Mit dem Begriff Alpenfestung verbinden sich verschiedene Pläne der Führung des Deutschen Reiches in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Sie sollte in der schwer zu erobernden Bergregion der Alpen in Bayern und Österreich entstehen.
Ende 1944 verkündeten Adolf Hitler und die nationalsozialistische Propaganda, es gebe eine Alpenfestung. Als im Frühjahr 1945 Truppen der US Army (genauer: der 3. US-Armee und der 7. US-Armee) vorrückten, zeigte sich, dass dies nur Propaganda war. In den letzten Kriegstagen flüchtete ein großer Teil der verbliebenen NS-Größen nicht in die angebliche Alpenfestung, sondern über die sogenannte Rattenlinie Nord in Richtung Flensburg; dort im Ortsteil Mürwik entstand der Sonderbereich Mürwik mit der letzten Reichsregierung unter Karl Dönitz.Gerhard Paul: Zeitläufe: Flensburger Kameraden, vom 8. September 2013, abgerufen am 23. Januar 2016.Vgl. Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015.Andreas Oeding, Broder Schwensen, Michael Sturm: Flexikon. 725 Aha-Erlebnisse aus Flensburg! Flensburg 2009, Artikel: Reichshauptstadt.
Ursprünge der angeblichen deutschen Alpenfestung Im März 1944 machte Adolf Hitler seine Idee, Orte (z. B. Verkehrsknotenpunkte) zu „Festungen“ zu erklären, zu einem Konzept. Sie sollten besonders hartnäckig verteidigt werden, auch wenn das ihre Einschließung bedeutete – und oft auch ihre Vernichtung in einer Kesselschlacht. Erfahrene Generäle warnten vor dieser Idee.
Das Konzept bewährte sich nicht und führte zu großen Verlusten der Wehrmacht. Zahlreiche militärisch sinnlose Durchhalteparolen und -befehle bewirkten Opfer, die ein rechtzeitiger geordneter Rückzug hätte vermeiden können. Die NS-Propaganda verwendete die Begriffe „Festung“ und „Alpenfestung“ neben vielen anderen dazu, den Glauben vieler Soldaten und Zivilisten an einen Endsieg zu erhalten oder zu festigen.
Anfang September 1944 gelang es dem Sicherheitsdienst, dem Geheimdienst der SS, einen Bericht eines US-Agenten in der Schweiz an das US-Außenministerium abzufangen, in dem der Aufbau einer gewaltigen deutschen Verteidigungsstellung in den Alpen, als letzten Rückzugsgebietes der deutschen Streitkräfte und der Führung des Dritten Reiches, ausführlich geschildert wurde.Janusz Piekałkiewicz: Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg. Südwest Verlag, München 1969, S. 509.
Auf deutscher Seite gab es zu der Zeit keinerlei Planung für eine solche Alpenstellung. Im September 1944 hatte das Oberkommando der Wehrmacht nur eine allgemeine Erkundung über die Verteidigungsmöglichkeiten am Alpennordrand (für den Fall eines weiteren Vormarschs der Alliierten von Frankreich aus) und am Alpensüdrand (bei einem weiteren Vorrücken der Alliierten durch Italien) angestellt. Dafür zuständig war der Generalmajor August Marcinkiewicz, der mit seinem Stab in Innsbruck Quartier genommen hatte. Die Untersuchung ergab, dass am Alpennordrand keinerlei vorbereitete Verteidigungsmöglichkeiten vorhanden waren; am Alpensüdrand könnten Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg genutzt werden.Rodney G. Minott: Top secret. Hitlers Alpenfestung. Tatsachenbericht über einen Mythos. Verlag Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 21. Da der Vormarsch der westalliierten Armeen in Italien und an der Westfront in Frankreich im September 1944 gestoppt werden konnte, hatten Überlegungen zu einer Verteidigung in den Alpen auch keine weitere Bedeutung, zumal vielmehr eine deutsche Offensive gegen die Alliierten an der Westfront vorbereitet wurde (siehe Ardennenoffensive ab Mitte Dezember 1944 und Unternehmen Nordwind, eine Offensive der deutschen Streitkräfte im Januar 1945 im Elsass und in Lothringen).
Das war die Lage Anfang November 1944, als der Gauleiter von Tirol-Vorarlberg, Franz Hofer, der eine Kopie des amerikanischen Berichtes erhalten hatte, am 3. November 1944 Vollmachten für den Bau einer Alpenfestung beantragte und die Lieferung dafür notwendiger Materialien und Maschinen.Janusz Piekalkiewicz: Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg. Südwest Verlag, München 1969, S. 510. Hofers Vorschlag fand bei der militärischen Führung kein Gehör, vielleicht angesichts der Vorbereitungen für die Ardennenoffensive.
Alpenfestungspropaganda Währenddessen hatte in den USA Mitte November 1944 eine Welle von Veröffentlichungen über die Alpenfestung begonnen, als gäbe es diese deutschen Befestigungen in den Alpen als Tatsache. Daraufhin entschied Propagandaminister Joseph Goebbels im Dezember 1944, diese amerikanische Pressekampagne für eigene Zwecke zu nutzen, und berief ein Sonderreferat, das im Januar 1945 seine Arbeit aufnahm. Nachrichten über die angebliche Alpenfestung wurden gestreut, die bei den Alliierten den Eindruck einer mächtigen, mit allem ausgestatteten Alpenfestung vorspiegeln sollten, mit „Elitetruppen“, „immensen Vorratslagern in bombensicheren unterirdischen Magazinen“, „Fabriken in den Felsen“ und „uneinnehmbaren Stellungen von V-Waffen“ und ähnlich phantastischen Behauptungen. Die SS tat das ihrige in diesem Propagandaspiel und leitete angebliche technische Daten und erfundene Baupläne von Festungswerken an gegnerische Agenten weiter.Janusz Piekalkiewicz: Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg. Südwest Verlag, München 1969, S. 510–512.
Als Adolf Hitler im Januar 1945 Berichte über die wachsende Besorgnis der Alliierten über die Alpenfestung erhielt, wies er Gauleiter Hofer an, mit Baumaßnahmen zu beginnen, die auch den alliierten Agenten und der gegnerischen Luftaufklärung weiteres „Beweismaterial“ für die angebliche Alpenfestung liefern sollten.
Am 17. Februar 1945 begannen mit wenigen tausend Mann verschiedene Arbeiten, unter anderem an der Grenze zur Schweiz. Deren Befestigung war zwar für feindliche Agenten auf Schweizer Seite interessant anzuschauen, aber militärisch so unsinnig, dass sich der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Generaloberst Alfred Jodl beim Chef der SS, Heinrich Himmler, über diese Bauarbeiten beschwerte, für die auch Zwangsarbeiter der SS eingesetzt wurden.Rodney G. Minott: Top secret. Hitlers Alpenfestung. Tatsachenbericht über einen Mythos. Verlag Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 29.
Auch Mitglieder des Widerstandes, darunter Fritz Molden, berichteten an die Amerikaner laufend über Baufortschritte.
Tatsächliche Bauvorhaben Die einzigen ernsthaften Arbeiten (sie wurden zwar für eine Verteidigung in den Alpen durchgeführt, hatten aber nichts mit einer Alpenfestung zu tun) waren das Errichten von Verteidigungsstellungen im Süden der Alpen, als weitere Verteidigungslinie an der Südfront, wie sie schon seit Herbst 1943 in Italien gegen den Vormarsch der Alliierten durchgeführt wurden, wie zum Beispiel die Gustav-Linie. Diese Baumaßnahmen blieben wirkungslos, da mit dem Zusammenbruch der deutschen Verteidigung durch die am 6. April 1945 begonnene alliierte Offensive in Norditalien und mit der am 29. April 1945 erfolgten deutschen Kapitulation in Italien keine Besetzung dieser Verteidigungsstellung mehr möglich war.
Es existierte keine Rüstungsindustrie in den Alpen. Auf der Suche nach bombensicheren Orten für die Rüstungsindustrie wurden zwar auch 1943/44 die Alpen durchforstet und einige Projekte für bombensichere Produktionen in Stollen und Höhlen begonnen, aber ohne einen Zusammenhang mit einer Alpenfestung.Rodney G. Minott: Top secret. Hitlers Alpenfestung. Tatsachenbericht über einen Mythos. Verlag Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 79. Als Ende März 1945 Ernst Kaltenbrunner, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, auch den Posten eines Sicherheitschefs in Süddeutschland übernahm, begann er Verhandlungen mit der Industrie über die Errichtung weiterer unterirdischer Fabriken in den Bergen, zu einer Zeit, als der völlige militärische, transporttechnische und rüstungswirtschaftliche Zusammenbruch des Deutschen Reiches erfolgte und eine Vollendung dieser Pläne unmöglich geworden war.Janusz Piekalkiewicz: Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg. Südwest Verlag, München 1969, S. 513.
Eine zentral gelenkte Führung für den Aufbau einer Alpenfestung existierte nicht, und selbst wenn sie existiert hätte, wäre wegen des Mangels an Arbeitskräften, Material und Maschinen und infolge des gleichzeitigen allgemeinen Zusammenbruchs im Frühjahr 1945 kein ernsthafter Beginn dieser Arbeiten mehr möglich gewesen. Zudem hätten die Ausbauten, selbst bei günstigen Bedingungen, Jahre gedauert. Siehe auch: Kleine Reichskanzlei in Berchtesgaden, die Bunkeranlagen am Obersalzberg und Flughafen Reichenhall-Berchtesgaden/Flugplatz in Ainring
Militärische Lage Deutschlands Im Alpenraum befanden sich fast keine Truppen der Wehrmacht. Die zerschlagenen deutschen Einheiten, die gegen Kriegsende als letzte Fluchtmöglichkeit vor den vormarschierenden Westalliierten in die Alpen flüchteten, hatten meist kaum noch Waffen und Kampfkraft.
Die Alpenfestung war ein reines Phantasiegebilde der NS-Führung zur Täuschung der Alliierten. Verschiedene Umstände bzw. Zufälle führten dazu, dass diese sich monatelang täuschen ließen. Dies begann mit dem Bericht eines amerikanischen Agenten in der Schweiz an seine Regierung Anfang September 1944, der aber nur eine Überlegung war. Doch das brachte die deutsche Führung erst dazu, bewusst Falschmeldungen zu streuen.
Als im Januar 1945 die deutsche Alpenfestungspropaganda anlief, begann auch die deutsche militärische Lage mit der sowjetischen Winteroffensive Mitte Januar 1945 (Weichsel-Oder-Operation) katastrophal zu werden, eine Wende der Lage oder gar ein Endsieg waren militärisch unmöglich. Eine nachvollziehbare militärische Wirkung war nicht zu erwarten, außer dass die Amerikaner gegen diese Phantasiefestung tatsächlich vorrückten und dann dieses Gebiet Anfang Mai 1945 besetzten, ohne auf nennenswerte Gegenwehr zu stoßen. Am 22. April hatte der Nachrichtendienst des alliierten Oberkommandos SHAEF gemeldet, dass die Luftaufklärung weder Truppenansammlungen noch ausgebaute Stellungen im Bereich der Festung feststellen konnte.Janusz Piekalkiewicz: Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg. Südwest Verlag, München 1969, S. 519.
Militärische Operationen der Westalliierten Den einzigen verständlichen Vorteil, den man sich deutscherseits von einem westalliierten Angriff auf die Alpen versprechen konnte, war ein etwas längeres Aushalten im mitteldeutschen Raum, nachdem im März 1945 die Westalliierten den Rhein überschritten hatten (Brücke von Remagen/Operation Plunder) und weiter nach Osten vorstießen (Ruhrkessel), durch den Zeitverlust, den sie durch das Abschwenken ihrer Truppen nach Süden und ein späteres Zurückschwenken nach Norden erfahren würden. Aber genau dieser mitteldeutsche Raum mit dem Harz und Thüringen, mit Rüstungswerken wie den Polte-Werken oder der Fertigung von Düsenjägern, wie etwa in Kahla war schon Ende März/Anfang April 1945 von den Amerikanern erobert worden, obwohl das Gebiet laut Vertrag zur sowjetischen Besatzungszone Deutschlands gehörte. Erst nach der Eroberung dieses deutschen Kernraumes stießen die Amerikaner auf die Alpen vor.