten, die Kinder seien in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen. Es waren ganze 130 Kinder verschwunden. Man hat sie nie mehr gesehen.
(Gekürzt und sprachlich etwas modernisiert nach: Brüder Grimm: Deutsche Sagen, Nr. 245, Die Kinder zu Hameln)
864px|mini|zentriert|Abschrift der Hausinschrift am Rattenfängerhaus aus dem 17. Jahrhundert zur Rattenfängersage
Historischer Hintergrund mini|hochkant|Kate Greenaways Illustration zu Robert Brownings Adaption mini|Glockenspiel zur Sage am Hochzeitshaus in Hameln mini|Rattenfänger-Freilichtspiele neben dem Hochzeitshaus in Hameln mini|Lithografie von 1902: „Gruss aus Hameln“ Die Entstehung und der eventuelle historische Kern der Rattenfängersage lassen sich nicht mit letzter Sicherheit ermitteln. Als gesichert kann jedoch gelten, dass es sich hierbei um zwei ursprünglich selbständige Sagen handelt, die dann miteinander verbunden wurden: Die ursprüngliche Kinderauszugssage wurde wahrscheinlich erst Ende des 16. Jahrhunderts mit einer Rattenvertreibungssage verknüpft. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide Sagen(teile) einen historischen Kern aufweisen, unterschiedlich groß. In den mittelalterlichen Ratsbüchern der Stadt Hameln ist zum Beispiel nirgends nachweisbar, dass die Stadt einem Rattenfänger Lohn versprochen oder ausbezahlt hätte. Dass der Teil „Rattenvertreibung“ Legende ist, legen auch wissenschaftliche Untersuchungen nahe zur Frage, ob Ratten auf den Klang einer Flöte reagieren. Dies konnte bei der üblichen Frequenz damals gebräuchlicher Flöten nicht bestätigt werden.Quelle: PHOENIX Dokumentation 2009 „Der Rattenfänger und die verschwundenen Kinder“
Anders verhält es sich mit dem Sagenteil „Kinderauszug“, wobei unter den vielen Interpretationen die Deutung auf die von Niederdeutschland ausgehende Ostkolonisation die größte Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann: Die „Kinder von Hameln“ dürften Hamelner Jungbürger gewesen sein, die von adligen Territorialherren oder Lokatoren zur Siedlung im Osten angeworben wurden.
Die Auswanderungsregion der Hamelner Kinder – zuvor hatte man an Siebenbürgen, Mähren, Pommern oder das Deutschordensland gedacht – wurde von dem Onomastikprofessor Jürgen Udolph 1997 präzisiert: Auswanderer hatten die Angewohnheit, neu gegründete Orte in ihren Zielgebieten nach Orten aus ihrer alten Heimat zu benennen. Im Zuge der mittelalterlichen Ostkolonisation lassen sich Ortsnamen aus der Hamelner Region vor allem im heutigen Bundesland Brandenburg lokalisieren, insbesondere in den Regionen Prignitz und Uckermark. So findet sich beispielsweise der Name des in der Nähe von Hameln gelegenen Ortes Hamelspringe („Ort, wo die Hamel entspringt“) als Hammelspring im Landkreis Uckermark wieder, wo für diese Benennung kein lokaler Anlass erkennbar ist. Ebenso dürfte der Name der Grafschaft Spiegelberg im Weserbergland zur Benennung des Ortes Groß Spiegelberg bei Pasewalk geführt haben.
Dagegen scheiden Siebenbürgen und Mähren entgegen früheren Annahmen als Zielgebiete der Hamelner Auswanderer weitgehend aus, weil es dort keine nachweislich aus dem Wesergebiet stammenden Ortsnamen gibt. Die ältere Literatur verweist hier vor allem auf einen Ortsnamen Hamlíkov in Mähren, doch ist dieser, wie Udolph zeigen konnte, nicht von der Stadt Hameln abgeleitet. Unabhängig von den Ortsnamen fanden der Troppauer Stadtarchivar Wolfgang Wann und der Hamelner Heimatforscher Heinrich Spanuth heraus, dass im nordmährischen Olmütz in der damaligen Zeit dieselben Familiennamen wie im Hamelner Bürgerregister verzeichnet sind (so zum Beispiel Hamel, Hämler, Hamlinus, Leist, Fargel, Ketteler und andere), was womöglich kein Zufall ist.Richter, Rudolf: Der Rattenfänger von Hameln. In: Jahrbuch der Heimat. 1953. Für die Bewohner des ehemaligen Heimatkreises Bärn. St. Ottilien. S. 125.Wann, Wolfgang: Die Lösung der Hamelner Rattenfängersage - Ein Symbol des Abendlandes. Dissertation Universität Würzburg 1949.
Insgesamt aber machen die namenskundlichen Belege für die Regionen Prignitz und Uckermark sowie der überlieferte Zeitpunkt des Kinderauszugs – das 13. Jahrhundert war die Blütezeit der deutschen Ostkolonisation – die Auswanderungstheorie sehr wahrscheinlich: Der Rattenfänger mag in Wirklichkeit ein Werber für deutsche Siedler im Osten gewesen sein, und die Legende (Rattenfänger-Sage) will nur den Verlust fast einer ganzen Generation, die wegen Perspektivlosigkeit ihre Heimat verlassen hat, lyrisch umschreiben bzw. als Racheakt eines Geprellten deuten. Vielleicht wollte man sich auch nicht die Blöße geben, dass eine gesamte Generation auswanderte, weil sie in dem damaligen Zunftwesen keine Zukunft sah und lieber gen Osten zog mit der Aussicht, dort einen eigenen Hausstand oder Betrieb aufzubauen.